Titelaufnahme
- TitelWindelband an Georg Jellinek, Freiburg i. Br., 28.12.1877, 4 S., hs. (dt. Schrift), Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Georg Jellinek, N 1136/56
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Windelband an Georg Jellinek, Freiburg i. Br., 28.12.1877, 4 S., hs. (dt. Schrift), Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Georg Jellinek, N 1136/56
Freiburg i B. Eisenbahnstr 66 28 Dec[ember] 1877
Lieber guter Freund,
Deinen Glauben an mich und Deine freundschaftliche Gesinnung habe ich in der That auf eine harte Probe gestellt, und selbst in den mannigfach wechselnden Schicksalen und Wanderungen[1] liegt kaum eine Entschuldigung dafür, daß ich Dir so sehr, sehr lange nicht geschrieben habe; sie liegt höchstens darin, daß ich mitten in diesem Wechsel mit Aufbietung aller Kräfte und aller Zeit nach einem ersten Abschluß meiner Arbeiten suchte, den ich nun wenigstens bald vor mir sehe. Dennoch, hoffe ich, wirst Du überzeugt geblieben sein, von der herzlichen Zuneigung, mit der ich nicht aufhöre, Deiner zu gedenken, von der freudigen Theilnahme, mit der ich gehört habe, daß Du der Dir schließlich doch nicht sympathischen Theilnahme an der practischen Staatsthätigkeit entsagt und Dich nun ganz dem Ziele gewidmet hast, für das ich von Anfang an gemeint habe, Dich bestimmt halten zu sollen. Wann werd’ ich Dich als Collegen begrüßen dürfen? ich harre schon lange Deiner Habilitationsschrift[2]! Besten Dank für die Uebersendung jener gelegentlichen Vorläufer dazu; sie zeigen Dich genau in der Richtung, von der ich glaubte, daß Deine so umfangreichen Studien sich in ihr zu glücklichster Vereinigung concentriren würden, in derjenigen der Gesellschafts-, Rechts- und Geschichtsphilosophie. Es ist das ein Gebiet, auf dem ich die Arbeit einer tüchtigen, reich ausgestatteten Kraft um so lieber begrüße, je mehr es mir selbst bei der naturwissenschaftlich-psychologisch-erkenntnistheoretischen (die Klimax meiner Studien!) Richtung meines Denkens fremd ist, und je mehr ich überzeugt bin, daß die Bebauung gerade dieses Feldes von echt wissenschaftlichem Standpunct aus gegenüber dem wüsten Gerede journalistischer Schnellfertigkeit durchaus | mit jedem Jahre nothwendiger wird! Die Vereinigung des Dr. juris und des Dr. philos., welche Du in mehr als äußerer[a] Weise in Dir hast, ist selten, und ich hoffe, gerade von ihr beste Früchte zu genießen. Ob sie am Baume einer juristischen oder einer philosophischen Facultät hangen, bleibt sich doch schließlich gleich! Und wenn Du Brentano’sche Unbequemlichkeiten mit Recht fürchtest, – warum willst Du ihnen nicht aus dem Wege gehen? Dieser Biedermann scheint ja ganz seinen Antecedentien zu entsprechen. Nachdem der erste Band seiner Psychologie[3] zur Erlangung der agitatorischen Professur ausgereicht, erwarten wir den seit 4 Jahren versprochenen zweiten vergebens! Freilich mag er in der Ausführung auf Hindernisse gestoßen sein. Sowohl die von ihm und seinem Schüler Stumpf so emphatisch versprochene Umwälzung der gesammten Logik durch einen giltigen Schluß aus 4 Terminis, als auch der in Aussicht gestellte empirische Beweis für die Unsterblichkeit des individuellen „Seelenlebens“ mögen doch selbst für einen solchen Mann nicht schnell gehen, zumal, da nach beiden Richtungen hin die sonst so schätzenswerte Hilfe Sir John Stuart Mill’s, Sir William Hamilton’s, Sir usw. ihn im Stiche lassen muß. Für die erste jener Aufgaben ist zudem der seichte Brei der bisherigen Darstellung ebensowenig brauchbar, wie er für die zweite günstig sein wird. Daher offenbar eine gewisse „Entmuthigung auf dem Gebiete der K. k. autorisirten Philosophie“ Platz gegriffen hat.
Was mich anbetrifft, liebster Freund, so hast Du, wie Du mir – | ich schäme mich zu denken, wann – schriebest, mancherlei durch meinen Schwager[4] erfahren. Ich bin um manche äußere und innere Erfahrung reicher aus der Schweiz wieder fortgegangen. Wenn ich kurz sagen soll, weshalb, so war es aus dem unveräußerlichen und dort geschärften Aristokratismus meines Denkens. ich habe in der Republik gelernt, den Segen der gegliederten[b] Gesellschaft zu begreifen. Es hat mich nach wenigen Wochen ein Depit[5] ergriffen vor dieser selbstgefälligen Tyrannei des breitmäuligen Pöbels, der nach seinem Ellenmaße auch die geistige Arbeit mißt und jenes vielleicht forcirte „deutsche Professorenbewußtsein“, das wir von Jugend auf einsaugen und das den Lehrer der Wissenschaft zu den „Besten“ rechnet; bäumte sich dagegen auf, von jedem Bummler, der 1000 fr jährlich mehr auszugeben hat, als „nur e Professörle“ über die Achsel angesehen zu werden. Es ist viel solide, gesunde Ursprünglichkeit im Schweizer Volk und Schweizer Leben, aber dabei eine unsägliche Nüchternheit, ein bornirtes Practisch-sein, und eine alberne Selbstüberhebung, eine entsetzlich beschränkte Freigeistigkeit. Du hast vielleicht in der Vierteljahrsschrift f[ür] wissensch[aftliche] Philos[ophie] meine Spinoza-Rede[6] gelesen. Der ganze Schluß ist nur begreiflich als ein Ausdruck meiner Stimmung und als ein – verhallendes – Mahnwort an die schweizerischen Zuhörer. Der nivellirende Unsinn der Züricher Demokratie ist es gewesen, der mich forttrieb; ich hatte Heimweh nach einer monarchischen Regierung, unter der es eine Freiheit giebt, von der man dort Nichts weiß. Es giebt in der Schweiz nur Eine, allerdings eine sehr werthvolle Freiheit, – diejenige der Rede, d. h. des Schimpfes. Man hat dort immer die Leber frei. Aber | sonst ist es – in Zürich wenigstens – eine Pöbelherrschaft, welche auf dem besten Wege ist, dieses vortrefflich und tief tüchtig angelegte Volk zu ruiniren! So bin ich denn – unter Aufgabe eines Züricher Mehrangebotes von 2000 Mk. gegenüber meiner hiesigen Besoldung – doch auf den heimatlichen Boden meiner Bildung zurückgekehrt, und ich bereue es nicht. Ich habe eine kleine – übrigens der Züricher gegenüber entschieden größere –, aber angenehme Wirksamkeit. Leider viel zu thun, da ich außer dem 80jährigen Sengler[7], einem seit vierzig Jahren gestorbenen Schellingianer, der seit ich hier bin kein Colleg mehr zu Stande gebracht hat, der Einzige bin und deshalb jedes Semester ein theoretisches und[c] ein historisches Colleg zu halten mich für verpflichtet ansehe. Das hemmt natürlich meine eigne Arbeit. Doch ist sie so fortgeschritten, daß ich hoffe, Du sollst zu Ostern[8] den ersten methodologischen Band meiner – Psychologie[9] in Händen haben. Die Methodengeschichte ist aufgeschoben, seit ich mich von der Kantliteratur in dem Dir bekannten Aufsatze[10] „gereinigt“ habe. Leider giebt die V[ierteljahrsschrift] nur 6 Abzüge, so daß ich Dir zu meinem Bedauern nicht immer einen schicken kann: im nächsten Heft wirst Du meine – psychologische – hiesige Antrittsrede[11] finden.
Daneben lebt es sich hier entzückend. Prachtvolle Natur, zu Spaziergängen viel schöner als Zürich, mildes Klima, angenehmer, ungezwungener Verkehr. Sollte Dich nicht dieser Sommer einmal in den Schwarzwald führen? Den Nerven ist er, wie ich aus eigner Erfahrung bestätige, sehr zuträglich. Doch hoffe ich, daß Deine Nerven ihn nicht mehr nöthig haben! Um so mehr will ich wünschen, daß Du uns Deinen Besuch schenkst zur Erneuerung unvergessener Tage! Vergilt Böses mit Guten und theile mir bald mit, daß Du wieder ganz wohl bist! Meine Frau läßt Dich bestens grüßen! Empfehle mich Deinen verehrten Eltern. ich selbst und meine Töchter Dora und Meta kommen im Bilde[12], um freundliche Aufnahme bittend.
In treuer Freundschaft
Dein
W Windelband
Was macht Ehrenberg? Ich habe seine Spur verloren und[d] fände sie gerne wieder! Wohin schreibt man ihm?
Kommentar zum Textbefund
Kommentar der Herausgeber
1↑Wanderungen ] belegt ist, neben der hier v. a. gemeinten akademischen Episode Windelbands in Zürich, zumindest ein Besuch Windelbands bei Hermann Siebeck (1842–1920, von 1875–1883 Professor für Philosophie und Pädagogik an der Universität Basel) in Basel, vgl. Hermann Siebeck an Gustav Glogau vom 12.10.1877: Windelband, der kürzlich hier war, empfahl mir für Deinen Zweck Gießen und Würzburg, wo man eine tüchtige philosophische Kraft wünschen soll (Ingrid Belke (Hg.): Moritz Lazarus und Heymann Steinthal. Die Begründer der Völkerpsychologie in ihren Briefen Bd. 2/1. Mit einer Einleitung. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1983, S. 64).2↑Habilitationsschrift ] vgl. Jellinek: Die socialethische Bedeutung von Recht, Unrecht und Strafe. Wien: Hölder 1878. Als Habilitationsschrift abgewiesen; vgl. Windelband an Ehrenberg vom 6.7.1879.3↑erste Band seiner Psychologie ] vgl. Franz Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkte. 1. Bd. Leipzig: Duncker & Humblot 1874. Entgegen der Ankündigung im Vorwort ist ein 2. Bd. nie erschienen.4↑Schwager ] welcher der Brüder Martha Windelbands, geb. Wichgraf, Kontakt mit Jellinek unterhielt, ist nicht bekannt6↑Spinoza-Rede ] von Windelband: Zum Gedächtniss Spinoza’s (An seinem zweihundertjährigen Todestage gesprochen an der Universität Zürich). In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie 1 (1877), S. 419–440. Dort findet sich in der Schlußpassage z. B. der Satz: Geschieden von seiner Familie und seinem Volke, ohne Freunde, keines Staates Bürger und Mitglied keiner Konfession – so ist er ein echtes Bild jener Heimatlosigkeit, welche den Genius in dieser Welt kennzeichnet.9↑Psychologie ] vgl. zum Interesse daran Jellinek an Victor Ehrenberg aus Mödling (bei Wien) vom 8.8.1876: Windelband hat mir seine Antrittsrede aus Zürich geschickt. Sie ist ein vollständiges Programm; wissenschaftliche Constituirung der Psychologie durch Herstellung einer gemeinsamen Terminologie, Detailarbeiten und Lostrennen des Gegenstandes von der Philosophie, natürlich ohne die Fühlung mit ihr zu verlieren. Die Bildung der Wissenschaften hat große Aehnlichkeit mit der des Planetensystems. Wie hier von der Sonne die Planeten, so trennen sich dort von der Philosophie die Einzelwissenschaften los, der Unterschied ist nur, daß die Planeten in erborgtem Lichte glänzen, während die Specialdisciplinen aus eigener Kraft zu leuchten glauben und die alte Mama nur die höchst langweilige Rolle des idealen Centrums zu spielen hat (Christian Keller: Victor Ehrenberg und Georg Jellinek Briefwechsel 1872–1911. Frankfurt a. M.: Klostermann 2005, S. 258–259).10↑Aufsatze ] Windelband: Ueber die verschiedenen Phasen der Kantischen Lehre vom Ding-an-sich. In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie 1 (1877), S. 224–266.11↑Antrittsrede ] Windelband: Ueber den Einfluss des Willens auf das Denken. Eine Antrittsvorlesung [Universität Freiburg]. In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie 2 (1878), S. 265–297.▲
