Titelaufnahme
- TitelWindelband an Victor Ehrenberg, Leipzig, 29.7.1873, 4 S., hs. (dt. Schrift), Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, NL Ehrenberg acc. Darmst. 1924.138
- Autor
- Adressat(en)
- Beteiligte
- Entstehung
- Serie
- StandortStaatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße
- URN
- Social MediaShare
- Archiv
- ▼
Windelband an Victor Ehrenberg, Leipzig, 29.7.1873, 4 S., hs. (dt. Schrift), Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, NL Ehrenberg acc. Darmst. 1924.138
Leipzig. 29. Juli 1873
Mein lieber Freund!
Kaum sollte ich es wagen, mit so schuldbeladenem Bewußtsein vor Ihre reine Seele zu treten. Aber Sie wissen, es giebt dämonische Mächte, welche sich darin gefallen, den Menschen gerade gegen sein besseres Wollen sündigen zu lassen, und zu diesen Mächten gehört die Faulheit. Meine in diesem Semester allerdings ziemlich reichlich zugemessenen Arbeiten können mich doch nicht vor mir selber entschuldigen, daß ich zwei so freundliche Briefe eines lieben Menschen so lange nicht beantwortet habe; und Sie müssen sich schließlich mit allen meinen andern Freunden trösten, denen ich auch nicht geschrieben – und die mir darauf in diesem Semester den Ehrenbeinamen Taciturans[1] zuerkannt haben.
Wenn Sie freilich meinen, daß aus dieser „gedankenvollen Schweigsamkeit“ sich eine minervahaft an Haupt und Schultern gewappnete Metaphysik entpuppen würde, so ist das eine entschiedene Täuschung. ich bin zum Glück von einem „System“ noch so weit entfernt, wie die Menschheit überhaupt, und habe keine Lust, den Träumen der Metaphysik fürs Erste eine neue, verschlechterte Auflage zu geben. Um so emsiger arbeite ich in[a] den Fundamenten des Erkennens[2] – aber man baut jetzt mit so großen Quadern, und die sind so schwer zu transportiren. Und wenn es denn gar so sommerliche Staubhitze ist, wie jetzt hier trotz aller schönen Gewitter, dann schwitzt man dabei etwas Ehrliches zusammen. Der Hörsaal ist dabei gewissermaßen eine angenehme Erholung. Die Kathederthätigkeit[3] macht mir sehr viel Freude, und was mehr sagen will, ich lerne dabei außerordentlich viel – mehr vermutlich, als meine Zuhörer zusammengenommen. Zu Anfang giebt es natürlich ein Tasten und Suchen nach dem rechten Ton des Vortrags; man muß es erst lernen, den Stoff zu gruppiren und zu beherrschen, und aus den Gesichtern ab|zulauschen, wie man den richtigsten Weg in das studentische Gemüth und in das Verständniß Aller findet. Dies ist die schwerste Kunst: denn die Standpuncte sind verschieden, und wo der Eine ein erleuchtetes Gesicht macht, da schaut der Andre verständnißlos ins Blaue. Die Genugthuung habe ich wenigstens gehabt, daß meine Collegien trotz der späten Ankündigung ihrer Stunden zu Stande gekommen sind. In der Kant-Vorlesung gebiete ich zwar nicht wie K[uno] Fischer über Hundert, aber doch über etwa acht constante Zuhörer; mein Publicum, von einem Dutzend belegt, zählt fast immer noch einige Zuhörer mehr, die ob meiner Ketzerlehren über die nahe Grenze der Erkenntnißmöglichkeit erschrecken. Endlich zu den Uebungen über die Kritik der reinen Vernunft meldeten sich dreizehn wahrheitsdurstige Jünglinge, sodaß wir uns nicht bei mir zu Hause versammeln können. Von diesen sind aber höchstens fünf oder sechs zu zählen, da die Andern zwar ihre Ohren aber niemals ihre Münder zu öffnen lieben. Dabei macht mir gerade dieser Verkehr Freude, und ich denke ihn fortzusetzen. Auch den philosophischen Verein[4] habe ich durch zwei Vorträge aus der Vortragsnoth gerissen und dafür die Ehrenmitgliedschaft desselben errungen. Sie sehen mich also in zwar kleiner, aber reger Thätigkeit, und das beste ist – ich habe für jetzt genug daran.
Auch über meine Gesundheit kann ich Ihnen Erfreuliches melden. Nach aller Andern und eignem Urtheile bin ich wohler als je zuvor, bin sogar genügend dick geworden und fühle auch nicht die geringsten Folgen der Krankheit. Meine Lunge benimmt sich sogar nach angestrengtem Sprechen ganz normal, ohne Schmerzen, ohne Heiserkeit. Viel hat zur vollständigen Ausheilung auch das ruhige und bequeme Leben beigetragen, das ich hier führe; ich wohne mit Bardeleben[5] in einer Etage, und wir haben uns so häuslich eingerichtet, daß wir Mittag und Abend zu Hause und zwar sehr gut essen und nur Abends, wenn die Hitze nachläßt, noch in einem Garten ein Glas Bier trinken.
Wenn ich von der vollständigen Herstellung Ihrer Gesundheit dasselbe wüßte! In dem ernsten Leben, das Sie nach Ihrer Schilderung | in dem lebensheiteren Heidelberg führen, versäumen Sie doch gewiß nicht, die Gunst seiner göttlichen Natur zu genießen, und das wird Ihnen hoffentlich recht, recht wohlthätig sein. Es ist ja nun gerade ein Jahr her, daß ich Sie nicht gesehen habe; inzwischen haben wir beide Viel erlebt, nicht immer Erfreuliches und – zumal in Anbetracht meiner Schreibfaulheit – wäre es wohl erwünscht, wenn man sich wieder einmal in alter Weise aussprechen, wiedersehend schöne Stunden erneuern könnte. Um so mehr bedaure ich, daß Ihr schöner Vorschlag, uns in den Ferien in einem stillen Winkel der lieben Heimat zu treffen, sich nicht erfüllen läßt. ich werde schon am Sonnabend, wo ich a tout prix schließe, über Potsdam nach Misdroy[6] gehen und den schönen August des vorigen Jahres noch einmal, noch schöner verleben. Meine Braut[7], von der ich den Winter über so traurig getrennt war, ist schon längere Zeit dort, und ich will mich für die Ungunst des Schicksals gründlich entschädigen. Aber ich gebe damit die Hoffnung nicht auf, daß wir früher oder später einmal uns irgendwo möglichst lange wieder zusammenfinden mögen!
Von unsern gemeinsamen Freunden kann ich Ihnen wenig berichten. Jellinek hat mich seit Pfingsten ohne Nachricht[8] gelassen, ich weiß nicht, ob er meinen letzten Brief[9] mit zwei Exemplaren der „Gewißheit“[10] für Wiener Zeitschriften erhalten hat. Freytag[11] hat Mitte Mai sein Referendarexamen „gut“ bestanden, dann die landesüblichen acht Wochen in Berlin bei den Gardefüsilieren gedient, und ist jetzt vermuthlich – denn seit Wochen weiß ich auch von ihm nichts – in Hirschberg in Schlesien als Referendar mehr oder minder thätig. Von Bernays[12] verlautet hier fast Nichts; er sollte einen Prager Ruf angenommen, dann wieder ausgeschlagen haben; man colportirte zum Erstaunen der Menschheit seine Verlobung mit einer hiesigen Wittwe (!) und dann erwies sich auch diese Nachricht fürs Erste als falsch. Selbst Hirzel[13] und Dove[14] beklagen es, von einem der bedeutendsten Männer des Jahrhunderts so ohne Nachricht getrennt zu sein. Vielleicht erfreut er Sie auch jetzt noch durch sein allerhöchstes Vertrauen, und Sie können vielleicht uns das Wißbare mittheilen.
Was macht denn der große Kuno[15]? Man hörte hier und auf der Kösener Zusammenkunft[16], daß er halb und halb zwischen sich und Treitschke die Alternative gestellt und, ungewohnt den Beifall der Studentenschaft in erster Reihe mit einem Andern zu theilen, für den Fall, daß der letztere in Heidelberg bliebe, mit seiner Rückkehr nach Jena gedroht habe, wo man in der That seinen Lehrstuhl noch jetzt offen hält und halten zu wollen scheint. Gegen seine Auffassung der Entwicklung Kant’s wird nächstens wieder eine sehr große Promotionsschrift von einem hier studirenden Ungarn[17] erscheinen, worauf ich ganz außerordentlich gespannt bin.
Wenn Sie in die Schwarzwälder gehen, grüßen Sie von mir die hohen Edeltannendamen[b], an welche sich auch für mich angenehme Erinnerungen knüpfen: ich werde Ihrer an der See mit der unveränderlichen Freundschaft gedenken, die ich Ihnen, wenn ich auch ihre Pflichten nicht immer streng im Schreiben erfüllte, stets bewahren werde. Leben Sie wohl und vergessen Sie nicht Ihren
W Windelband
Adresse
August 4 Victoriastrasse. Seebad Misdroy (Wollin)
September 9 Spandauerstraße Potsdam
October u. s. f. 6 Waisenhausstr.[18] Leipzig, wie jetzt.
Kommentar zum Textbefund
Kommentar der Herausgeber
2↑Fundamenten des Erkennens ] vgl. Jellinek an Ehrenberg aus Mödling (bei Wien) vom 9.6.1873: Der Titel von Windelbands Schrift lautet: „Ueber die Gewißheit der Erkenntniß“. Er frug bei mir um Deine Adresse an, ob er meine Antwort erhalten, weiß ich nicht, ich habe Gründe, es zu bezweifeln. Die Schrift ist geschriebener Fleischextract, selten sind auf so wenig Seiten so viel Gedanken zusammengedrängt worden (Christian Keller: Victor Ehrenberg und Georg Jellinek Briefwechsel 1872–1911. Frankfurt a. M.: Klostermann 2005, S. 192).3↑Kathederthätigkeit ] vgl. Jellinek an Ehrenberg aus Mödling (bei Wien) vom 19.5.1873: Von Windelband hatte ich dieser Tage Brief, er erkundigte sich nach Deiner Adresse. Seine Probevorlesung hielt er vor hundert Zuhörern ab, seine Collegien sind von zehn bis zwanzig besucht. Er wird mich vielleicht diesen Sommer hier besuchen (Christian Keller: Victor Ehrenberg und Georg Jellinek Briefwechsel 1872–1911. Frankfurt a. M.: Klostermann 2005, S. 186). Das von Jellinek erwähnte Schreiben Windelbands ist nicht ermittelt.8↑seit Pfingsten ohne Nachricht ] vgl. Ehrenberg an Jellinek aus Heidelberg vom 31.7.1873: Auch Windelband beklagt sich über Dein Schweigen […]. Er frägt, ob Du die 2 Expl. seiner Schrift erhalten und auftragsgemäß verwendet hast. Er geht nächster Tage nach Misdroy; seine Adresse dort ist: 4 Victoriastrasse, Seebad Misdroy (Wollin); sowie Jellinek an Ehrenberg aus Mödling (bei Wien) vom 5.8.1873: An Windelband schrieb ich übrigens aus besonderem Grunde nicht. Vor einiger Zeit machte das hiesige Professorencollegium einen Triasvorschlag behufs Besetzung der philosophischen Professur. Primo loco ward Lange (Gesch. des Materialismus) secundo loco Stumpf in Göttingen, tertio loco wenn ich mich nicht sehr irre Windelband vorgeschlagen. Seit drei Wochen fahnde ich vergebens auf einen Ordinarius, die fast alle ausgeflogen sind, um mir Gewißheit zu verschaffen. Drum schrieb ich bis heute nicht, um ihm die mir und wohl auch ihm angenehme Nachricht positiv mittheilen zu können. Vielleicht hat sich meine Freundesgesinnung zu einem voreiligen Schlusse hinreissen lassen (Christian Keller: Victor Ehrenberg und Georg Jellinek Briefwechsel 1872–1911. Frankfurt a. M.: Klostermann 2005, S. 195–197).11↑Freytag ] der Neffe Gustav Freytags, der ebenfalls Gustav Freytag hieß (vgl. Windelband an Gustav Freytag vom 12.7.1872)12↑Bernays ] wahrscheinlich der Literaturhistoriker Michael Bernays (1834–1897, 1873 Prof. für neuere Sprachen und Literatur in München), Bruder des Philologen Jacob Bernays, der sich 1872 in Leipzig habilitierte (Christian Keller: Victor Ehrenberg und Georg Jellinek Briefwechsel 1872–1911. Frankfurt a. M.: Klostermann 2005, S. 161).13↑Hirzel ] Rudolf Hirzel (1846–1917), klassischer Philologe, 1871 in Leipzig habilitiert, ao. Prof. 1877, 1886 ao. Prof. Jena, 1888 o. Prof. (NDB).14↑Dove ] der Historiker Alfred Dove (1844–1916), der 1873 in Leipzig habilitierte, zuvor Redakteur der Grenzboten, Herausgeber der Zeitschrift Im Neuen Reich seit 1870 (NDB).16↑Kösener Zusammenkunft ] der Professoren der Universitäten Jena, Halle u. Leipzig (vgl. Eduard Meyer an Georg Ebers vom 29.6.1895, https://www.kohring-digital.de/mediapool/28/282725/data/Ebers/1895ebers.pdf).17↑Promotionsschrift von einem hier studirenden Ungarn ] womöglich gemeint: Josef Weisz (* 4.7.1849 in Szt.-Gál, Ungarn) mit dessen Promotionsschrift: Kant’s Lehre von Raum und Zeit. Budapest: Fanda & Frohna o. J. [1875] 24 S.: Diese Capitel sind einer grösseren Schrift über Kant’s Kritik entnommen und mit Bewilligung der löbl. philosophischen Facultät zu Leipzig anstatt der ganzen Arbeit gedruckt. In dieser Fassung keine Auseinandersetzung mit Kuno Fischer.18↑Waisenhausstr. ] Straßenname 1860–79, seitdem Liebigstraße (Gina Klank, Gernot Griebsch (Hg.): Lexikon Leipziger Straßennamen. Leipzig 1995).▲
