<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"><head profile="http://dublincore.org/documents/dcq-html/"><meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=UTF-8"/><title>Windelband an Harry Bresslau, Heidelberg, 26.10.1906, 4 S., hs. (lat. Schrift), Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, Nachlass Bresslau</title><link rel="schema.DC" href="http://purl.org/dc/elements/1.1/"/><link rel="schema.DCTERMS" href="http://purl.org/dc/terms/"/><meta name="DC.publisher" content="University of Wuppertal"/><meta name="DC.subject" content="Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband"/><meta name="DC.creator" content="Jörn Bohr"/><meta name="DC.creator" content="Gerald Hartung"/><meta name="DC.contributor" content="Bülow &amp; Schlupkothen XML services"/><meta name="DC.identifier" content="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000473-6"/><style type="text/css">
.ED-TEI {
font-family: serif;
line-height: 1.2em;
}
.ED-text {
border: 1px solid LightGray;
padding: 1em;
}
.ED-titleStmt,
.ED-app-title {
font-size: 1.1em;
font-family: serif;
font-style: italic;
font-weight: normal;
margin: 2em 0em 1em;
}
.ED-dateline {
text-align: right;
margin: 0em;
margin-top: 1em;
}
.ED-title,
.ED-p,
.ED-salute,
.ED-signed,
.ED-docAuthor {
text-indent: 0em;
margin: 0em;
margin-top: 1em;
}
.ED-p + .ED-p {
text-indent: 1em;
margin: 0em;
}
.ED-title + .ED-title,
.ED-dateline  + .ED-dateline,
.ED-salute    + .ED-salute,
.ED-signed    + .ED-signed,
.ED-docAuthor + .ED-docAuthor {
margin: 0em;
}
.ED-back,
.ED-postscript {
border: 1px solid LightGray;
margin: 1em 0em;
}
.ED-add,
.ED-pb {
color: Gray;
}
.ED-label-formprint {
font-family: sans-serif;
}
sup {
vertical-align: super;
font-size: 80%;
line-height: 100%;
}
a.ED-anchor {
font-style: normal;
vertical-align: super;
font-size: 80%;
line-height: 100%;
}
.ED-text-lem {
text-decoration: underline dotted;
}
.ED-app-philological,
.ED-app-editorial {
position: relative;
margin: .3em 0em;
margin-left: 2.5em;
font-style: italic;
}
.ED-app-num {
left: -2.5em;
}
.ED-app-corresp {
left: -.8em;
}
.ED-app-num,
.ED-app-corresp {
position: absolute;
text-indent: 0em;
font-style: normal;
}
.ED-lem,
.ED-lem-sep,
.ED-rdg {
font-style: normal;
}</style></head><body><div class="ED-TEI"><p class="ED-titleStmt"><span class="ED-persName-sent">Windelband</span> an <span class="ED-persName-received">Harry Bresslau</span>, <span class="ED-location-sent">Heidelberg</span>, <span class="ED-date">26.10.1906</span>, <span class="ED-note">4 S., hs. (lat. Schrift)</span>, <span class="ED-pubPlace">Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, Nachlass Bresslau</span></p><div class="ED-text"><p class="ED-dateline">Heidelberg, 26.10.06</p><p class="ED-salute">Hochgeehrter Herr College,</p><p class="ED-p">Die Freude und namentlich ihre beste Art, die Schadenfreude, ist doch ein <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-1" title="ethisches Princip ] Anspielung nicht aufgelöst, womöglich scherzhaft in Erinnerung an Kants kategorischen Imperativ.&#xD;&#xA;">ethisches Princip</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-1" id="app-editorial-1-ref" title="ethisches Princip ] Anspielung nicht aufgelöst, womöglich scherzhaft in Erinnerung an Kants kategorischen Imperativ.">[1]</a>! sie löst bei mir den lange bestehenden Trieb, Ihnen zu schreiben, endlich zur Erfüllung aus. Es war mir lebhaftes Bedürfnis, direct von Ihnen etwas zu hören. Wir haben ja beide leider ähnliche Herbstgeschicke gehabt. Mich überfiel – sogleich nach jenen Ende Juli-Tagen, in denen ich Sie in Str<span class="ED-add">[aßburg]</span> traf – das Residio meiner <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-2" title="Phlebitis ] Venenentzündung; vgl. Windelband an Karl Dilthey vom 7.8.1906.&#xD;&#xA;">Phlebitis</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-2" id="app-editorial-2-ref" title="Phlebitis ] Venenentzündung; vgl. Windelband an Karl Dilthey vom 7.8.1906.">[2]</a> gerade noch rechtzeitig, um mich vom Engadin fernzuhalten, und ich habe dann in dem Waldfrieden von Villingens famosen Hôtel den Ersatz des „Idylls der alten Leute“ gefunden: Sie hat die <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-3" title="Moira ] Schicksalsgöttin&#xD;&#xA;">Moira</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-3" id="app-editorial-3-ref" title="Moira ] Schicksalsgöttin">[3]</a> tückischer von jenen idealen Höhen herabgetrieben. Es hat mir und meiner Frau sehr leid getan, als <span class="ED-pb">|</span> wir – erst spät – von diesem Ihrem Missgeschick erfuhren; aber nach dem, was wir jetzt hören, dürfen wir ja glücklicherweise hoffen, dass die <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-4" title="Attacke ] eine Herzattacke, vgl. Kommentar zu Windelband an Bresslau vom 15.5.1907.&#xD;&#xA;">Attacke</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-4" id="app-editorial-4-ref" title="Attacke ] eine Herzattacke, vgl. Kommentar zu Windelband an Bresslau vom 15.5.1907.">[4]</a> in der Hauptsache ebenso erledigt ist, wie bei mir. Wünschen wir uns gegenseitig einen guten erholsamen Winter! Wir haben ja beide auch wieder etwas <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-5" title="Baden-Baden ] vgl. Windelband an Paul Siebeck vom 5.10.1906&#xD;&#xA;">Baden-Baden</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-5" id="app-editorial-5-ref" title="Baden-Baden ] vgl. Windelband an Paul Siebeck vom 5.10.1906">[5]</a> vorgelegt, – leider zu verschiedenen Zeiten! <span class="ED-name">Goette</span> wird Ihnen meine Grüsse gebracht haben.</p><p class="ED-p">Mit dem jähen Semesterschluss, wo ich vierzehn Tage zu Bett liegen und alles Nötigste schriftlich, <abbr title="das heißt" class="ED-abbr">d. h.</abbr> <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-6" title="dictando ] vgl. Windelband an Hermann Diels vom 2.3.1907&#xD;&#xA;">dictando</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-6" id="app-editorial-6-ref" title="dictando ] vgl. Windelband an Hermann Diels vom 2.3.1907">[6]</a> erledigen musste, ist auch Manches in Vergessenheit geraten; und so bitte ich um Entschuldigung dafür, dass ich erst jetzt beim Aufräumen der Kammerakten daran erinnert worden bin, dass ich Ihnen unsern Kultur-Etat zu schicken versprochen hatte. <span class="ED-pb">|</span> Für den Fall und in der Hoffnung, dass es nicht zu spät für <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-7" title="Ihren Zweck ] nicht ermittelt&#xD;&#xA;">Ihren Zweck</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-7" id="app-editorial-7-ref" title="Ihren Zweck ] nicht ermittelt">[7]</a> ist, lasse ich ihn hierbei <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-8" title="unter Kreuzband ] Versandform für Drucksachen&#xD;&#xA;">unter Kreuzband</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-8" id="app-editorial-8-ref" title="unter Kreuzband ] Versandform für Drucksachen">[8]</a> Ihnen zugehen und lege meine <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-9" title="Schloss-Rede bei ] liegt nicht bei, vgl. Windelband: [Debattenbeitrag in der Diskussion über die Herstellungsarbeiten am Heidelberger Schloß]. In: Verhandlungen der Ersten Kammer der Stände-Versammlung des Großherzogtums Baden in den Jahren 1905/1906. Protokollheft. Enthaltend die Protokolle der Ersten Kammer. Karlsruhe: Buchdruckerei Fidelitas 1906. 32./33. öffentliche Sitzung v. 19.7.1906, S. 784–788 u. S. 810.&#xD;&#xA;">Schloss-Rede bei</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-9" id="app-editorial-9-ref" title="Schloss-Rede bei ] liegt nicht bei, vgl. Windelband: [Debattenbeitrag in der Diskussion über die Herstellungsarbeiten am Heidelberger Schloß]. In: Verhandlungen der Ersten Kammer der Stände-Versammlung des Großherzogtums Baden in den Jahren 1905/1906. Protokollheft. Enthaltend die Protokolle der Ersten Kammer. Karlsruhe: Buchdruckerei Fidelitas 1906. 32./33. öffentliche Sitzung v. 19.7.1906, S. 784–788 u. S. 810.">[9]</a>.</p><p class="ED-p">Aber nun zurück zu Anfang und zu meiner Freude über den <span class="ED-name"><span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-10" title="Gundlach’schen Artikel in der Frankfurter ] vgl. Wilhelm Gundlach: Das preussische Kultusministerium Althoff und die Monumenta Germaniae historica. In: Frankfurter Zeitung, Nr. 295 v. 25.10.1906, S. 1–3. Der Verfasser Wilhelm Gundlach polemisierte seit seiner Entlassung 1892 öffentlich gegen die Leitung der Monumenta, namentlich gegen Michael Tangl, vgl. Andrea Rzihacek u. Christoph Egger: Michael Tangl (1861–1921). Ein Österreicher in Berlin. In: Karel Hruza (Hg.): Österreichische Historiker. Lebensläufe und Karrieren 1900–1945 Bd. 2. Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2012, S. 23–84, hier: 60–64. Vgl. die Notiz des Hg. Gerhard Seeliger in: Historische Vierteljahrschrift 10 (1907), S. 125: Im Morgenblatt der Frankfurter Zeitung vom 21. Oktober 1906 hat der Privatgelehrte Prof. Dr. Wilhelm Gundlach einen rein persönlichen Angriff auf Prof. M. Tangl in Berlin veröffentlicht. Der Artikel ward von der Tagespresse mit Angriffen in Verbindung gebracht, die Gundlach schon früher und wiederholt gegen die Centraldirektion der Monumenta Germaniae historica, deren Mitglied Tangl ist, gerichtet hatte. Deshalb sei hier seiner gedacht. – Gundlach weiß zu erzählen, daß nach Wattenbachs Tode Prof. H. Bresslau in Straßburg „mit seiner Bewerbung“ um das freigewordene Ordinariat für historische Hilfswissenschaften an der Berliner Universität zurückgewiesen worden sei, daß aber der allmächtige Ministerialdirektor Althoff den Lehrstuhl an einen „Schützling des Ultramontanismus“, an den „ungenügend qualifizierten Tangl“ ausgeliefert habe. Und diese Beförderung habe nur deshalb „nicht denselben Sturm der Entrüstung unter den deutschen Universitätslehrern erregt“, wie 1901 die Ernennung Spahns, weil Tangl „viel bedächtiger und langsamer vorgeschoben wurde“. – Es ist im höchsten Maße zu bedauern, daß ein Mann der Wissenschaft, der seine Lebensaufgabe im Suchen nach Wahrheit sieht, mit solchen Behauptungen auftritt, die in allen Punkten auf das schroffste den Tatsachen widersprechen. Es bedarf kaum der Bemerkung, daß eine „Bewerbung“ Bresslaus nicht stattgefunden hat, ja überhaupt gar nicht stattfinden konnte. In Wahrheit wurde Tangl wegen seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit 1895 aus Wien nach Marburg berufen, er wurde sodann auf Vorschlag der Fakultät als ao. Professor nach Berlin versetzt und schließlich nach Wattenbachs Tode, wiederum auf Grund eines Fakultätsvorschlages, zum Ordinarius ernannt. Er ist einer jener Katholiken, die in ihrer gesamten Geistesrichtung unseren deutschen Universitäten weit inniger angehören als manche norddeutschen Protestanten. — Will Gundlach Einwände gegen die Leitung des großen geschichtswissenschaftlichen Unternehmens der Monumenta erheben, so tue er es in sachlicher und angemessener Art, aber er erneuere nicht immer wieder Angriffe, die weit über das Ziel hinausschießen und berechtigte Wünsche, so den nach Einführung der deutschen Sprache in den Einleitungen der Ausgaben, von vorne herein um jeden Erfolg bringen. Vgl. im selben Jg. S. 589 die Meldung: Am 26. Okt. [1907] starb im Alter von 48 Jahren Professor Dr. Wilhelm Gundlach in Charlottenburg.&#xD;&#xA;">Gundlach’schen</span></span><span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-10" title="Gundlach’schen Artikel in der Frankfurter ] vgl. Wilhelm Gundlach: Das preussische Kultusministerium Althoff und die Monumenta Germaniae historica. In: Frankfurter Zeitung, Nr. 295 v. 25.10.1906, S. 1–3. Der Verfasser Wilhelm Gundlach polemisierte seit seiner Entlassung 1892 öffentlich gegen die Leitung der Monumenta, namentlich gegen Michael Tangl, vgl. Andrea Rzihacek u. Christoph Egger: Michael Tangl (1861–1921). Ein Österreicher in Berlin. In: Karel Hruza (Hg.): Österreichische Historiker. Lebensläufe und Karrieren 1900–1945 Bd. 2. Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2012, S. 23–84, hier: 60–64. Vgl. die Notiz des Hg. Gerhard Seeliger in: Historische Vierteljahrschrift 10 (1907), S. 125: Im Morgenblatt der Frankfurter Zeitung vom 21. Oktober 1906 hat der Privatgelehrte Prof. Dr. Wilhelm Gundlach einen rein persönlichen Angriff auf Prof. M. Tangl in Berlin veröffentlicht. Der Artikel ward von der Tagespresse mit Angriffen in Verbindung gebracht, die Gundlach schon früher und wiederholt gegen die Centraldirektion der Monumenta Germaniae historica, deren Mitglied Tangl ist, gerichtet hatte. Deshalb sei hier seiner gedacht. – Gundlach weiß zu erzählen, daß nach Wattenbachs Tode Prof. H. Bresslau in Straßburg „mit seiner Bewerbung“ um das freigewordene Ordinariat für historische Hilfswissenschaften an der Berliner Universität zurückgewiesen worden sei, daß aber der allmächtige Ministerialdirektor Althoff den Lehrstuhl an einen „Schützling des Ultramontanismus“, an den „ungenügend qualifizierten Tangl“ ausgeliefert habe. Und diese Beförderung habe nur deshalb „nicht denselben Sturm der Entrüstung unter den deutschen Universitätslehrern erregt“, wie 1901 die Ernennung Spahns, weil Tangl „viel bedächtiger und langsamer vorgeschoben wurde“. – Es ist im höchsten Maße zu bedauern, daß ein Mann der Wissenschaft, der seine Lebensaufgabe im Suchen nach Wahrheit sieht, mit solchen Behauptungen auftritt, die in allen Punkten auf das schroffste den Tatsachen widersprechen. Es bedarf kaum der Bemerkung, daß eine „Bewerbung“ Bresslaus nicht stattgefunden hat, ja überhaupt gar nicht stattfinden konnte. In Wahrheit wurde Tangl wegen seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit 1895 aus Wien nach Marburg berufen, er wurde sodann auf Vorschlag der Fakultät als ao. Professor nach Berlin versetzt und schließlich nach Wattenbachs Tode, wiederum auf Grund eines Fakultätsvorschlages, zum Ordinarius ernannt. Er ist einer jener Katholiken, die in ihrer gesamten Geistesrichtung unseren deutschen Universitäten weit inniger angehören als manche norddeutschen Protestanten. — Will Gundlach Einwände gegen die Leitung des großen geschichtswissenschaftlichen Unternehmens der Monumenta erheben, so tue er es in sachlicher und angemessener Art, aber er erneuere nicht immer wieder Angriffe, die weit über das Ziel hinausschießen und berechtigte Wünsche, so den nach Einführung der deutschen Sprache in den Einleitungen der Ausgaben, von vorne herein um jeden Erfolg bringen. Vgl. im selben Jg. S. 589 die Meldung: Am 26. Okt. [1907] starb im Alter von 48 Jahren Professor Dr. Wilhelm Gundlach in Charlottenburg.&#xD;&#xA;"> Artikel in der Frankfurter</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-10" id="app-editorial-10-ref" title="Gundlach’schen Artikel in der Frankfurter ] vgl. Wilhelm Gundlach: Das preussische Kultusministerium Althoff und die Monumenta Germaniae historica. In: Frankfurter Zeitung, Nr. 295 v. 25.10.1906, S. 1–3. Der Verfasser Wilhelm Gundlach polemisierte seit seiner Entlassung 1892 öffentlich gegen die Leitung der Monumenta, namentlich gegen Michael Tangl, vgl. Andrea Rzihacek u. Christoph Egger: Michael Tangl (1861–1921). Ein Österreicher in Berlin. In: Karel Hruza (Hg.): Österreichische Historiker. Lebensläufe und Karrieren 1900–1945 Bd. 2. Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2012, S. 23–84, hier: 60–64. Vgl. die Notiz des Hg. Gerhard Seeliger in: Historische Vierteljahrschrift 10 (1907), S. 125: Im Morgenblatt der Frankfurter Zeitung vom 21. Oktober 1906 hat der Privatgelehrte Prof. Dr. Wilhelm Gundlach einen rein persönlichen Angriff auf Prof. M. Tangl in Berlin veröffentlicht. Der Artikel ward von der Tagespresse mit Angriffen in Verbindung gebracht, die Gundlach schon früher und wiederholt gegen die Centraldirektion der Monumenta Germaniae historica, deren Mitglied Tangl ist, gerichtet hatte. Deshalb sei hier seiner gedacht. – Gundlach weiß zu erzählen, daß nach Wattenbachs Tode Prof. H. Bresslau in Straßburg „mit seiner Bewerbung“ um das freigewordene Ordinariat für historische Hilfswissenschaften an der Berliner Universität zurückgewiesen worden sei, daß aber der allmächtige Ministerialdirektor Althoff den Lehrstuhl an einen „Schützling des Ultramontanismus“, an den „ungenügend qualifizierten Tangl“ ausgeliefert habe. Und diese Beförderung habe nur deshalb „nicht denselben Sturm der Entrüstung unter den deutschen Universitätslehrern erregt“, wie 1901 die Ernennung Spahns, weil Tangl „viel bedächtiger und langsamer vorgeschoben wurde“. – Es ist im höchsten Maße zu bedauern, daß ein Mann der Wissenschaft, der seine Lebensaufgabe im Suchen nach Wahrheit sieht, mit solchen Behauptungen auftritt, die in allen Punkten auf das schroffste den Tatsachen widersprechen. Es bedarf kaum der Bemerkung, daß eine „Bewerbung“ Bresslaus nicht stattgefunden hat, ja überhaupt gar nicht stattfinden konnte. In Wahrheit wurde Tangl wegen seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit 1895 aus Wien nach Marburg berufen, er wurde sodann auf Vorschlag der Fakultät als ao. Professor nach Berlin versetzt und schließlich nach Wattenbachs Tode, wiederum auf Grund eines Fakultätsvorschlages, zum Ordinarius ernannt. Er ist einer jener Katholiken, die in ihrer gesamten Geistesrichtung unseren deutschen Universitäten weit inniger angehören als manche norddeutschen Protestanten. — Will Gundlach Einwände gegen die Leitung des großen geschichtswissenschaftlichen Unternehmens der Monumenta erheben, so tue er es in sachlicher und angemessener Art, aber er erneuere nicht immer wieder Angriffe, die weit über das Ziel hinausschießen und berechtigte Wünsche, so den nach Einführung der deutschen Sprache in den Einleitungen der Ausgaben, von vorne herein um jeden Erfolg bringen. Vgl. im selben Jg. S. 589 die Meldung: Am 26. Okt. [1907] starb im Alter von 48 Jahren Professor Dr. Wilhelm Gundlach in Charlottenburg.">[10]</a>. Das ist ein heller Streitruf, ein offnes wahres Wort. Wer Ohren hat zu hören, der höre! An den Sachen selbst wird ja freilich – bei unsern Zuständen! – auch dadurch nichts geändert werden; aber doch vielleicht bei Manchem an dem Urteil über die Sachen! Wenn doch den Leuten die Augen aufgehen wollten! Vielleicht würde dann auch <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-11" title="A.’s präsumtiver Nachfolger ] Friedrich Theodor Althoff (1839–1908), 1882–1907 Universitätsreferent im Preußischen Kultusministerim (NDB). Sein – nicht lediglich vermutlicher (präsumtiver) – Nachfolger wurde zum 1.10.1907 Ludwig Elster (1856–1935), 1887 o. Prof. für Nationalökonomie in Breslau, 1897–1916 im Universitätsreferat des Preußischen Kultusministeriums (NDB).&#xD;&#xA;">A.’s präsumtiver Nachfolger</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-11" id="app-editorial-11-ref" title="A.’s präsumtiver Nachfolger ] Friedrich Theodor Althoff (1839–1908), 1882–1907 Universitätsreferent im Preußischen Kultusministerim (NDB). Sein – nicht lediglich vermutlicher (präsumtiver) – Nachfolger wurde zum 1.10.1907 Ludwig Elster (1856–1935), 1887 o. Prof. für Nationalökonomie in Breslau, 1897–1916 im Universitätsreferat des Preußischen Kultusministeriums (NDB).">[11]</a> sich doch zu etwas vorsichtigerer Universitäts- und Wissenschaftspolitik bestimmt sehen – er ist ja an dem richtigen Orte, um von diplo<span class="ED-pb">|</span>matischer Schläue zu erlernen, was ihm etwa noch fehlen sollte – – Es ist besser, man schreibt über solche Dinge nicht weiter; man rollt sich all die Trauer auf, womit uns der Lauf der deutschen Dinge von Jahr zu Jahr mehr erfüllen muss. ich sitze ja selber hier noch in einem verhältnismässig stillen und glücklichen Winkel: aber was wir um uns sehen, das verlangt wahrlich viel Mut und viel Kraft um nicht zu verzweifeln. Da hat man denn in der Tat seine Freude, wenn so ein scharfer Scheinwerfer seine Schuldigkeit in diesem Nebel tut: und jene „Schadenfreude“ ist wirklich die berechtigte, die Freude an der Enthüllung der Schäden, die uns alle bedrücken.</p><p class="ED-p">Mit herzlichem Gruss von Haus zu Haus der Ihrige</p><p class="ED-signed">Windelband</p></div><h2 class="ED-app-title">Kommentar der Herausgeber</h2><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-1"><span class="ED-app-num">1</span><a href="#app-editorial-1-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">ethisches Princip</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>Anspielung nicht aufgelöst, womöglich scherzhaft in Erinnerung an <span class="ED-name">Kant</span>s kategorischen Imperativ.</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-2"><span class="ED-app-num">2</span><a href="#app-editorial-2-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Phlebitis</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>Venenentzündung; <abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Windelband an Karl Dilthey vom 7.8.1906.</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-3"><span class="ED-app-num">3</span><a href="#app-editorial-3-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Moira</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>Schicksalsgöttin</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-4"><span class="ED-app-num">4</span><a href="#app-editorial-4-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Attacke</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>eine Herzattacke, <abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Kommentar zu Windelband an <span class="ED-name">Bresslau</span> vom 15.5.1907.</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-5"><span class="ED-app-num">5</span><a href="#app-editorial-5-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Baden-Baden</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Windelband an Paul Siebeck vom 5.10.1906</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-6"><span class="ED-app-num">6</span><a href="#app-editorial-6-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">dictando</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Windelband an Hermann Diels vom 2.3.1907</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-7"><span class="ED-app-num">7</span><a href="#app-editorial-7-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Ihren Zweck</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>nicht ermittelt</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-8"><span class="ED-app-num">8</span><a href="#app-editorial-8-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">unter Kreuzband</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>Versandform für Drucksachen</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-9"><span class="ED-app-num">9</span><a href="#app-editorial-9-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Schloss-Rede bei</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>liegt nicht bei, <abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Windelband: [Debattenbeitrag in der Diskussion über die Herstellungsarbeiten am Heidelberger Schloß]. In: Verhandlungen der Ersten Kammer der Stände-Versammlung des Großherzogtums Baden in den Jahren 1905/1906. Protokollheft. Enthaltend die Protokolle der Ersten Kammer. Karlsruhe: Buchdruckerei Fidelitas 1906. 32./33. öffentliche Sitzung v. 19.7.1906, S. 784–788 <abbr title="und" class="ED-abbr">u.</abbr> <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 810.</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-10"><span class="ED-app-num">10</span><a href="#app-editorial-10-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem"><span class="ED-name">Gundlach’schen</span> Artikel in der Frankfurter</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Wilhelm Gundlach: Das preussische Kultusministerium Althoff und die Monumenta Germaniae historica. In: Frankfurter Zeitung, Nr. 295 <abbr title="von" class="ED-abbr">v.</abbr> 25.10.1906, <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 1–3. Der Verfasser <span class="ED-name">Wilhelm Gundlach</span> polemisierte seit seiner Entlassung 1892 öffentlich gegen die Leitung der Monumenta, namentlich gegen <span class="ED-name">Michael Tangl</span>, <abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Andrea Rzihacek <abbr title="und" class="ED-abbr">u.</abbr> Christoph Egger: Michael Tangl (1861–1921). Ein Österreicher in Berlin. In: Karel Hruza (<abbr title="Herausgeber" class="ED-abbr">Hg.</abbr>): Österreichische Historiker. Lebensläufe und Karrieren 1900–1945 <abbr title="Band" class="ED-abbr">Bd.</abbr> 2. Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2012, <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 23–84, hier: 60–64. <abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">Vgl.</abbr> die Notiz des <abbr title="Herausgeber" class="ED-abbr">Hg.</abbr> Gerhard Seeliger in: Historische Vierteljahrschrift 10 (1907), <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 125: <span class="ED-rdg">Im Morgenblatt der Frankfurter Zeitung vom 21. Oktober 1906 hat der Privatgelehrte Prof. Dr. Wilhelm Gundlach einen rein persönlichen Angriff auf Prof. M. Tangl in Berlin veröffentlicht. Der Artikel ward von der Tagespresse mit Angriffen in Verbindung gebracht, die Gundlach schon früher und wiederholt gegen die Centraldirektion der Monumenta Germaniae historica, deren Mitglied Tangl ist, gerichtet hatte. Deshalb sei hier seiner gedacht. – Gundlach weiß zu erzählen, daß nach Wattenbachs Tode Prof. H. Bresslau in Straßburg „mit seiner Bewerbung“ um das freigewordene Ordinariat für historische Hilfswissenschaften an der Berliner Universität zurückgewiesen worden sei, daß aber der allmächtige Ministerialdirektor Althoff den Lehrstuhl an einen „Schützling des Ultramontanismus“, an den „ungenügend qualifizierten Tangl“ ausgeliefert habe. Und diese Beförderung habe nur deshalb „nicht denselben Sturm der Entrüstung unter den deutschen Universitätslehrern erregt“, wie 1901 die Ernennung Spahns, weil Tangl „viel bedächtiger und langsamer vorgeschoben wurde“. – Es ist im höchsten Maße zu bedauern, daß ein Mann der Wissenschaft, der seine Lebensaufgabe im Suchen nach Wahrheit sieht, mit solchen Behauptungen auftritt, die in allen Punkten auf das schroffste den Tatsachen widersprechen. Es bedarf kaum der Bemerkung, daß eine „Bewerbung“ Bresslaus nicht stattgefunden hat, ja überhaupt gar nicht stattfinden konnte. In Wahrheit wurde Tangl wegen seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit 1895 aus Wien nach Marburg berufen, er wurde sodann auf Vorschlag der Fakultät als ao. Professor nach Berlin versetzt und schließlich nach Wattenbachs Tode, wiederum auf Grund eines Fakultätsvorschlages, zum Ordinarius ernannt. Er ist einer jener Katholiken, die in ihrer gesamten Geistesrichtung unseren deutschen Universitäten weit inniger angehören als manche norddeutschen Protestanten. — Will Gundlach Einwände gegen die Leitung des großen geschichtswissenschaftlichen Unternehmens der Monumenta erheben, so tue er es in sachlicher und angemessener Art, aber er erneuere nicht immer wieder Angriffe, die weit über das Ziel hinausschießen und berechtigte Wünsche, so den nach Einführung der deutschen Sprache in den Einleitungen der Ausgaben, von vorne herein um jeden Erfolg bringen.</span> <abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">Vgl.</abbr> im selben <abbr title="Jahrgang" class="ED-abbr">Jg.</abbr> <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 589 die Meldung: <span class="ED-rdg">Am 26. Okt. [1907] starb im Alter von 48 Jahren Professor Dr. Wilhelm Gundlach in Charlottenburg.</span></div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-11"><span class="ED-app-num">11</span><a href="#app-editorial-11-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">A.’s präsumtiver Nachfolger</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><span class="ED-name">Friedrich Theodor Althoff</span> (1839–1908), 1882–1907 Universitätsreferent im Preußischen Kultusministerim (<abbr title="Neue Deutsche Biographie" class="ED-abbr">NDB</abbr>). Sein – nicht lediglich vermutlicher (präsumtiver) – Nachfolger wurde zum 1.10.1907 <span class="ED-name">Ludwig Elster</span> (1856–1935), 1887 <abbr title="ordentlicher Professor" class="ED-abbr">o. Prof.</abbr> für Nationalökonomie in Breslau, 1897–1916 im Universitätsreferat des Preußischen Kultusministeriums (<abbr title="Neue Deutsche Biographie" class="ED-abbr">NDB</abbr>).</div></div></body></html>