TY - THES AB - Die Dissertation untersucht, inwieweit perspektivabhängige Ausdrücke aus der Sicht eines vom Sprecher verschiedenen Diskursreferenten interpretiert werden können, wenn sie in eine Form der Rede- oder Gedankenwiedergabe eingebettet sind. In der Forschungsliteratur herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass die indirekte Rede (IR) im Gegensatz zur direkten Rede (DR) und zur erlebten Rede (ER) nur den Kontext des aktuellen Sprechers widerspiegeln kann, der in der Regel als standardmäßiges perspektivisches Zentrum fungiert. Das primäre Ziel der Arbeit ist es, substanzielle theoretische und empirische Evidenz gegen den etablierten Konsens zu erbringen: Ich stelle die These auf, dass bestimmte perspektivabhängige Ausdrücke, insbesondere temporaldeiktische Ausdrücke wie „heute“, die Perspektive des Matrixsubjekts - den eigentlichen 'Autor' der wiedergegebenen Äußerung/des wiedergegebenen Gedankens - des IR-Satzes widerspiegeln können, sofern bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Die Arbeit konzentriert sich auf drei Schlüsselfaktoren, die ich als entscheidend für die Ermöglichung eines Perspektivwechsels in IR betrachte: (i) narrativer Kontext; (ii) Diskursprominenz und (iii) Art des propositionalen Einstellungsverbs. Ich führe eine Reihe experimenteller Studien durch, um den Einfluss der ersten beiden Faktoren auf die Perspektivinterpretation sowohl bei IR als auch bei ER zu ermitteln. Es ist eine der zentralen Thesen der Arbeit, dass Sätze der IR in einen eindeutig narrativen Kontext eingebettet sein müssen, um ihr volles perspektivisches Potenzial auszuschöpfen, da der Erzählung ein inhärentes Potenzial für Multiperspektivität innewohnt. Die Ergebnisse des ersten Experiments, einer Akzeptabilitätsstudie, zeigen, dass bei einem klar narrativen Kontext verschobene Lesarten von temporaldeiktischen Ausdrücken von deutschen Muttersprachlern in der IR als völlig natürlich empfunden werden, selbst wenn sie in direktem Kontrast mit vergleichbaren DR- und ER-Sätzen stehen. Die Ergebnisse einer weiteren Studie, in der die möglichen Interpretationen von IR in narrativen und konversationellen Kontexten verglichen wurden, bestätigen, dass im letzteren Fall der Sprecher das stark bevorzugte perspektivische Zentrum darstellt. Im Gegensatz dazu zeigten Items mit narrativem Kontext stattdessen eine klare Präferenz für den Protagonisten. Beide Studien untersuchten zugleich den Einfluss von Diskursprominenz: Wie in Hinterwimmer (2019) argumentiert, stehen nur Diskursreferenten, die im vorangehenden Diskurskontext als maximal prominent hervorgehoben werden, als perspektivischer Anker der ER zur Verfügung. Bisherige empirische Studien haben gezeigt, dass die Interpretation von ER signifikant von der relativen Prominenz der Protagonisten und des Erzählers beeinflusst wird: Lokal prominente Protagonisten werden insgesamt als perspektivische Zentren bevorzugt, obwohl diese Präferenz in Kontexten abgeschwächt wird, in denen die Prominenz des Erzählers durch die Verwendung von Pronomen der ersten Person erhöht wurde. Die zweite zentrale These der Dissertation lautet, dass Diskursprominenz eine vergleichbare Rolle bei der Bestimmung des perspektivischen Zentrums von IR spielt. Dies wird durch die Ergebnisse der Studie belegt: Während der Protagonist in narrativen Kontexten im Allgemeinen als perspektivisches Zentrum bevorzugt wurde, zeigten die Ergebnisse eine signifikant höhere Tendenz zur Auswahl des Erzählers in Geschichten mit einem homodiegetischen Ich-Erzähler, was dem Effekt bei der ER entspricht. Abschließend stelle ich eine Klassifizierung von propositionalen Einstellungsverben vor, die in erster Linie darauf basiert, ob das jeweilige Einstellungsverb eine neo-davidsonische Ereignisvariable in seiner Argumentstruktur enthält. Ich argumentiere, dass die weitverbreiteten Annahmen über das vermeintliche Verbot von Perspektivwechseln in der IR teilweise darauf zurückzuführen sind, dass die potenziellen Unterschiede zwischen den verschiedenen Typen von Einstellungsverben nicht erkannt und berücksichtigt werden: Propositionale Einstellungsverben bilden jedoch eine sehr heterogene Klasse, welche nicht nur Verben umfasst, die bewusste Sprech- oder Denkereignisse wiedergeben, sondern auch Verben wie „glauben“ oder „wissen“, die stattdessen eher einen abstrakten mentalen Zustand des Diskursreferenten beschreiben. Da ER-Sätze hingegen immer tatsächliche Sprach- oder Gedankenereignisse abbilden, sollten für eine vergleichende Analyse von IR und ER nur die erstgenannte Gruppe von Verben betrachtet werden. Es werden erste theoretische Belege vorgelegt, um zu veranschaulichen, dass Sätze der IR mit einer forcierten Lesart als Denkereignis ein erhöhtes Potenzial für Multiperspektivität besitzen, ähnlich dem der ER. Die Ergebnisse der Untersuchung verdeutlichen somit, dass für dieselben Elemente in der IR ein Perspektivwechsel möglich ist wie in der ER, welche häufig als Hybridform von IR und DR definiert wurde, und dass darüber hinaus Perspektivwechsel bei beiden Formen der Rede- und Gedankenwiedergabe durch dieselben Faktoren ermöglicht werden. Die Ergebnisse deuten somit auf eine viel engere Beziehung zwischen IR und ER hin, als bisher in der Forschung angenommen wurde. AU - Saure, Christopher CY - Wuppertal DO - 10.25926/BUW/0-1011 DP - Bergische Universität Wuppertal KW - Perspektive KW - Blickwinkel KW - Perspektivwechsel KW - Indirekte Rede KW - IR KW - Erlebte Rede KW - ER KW - Direkte Rede KW - DR KW - Deixis KW - Deiktischer Ausdruck KW - perspektivabhängig KW - temporaldeiktisch KW - Narration KW - Doppelkontextanalyse KW - Diskursprominenz KW - perspektivisches Zentrum KW - Propositionale Einstellungsverben KW - Ereignisvariable KW - Denkereignis KW - Erzähler KW - narrativer Kontext KW - homodiegetisch KW - Ich-Erzähler KW - experimentelle Studie KW - Akzeptabilitätsstudie KW - perspective KW - viewpoint KW - perspective shift KW - indirect discourse KW - ID KW - free indirect discourse KW - FID KW - direct discourse KW - DD KW - deixis KW - indexical KW - perspective-dependent KW - temporal indexical KW - narration KW - double-context analysis KW - discourse prominence KW - prominence-lending cues KW - perspectival center KW - propositional attitude verbs KW - event variable KW - thought event KW - narrator KW - narrative context KW - homodiegetic KW - first-person narrator KW - experimental study KW - acceptability rating study KW - forced choice study KW - continuous scale choice study LA - eng N1 - Bergische Universität Wuppertal, Dissertation, 2025 PB - Veröffentlichungen der Universität PY - 2025 SP - 1 Online-Ressource (VIII, 290 Seiten) T2 - Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften TI - On the interpretation of perspective-dependent expressions in the complement clauses of propositional attitude verbs UR - https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hbz:468-2-6977 Y2 - 2026-05-16T21:01:31 ER -