Titelaufnahme
- TitelWindelband an Heinrich Rickert, Heidelberg, 4.7.1909, 3 S., hs. (lat. Schrift), Wasserzeichen HEIDELBERG (geteilter Bogen), UB Heidelberg, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_66
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Windelband an Heinrich Rickert, Heidelberg, 4.7.1909, 3 S., hs. (lat. Schrift), Wasserzeichen HEIDELBERG (geteilter Bogen), UB Heidelberg, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_66
Heidelberg, 4.7.09.
Verehrter Freund,
Es ist mir nachträglich eingefallen, dass ich neulich[1] in meinem eilfertigen Briefe ganz versäumt habe, Ihre Frage wegen der literarischen Professur[2] zu beantworten: ich bitte das zu entschuldigen, ebenso aber auch, dass ich es auch wieder nur ganz flüchtig nachholen kann, weil meine Zeitbedrängnis angesichts des Umstandes, dass ich morgen nach Genf[3] reisen muss (leider ohne in Fr[eiburg] anhalten zu können) „chronisch“ ist.
Mir scheint nach dem Gespräch, das ich gestern über den Fall mit Ed[uard] Schwartz hatte, dass sich bei Ihnen einstellt, was bei dieser Professur immer kommt: der Gegensatz der philologischen Behandlung mit der aesthetisch-kritischen. Für die letztere ist Witkop[4] durchaus fauti[5]. Seine Analysen der dichterischen Persönlichkeiten sind fein und schön, manchmal originell; seine historischen Auffassungen stark konstruktiv; seine Neigung zu spezifisch philologischer Behandlung ebenso gering wie die Aussicht, dass sie wachsen würde. Die stark deklamatorische | Rede ist eindrucksvoll und wie ich höre von starker Wirkung auf die Studenten. Das bringt auch für ihn die Gefahren, die leider an Kühnemann[6] immer mehr hervorzutreten scheinen. Er hat auch in Breslau das Rhetorentum von Posen und America, wie es scheint, nicht loswerden können. Schade! für Philosophie würde ich ihn nie mehr empfehlen[7], – für Literaturgeschichte vielleicht eher, wenn man auf eine extensiv breite und intensiver den aesthetisch-philosophischen Gehalt der Literatur betonende Wirksamkeit sieht. Darüber wird sich die Fakultät entscheiden müssen. Legt sie auf die philologische Seite der Sache gleiches Gewicht, so kommt m. E. doch wohl am ehesten Walzel[8] in Betracht, den ich ein gut Stück höher einschätze als Sie es zu tun scheinen. Er hat sehr solide Basis | philologischen Wissens und methodischen Forschens, dabei aber doch, wie ich namentlich auch bei persönlicher Bekanntschaft[9] gesehen habe, einen sehr starken Sinn für den philosophisch-aesthetischen Gehalt der Literatur; für ihre inhaltliche Betrachtung aus Gesichtspunkten der modernen[a] Kultur. Es ist von allen in Betracht kommenden vielleicht der, bei welchem die beiden Momente der Sache noch am ehesten im Gleichgewicht sind. Wenigstens ist das mein persönlicher Eindruck.
Dies in Eile. Mit besten Grüssen der Ihrige
W Windelband
Kommentar zum Textbefund
Kommentar der Herausgeber
3↑morgen nach Genf ] Windelband, zu dieser Zeit Prorektor, nahm als Delegierter der Universität Heidelberg am Jubliäum der Universität Genf am 8.7.1909 teil; vgl. die Meldung in: Wiener Zeitung, Nr. 154 vom 9.7.1909, S. 3 (ANNO).4↑Witkop ] zu Philipp Witkop (1880–1942) und dessen Promotion und Habilitation in Heidelberg unter Beteiligung Windelbands vgl. Philipp Redl: Dichtergermanisten der Moderne. Ernst Stadler, Friedrich Gundolf und Philipp Witkop zwischen Poesie und Wissenschaft. Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2016.6↑Kühnemann ] Eugen Kühnemann (1868–1946), 1903 Rektor der Akademie Posen, 1909 Prof. in Breslau, 1909 an der Harvard University, 1912 an der University of Wisconsin, 1917 wieder in Breslau (BEdPh).7↑nie mehr empfehlen ] vgl. dagegen Windelbands Gutachten über den Kuno-Fischer-Preis vom 9.7.1914 (Dokumente). Eine frühere Empfehlung ist nicht nachgewiesen, wenn Windelband an Rickert vom 22.7.1904 nicht für eine solche gelten soll.8↑Walzel ] Oskar Walzel (1864–1944), Literaturwissenschaftler, 1887 Promotion, 1894 Habilitation, 1897 o. Prof. in Bern, 1907 an der Technischen Hochschule Dresden, 1921 in Bonn (Literaturlexikon. Hg. v. Walther Killy. Bd. 12. München: Bertelsmann 1992, S. 136).9↑persönlicher Bekanntschaft ] vgl. als indirekten Beleg Windelband an Paul Siebeck vom 30.3.1909 u. 11.10.1911.▲
