<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001404-4</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Fritz Mauthner</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>29.9.1920</date>, <note>2 S., Ts., keine eU</note>, <bibl type="pubPlace">Leo Baeck Institute New York, Fritz Mauthner Collection, </bibl><ref type="link">https://archive.org/details/fritzmauthner_08_reel08/page/n688/mode/1up</ref><bibl type="pubPlace"> (S. 689–725)</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1404" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001404-4"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1920-09-29">29.9.1920</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118579304">Fritz Mauthner</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118529579">Albert Einstein</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11865361X">Bruno Bauch</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118643576">Emil Abderhalden</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118587943">Friedrich Nietzsche</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118520814">Marcus Tullius Cicero</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118806769">Max Wertheimer</name></note><note type="repository">Leo Baeck Institute New York, Fritz Mauthner Collection</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Fritz Mauthner</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>29.9.1920</date>, <note>2 S., Ts., keine eU</note>, <bibl type="pubPlace">Leo Baeck Institute New York, Fritz Mauthner Collection, </bibl><ref type="link">https://archive.org/details/fritzmauthner_08_reel08/page/n688/mode/1up</ref><bibl type="pubPlace"> (S. 689–725)</bibl></head></front><body><dateline>Halle, 29.9.1920.</dateline><salute>Hochgeehrter Herr <abbr>Dr.</abbr> Mauthner!</salute><p>Wir leben in einer kuriosen Welt.</p><p>Auf der einen Seite gehen falsche Berichte und Gerüchte darüber herum die Geschäftsführung der Kantgesellschaft habe, entgegengesetzt den deutschen Gepflogenheiten, die letzte Generalversammlung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2788"/>mit einer kirchlichen Feier eingeleitet<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2788"/>.</p><p>Von gerade entgegengesetzter Seite aus, (von der aus schon <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2789"/>vor 3 Jahren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2789"/> die Geschäftsführung der Kantgesellschaft als philosemitisch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2790"/>gebrandmarkt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2790"/> wurde) werde ich jetzt <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2791"/>in niedrigster Weise angegriffen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2791"/>, wie Sie aus dem beiliegenden Blatt ersehen. Mit einem <name>Einstein</name> zusammen genannt zu werden ist zwar eine Ehre in meinen Augen, aber der Angriff ist doch zu gehässig und zu dumm, denn weder <name>Abderhalden</name> noch ich sind Juden oder jüdischer Abstammung, von <anchor type="delimiter"/>den 18 Unterzeichnern der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2793"/>Einladung zur Als Ob Konferenz<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2793"/> ist mit Sicherheit nur einer Jude, nämlich eben <name>Einstein</name>, von zwei anderen wird es gesagt, aber es ist unsicher, die 15 übrigen sind lauter Christen <abbr>resp.</abbr> Germanen. Die Preisaufgabe, die ich am 29. Mai verkündigte, lautete nicht <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2794"/>„die Rolle der Fiktionen in der Erkenntnislehre von Vaihinger“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2794"/> sondern „die Rolle der Fiktionen in der Erkenntnislehre von <name>Friedrich Nietzsche</name>“; ich habe natürlich der betreffenden Zeitung diese tatsächlichen Berichtigungen eingesendet und sie hat <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2795"/>sie<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2795"/> auch abgedruckt.</p><p>Der Tiefstand der deutschen Kultur zeigt sich so recht in der letzteren Sache. <pb/></p><p>Ich habe in meinem Leben immer gesucht, das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2796"/>Suum cuique<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2796"/> zu betätigen und habe es auch in der Geschäftsführung der Kantgesellschaft stets durchgeführt.</p><p>Mit bestem Gruss Ihr</p><signed>V.</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2788"><lem>mit einer kirchlichen Feier eingeleitet</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Mauthner an Vaihinger vom 9.9.1920 sowie Vaihinger an Mauthner vom 19.9.1920.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2789"><lem>vor 3 Jahren</lem><note>im Zusammenhang mit dem Skandal um <name>Bruno Bauch</name> 1916/1917.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2790"><lem>gebrandmarkt</lem><rdg>gebranntmarkt</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2791"><lem>in niedrigster Weise angegriffen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> die Notiz unter der Rubrik Politische Tagesschau in: Berliner Tageblatt, <abbr>Nr.</abbr> 210 vom 18.9.1920, Abendausgabe, <abbr>S.</abbr> 3: </note><rdg>Pech. Die „Deutsche Tageszeitung“ glossierte neulich die Philosophenkonferenz in Halle und meinte, sie sei von achtzehn meist jüdischen Gelehrten einberufen, darunter Abderhalden, Einstein, Vaihinger und aus Geschäftsreklame sei eine Preisarbeit über die Lehre von Vaihinger ausgeschrieben worden. Gestern muß die „Deutsche Tageszeitung“ eine Feststellung Vaihingers abdrucken, daß Vaihinger kein Jude ist, daß Abderhalden kein Jude ist, daß unter den achtzehn Einberufern der Versammlung (außer Einstein) kein Jude ist, und daß die Preisaufgabe sich nicht mit Vaihinger sondern mit Friedrich Nietzsche befaßt, der auch kein Jude ist. Sonst aber stimmte alles …</rdg><note> (Zeichensetzung wie in der Vorlage, <abbr>vgl.</abbr> <ref type="link">https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/KLRBTFQ5OJHW4DH5JA2UYQ5HMHVUFWIP?issuepage=3</ref> (25.9.2024)).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2793"><lem>Einladung zur Als Ob Konferenz</lem><note><abbr>vgl.</abbr> <name>Max Wertheimer</name> (der lediglich 17 aufzählt) an <name>Albert Einstein</name> vom 15.5.1920 (<ref type="link">https://einsteinpapers.press.princeton.edu/vol10-doc/330</ref> (25.9.2024)): </note><rdg>Und bekomme eine gedruckte Einladung: „Eine Anzahl Mitglieder der K. G., die sich für den positivist[i]schen Idealismus in der Richtung der Philosophie des Alsob intressieren… . Die Unterzeichneten, teils Mitglieder, teils Nichtmitgl. der Kant Ges. laden hiemit zu dieser Besprechung ein…Auch haben die Mitglieder der Kantg. das Recht an der Als-ob-Konferenz teilzunehmen–“ Unterzeichnet: Abderhalden, Becker, Bergmann, Einstein!, Feldkeller, Fließ, Gocht, Knopf, Koffka, Kowalewski, Kraus–Prag, Müllerfreienfels, R. Schmidt, J. Schultze, Vaihinger, Wichmann, H. Wolff.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2794"><lem>„die Rolle der Fiktionen in der Erkenntnislehre von Vaihinger“</lem><note>so wird das Thema der Preisaufgabe auch kolportiert in dem Bericht, den die Zeitung Vorwärts lieferte (in <abbr>Nr.</abbr> 274/275 vom 31.5.1920, Abend-Ausgabe, <abbr>S.</abbr> 2: <ref type="link">https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/ZYPTHSYEYKSB7I42D7P7RLQV23JW6IX5?issuepage=2</ref> (25.9.2024)).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2795"><lem>sie</lem><note><abbr>hs.</abbr> Einfügung von anderer <abbr>Hd.</abbr> unter der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2796"><lem>Suum cuique</lem><note><abbr>lat.</abbr> jedem das Seine. Prägung von <name>Cicero</name>, auch Wahlspruch preußischer Könige. Konnotationen um 1920 schwer einzuschätzen (Spruch über dem Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald 1937–1945).</note></app></listApp></back></text></TEI>