Titelaufnahme
- TitelErnst Bratuscheck an Vaihinger, o. O. [Gießen?], o. D. [Mai/Juni 1875], 4 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 3 f, Nr. 1
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- StandortStaats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 3 f, Nr. 1
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Ernst Bratuscheck an Vaihinger, o. O. [Gießen?], o. D. [Mai/Juni 1875], 4 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 3 f, Nr. 1
Sehr geehrter Herr Dr.
Anbei erhalten Sie den mir so eben zugegangenen Artikel gegen Seydel[1] zurück. Ich kann denselben wegen Raummangels nicht aufnehmen, besonders da er von Seydels Seite unfehlbar eine lange Erwiderung hervorrufen würde. Denn das Mißverständniß, das Sie ihm nachgewiesen zu haben glauben, wird er keineswegs zugeben. Sie operiren immer von der Voraussetzung aus, daß die Vorstellung toto genere[a] von der mechanischen Kraft verschieden und daher die Coexistenz ewig unerklärbar sei.[b] Aber auch wer Kant u. Fechner genau kennt, braucht dies nicht zuzugeben[c] und Sie gehen ein Wenig schnell[d] vor, wenn Sie eine abweichende Ansicht sogleich als Dogmatismus ansehen. Wenn es vom Standpunkt des Naturforschers ganz richtig ist, daß das Bewußtsein | sich nie auf mechanische Bewegung reduciren läßt, so folgt daraus noch keineswegs umgekehrt,[e] daß sich alle[f] mechanische Bewegung nicht auf Bewußtseinsacte als Ursache zurückführen läßt.[g] Das Gesetz der Erhaltung der Kraft würde dann[h] nur innerhalb der Grenzen des rein Mechanischen gelten und in der That ist es ja nur eine Hypothese, daß alle physiologischen Vorgänge sich erklären lassen ohne eine Causalität der Bewußtseinsacte anzunehmen. Man hat das Gesetz der Krafterhaltung bisher nur bei mechanischen Vorgängen empirisch nachgewiesen, mit denen das[i][j] Bewusstsein nicht concurrirt. Wenn nun Seydel z. B. sehr richtig zeigt[2], daß in einem physiologischen Vorgange Bewußtseinsacte dieselbe Rolle einnehmen, wie in einer mechanischen Causalitätsreihe rein mechanische Acte, so wäre zu prüfen, ob dies Schein[k] ist oder ob das mechanische Gesetz, sobald es mit dem Bewußtsein in Connex tritt, | nicht seine Schranke findet. Ebenso unerklärlich wie für die Physiologie die Thatsache des Bewußtseins[l] überhaupt ist, muß aber doch für sie auch der Zusammenhang derselben mit der physiologischen Mechanik sein; folglich muß sie auf ihrem[m] Gebiete, wo über die mechanischen Vorgänge selbst noch ein völliges Dunkel liegt, auch die Möglichkeit gelten lassen, das jener Zusammenhang ein causaler sei, daß mit andern Worten durch Bewußtseinsacte Kraft erzeugt werde. Dies ist keine Erzeugung aus Nichts[n]; denn es ist eine große Selbstüberhebung[o], wenn die Physiologie das Bewußtsein, weil sie es nicht erklären kann, als rechnerisch = 0 setzen will. Sie merken, daß nach der spiritualistischen Weltanschauung, der Herr Seydel folgt, das Bewußtsein selbst das Princip aller Causalität ist, die mechanische Causalität aber nur ein Moment, das sich wohl aus dem höheren Princip[p] | erklären[q] läßt. Gerade daß das Bewußtsein mechanisch unerklärbar ist, giebt jener Weltanschauung eine starke Stütze und die sogenannte „zwingende Gewalt“ des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft beweist eben deshalb nichts. Wenn Sie[r], statt den spiritualistischen Monismus[s] mit in Rechnung zu ziehen, nur Occasionalismus oder Spinoz[ismus] für möglich halten, so bedarf dies erst des Beweises, den Sie ja in Ihrem[t] angekündigten Buche[3] führen werden. Dort ist allein der Ort, Herrn Seydel gründlich zu widerlegen u. die Leser der Monatshefte werden dann in der Besprechung Ihres Buches auch Kenntniß davon erhalten. Eine vorhergehende weitläufige Polemik würde dagegen zu gar keinem Resultate führen und Sie müssen daher verzeihen, wenn ich den beschränkten Raum der M[onats] H[efte] dazu nicht hergebe.
Mit vollkommener Hochachtung ergebenst
Bratuscheck.
Kommentar zum Textbefund
Kommentar der Herausgeber
1↑gegen Seydel ] 1873 war erschienen: Widerlegung des Materialismus und der mechanischen Weltansicht. Ein Vortrag von Dr. Rudolf Seydel, a. o. Prof. an der Universität zu Leipzig. Berlin: Henschel, der u. a. gegen angebliche Irrtümer Friedrich Albert Langes gerichtet war. Lange attestierte Seydel daraufhin in der nächsten Auflage von Geschichte des Materialismus (Anmerkung 191) erstaunliche Naivität, worauf Seydel einen Artikel veröffentlichte: Zur Vertheidigung gegen F. A. Lange. In: Philosophische Monatshefte 11 (1875), S. 220–230. Gegen diesen Artikel wollte Vaihinger eine Erwiderung lancieren, vgl. Vaihinger an Friedrich Albert Lange vom 11.6.1875 (sowie vom 16.7.1875, wo Vaihinger eine öffentliche Diskussion der Kontroverse mit Seydel im Leipziger Philosophischen Verein ankündigt).2↑sehr richtig zeigt ] Bratuscheck referiert nach Seydel, Widerlegung des Materialismus und der mechanischen Weltansicht (1873) z. B. S. 17–18: Wie die blauen Linien der Depesche [nach einem Bespiel Friedrich Albert Langes, das Seydel kritisiert] sich zu dem Gedankeninhalte der Nachricht verhalten […]; ebenso, meine ich, verhält sich auch jeder physikalisch-chemische Vorgang im Gehirn, jede mechanische Bewegung der Gehirntheile, zu dem Gedankeninhalte […] Liesse sich dies beweisen, so wäre augenscheinlich das Unrecht der Tendenz, die durch Denkinhalte begründet, teleologische Causalität auf mechanische zurückzudeuten, damit zugleich bewiesen. – S. 28: Die mechanischen Vorgänge im Gehirn verhalten sich zu Gedankeninhalten höchstens immer nur wie Worte, wie Klänge, zu ihren erst noch hinzuzudenkenden Bedeutungen […]. – S. 13–14: Setzen wir nun den Fall, es liessen sich wirklich alle Vorgänge der Welt auf das einzige Gesetz der Schwere zurückführen […]: die Schwere selbst […] wäre dann immer noch übrig als ein Vorgang, welcher nicht mechanischer Natur sein könnte, weil er seinerseits nicht wieder auf eine übertragene Kraftthätigkeit zurückgeführt wäre, sondern als die letzte Quelle der Kraft, demnach als Folge einer Selbstthätigkeit übrig bleibe. […] es kann nicht Alles übertragen sein, denn das Uebertragene setzt irgendwo Ursprünglichkeit voraus; alles mechanische Geschehen hat deshalb seine Voraussetzung in einer Kraftthätigkeit, welche ihrerseits nicht mechanisch ist.3↑angekündigten Buche ] vgl. Vaihingers Rezension: Bedingungen des Bewusstwerdens. Eine physiologisch-psychologische Studie von Dr. Julian Ochorowicz. Leipzig, H. Matthes 1874 (118 Seiten). In: Philosophische Monatshefte 11 (1875), 6. Heft, S. 267–273 (https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11320593-3 (1.8.2024)), S. 270–271: Es erregt in der That ein gewisses Grauen, dass im Körper noch ein von unserem Hirnbewusstsein unabhängiges Bewusstsein [das sog. Rückenmarksbewusstsein] existiren soll und die Einheit unseres Bewusstseins wird dadurch, wie es scheint, wesentlich gefährdet. Aber meines Erachtens sind wir zu jener Annahme genöthigt […]. Ich kann diesen Punkt hier nicht weiter erörtern, werde ihn aber ausführlich in meiner im Laufe dieses Jahres erscheinenden gekrönten Preisschrift: „Beiträge zur Lehre vom Bewusstsein“ besprechen. Diese Schrift, im Sommer 1874 u. d. T. Die neueren Theorien des Bewußtseins nach ihrer metaphysischen Grundlage und ihrer Bedeutung für die Psychologie zugleich als Dissertation in Tübingen angenommen, hat Vaihinger nicht veröffentlicht (nach eigener Angabe ist die Arbeit angeblich nach damaliger Tübinger Sitte nicht durch den Druck vervielfältigt worden, vgl. Vaihinger: Wie die Philosophie des Als Ob entstand. In: Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen Bd. 2. Hg. v. Raymund Schmidt. Leipzig: Meiner 1921, S. 186, Anm.). Ein I+LXXII+580 S. starkes Ms. bzw. dessen msl. Abschrift befindet sich unter der Signatur MS. GERM. FOL. 1706 in der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz (2002 erworben aus dem Nachlass Arnold Kowalewskis; eine Kopie des zugrundeliegenden Ms. im UA Tübingen): Es sollen die neuen Theorien des Bewusstseins nach ihrer metaphysischen Grundlage und ihrer Bedeutung für die Psychologie entwickelt und geprüft werden. – Preisaufgabe der philosophischen Fakultät der Universität Tübingen für das Jahr 1872/1873. Korrigiertes Autograph des Verfassers, z. T. mit Bleistiftzusätzen von anderer Hand; unveröffentlicht. Das Manuskript wurde 1874 der Fakultät nochmals als Dissertation vorgelegt: Inauguraldissertation (Gekrönte Preisschrift). Über die neueren Theorien des Bewußtseins. Das Manuskript wurde 1933 an August Seidel […], u. a. Herausgeber der Festschrift für Hans Vaihinger zum 80. Geburtstag (Die Philosophie des Als Ob und das Leben, Berlin 1932) und Begründer der Vaihinger-Gesellschaft, geschickt. Seidel wollte es umarbeiten, ergänzen, bis zur Gegenwart fortführen und publizieren. Vaihinger dagegen schlug ihm Arnold Kowalewski als (kompetenteren) Herausgeber vor. 1934 setzte die Witwe Elisabeth Vaihinger offensichtlich die Abgabe des Manuskripts an Kowalewski durch (vgl. Brief an Kowalewski, Halle/Saale, 1.3.1934 im Nachlaß Kowalewski); https://staatsbibliothek-berlin.de/fileadmin/user_upload/zentrale_Seiten/handschriftenabteilung/abendlaendische_handschriften/pdf/Erwerbungen.pdf (1.8.2024) S. 214. Vgl. Arnold Kowaleski: Die „Einleitung“ der philosophischen Preisschrift Hans Vaihingers. In: Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft 25 (1938), S. 149–190 (S. 154–190 Abdruck der Einleitung Vaihingers von 1874).▲
