<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000566-4</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>4.7.1909</date>, <note>3 S., hs. (lat. Schrift), Wasserzeichen</note> <quote type="rdg">HEIDELBERG </quote><note>(geteilter Bogen)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_66</ref></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0566" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000566-4"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Heidelberg</placeName><date when="1909-07-04">4.7.1909</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118795686">Eduard Schwartz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116589817">Eugen Kühnemann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11876425X">Oskar Walzel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117338354">Paul Siebeck</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117414662">Philipp Witkop</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Heidelberg</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>4.7.1909</date>, <note>3 S., hs. (lat. Schrift), Wasserzeichen</note> <quote type="rdg">HEIDELBERG </quote><note>(geteilter Bogen)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_66</ref></head></front><body><dateline>Heidelberg, 4.7.09.</dateline><salute>Verehrter Freund,</salute><p>Es ist mir nachträglich eingefallen, dass ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3539"/>neulich<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3539"/> in meinem eilfertigen Briefe ganz versäumt habe, Ihre Frage wegen der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3540"/>literarischen Professur<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3540"/> zu beantworten: ich bitte das zu entschuldigen, ebenso aber auch, dass ich es auch wieder nur ganz flüchtig nachholen kann, weil meine Zeitbedrängnis angesichts des Umstandes, dass ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3541"/>morgen nach Genf<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3541"/> reisen muss (leider ohne in Fr<add>[eiburg]</add> anhalten zu können) „chronisch“ ist.</p><p>Mir scheint nach dem Gespräch, das ich gestern über den Fall mit Ed<add>[uard]</add> <name>Schwartz</name> hatte, dass sich bei Ihnen einstellt, was bei dieser Professur immer kommt: der Gegensatz der philologischen Behandlung mit der aesthetisch-kritischen. Für die letztere ist <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3542"/><name>Witkop</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3542"/><name/> durchaus <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3543"/>fauti<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3543"/>. Seine Analysen der dichterischen Persönlichkeiten sind fein und schön, manchmal originell; seine historischen Auffassungen stark konstruktiv; seine Neigung zu spezifisch philologischer Behandlung ebenso gering wie die Aussicht, dass sie wachsen würde. Die stark deklamatorische <pb/> Rede ist eindrucksvoll und wie ich höre von starker Wirkung auf die Studenten. Das bringt auch für ihn die Gefahren, die leider an <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3544"/><name>Kühnemann</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3544"/> immer mehr hervorzutreten scheinen. Er hat auch in Breslau das Rhetorentum von Posen und America, wie es scheint, nicht loswerden können. Schade! für Philosophie würde ich ihn <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3545"/>nie mehr empfehlen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3545"/>, – für Literaturgeschichte vielleicht eher, wenn man auf eine extensiv breite und intensiver den aesthetisch-philosophischen Gehalt der Literatur betonende Wirksamkeit sieht. Darüber wird sich die Fakultät entscheiden müssen. Legt sie auf die philologische Seite der Sache gleiches Gewicht, so kommt <abbr>m. E.</abbr> doch wohl am ehesten <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3546"/><name>Walzel</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3546"/> in Betracht, den ich ein gut Stück höher einschätze als Sie es zu tun scheinen. Er hat sehr solide Basis <pb/> philologischen Wissens und methodischen Forschens, dabei aber doch, wie ich namentlich auch bei <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3547"/>persönlicher Bekanntschaft<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3547"/> gesehen habe, einen sehr starken Sinn für den philosophisch-aesthetischen Gehalt der Literatur; für ihre inhaltliche Betrachtung aus Gesichtspunkten der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3548"/>modernen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3548"/> Kultur. Es ist von allen in Betracht kommenden vielleicht der, bei welchem die beiden Momente der Sache noch am ehesten im Gleichgewicht sind. Wenigstens ist das mein persönlicher Eindruck.</p><p>Dies in Eile. Mit besten Grüssen der Ihrige</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-3539"><lem>neulich</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Rickert</name> vom 29.6.1909</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3540"><lem>literarischen Professur</lem><note>der literaturhistorischen an der Universität Freiburg</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3541"><lem>morgen nach Genf</lem><note>Windelband, zu dieser Zeit Prorektor, nahm als Delegierter der Universität Heidelberg am Jubliäum der Universität Genf am 8.7.1909 teil; <abbr>vgl.</abbr> die Meldung in: Wiener Zeitung, <abbr>Nr.</abbr> 154 vom 9.7.1909, <abbr>S.</abbr> 3 (<abbr>ANNO</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3542"><lem><name>Witkop</name></lem><note>zu <name>Philipp Witkop</name> (1880–1942) und dessen Promotion und Habilitation in Heidelberg unter Beteiligung Windelbands <abbr>vgl.</abbr> Philipp Redl: Dichtergermanisten der Moderne. Ernst Stadler, Friedrich Gundolf und Philipp Witkop zwischen Poesie und Wissenschaft. Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2016.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3543"><lem>fauti</lem><note><abbr>lat.</abbr> akzeptabel</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3544"><lem><name>Kühnemann</name></lem><note><name>Eugen Kühnemann</name> (1868–1946), 1903 Rektor der Akademie Posen, 1909 <abbr>Prof.</abbr> in Breslau, 1909 an der Harvard University, 1912 an der University of Wisconsin, 1917 wieder in Breslau (BEdPh).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3545"><lem>nie mehr empfehlen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> dagegen Windelbands Gutachten über den Kuno-Fischer-Preis vom 9.7.1914 (Dokumente). Eine frühere Empfehlung ist nicht nachgewiesen, wenn Windelband an Rickert vom 22.7.1904 nicht für eine solche gelten soll.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3546"><lem><name>Walzel</name></lem><note><name>Oskar Walzel</name> (1864–1944), Literaturwissenschaftler, 1887 Promotion, 1894 Habilitation, 1897 <abbr>o. Prof.</abbr> in Bern, 1907 an der Technischen Hochschule Dresden, 1921 in Bonn (Literaturlexikon. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> Walther Killy. <abbr>Bd.</abbr> 12. München: Bertelsmann 1992, <abbr>S.</abbr> 136).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3547"><lem>persönlicher Bekanntschaft</lem><note><abbr>vgl.</abbr> als indirekten Beleg Windelband an <name>Paul Siebeck</name> vom 30.3.1909 <abbr>u.</abbr> 11.10.1911.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-3548"><lem>modernen</lem><rdg>moderner</rdg></app></listApp></back></text></TEI>