TY - THES AB - Jährlich sind Tausende Menschen von den Auswirkungen von Krisen- und Katastrophensituationen betroffen. Sie finden sich beispielsweise ohne Zugang zu Strom oder Wasser wieder, werden von der Außenwelt abgeschnitten oder sehen sich mit einer tiefen Verunsicherung konfrontiert, die aus der potenziellen Bedrohung und Unvorhersehbarkeit solcher Situationen resultiert. Aktuelle Ereignisse wie der Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt im Dezember 2024 verdeutlichen nicht nur die Anfälligkeit moderner Gesellschaften gegenüber Krisensituationen, sondern auch die weitreichenden psychosozialen Folgen, die weit über die direkt Betroffenen hinausreichen. So führte dieser Vorfall dazu, dass sich viele Menschen auch auf anderen Weihnachtsmärkten Gedanken über die Möglichkeit weiterer Anschläge machten. Diese Entwicklung, insbesondere durch die Erinnerung an vergleichbare Ereignisse wie den Anschlag am Berliner Breitscheidplatz im Jahr 2016, beeinflusste das subjektive Sicherheitsempfinden der Bevölkerung und verdeutlicht die Notwendigkeit, psychosoziale Aspekte stärker in den Fokus des Krisenmanagements zu rücken. Ein effektives Krisenmanagement erfordert daher die angemessene Berücksichtigung psychosozialer Aspekte bei Entscheidungsfindung und Maßnahmenplanung, sogenanntes Psychosoziales Krisenmanagement. Für fundierte Entscheidungen im Psychosozialen Krisenmanagement ist es jedoch essenziell, über Informationen wie unter anderem die Anzahl der direkt und indirekt Betroffenen, ihre soziodemografischen Merkmale sowie ihre individuellen Bedarfe und Ressourcen zu verfügen. Diese Informationen werden in einem sogenannten Psychosozialen Lagebild zusammengeführt. Die Erhebung solcher Daten gestaltet sich jedoch als herausfordernd, da viele psychosoziale Prozesse individuell sind und von außen oft nicht unmittelbar erkennbar sind. Daher ist die Lagefeststellung im Psychosozialen Krisenmanagement besonders auf direkte Aussagen der betroffenen Personen oder Indikatoren angewiesen, die Rückschlüsse auf die psychosoziale Situation erlauben. Hier bietet die Analyse der Kommunikation im digitalen Interaktionsraum, insbesondere in sozialen Medien, eine vielversprechende Möglichkeit. Während Krisen- und Katastrophensituationen jeder Art verfolgt die globale Öffentlichkeit das Ausmaß der Verwüstung über soziale Netzwerke. Die in sozialen Medien geteilten Informationen und Aktualisierungen zu Krisensituationen bieten potenziell eine wertvolle Grundlage zur Datensammlung und können damit das Situationsbewusstsein im Krisenmanagement unterstützen. Die Analyse dieser Daten ermöglicht es nicht nur, die Wahrnehmung und das Verständnis der Situation seitens der Bevölkerung zu erfassen, sondern auch Maßnahmen gezielt darauf abzustimmen. Dadurch wird die Basis geschaffen, um ein Psychosoziales Lagebild des digitalen Raumes zu erstellen und die Entscheidungsgrundlagen im Psychosozialen Krisenmanagement zu erweitern.In diesem kontextuellen Rahmen der drei Dimensionen „Lagefeststellung im Krisenmanagement“, „Psychosozialität“ und „netzbasierter Interaktionsraum“ widmet sich die vorliegende Arbeit anhand von drei zentralen Forschungsfragen dem Untersuchungsfokus, wie der netzbasierte Interaktionsraum als Informationsquelle im Psychosozialen Krisenmanagement genutzt werden kann und welche Implikationen sich daraus für die Erstellung eines psychosozialen Lagebilds des digitalen Raumes ergeben. Zur Beantwortung dieser Fragestellungen wurden eine Vielzahl methodischer Ansätze herangezogen, die qualitative und quantitative, experimentelle und nicht-experimentelle, partizipative und beobachtende sowie deduktive und induktive Verfahren umfassen. Ziel war es, sowohl die Perspektive der Bevölkerung als auch die Sichtweise von Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben auf die psychosoziale Nutzung sozialer Medien in Krisen- und Katastrophensituationen systematisch zu analysieren. Zur Analyse der Bevölkerungsperspektive wurden zwei sich ergänzende Befragungen durchgeführt. Einerseits erfolgte eine repräsentative Panelbefragung unter deutschen Internetnutzern, um allgemeine Trends und Einstellungen zu erfassen. Andererseits wurde eine ereignisspezifische offene Webumfrage zur Flutkatastrophe 2021 im Kreis Euskirchen durchgeführt, um konkrete Einblicke in die Nutzung sozialer Medien in einer spezifischen Krisensituation zu gewinnen. Die technischen Möglichkeiten zur Extraktion psychosozialer Informationen aus sozialen Medien (ausgewählte Aspekte der Perspektive der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben) wurden in einer umfassenden Scoping Review untersucht. Aus ursprünglich 932 Studien konnten 128 thematisch relevante Arbeiten identifiziert und analysiert werden. Zudem wurden manuelle Möglichkeiten aus einer detaillierten Untersuchung der organisationalen Vorgehensweise von Virtual Operations Support Teams abgeleitet. Hierbei wurden sowohl Prozessmodelle zur Kollaboration basierend auf der Business Process Model and Notation 2.0 entwickelt als auch qualitative Erkenntnisse aus World-Café-Diskussionen und Arbeitsgruppen gewonnen. Die praktische Anwendbarkeit der gewonnenen Erkenntnisse wurde durch eine Mehrfallstudie zu zwei hydrologischen Extremereignissen in Deutschland validiert: das Weihnachtshochwasser 2023 und das Juni-Hochwasser 2024. Dabei wurden über 700.000 Beiträge aus sozialen Medien analysiert.Die Ergebnisse zeigen, dass die Bevölkerung Soziale Medien aktiv zur Kommunikation psychosozialer Aspekte in Krisen- und Katastrophensituationen nutzt, wobei sich eine Diskrepanz zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Nutzung der Sozialen Medien offenbart. Zur Erfassung dieser digitalen Kommunikation existieren sowohl technische als auch manuelle Vorgehensweisen: Technische Ansätze fokussieren primär auf lexikonbasierte Analysemethoden zur Erfassung von Emotionen und Sentiment, während die manuelle Analyse durch Virtual Operations Support Teams eine etablierte Ergänzung darstellt, die einen stärkeren Fokus auf die einsatzbezogene und dynamische Erfassung von Informationen aus den Sozialen Medien bewirkt. Die Fallstudien zum Weihnachtshochwasser 2023 und Juni-Hochwasser 2024 verdeutlichen zudem, dass digitale Aktivitätshöhepunkte mit analogen Ereignishöhepunkten korrelieren und charakteristische Phasenmuster in der Themenentwicklung aufweisen. Die Kommunikation erweist sich dabei in der Krisen- und Katastrophensituation als emotional intensiver, insbesondere hinsichtlich der Emotionen Wut, Angst und Trauer. Ein direkter Zusammenhang zwischen geäußerten Bedarfen und angebotenen Ressourcen unterstreicht darüber hinaus die digitale Unterstützungsbereitschaft der Bevölkerung. Die Triangulation dieser Erkenntnisse verdeutlicht, dass Daten aus sozialen Medien allein keine vollständige Grundlage für ein psychosoziales Lagebild darstellen. Dennoch können sie als Frühwarnsystem für psychosoziale Entwicklungen im digitalen Raum dienen. Durch die systematische Erfassung von Indikatoren wie Stimmungsveränderungen, aufkommenden Bedarfen und kollektiven Verhaltensweisen bieten sie wertvolle Ansätze zur Unterstützung des Psychosozialen Krisenmanagements. AU - Müller, Francesca CY - Wuppertal DA - 2025 DO - 10.25926/BUW/0-849 DP - Bergische Universität Wuppertal KW - Soziale Medien KW - Digitale Kommunikation KW - Lagefeststellung KW - Lagebild KW - Lagebild des digitalen Raumes KW - Krisenmanagement KW - Krisen- und Katastrophensituationen KW - Psychosoziales Krisenmanagement KW - Psychosoziales Lagebild KW - Psychosoziales Lagebild des digitalen Raumes KW - Lagebild Bevölkerungsverhalten KW - mentale Gesundheit KW - Krisenkommunikation KW - digitale Öffentlichkeit KW - Situationsbewusstsein KW - Virtual Operations Support Teams KW - Social Media Analysis KW - Online-Befragungen KW - Scoping Review KW - Fokusgruppen KW - Latente Klassenanalyse KW - Sentimentanalyse KW - Business Process Model and Notation 2.0 KW - Weihnachtshochwasser 2023 KW - Junihochwasser 2024 KW - Flutkatastrophe 2021 KW - Social Media KW - Digital Communication KW - Situation Assessment KW - Situation Picture KW - Situation Picture of the Digital Space KW - Crisis Management KW - Crisis and Disaster Situations KW - Psychosocial Crisis Management KW - Psychosocial Situation Picture KW - Psychosocial Situation Picture of the Digital Space KW - Situation Picture of Population Behavior KW - Mental Health KW - Crisis Communication KW - Digital Public Sphere KW - Situational Awareness KW - Virtual Operations Support Teams (VOST) KW - Online Surveys KW - Focus Groups KW - Latent Class Analysis KW - Sentiment Analysis KW - Business Process Model and Notation 2.0 (BPMN 2.0) KW - Christmas Flood 2023 KW - June Flood 2024 KW - Flood Disaster 2021 LA - ger N1 - Bergische Universität Wuppertal, Dissertation, 2025 PB - Veröffentlichungen der Universität PY - [2025] SP - 1 Online-Ressource (xiv, 375 Seiten) : Illustrationen, Diagramme T2 - Sicherheitstechnik TI - Informative Funktion der digitalen Kommunikation im psychosozialen Krisenmanagement: Erkenntnisse und Grundlagen für ein psychosoziales Lagebild des digitalen Raumes UR - https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hbz:468-2-5696 Y2 - 2026-01-18T03:03:05 ER -