TY - THES A3 - Vieweger, Dieter A3 - Lippert, Hans-Georg AB - Im 19. Jahrhundert rückte Jerusalem in besonderer Weise in den Blick europäischer Reisender, Missionare, Theologen und Altertumsforscher. Das zunehmende Interesse an den biblischen Orten verband sich mit dem Wunsch, die Topografie der Heiligen Stadt genauer zu erfassen, ihre Bauwerke zu dokumentieren und die in den schriftlichen Quellen überlieferten Stätten historisch und archäologisch zu verorten. In diesem Umfeld wirkte Conrad Schick, der 1846 nach Jerusalem kam und sich dort über mehr als ein halbes Jahrhundert mit der Baugeschichte, Topografie und Archäologie Jerusalems auseinandersetzte. Als Missionar, Architekt, Stadtbaumeister und Autodidakt nahm er eine besondere Stellung ein. Seine Tätigkeit eröffnete ihm Zugang zu Gebäuden, unterirdischen Anlagen, Zisternen, Kanälen und den heiligen Stätten, die vielen anderen Forschern verschlossen blieben. Seine Beobachtungen fanden nicht nur Eingang in Berichte, Pläne und Zeichnungen, sondern auch in eine große Zahl von Modellen. Die vorliegende Arbeit widmet sich diesen Modellen Conrad Schicks und fragt nach ihrer Bedeutung für die Archäologie, die Jerusalemforschung des 19. Jahrhunderts und die kulturhistorische Wahrnehmung der heiligen Stätten. Schicks Modelle werden dabei nicht allein als handwerkliche und didaktische Objekte verstanden. Sie sind vielmehr räumliche Medien der Forschung und Vermittlung, in denen biblische Überlieferung, archäologische Beobachtung, historische Rekonstruktion, topografische Vermessung und theologische Deutung miteinander verbunden werden können. Ihre besondere Qualität liegt darin, dass sie nicht nur zeigen, sondern erklärbar machen: abnehmbare Dächer, herausnehmbare Baukörper, geöffnete Innenräume und sogar austauschbare historische Zeitabschnitte erlauben eine aktive Auseinandersetzung mit Bauphasen, verborgenen Strukturen und dem Verlauf des Felsuntergrunds. Damit wurden Schicks Modelle zu dreidimensionalen Argumenten innerhalb einer noch jungen, sich erst allmählich methodisch ausformenden Archäologie. Der erste Teil der Arbeit legt erstmals eine systematische und chronologisch geordnete Übersicht über die bekannten, verschollenen und nur archivalisch oder literarisch belegten Modelle Schicks vor. Behandelt werden die Modelle der Stiftshütte, die Reliefmodelle Jerusalems, die Modelle der Grabeskirche, die Tempelbergmodelle sowie weitere Einzelmodelle, etwa zur Geburtskirche in Bethlehem oder zu Einrichtungen der protestantischen Mission in Jerusalem. Erfasst werden Entstehungsgeschichte, Auftraggeber, Materialien, Maßstäbe, konstruktive Besonderheiten, Varianten, Kopien, spätere Überlieferung und heutiger Verbleib. Zugleich werden die einzelnen Modellgruppen kulturhistorisch eingeordnet. Denn Schicks Modelle stehen nicht für sich allein, sondern sind Teil einer breiteren europäischen Beschäftigung mit dem Heiligen Land, in der religiöse Bildung, missionarische Vermittlung, wissenschaftlicher Erkenntnisdrang, koloniale Perspektiven und museale Präsentationsformen eng miteinander verflochten waren. Der zweite Teil der Arbeit führt von den historischen Modellen zu einer gegenwärtigen dreidimensionalen Rekonstruktion. Im Mittelpunkt steht der Untergrund der Grabeskirche und ihrer Umgebung, mit dem sich Schick seit den frühen 1860er Jahren immer wieder beschäftigte. Ausgangspunkt sind sein „Plan and 16 Sections of the Ground of the Church of the Holy Sepulchre and surroundings at Jerusalem“ von 1897–98 sowie weitere Pläne, Schnitte und Beschreibungen aus dem Archiv des Palestine Exploration Fund. Diese bislang nicht umfassend ausgewerteten Quellen dokumentieren Felsprofile, Höhlen, Zisternen, den antiken Steinbruch und bauliche Strukturen eines der zentralen Areale der Archäologie Jerusalems. Auf ihrer Grundlage wird ein dreidimensionales Computermodell erstellt, das Schicks Beobachtungen räumlich nachvollziehbar macht und mit späteren archäologischen Befunden, insbesondere den Arbeiten von Virgilio Corbo sowie Shimon Gibson und Joan E. Taylor, abgeglichen wird. Die digitale Rekonstruktion versteht sich dabei nicht als endgültige Wiederherstellung eines vergangenen Zustands, sondern als Arbeitsmodell. Sie macht sichtbar, wo Schicks Angaben bis heute tragfähig erscheinen, wo sie durch spätere Grabungen ergänzt oder korrigiert werden müssen und wo offene Fragen bestehen bleiben. Gerade darin schließt sie an Schicks eigene Modellpraxis an. Auch seine Modelle waren keine bloßen Schaustücke, sondern veränderbare Versuchsanordnungen, in denen Beobachtungen, Hypothesen und Deutungen räumlich überprüft werden konnten. Die Überführung seiner analogen Modelle und Zeichnungen in eine digitale Form zeigt, dass historische Modellpraxis und computergenerierte 3D-Modelle nicht gegensätzlich zu verstehen sind, sondern auf vergleichbare Weise der Ordnung komplexer Befunde und der Diskussion archäologischer Fragestellungen dienen können. Die vorliegende Arbeit zeigt auf, dass Conrad Schicks Modelle und Zeichnungen trotz ihrer zeitgebundenen Voraussetzungen einen bleibenden Quellenwert besitzen. Sie bewahren Informationen zu Bereichen Jerusalems, die heute verändert, überbaut oder nur eingeschränkt zugänglich sind, und dokumentieren zugleich die Entstehung einer Forschungspraxis, in der Überlieferung, historische Texte, materielle Befunde und räumliche Rekonstruktionen aufeinander bezogen wurden. Für die Archäologie sind sie daher in doppelter Hinsicht bedeutsam: als historische Zeugnisse einer frühen wissenschaftlichen Beschäftigung mit den heiligen Stätten und als Datenträger, die auch gegenwärtige Forschungen zur Topografie und Baugeschichte Jerusalems unterstützen können. Damit leistet die Dissertation einen Beitrag zur Erforschung des Lebenswerks Conrad Schicks, zur Wissenschaftsgeschichte der Archäologie der Levante und zur methodischen Diskussion über Modelle als Erkenntnisinstrumente. Sie verbindet archivalische Grundlagenforschung, Objektanalyse, Baugeschichte, Topografie und digitale Rekonstruktion und zeigt auf, wie Schicks Modelle und Publikationen zwischen Glaubensvermittlung, historischer Forschung und räumlicher Wissensvermittlung zu verorten sind. AU - Siegel, Holger CY - Wuppertal DO - 10.25926/BUW/0-1042 DP - Bergische Universität Wuppertal KW - Conrad Schick KW - Jerusalem KW - Biblische Archäologie KW - Archäologie der Levante KW - Palästinaforschung KW - 19. Jahrhundert KW - Grabeskirche KW - Tempelberg KW - historische Modelle KW - Architekturmodelle KW - topografische Modelle KW - Baugeschichte KW - historische Topografie KW - 3D-Rekonstruktion KW - digitale Archäologie KW - Palestine Exploration Fund KW - protestantische Mission KW - Kulturgeschichte KW - Biblical Archaeology KW - Archaeology of the Levant KW - Palestine Exploration KW - nineteenth century KW - Church of the Holy Sepulchre KW - Temple Mount KW - historical models KW - architectural models KW - topographical models KW - architectural history KW - historical topography KW - 3D reconstruction KW - digital archaeology KW - Protestant mission KW - cultural history LA - ger N1 - Bergische Universität Wuppertal, Dissertation, 2025 PB - Bergische Universität Wuppertal PY - 2024 SP - 1 Online-Ressource (415 Seiten) : Illustrationen, Karten, Pläne T2 - Geschichte TI - Die Modelle Conrad Schicks sowie eine dreidimensionale Analyse zu seinen späten Zeichnungen der Grabeskirche und ihrer Umgebung UR - https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hbz:468-2-7289 Y2 - 2026-09-17T08:47:10 ER -