Titelaufnahme
- TitelVaihinger an Fritz Mauthner, Halle, 29.9.1920, 2 S., Ts., keine eU, Leo Baeck Institute New York, Fritz Mauthner Collection, https://archive.org/details/fritzmauthner_08_reel08/page/n688/mode/1up (S. 689–725)
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- StandortLeo Baeck Institute New York, Fritz Mauthner Collection
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Vaihinger an Fritz Mauthner, Halle, 29.9.1920, 2 S., Ts., keine eU, Leo Baeck Institute New York, Fritz Mauthner Collection, https://archive.org/details/fritzmauthner_08_reel08/page/n688/mode/1up (S. 689–725)
Halle, 29.9.1920.
Hochgeehrter Herr Dr. Mauthner!
Wir leben in einer kuriosen Welt.
Auf der einen Seite gehen falsche Berichte und Gerüchte darüber herum die Geschäftsführung der Kantgesellschaft habe, entgegengesetzt den deutschen Gepflogenheiten, die letzte Generalversammlung mit einer kirchlichen Feier eingeleitet[1].
Von gerade entgegengesetzter Seite aus, (von der aus schon vor 3 Jahren[2] die Geschäftsführung der Kantgesellschaft als philosemitisch gebrandmarkt[a] wurde) werde ich jetzt in niedrigster Weise angegriffen[3], wie Sie aus dem beiliegenden Blatt ersehen. Mit einem Einstein zusammen genannt zu werden ist zwar eine Ehre in meinen Augen, aber der Angriff ist doch zu gehässig und zu dumm, denn weder Abderhalden noch ich sind Juden oder jüdischer Abstammung, von den 18 Unterzeichnern der Einladung zur Als Ob Konferenz[4] ist mit Sicherheit nur einer Jude, nämlich eben Einstein, von zwei anderen wird es gesagt, aber es ist unsicher, die 15 übrigen sind lauter Christen resp. Germanen. Die Preisaufgabe, die ich am 29. Mai verkündigte, lautete nicht „die Rolle der Fiktionen in der Erkenntnislehre von Vaihinger“[5] sondern „die Rolle der Fiktionen in der Erkenntnislehre von Friedrich Nietzsche“; ich habe natürlich der betreffenden Zeitung diese tatsächlichen Berichtigungen eingesendet und sie hat sie[b] auch abgedruckt.
Der Tiefstand der deutschen Kultur zeigt sich so recht in der letzteren Sache. |
Ich habe in meinem Leben immer gesucht, das Suum cuique[6] zu betätigen und habe es auch in der Geschäftsführung der Kantgesellschaft stets durchgeführt.
Mit bestem Gruss Ihr
V.
Kommentar zum Textbefund
Kommentar der Herausgeber
1↑mit einer kirchlichen Feier eingeleitet ] vgl. Mauthner an Vaihinger vom 9.9.1920 sowie Vaihinger an Mauthner vom 19.9.1920.3↑in niedrigster Weise angegriffen ] vgl. die Notiz unter der Rubrik Politische Tagesschau in: Berliner Tageblatt, Nr. 210 vom 18.9.1920, Abendausgabe, S. 3: Pech. Die „Deutsche Tageszeitung“ glossierte neulich die Philosophenkonferenz in Halle und meinte, sie sei von achtzehn meist jüdischen Gelehrten einberufen, darunter Abderhalden, Einstein, Vaihinger und aus Geschäftsreklame sei eine Preisarbeit über die Lehre von Vaihinger ausgeschrieben worden. Gestern muß die „Deutsche Tageszeitung“ eine Feststellung Vaihingers abdrucken, daß Vaihinger kein Jude ist, daß Abderhalden kein Jude ist, daß unter den achtzehn Einberufern der Versammlung (außer Einstein) kein Jude ist, und daß die Preisaufgabe sich nicht mit Vaihinger sondern mit Friedrich Nietzsche befaßt, der auch kein Jude ist. Sonst aber stimmte alles … (Zeichensetzung wie in der Vorlage, vgl. https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/KLRBTFQ5OJHW4DH5JA2UYQ5HMHVUFWIP?issuepage=3 (25.9.2024)).4↑Einladung zur Als Ob Konferenz ] vgl. Max Wertheimer (der lediglich 17 aufzählt) an Albert Einstein vom 15.5.1920 (https://einsteinpapers.press.princeton.edu/vol10-doc/330 (25.9.2024)): Und bekomme eine gedruckte Einladung: „Eine Anzahl Mitglieder der K. G., die sich für den positivist[i]schen Idealismus in der Richtung der Philosophie des Alsob intressieren… . Die Unterzeichneten, teils Mitglieder, teils Nichtmitgl. der Kant Ges. laden hiemit zu dieser Besprechung ein…Auch haben die Mitglieder der Kantg. das Recht an der Als-ob-Konferenz teilzunehmen–“ Unterzeichnet: Abderhalden, Becker, Bergmann, Einstein!, Feldkeller, Fließ, Gocht, Knopf, Koffka, Kowalewski, Kraus–Prag, Müllerfreienfels, R. Schmidt, J. Schultze, Vaihinger, Wichmann, H. Wolff.5↑„die Rolle der Fiktionen in der Erkenntnislehre von Vaihinger“ ] so wird das Thema der Preisaufgabe auch kolportiert in dem Bericht, den die Zeitung Vorwärts lieferte (in Nr. 274/275 vom 31.5.1920, Abend-Ausgabe, S. 2: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/ZYPTHSYEYKSB7I42D7P7RLQV23JW6IX5?issuepage=2 (25.9.2024)).6↑Suum cuique ] lat. jedem das Seine. Prägung von Cicero, auch Wahlspruch preußischer Könige. Konnotationen um 1920 schwer einzuschätzen (Spruch über dem Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald 1937–1945).▲
