Titelaufnahme
Titelaufnahme
- TitelArbeits- und Gesundheitsschutz bei Spontanhelfenden : Ableitung eines Präventionskonzepts auf Basis einer Feldstudie zum Starkregenereignis 2021 / vorgelegt von Marina Bier aus Düsseldorf
- Weitere TitelHealth and safety for spontaneous volunteers : Derivation of a Prevention Concept Based on a Field Study of the 2021 Heavy Rainfall Event in Germany
- Verfasser
- Gutachter
- Erschienen
- Umfang1 Online-Ressource (XIX, 374 Seiten) : Illustrationen
- HochschulschriftBergische Universität Wuppertal, Dissertation, 2025
- Verteidigung2025-11-11
- SpracheDeutsch
- DokumenttypDissertation
- Institution
- SchlagwörterSpontanhelfende / Sicherheit / Arbeitsschutz / Gesundheitsschutz / Bevölkerungsschutz / Starkregenereignis / Präventionskonzept / Sturmtief Bernd / Feldstudie / Katastrophenbewältigung / Katastrophenschutz / Koordination von Freiwilligen / Gefährdungsexposition / Persönliche Schutzausrüstung / Unfallprävention / Unfallstatistik / Arbeits- und Gesundheitsschutzmanagement / Koordinierungsstelle / Ahrtal / Sturzfluten / Hochwasser / Belastungen / Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben / Unfallversicherung / Vorplanung / Spontaneous volunteers / Safety / Occupational health and safety / Civil protection / Extreme rainfall event / Prevention concept / Low-pressure system Bernd / Field study / Disaster response / Disaster relief / Volunteer coordination / Risk exposure / Personal protective equipment / Accident prevention / accident statistic / Health and safety management / volunteer reception center / Ahr valley / physical and psychological strain / flood / pre-planning / Disaster risk preparedness
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Zusammenfassung
Als Antwort auf Katastrophen oder soziale Krisen zeigt sich häufig eine hohe Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Freiwillige außerhalb von etablierten Einsatzorganisationen unterstützen die Betroffenen ohne große Vorplanung solidarisch bei der Lagebewältigung. Diese Spontanhelfenden setzen sich zum Wohle der Gemeinschaft allerdings auch offensichtlichen und latenten Gefährdungen für ihre Sicherheit und Gesundheit aus, unter anderem aufgrund von mangelnden Informationen über vorhandene Gefährdungen oder fehlender Ausrüstung. Dies wird in der Literatur als besondere Herausforderung betont. Damit einhergehend befürchten Einsatzorganisationen bei der Zusammenarbeit mit Spontanhelfenden rechtliche Unsicherheiten, wodurch diese gehemmt wird. Trotz dieser Erkenntnis fehlen umfangreiche Studien zur Sicherheit von Spontanhelfenden. Probleme werden meist kursorisch ohne Analyse potenzieller Einflussfaktoren skizziert sowie mögliche Schutzmaßnahmen nur anekdotisch, aber nicht aufeinander abgestimmt betrachtet. Ziel dieser Arbeit ist daher ein detaillierter Erkenntnisgewinn ihres Arbeits- und Gesundheitsschutzes und die Ableitung eines geeigneten Präventionskonzepts auf Basis einer Feldstudie zur Spontanhilfe nach dem Sturmtief „Bernd“ 2021. Das Ereignis führte durch starkregeninduzierte Sturzfluten besonders im Westen Deutschlands zu immensen Personenschäden sowie Schäden an Gebäuden und Infrastruktur, bei deren Bewältigung eine große Anzahl an Spontanhelfenden partizipierte. Eine systematische Literaturrecherche gab zunächst Einblicke in bereits verwendete oder entwickelte Gestaltungselemente. Dabei zeigte sich besonders die Relevanz einer adäquaten Wissensvermittlung und Koordination von Spontanhelfenden. Bei deren Ausgestaltung ist die Literatur jedoch von verschiedenen Perspektiven und Kontextualisierungen geprägt. Durch eine anschließende methodisch triangulierte Feldstudie wurden Herausforderungen, Einflussfaktoren sowie Verbesserungspotenziale und implementierte Gestaltungselemente im Hinblick auf den Arbeits- und Gesundheitsschutz von Spontanhelfenden bei der Bewältigung des Starkregereignisses 2021 in Deutschland eruiert. Hierfür erfolgten eine Analyse von Unfallstatistiken, Beobachtungen im digitalen und physischen Raum, eine Umfrage unter Spontanhelfenden und Interviews mit Personen, die teilweise mehrere Tausend Freiwillige durch verschiedene Angebote koordinierten. Die Freiwilligen führten verschiedenste Tätigkeiten aus, insbesondere im Rahmen von Aufräumarbeiten, Abbruch- und Stemmtätigkeiten sowie der Spendenkoordination. Sie informierten sich vor allem über soziale Medien, insbesondere Facebook, oder durch private Gespräche über die Hilfsmöglichkeiten und halfen mehrere Tage, Wochen oder Monate. Zur Koordination bildeten sich unterschiedliche Organisationsformen, von Facebook-Gruppen und digitalen Plattformen zur Selbstorganisation über emergente Anlaufstellen mit Shuttle-Service bis hin zu erweiterten Angeboten bestehender Organisationen. Vereinzelt fand auch eine Einbindung in Strukturen der Einsatzorganisationen statt. Herausforderungen ergaben sich insbesondere durch unzureichende Kommunikation sowie anfangs fehlende Koordination und Arbeitsmittel, inklusive persönlicher Schutzausstattung. Sie wurden zudem durch die hohe Gefährdungslage verstärkt, unter anderem durch den mit Gefahr- und Biostoffen kontaminierten und mechanische Verletzungen begünstigenden Schlamm, die beschädigte Infrastruktur und die physisch sowie psychisch belastenden Tätigkeiten. Darüber hinaus begaben sich einige Freiwillige unbedacht ins Schadensgebiet und ihre Risikobereitschaft stieg aufgrund der erlebten Not der Betroffenen. Mehr als 900 Unfälle von Not- bzw. Spontanhelfenden – knapp ein Drittel davon mit mehr als drei und bis zu 518 Tagen Arbeitsunfähigkeit – wurden den Unfallkassen RLP und NRW gemeldet und im Rahmen dieser Arbeit analysiert. Hinzu kamen eine Vielzahl kleinerer, nicht dokumentierter Verletzungen sowie latente Folgen durch die erlebten psychischen Belastungen. Die Helfenden, insbesondere Koordinierende, entwickelten allerdings auch wirkungsvolle Gestaltungselemente zur Begegnung dieser Gefährdungen, die erfolgreich von anderen Freiwilligen angenommen wurden. Dazu zählten Koordinierungs- und lokale Anlaufstellen mit präventiven sowie reaktiven Schutzmaßnahmen und digitale Sammlungen sicherheitsrelevanter Verhaltensweisen. Zur Synthese der eruierten Erkenntnisse wurde ein zweiphasiges Präventionskonzept entwickelt, das an verschiedene Organisationsformen der Spontanhilfe sowie lokal bedingte Verhältnisse adaptiert werden kann. In der ersten Phase des Konzepts liegt der Fokus auf einer guten Vorplanung und Vernetzung mit der Bevölkerung. Ergänzend stellt die zweite Phase Handlungsmöglichkeiten in der Lagebewältigung dar, die auch ohne Vorplanung kurzfristig umgesetzt werden können. Akteure für die Vorplanung sind vor allem Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben und von ihnen berufene Mittlerorganisationen. Aber auch Unfallversicherungsträger können die Wissensvermittlung fördern und bei dem Aufbau einer sicherheitsgerechten, unterstützenden Koordination mitwirken. Die zweite Phase des Präventionskonzepts ist zusätzlich für emergente Koordinierungsangebote ausgelegt. Außerdem wurden anhand der Ergebnisse acht verschiedene Unfall- bzw. Entwicklungsphasen der Spontanhilfe identifiziert, deren Gültigkeit in zukünftigen Lagen zu überprüfen ist. Unter Berücksichtigung der erfassten Erkenntnisse und Implementierung des Präventionskonzepts ist eine Verminderung von Personenschäden bei Spontanhelfenden in zukünftigen Schadensereignissen zu erwarten.
Abstract
In response to disasters and crises, the population often reacts with a high level of willingnessto help. Not only volunteers from disaster relief organisations but also spontaneous volunteers organised relief efforts without much advance planning, driven by solidarity and a non-profit spirit. However, they expose themselves to both obvious and latent risks to their health and safety, in part due to missing equipment or a lack of information about existing hazards. The literature highlighted these issues, which resulted in uncertainties regarding liability and barriers to the cooperation between disaster relief organisations and spontaneous volunteers. Despite this knowledge, there is a lack of comprehensive studies in the field of safety of spontaneous volunteers. Problems are usually considered in a cursory manner without analyzing potential influencing factors and proposed protective measures are typically presented only anecdotally and not systematically. This study aims to gain detailed insights into their health and safety and to derive a suitable prevention concept based on a field study on spontaneous relief efforts following the 2021 low-pressure system “Bernd“. This storm caused flash floods due to heavy rainfall, particularly in western Germany, resulting in immense injuries and damage to buildings and infrastructure, in which a large number of spontaneous volunteers participated in the coping efforts. Firstly, a systematic literature review provided insights into design elements that have already been developed or tested in other events. Adequate knowledge transfer and coordination of spontaneous volunteers stand out as particularly relevant. However, the literature reveals diverse perspectives and contextual approaches regarding the coordination of spontaneous volunteers. Secondly, a methodologically triangulated field study was conducted to examine challenges and factors affecting the health and safety of spontaneous volunteers during the 2021 heavy rain event in Germany. This involved analyzing accident statistics, observations in digital and physical spaces, a survey of spontaneous volunteers, and interviews with individuals who coordinated several thousand volunteers within different structures. These volunteers carried out a wide range of activities, in particular clean-up and demolition work as well as collecting and distributing donations. They mostly used Facebook or private conversations to find out how they could participate and helped for several days, weeks, or months. Various coordination structures emerged, from Facebook groups and self organisation platforms to privately initiated volunteer reception centers with shuttle services and offers from extending organisations. In some cases, integration into the structures of established disaster relief organisations also took place. Challenges arose in particular due to inadequate communication and, initially, a lack of coordination and work equipment, including personal protective equipment. These were compounded by the high level of danger, including mud contaminated with hazardous and biological substances, damaged infrastructure, and physically and psychologically stressful activities. In addition, some volunteers carelessly entered the disaster area and their willingness to take risks increased due to the distress they witnessed among those affected. The Rhineland-Palatinate and North Rhine-Westphalia accident insurance recorded more than 900 accidents involving spontaneous volunteers, almost a third of which resulted in incapacity to work ranging from more than three days up to 518 days. These accidents are examined in this study. In addition, there were a large number of minor, undocumented injuries and latent consequences due to the psychological stress experienced. However, spontaneous volunteers, especially coordinators, also developed protective measures to counteract these risks, which were successfully adopted by other helpers. These included volunteer reception centers and local assembly points with preventive and reactive protective measures and digital collections of safety-related behaviours. In order to synthesize the findings, a modular prevention concept was developed, which considers the various organisational forms of spontaneous volunteers and local conditions. It is structured in two phases in order to emphasise the relevance of pre-planning and networking with the population, but also to offer short-term options for action. The main actors involved in advance planning of the first phase are authorities, disaster relief organisations and intermediary organisations appointed by them. But accident insurance providers can also promote knowledge transfer and help to establish safety-oriented, supportive coordination. The second phase of the prevention concept is also designed for spontaneously emerging coordination structures. In addition, eight distinct phases of accidents and relief development were identified based on the results. Their validity should be reviewed in upcoming incidents. The implementation of the concept is likely to contribute to a reduction in injuries among spontaneous volunteers in future disasters.
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