Titelaufnahme
Titelaufnahme
- TitelErfolgsfaktoren grenzüberschreitender Zusammenarbeit in der Gefahrenabwehr : eine empirische Betrachtung / vorgelegt von Yannic Schulte aus Wuppertal
- Weitere TitelSuccess factors for cross-border cooperation in crisis management: An empirical analysis
- Verfasser
- Gutachter
- Erschienen
- Umfang1 Online-Ressource (X, 326 Seiten) : Illustrationen
- HochschulschriftBergische Universität Wuppertal, Dissertation, 2025
- Verteidigung2025-11-07
- SpracheDeutsch
- DokumenttypDissertation
- Institution
- Schlagwörtergrenzüberschreitende Zusammenarbeit / Krisenmanagement / interorganisationale Zusammenarbeit / grenzüberschreitend / Hochzuverlässigkeitstheorie / Hochzuverlässigkeitsorganisationen / Hochzuverlässigkeitsnetzwerke / cross-border cooperation / crisis management / interorganizational cooperation / transboundary / cross-border / high reliability theory / high reliability organizations / high reliability networks
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Zusammenfassung
Einführung: Staatsgrenzen stellen kein Hindernis für Krisen und Katastrophen dar. Meteorologische Ereignisse und anthropogene Krisen treten unabhängig von politischen Grenzen auf. Die zunehmende gesellschaftliche Interdependenz auf sozioökonomischer, aber auch technischer Ebene erhöht die Vulnerabilität gegenüber transnationalen Krisen. Grenzregionen fungieren diesbezüglich als Brenngläser, die die Herausforderungen transnationaler Koordination aufzeigen. Hier manifestieren sich die gegenseitigen Abhängigkeiten bei krisenhaften Ereignissen. Die im nationalen Kontext etablierte Zusammenarbeit von Gefahrenabwehrorganisationen unterliegt im grenzüberschreitenden Kontext einigen Restriktionen. Insbesondere die überwiegend national orientierte Konzeption von Schutz- und Bewältigungsmaßnahmen vernachlässigt die grenzüberschreitende Dimension von Krisen und limitiert dadurch auch die Kooperationsmöglichkeiten von Gefahrenabwehrorganisationen. Hier ist eine grundlegende, gemeinsame (Neu-)Konzeption der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zur koordinierten Bewältigung von Krisen und Katastrophen notwendig. Die wissenschaftliche Betrachtung ist diesbezüglich bisher defizitär. Ziel und Forschungsfrage: Die zentrale Forschungsfrage lautet daher: „Welche Faktoren beeinflussen die (länder-)grenzüberschreitende interorganisationale Zusammenarbeit von Gefahrenabwehrorganisationen?“ Diese Arbeit verfolgt drei Forschungsansätze: (1) Die Analyse der grundlegenden Faktoren und Bedingungen, die eine Zusammenarbeit von Gefahrenabwehrorganisationen im Grenzkontext ermöglichen. (2) Die systematische Exploration grenzspezifischer Herausforderungen für die Zusammenarbeit von Gefahrenabwehrorganisationen mit dem Blick darauf, wie existierende Kooperationsarrangements erfolgreich gestaltet werden. (3) Die Anwendung des Konzepts der Hochzuverlässigkeitsorganisationen und -netzwerke auf den Kontext grenzüberschreitender Gefahrenabwehr. Während Ansätze von Hochzuverlässigkeitsorganisationen für national agierende Gefahrenabwehrorganisationen bereits diskutiert werden, existieren keine spezifischen wissenschaftlichen Ausführungen für den grenzüberschreitenden Kontext. Das Ziel dieser Forschungsarbeit ist die Identifikation, empirische Validierung und Systematisierung von Erfolgsfaktoren für die interorganisationale, grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Gefahrenabwehrorganisationen. Methoden: Die Untersuchung basiert auf einem qualitativen, explorativen Forschungsdesign, das der Heterogenität und Komplexität der Grenzregionen, sowie dem spezifischen Forschungsgegenstand der grenzübergreifenden Zusammenarbeit von Gefahrenabwehrorganisationen Rechnung trägt. Zur methodischen Triangulation wurden drei komplementäre Ansätze implementiert: (1) Dokumentenanalyse von Abkommen und Vereinbarungen zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zur Analyse formaler Aspekte der Zusammenarbeit. (2) Beobachtungen von Übungen zur Zusammenarbeit bei Krisen und Katastrophen zur Erfassung der praktischen Kooperationsrealität. (3) ExpertInneninterviews als Verbindungselement zwischen dem normativen Zustand und der gelebten Realität der Zusammenarbeit. Ergebnisse: Die Entstehung grenzüberschreitender Zusammenarbeit in der Gefahrenabwehr wird maßgeblich durch konkrete Ereignisse beeinflusst, die die gegenseitigen Abhängigkeiten bewusst werden las-sen. Die Kooperation entwickelt sich typischerweise bottom-up durch pragmatische Zusammenarbeitsformen lokaler, operativer Akteure. Erfolgsentscheidend ist die gegenseitige positive Wahrnehmung, die mit dem Vertrauen in die Kompetenzen der Partner verknüpft ist und die (Entwicklung der) Zusammenarbeit fördert. Die Definition gemeinsamer Ziele, sowie politische Unterstützung wirken hier katalysierend für die Zusammenarbeit. Letztlich determiniert die Verfügbarkeit finanzieller, personeller und zeitlicher Ressourcen die Etablierung dauerhafter Kooperationsstrukturen. Die erfolgreiche Gestaltung existierender Kooperationsarrangements in der grenzüberschreitenden Gefahrenabwehr basiert auf einer dualen Struktur aus lokalen Initiativen, verbunden mit institutioneller Unterstützung. Die operative Umsetzung der Zusammenarbeit erfordert hohes persönliches Engagement lokaler Akteure, die kulturelle Differenzen überwinden und in Krisensituationen flexible, pragmatische Lösungen auf Vertrauensbasis implementieren. Gleichzeitig erfordert die Zusammenarbeit ein breites Wissen über den Grenzkontext und die dort agierenden Akteure. Komplementär dazu sind langfristig verlässliche, ressourcengestützte Strukturen notwendig, die lokale Initiativen systematisch fördern. Diese strukturelle Kontinuität ermöglicht die strategische Weiterentwicklung der Zusammenarbeit, was den Aufbau von Frühwarnsystemen, technischer Infrastrukturen für den Informationsaustausch sowie von Redundanzen umfasst. Von besonderer Relevanz ist der Aufbau stabiler Netzwerke von Verbindungspersonen, die bei Krisen strukturelle Systemunterschiede über-brücken, kontinuierlichen Informationsfluss sicherstellen und zur Entwicklung eines integrierten Lagebildes beitragen. Die Synthese aus lokaler Flexibilität und struktureller Stabilität stellt somit den Kern erfolgreicher grenzüberschreitender Zusammenarbeit in der Gefahrenabwehr dar. Die Ergebnisse zeigen, dass Prinzipien von Hochzuverlässigkeitsorganisationen und -netzwerken auch in der Zusammenarbeit im Grenzkontext Anwendung finden. Dafür werden organisationsspezifische Praktiken auf den transnationalen Kontext transferiert. Es sind standardisierte Fehlermeldeprozesse und Einsatznachbereitungen (Konzentration auf Fehler), gemeinsame Risikoanalysen und der Einsatz von Verbindungspersonen (Abneigung gegen vereinfachende Interpretationen) als Praktiken vorzufinden. Bemerkenswert sind grenzspezifische Anpassungen, um die Zuverlässigkeit des grenzübergreifenden Gefahrenabwehrsystems zu gewährleisten. Dies erfolgt durch die Integration von Nachbarländern in Alarm- und Ausrückeordnungen (Sensibilität für betriebliche Abläufe). Der Respekt vor fachlichem Wissen und Können zeigt sich besonders prägnant in gegenseitiger Wertschätzung von Spezialfähigkeiten und Kompetenzen und in der Auffassung grenzüberschreitende Zusammenarbeit als Lernchance zu betrachten. Limitationen und Ausblick: Die Arbeit unterliegt methodischen und kontextuellen Limitationen. Die Datenerhebung fokussierte primär auf Grenzregionen in und um Deutschland, was die Übertragbarkeit auf Grenzkontexte mit divergierenden politischen, rechtlichen oder kulturellen Rahmenbedingungen einschränkt. Die spezifischen mitteleuropäischen Verhältnisse stellen möglicherweise einen begünstigenden Kontext dar, der in anderen Regionen nicht gegeben ist. Gleichzeitig ergeben sich hier aber auch Ansatzpunkte für zukünftige Forschung. So würde die geografische Erweiterung auf Grenzkontexte mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen die Prüfung der Übertragbarkeit der Erfolgsfaktoren ermöglichen. Zudem könnte die Entwicklung eines Modells zu Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Faktoren das Verständnis der Dynamiken grenzüberschreitender Zusammenarbeit vertiefen. Schließlich könnte eine temporale Perspektive eingenommen werden, die die Funktionsfähigkeit, Nachhaltigkeit und Veränderungen von Kooperationsstrukturen unter Krisenbedingungen untersucht.
Abstract
Introduction: National borders are no obstacle to crises and disasters. Meteorological events and anthropogenic crises occur independently of political borders. The growing interdependence on a socio-economic and technical level increases vulnerability to transnational crises. In this respect, border regions function as a focal point, highlighting the challenges of transnational coordination. This is where the mutual dependencies in the event of crises manifest themselves. The cooperation of emergency response organizations established in the national context is subject to restrictions in the cross-border context. In particular, the predominantly nationally oriented conception of prevention and response measures disregards the cross-border dimension of crises and thus also limits the cooperation capabilities of emergency response organizations. A fundamental, joint (re)conception of cross-border cooperation for the coordinated management of crises and disasters is necessary here. So far, there has been a lack of scientific research in this area. Objective / Purpose: The central research question is therefore: “What factors influence cross-border inter-organizational cooperation between emergency re-sponse organizations?” This thesis pursues three research approaches: (1) The analysis of the basic factors and conditions that enable cooperation between emergency response organizations in a border context. (2) The systematic exploration of border-specific challenges for the cooperation of emergency re-sponse organizations with a view to how existing cooperation arrangements are successfully implemented. (3) The application of the concept of high reliability organizations and networks to the context of cross-border emergency response. While the high reliability organizations approach has already been discussed for national emergency response organizations, no specific scientific explanations exist for the cross-border context. The aim of this research is the identification, empirical validation, and systematization of success factors for the inter-organizational, cross-border cooperation of emergency response organizations. Methods: The study is based on a qualitative, explorative research design that considers the heterogeneity and complexity of the border regions as well as the specific research subject of cross-border cooperation between emergency response organizations. Three complementary approaches were used to achieve methodological triangulation: (1) Document analysis of agreements and arrangements on cross-border cooperation to analyze formal aspects of cooperation. (2) Observations of exercises on cooperation in crises and disasters to record the practical reality of cooperation. (3) Expert interviews as a connecting element between the normative state and the practiced reality of cooperation. Results: The emergence of cross-border cooperation in emergency response is significantly influenced by a concrete event, which makes the mutual dependencies become apparent. Cooperation typically develops bottom-up through pragmatic forms of cooperation between local operational actors. Mutual positive perception, which is linked to trust in the competencies of the partners, is crucial for success and promotes the (development of) cooperation. The definition of common goals and political support have a catalyzing effect on cooperation. Ultimately, the availability of financial, human and time resources determines the establishment of lasting cooperation structures. The successful formation of existing cooperation arrangements in cross-border emergency re-sponse is based on a dual structure of local initiatives combined with institutional support. The operational implementation of cooperation requires a high level of personal commitment from local actors who overcome cultural differences and implement flexible, pragmatic solutions based on trust in crisis situations. At the same time, cooperation requires a broad knowledge of the border context and the actors operating there. This is complemented by the need for long-term, reliable, resource-supported structures that systematically promote local initiatives. This structural stability enables the further strategic development of cooperation, which includes the establishment of early warning systems, technical infrastructures for the exchange of information and redundancies. Of particular relevance is the establishment of stable networks of liaisons that bridge structural system differ-ences in the event of crises, ensure a continuous flow of information, and contribute to the development of an integrated situational awareness. The synthesis of local flexibility and structural stability thus represents the core of successful cross-border cooperation in emergency response. The results show that principles of high-reliability organizations and networks can also be applied to cooperation in a border context. To this end, organization-specific practices are transferred to the cross-border context. Standardized error reporting processes and follow-up meetings (Preoccupation with failure), joint risk analyses, and the use of liaisons (Reluctance to simplify interpretations) can be found as practices. Noteworthy are border-specific adaptations to ensure the reliability of the cross-border emergency response system. This is done by integrating neighboring countries into alarm and response regulations (Sensitivity to operations). Respect for expertise and skills is particularly evident in the mutual appreciation of specialized skills and competencies and in the view of cross-border cooperation as a learning opportunity. Limitations and outlook: The work is subject to methodological and contextual limitations. The data collection focused pri-marily on border regions in and around Germany, which limits the transferability to border contexts with divergent political, legal or cultural conditions. The specific Central European conditions may represent a favorable context that does not exist in other regions. At the same time, however, there are also starting points for future research. For example, the geographical extension to border contexts with different underlying conditions would make it possible to examine the transferability of the success factors. In addition, the development of a model of relationships and the interplay between the various factors could deepen our understanding of the dynamics of cross-border cooperation. Finally, a temporal perspective could be adopted that examines the functionality, sustainability, and transformation of cooperation structures under crisis conditions.
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