Titelaufnahme
- TitelVaihinger an Eduard Zeller, Halle, 20.12.1888, 4 S., hs., Universitätsbibliothek Tübingen, http://idb.ub.uni-tuebingen.de/opendigi/Md747-782
- Autor
- Adressat(en)
- Beteiligte
- Entstehung
- Serie
- StandortUniversitätsbibliothek Tübingen
- URN
- Social MediaShare
- Archiv
- ▼
Vaihinger an Eduard Zeller, Halle, 20.12.1888, 4 S., hs., Universitätsbibliothek Tübingen, http://idb.ub.uni-tuebingen.de/opendigi/Md747-782
Halle a/S. 20.XII.88.
Hochzuverehrender Herr Geheimer Regierungsrath & Professor![a]
Nicht ohne einiges Zagen nehme ich mir die Freiheit, Ihnen Verehrtester Herr GeheimeRath, ein Exemplar meiner Kölner Rede gegen Preyer[1] zu übersenden.
Wenn ich auch natürlich weiß, daß Sie im Allgemeinen den Kampf gegen Preyer[2] billigen, so bin ich doch nicht dessen sicher, ob Sie nun gerade die von mir vertretene Kampfform billigen werden. | Es wird wohl vielfach Anstoß erregen, daß ich mich so rückhaltlos auf den Standpunkt des Darwinismus und der Physiologischen Psychologie stelle, und auch wer damit übereinstimmt, wird doch noch der Übertragung des biogenetischen Grundgesetzes auf die geistige Entwicklung mannigfache Bedenken entgegenbringen. Wenn ich nun auch nicht weiß, wie Sie, hochverehrter Herr GeheimeRath, darüber denken, so glaube ich doch, daß Sie den Gedanken des allgemeinen Parallelismus der individuellen und der generellen Entwicklung nicht unsympathisch aufnehmen werden, umsomehr, als Gervinus, dem Sie ja in Ihren | „Vorträgen und Abhandlungen“[3] ein so schönes Denkmal gesetzt haben, denselben so schön und scharf vertreten hat, wie ich S. 38, 42, 43[4] nachgewiesen habe.
Daß ich mit der biologisch-culturhistorischen Begründung der Nothwendigkeit des klassischen Unterrichts den üblichen Gesichtspunkt der formalen Bildung nicht verdrängen will, habe ich ausdrücklich gesagt S. 51, woselbst ich mich auf Sie berufen[5] konnte.
Es wäre mir von höchstem Werthe und eine große Ehre, wenn ich, hochverehrter Herr GeheimeRath, von Ihnen erfahren dürfte[6], was Sie von dem Grundprincip meines Vortrages und seiner Haltbarkeit denken? Ist der Gedanke der | suczessiven Hindurchführung des Individuums durch die Kulturstufen der Menschheit (der europäischen Kultur-Menschheit) ein haltbarer? Ist dann ferner die Begründung dieses Gedankens auf das biogenetische Gesetz zulässig?
Auf alle Fälle glaube ich, daß die neuen Waffen, welche ich den Vertretern des Gymnasialprincips in meinem Vortrag darbiete, nicht ohne Weiteres zu verschmähen sind, angesichts der drohenden Gefahr, welche noch immer über unseren Gymnasien und damit über unserer ganzen geistigen Bildung schwebt.
In herzlicher Verehrung Ihr ganz ergebenster
H. Vaihinger
Kommentar zum Textbefund
Kommentar der Herausgeber
1↑Kölner Rede gegen Preyer ] vgl. die Druckfassung: Vaihinger: Naturforschung und Schule. Eine Zurückweisung der Angriffe Preyers auf das Gymnasium vom Standpunkte der Entwicklungslehre. Ein Vortrag in der dritten allgemeinen Sitzung der 61. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte zu Köln am 22. September 1888 gehalten. Köln/Leipzig: Albert Ahn 1889.2↑Kampf gegen Preyer ] bzw. dessen Schrift: Naturforschung und Schule. Stuttgart: Speemann 1887. – William Thierry Preyer (1842–1897), Physiologe, war von 1869–1888 o. Prof. an der Universität Jena (ADB).3↑„Vorträgen und Abhandlungen“ ] vgl. Zeller: Drei deutsche Gelehrte: 3. Georg Gottfried Gervinus (Worte an seinem Grabe in Heidelberg den 20. März 1871 gesprochen). In ders.: Vorträge und Abhandlungen. Zweite Sammlung. Leipzig: Fues (Reisland) 1877, S. 372–379.4↑S. 38, 42, 43 ] Vaihinger zitiert in seiner Rede gegen Preyer aus Gervinus: Historische Schriften Bd. 7, Karlsruhe 1838.5↑auf Sie berufen ] vgl. in Vaihingers Rede gegen Preyer S. 51: Man vergleiche hierzu die vortrefflichen Bemerkungen gegen Preyer von E. Zeller in seinem Essay: „Über die Bedeutung der Sprache und des Sprachunterrichts für das geistige Leben“ im Märzheft der „Deutschen Rundschau“ von 1884, wiederabgedruckt in Zellers „Vorträgen und Abhandlungen“, zweite Sammlung 1884, bes. S. 147 ff.▲
