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- TitlePaul Siebeck an Martha Windelband, Kennenburg bei Esslingen, 27.10.1915, 2 S., Ts. (Abschrift), Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, NL 488 A 0368,3
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- Physical LocationStaatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße
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Paul Siebeck an Martha Windelband, Kennenburg bei Esslingen, 27.10.1915, 2 S., Ts. (Abschrift), Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, NL 488 A 0368,3
Kennenburg b[ei] Esslingen a[m] Neckar 27. Oktober 1915.
kl.[1] Abschrift. Frau Geheimrat Martha Windelband Heidelberg[a] Landfriedstrasse.
Hochverehrter Frau Geheimrat, erst gestern habe ich die Nachricht vom Tode Ihres l[ieben] Mannes erhalten, auch die Zeitungen, die darüber berichteten, sind mir durch einen Zufall gänzlich entgangen. So komme ich erst heute dazu, Ihnen mein herzlichstes Beileid[2] auszusprechen. Es ist noch gar nicht so lange her, da schrieb mir[3] Ihr l[ieber] Schwager, Herr von Kries, es kämen wieder gute Nachrichten über das Befinden Ihres l[ieben] Mannes und nun ist es doch anders gekommen.
Was haben Sie und die l[ieben] Ihrigen an dem Verewigten verloren! Ein grosser Geist und eine Seele von Mensch! Ein Gelehrter und Lehrer sonder Gleichen! Was hatte die Wissenschaft von ihm noch alles zu erwarten. Und doch – wie viel hat er ihr gegeben und was er ihr gegeben, bleibt[b]. Es wird die Spur von seinen[c] Erdentagen nicht in Äonen untergeh’n.[4]
Auch meine Wenigkeit gehört zu denen, die unendlich viel an ihm verlieren. Seit dem Anfang der 80er Jahre war ich mit ihm verbunden zur Verkündigung und Verbreitung der Erzeugnisse seines Geistes und unser Zusammenarbeiten ist nie und durch nichts getrübt worden. Seine Briefe sind mir ein köstliches Vermächtnis.
Wir gern hätte ich ihm die letzte Ehre erwiesen. Selbst wenn es mir zeitlich möglich geworden wäre, hätte ein langwieriger Katarrh | mich[d] an der Reise verhindert. So hoffe ich denn, wenn[e] ich wieder nach Heidelberg komme, einen Kranz auf seiner Ruhestätte[5] niederlegen zu können als Zeichen herzlichen Dankes, treuer Gesinnung und bleibenden Gedenkens. Vielleicht darf ich dann auch Ihnen persönlich die Hand drücken, was ich heute nur im Geiste tun kann. Meine l[iebe] Frau nimmt auch herzlichen Anteil.
Von Herzen gedenkt Ihrer und der Ihrigen treulich in aufrichtigem Mitgefühl Ihr ergebener
(gez.) Dr. P. Siebeck.[f]
Kommentar zum Textbefund
Kommentar der Herausgeber
2↑Beileid ] vgl. Heinrich Rickert an Paul Siebeck vom 2.11.1915: Ich komme heute mit einer Anfrage und einer Bitte. Auf Wunsch der Frankfurter Zeitung habe ich einen Nachruf für Windelband geschrieben, der in diesen Tagen erscheinen wird. Er ist sehr lang geworden, wohl mehr als doppelt so lang als der Nachruf für Lask [in: Frankfurter Zeitung vom 17.10.1915, auch separat erschienen]. Aber ich konnte es nicht gut kürzer machen, wenn ich ein einigermaßen abgerundetes Bild von Windelbands Bedeutung als Forscher und Lehrer geben wollte, und trotzdem habe ich sehr vieles zum Teil aus Raummangel, zum Teil auch deswegen fortlassen müssen, weil es für die Zeitung nicht geeignet war. Ich habe den Artikel mehreren Menschen vorgelesen, die zum Teil von Philosophie sehr wenig, zum Teil auch viel verstehen, und alle waren der Meinung, daß der Artikel auch weiteren Kreisen ein Bild von Windelbands Wesen und Bedeutung als Philosoph geben werde. Sie meinten zugleich, ich solle diesen Aufsatz nicht nur in einer Zeitung veröffentlichen, und ich hätte in der Tat Lust, ihn in etwas erweiterter Form auch als Broschüre drucken zu lassen. Selbstverständlich weiß ich, daß es vom Standpunkt des Verlegers aus ungünstig ist, eine Abhandlung in Verlag zu nehmen, die eine weitverbreitete Zeitung zum größten Teil bereits veröffentlicht hat. Aber da es sich um Windelband handelt, darf ich wohl trotzdem bei Ihnen anfragen, ob Sie geneigt sein würden, meinen Nachruf als Broschüre zu drucken und herauszugeben. Er würde in nicht allzugroßem Format zwei oder höchstens drei Druckbogen umfassen und aus vier Teilen bestehen, welche die Ueberschriften tragen: Die Herkunft, die Werke, die Lehre, der Lehrer. Ich darf wohl hoffen, daß ich keine Fehlbitte tue, und ich bitte Sie, mir recht bald eine freundliche Antwort zukommen zu lassen. Ich könnte in acht, spätestens zehn Tagen das Manuskript völlig fertig haben, und es müßte dann allerdings bald gedruckt werden, so daß es möglich noch in diesem Monat erscheinen kann, denn das Ganze ist unter dem unmittelbaren Eindruck des Todes entworfen und niedergeschrieben und darf nicht später als in einigen Wochen erscheinen. […] Ich habe viele Briefe wegen meines Nachrufes für Lask erhalten und daraus zu meiner großen Freude gesehen, wie viel Liebe und warme Freundschaft dieser nicht leicht zugängliche Mann besaß. Es hat doch recht viele Menschen gegeben, die durch seine Aeußerlichkeiten zu seinem eigentlichen Wesen vorzudringen vermochten. Nun habe ich außer meinem liebsten Schüler auch meinen liebsten Lehrer verloren. Der Tod von Windelband wird auch für Sie ein außerordentlich schmerzlicher Verlust sein. Wir haben Beide daran schwer zu tragen, und doch war der Tod wohl für Windelband eine Erlösung, da er in der letzten Zeit körperlich sehr gelitten haben muß. Aber daß der Krieg, der uns schon so viel nimmt, in dieser Zeit uns auch diesen Mann nehmen mußte, das ist sehr hart. Er wird nicht zu ersetzen sein, weder als Forscher noch als Lehrer. Durch dreißig Jahre hindurch habe ich ihn gekannt und ganz unendlich viel von ihm gehabt. Ihre Bekanntschaft mit ihm reicht ja in eine noch weitere Zeit zurück; sowie Siebeck an Rickert vom 5.11.1915: Der Tod Windelbands hat mich schwer und tief getroffen. Seit dem Jahre 1880 bin ich mit ihm bekannt und immer näher befreundet worden. Autor und Verleger haben stets in voller Harmonie gestanden, eine Zeitlang war ich sein Zuhörer im Kolleg über Geschichte der neueren Philosophie [vgl. Windelband an Siebeck vom 16.5.1882]. Ich und mit mir mein Verlag hat unendlich viel an ihm verloren. Doch ich rede von mir. Was war er erst Ihnen? Ich weiss Ihren Verlust voll und ganz zu bemessen und kann von Herzen mit Ihnen trauern. Innerhalb kurzer Zeit den liebsten Schüler und den liebsten Lehrer zu verlieren, ist herber Schmerz. Ihre Schrift über Windelband zu verlegen ist mir Ehre, Freude und liebe Pflicht. Schicken Sie Ihr Ms. bald, damit Ihnen Ruge nicht zuvorkommt. Im Vertrauen gesagt, hat auch er mir ein Ms. angeboten, ich habe aber abgelehnt (zitiert nach: Briefe und Dokumente zur Geschichte der Zeitschrift Logos. UB Leipzig. Nachlass Klaus Christian Köhnke, NL 330/3/1/5, Ausdruck vom 1.3.2012, S. 100–101). – Arnold Ruge veröffentlichte: Wilhelm Windelband. Eine Studie. In: Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik 162 (1916), S. 54–71 u. S. 188–221 sowie in dass. 163 (1917), S. 36–46. Separat unter dem Titel: Wilhelm Windelband. Leipzig: Barth 1917 (Sonderdruck aus Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik 162/163).5↑Ruhestätte ] auf dem Bergfriedhof Heidelberg, vgl. Abbildung 80 in: Leena Ruuskanen: Der Heidelberger Bergfriedhof im Wandel der Zeit. Heidelberg u. a.: Verlag Regionalkultur 2008, S. [240].▲
