TY - THES AB - Einführung: Staatsgrenzen stellen kein Hindernis für Krisen und Katastrophen dar. Meteorologische Ereignisse und anthropogene Krisen treten unabhängig von politischen Grenzen auf. Die zunehmende gesellschaftliche Interdependenz auf sozioökonomischer, aber auch technischer Ebene erhöht die Vulnerabilität gegenüber transnationalen Krisen. Grenzregionen fungieren diesbezüglich als Brenngläser, die die Herausforderungen transnationaler Koordination aufzeigen. Hier manifestieren sich die gegenseitigen Abhängigkeiten bei krisenhaften Ereignissen. Die im nationalen Kontext etablierte Zusammenarbeit von Gefahrenabwehrorganisationen unterliegt im grenzüberschreitenden Kontext einigen Restriktionen. Insbesondere die überwiegend national orientierte Konzeption von Schutz- und Bewältigungsmaßnahmen vernachlässigt die grenzüberschreitende Dimension von Krisen und limitiert dadurch auch die Kooperationsmöglichkeiten von Gefahrenabwehrorganisationen. Hier ist eine grundlegende, gemeinsame (Neu-)Konzeption der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zur koordinierten Bewältigung von Krisen und Katastrophen notwendig. Die wissenschaftliche Betrachtung ist diesbezüglich bisher defizitär. Ziel und Forschungsfrage: Die zentrale Forschungsfrage lautet daher: „Welche Faktoren beeinflussen die (länder-)grenzüberschreitende interorganisationale Zusammenarbeit von Gefahrenabwehrorganisationen?“ Diese Arbeit verfolgt drei Forschungsansätze: (1) Die Analyse der grundlegenden Faktoren und Bedingungen, die eine Zusammenarbeit von Gefahrenabwehrorganisationen im Grenzkontext ermöglichen. (2) Die systematische Exploration grenzspezifischer Herausforderungen für die Zusammenarbeit von Gefahrenabwehrorganisationen mit dem Blick darauf, wie existierende Kooperationsarrangements erfolgreich gestaltet werden. (3) Die Anwendung des Konzepts der Hochzuverlässigkeitsorganisationen und -netzwerke auf den Kontext grenzüberschreitender Gefahrenabwehr. Während Ansätze von Hochzuverlässigkeitsorganisationen für national agierende Gefahrenabwehrorganisationen bereits diskutiert werden, existieren keine spezifischen wissenschaftlichen Ausführungen für den grenzüberschreitenden Kontext. Das Ziel dieser Forschungsarbeit ist die Identifikation, empirische Validierung und Systematisierung von Erfolgsfaktoren für die interorganisationale, grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Gefahrenabwehrorganisationen. Methoden: Die Untersuchung basiert auf einem qualitativen, explorativen Forschungsdesign, das der Heterogenität und Komplexität der Grenzregionen, sowie dem spezifischen Forschungsgegenstand der grenzübergreifenden Zusammenarbeit von Gefahrenabwehrorganisationen Rechnung trägt. Zur methodischen Triangulation wurden drei komplementäre Ansätze implementiert: (1) Dokumentenanalyse von Abkommen und Vereinbarungen zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zur Analyse formaler Aspekte der Zusammenarbeit. (2) Beobachtungen von Übungen zur Zusammenarbeit bei Krisen und Katastrophen zur Erfassung der praktischen Kooperationsrealität. (3) ExpertInneninterviews als Verbindungselement zwischen dem normativen Zustand und der gelebten Realität der Zusammenarbeit. Ergebnisse: Die Entstehung grenzüberschreitender Zusammenarbeit in der Gefahrenabwehr wird maßgeblich durch konkrete Ereignisse beeinflusst, die die gegenseitigen Abhängigkeiten bewusst werden las-sen. Die Kooperation entwickelt sich typischerweise bottom-up durch pragmatische Zusammenarbeitsformen lokaler, operativer Akteure. Erfolgsentscheidend ist die gegenseitige positive Wahrnehmung, die mit dem Vertrauen in die Kompetenzen der Partner verknüpft ist und die (Entwicklung der) Zusammenarbeit fördert. Die Definition gemeinsamer Ziele, sowie politische Unterstützung wirken hier katalysierend für die Zusammenarbeit. Letztlich determiniert die Verfügbarkeit finanzieller, personeller und zeitlicher Ressourcen die Etablierung dauerhafter Kooperationsstrukturen. Die erfolgreiche Gestaltung existierender Kooperationsarrangements in der grenzüberschreitenden Gefahrenabwehr basiert auf einer dualen Struktur aus lokalen Initiativen, verbunden mit institutioneller Unterstützung. Die operative Umsetzung der Zusammenarbeit erfordert hohes persönliches Engagement lokaler Akteure, die kulturelle Differenzen überwinden und in Krisensituationen flexible, pragmatische Lösungen auf Vertrauensbasis implementieren. Gleichzeitig erfordert die Zusammenarbeit ein breites Wissen über den Grenzkontext und die dort agierenden Akteure. Komplementär dazu sind langfristig verlässliche, ressourcengestützte Strukturen notwendig, die lokale Initiativen systematisch fördern. Diese strukturelle Kontinuität ermöglicht die strategische Weiterentwicklung der Zusammenarbeit, was den Aufbau von Frühwarnsystemen, technischer Infrastrukturen für den Informationsaustausch sowie von Redundanzen umfasst. Von besonderer Relevanz ist der Aufbau stabiler Netzwerke von Verbindungspersonen, die bei Krisen strukturelle Systemunterschiede über-brücken, kontinuierlichen Informationsfluss sicherstellen und zur Entwicklung eines integrierten Lagebildes beitragen. Die Synthese aus lokaler Flexibilität und struktureller Stabilität stellt somit den Kern erfolgreicher grenzüberschreitender Zusammenarbeit in der Gefahrenabwehr dar. Die Ergebnisse zeigen, dass Prinzipien von Hochzuverlässigkeitsorganisationen und -netzwerken auch in der Zusammenarbeit im Grenzkontext Anwendung finden. Dafür werden organisationsspezifische Praktiken auf den transnationalen Kontext transferiert. Es sind standardisierte Fehlermeldeprozesse und Einsatznachbereitungen (Konzentration auf Fehler), gemeinsame Risikoanalysen und der Einsatz von Verbindungspersonen (Abneigung gegen vereinfachende Interpretationen) als Praktiken vorzufinden. Bemerkenswert sind grenzspezifische Anpassungen, um die Zuverlässigkeit des grenzübergreifenden Gefahrenabwehrsystems zu gewährleisten. Dies erfolgt durch die Integration von Nachbarländern in Alarm- und Ausrückeordnungen (Sensibilität für betriebliche Abläufe). Der Respekt vor fachlichem Wissen und Können zeigt sich besonders prägnant in gegenseitiger Wertschätzung von Spezialfähigkeiten und Kompetenzen und in der Auffassung grenzüberschreitende Zusammenarbeit als Lernchance zu betrachten. Limitationen und Ausblick: Die Arbeit unterliegt methodischen und kontextuellen Limitationen. Die Datenerhebung fokussierte primär auf Grenzregionen in und um Deutschland, was die Übertragbarkeit auf Grenzkontexte mit divergierenden politischen, rechtlichen oder kulturellen Rahmenbedingungen einschränkt. Die spezifischen mitteleuropäischen Verhältnisse stellen möglicherweise einen begünstigenden Kontext dar, der in anderen Regionen nicht gegeben ist. Gleichzeitig ergeben sich hier aber auch Ansatzpunkte für zukünftige Forschung. So würde die geografische Erweiterung auf Grenzkontexte mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen die Prüfung der Übertragbarkeit der Erfolgsfaktoren ermöglichen. Zudem könnte die Entwicklung eines Modells zu Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Faktoren das Verständnis der Dynamiken grenzüberschreitender Zusammenarbeit vertiefen. Schließlich könnte eine temporale Perspektive eingenommen werden, die die Funktionsfähigkeit, Nachhaltigkeit und Veränderungen von Kooperationsstrukturen unter Krisenbedingungen untersucht. AU - Schulte, Yannic CY - Wuppertal DO - 10.25926/BUW/0-975 DP - Bergische Universität Wuppertal KW - grenzüberschreitende Zusammenarbeit KW - Krisenmanagement KW - interorganisationale Zusammenarbeit KW - grenzüberschreitend KW - Hochzuverlässigkeitstheorie KW - Hochzuverlässigkeitsorganisationen KW - Hochzuverlässigkeitsnetzwerke KW - cross-border cooperation KW - crisis management KW - interorganizational cooperation KW - transboundary KW - cross-border KW - high reliability theory KW - high reliability organizations KW - high reliability networks LA - ger N1 - Bergische Universität Wuppertal, Dissertation, 2025 PB - Veröffentlichungen der Universität PY - 2025 SP - 1 Online-Ressource (X, 326 Seiten) : Illustrationen T2 - Fakultät für Maschinenbau und Sicherheitstechnik TI - Erfolgsfaktoren grenzüberschreitender Zusammenarbeit in der Gefahrenabwehr: eine empirische Betrachtung UR - https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hbz:468-2-6610 Y2 - 2026-02-05T06:11:48 ER -