<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"><head profile="http://dublincore.org/documents/dcq-html/"><meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=UTF-8"/><title>Windelband an Heinrich Rickert, Heidelberg, 14.1.1904, 4 S., hs. (lat. Schrift), UB Heidelberg, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_45</title><link rel="schema.DC" href="http://purl.org/dc/elements/1.1/"/><link rel="schema.DCTERMS" href="http://purl.org/dc/terms/"/><meta name="DC.publisher" content="University of Wuppertal"/><meta name="DC.subject" content="Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband"/><meta name="DC.creator" content="Jörn Bohr"/><meta name="DC.creator" content="Gerald Hartung"/><meta name="DC.contributor" content="Bülow &amp; Schlupkothen XML services"/><meta name="DC.identifier" content="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000405-6"/><style type="text/css">
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(lat. Schrift)</span>, <span class="ED-pubPlace">UB Heidelberg, </span><span class="ED-link"><a href="http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_45">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_45</a></span></p><div class="ED-text"><p class="ED-dateline">Heidelberg, 14.1.04.</p><p class="ED-salute">Lieber, werter Herr College,</p><p class="ED-p">Zu meiner grossen Freude höre ich von meiner Frau, dich sich z<span class="ED-add">[ur]</span> Z<span class="ED-add">[eit]</span> in Freiburg befindet und mich mit Nachrichten über Ihre Geschicke versehen hat, dass es jetzt Ihnen und ebenso Ihrer Frau Gemahlin und dem <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-1" title="jungen Weltbürger ] Rickerts Sohn Franz Rickert (1904–1991), Gold- u. Silberschmied, Prof. an der Akademie der Bildenden Künste München (NDB).&#xD;&#xA;">jungen Weltbürger</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-1" id="app-editorial-1-ref" title="jungen Weltbürger ] Rickerts Sohn Franz Rickert (1904–1991), Gold- u. Silberschmied, Prof. an der Akademie der Bildenden Künste München (NDB).">[1]</a> entschieden gut geht. Das ist eine grosse Beruhigung für mich, und damit fällt mir eine Sorge von der Seele, die mich in dieser Zeit schwer bedrückt hat. ich habe den herzlichen Anteil an Ihrem Leiden und an der <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-2" title="unglücklichen Complication ] Rickert war im Januar 1904 an einer Blinddarmentzündung erkrankt, die im Februar operiert wurde, so daß er erst im SS 1904 seiner Lehrverpflichtung wieder nachkommen konnte (UA Freiburg, B 38/283, Wiederbesetzung des Lehrstuhls für Philosophie 1886–1913, Schreiben Rickerts vom 18.1., 29.1. u. 22.2.1904; vgl. Hermann Glockner: Heidelberger Bilderbuch. Erinnerungen. Bonn: Bouvier 1969, S. 17).&#xD;&#xA;">unglücklichen Complication</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-2" id="app-editorial-2-ref" title="unglücklichen Complication ] Rickert war im Januar 1904 an einer Blinddarmentzündung erkrankt, die im Februar operiert wurde, so daß er erst im SS 1904 seiner Lehrverpflichtung wieder nachkommen konnte (UA Freiburg, B 38/283, Wiederbesetzung des Lehrstuhls für Philosophie 1886–1913, Schreiben Rickerts vom 18.1., 29.1. u. 22.2.1904; vgl. Hermann Glockner: Heidelberger Bilderbuch. Erinnerungen. Bonn: Bouvier 1969, S. 17).">[2]</a> genommen, die es in so akute Beziehung zu den kritischen Tagen in dem Zustande Ihrer Frau Gemahlin brachte. Möchte nun Alles gut weitergehen, Sie eine schnelle und gründliche <span class="ED-pb">|</span> Reconvalescenz, Ihre Frau Gemahlin baldige Erholung und Ihr jüngster Sohn eine glückliche Entwicklung finden! ich wünsche es von ganzem Herzen!</p><p class="ED-p">Eben habe ich <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-3" title="Ferdinand Schmidtʼs Dissertation über Fichte ] gemeint: Friedrich Alfred Schmid [Noerr] (1877–1969, zum Namenszusatz als Schriftsteller (nach einer Konditorei in Schmids Verwandschaft) vgl. Hermann Glockner: Heidelberger Bilderbuch. Erinnerungen. Bonn: Bouvier 1969, S. 50) mit dessen Freiburger Dissertation über Die Philosophie Fichtes mit Rücksicht auf die Frage nach der „Veränderten Lehre“, 1904 (im Buchhandel als: Fichtes Philosophie und das Problem ihrer inneren Einheit. (Die Frage nach der veränderten Lehre). Freiburg i. B.: Ragoczy 1904; beide im Umfang von 112 S.). 1905 in Heidelberg habilitiert, dort bis 1917 PD (1910–1917 a. o. Prof. für Philosophie und Ästhetik), danach freier Schriftsteller (Universität Heidelberg, Adreßbücher und Vorlesungsverzeichnisse: http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/digi/quellenunihd.html; Wikipedia 10.4.2017).&#xD;&#xA;">Ferdinand Schmidtʼs Dissertation über </span><span class="ED-name"><span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-3" title="Ferdinand Schmidtʼs Dissertation über Fichte ] gemeint: Friedrich Alfred Schmid [Noerr] (1877–1969, zum Namenszusatz als Schriftsteller (nach einer Konditorei in Schmids Verwandschaft) vgl. Hermann Glockner: Heidelberger Bilderbuch. Erinnerungen. Bonn: Bouvier 1969, S. 50) mit dessen Freiburger Dissertation über Die Philosophie Fichtes mit Rücksicht auf die Frage nach der „Veränderten Lehre“, 1904 (im Buchhandel als: Fichtes Philosophie und das Problem ihrer inneren Einheit. (Die Frage nach der veränderten Lehre). Freiburg i. B.: Ragoczy 1904; beide im Umfang von 112 S.). 1905 in Heidelberg habilitiert, dort bis 1917 PD (1910–1917 a. o. Prof. für Philosophie und Ästhetik), danach freier Schriftsteller (Universität Heidelberg, Adreßbücher und Vorlesungsverzeichnisse: http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/digi/quellenunihd.html; Wikipedia 10.4.2017).&#xD;&#xA;">Fichte</span></span><span class="ED-name"><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-3" id="app-editorial-3-ref" title="Ferdinand Schmidtʼs Dissertation über Fichte ] gemeint: Friedrich Alfred Schmid [Noerr] (1877–1969, zum Namenszusatz als Schriftsteller (nach einer Konditorei in Schmids Verwandschaft) vgl. Hermann Glockner: Heidelberger Bilderbuch. Erinnerungen. Bonn: Bouvier 1969, S. 50) mit dessen Freiburger Dissertation über Die Philosophie Fichtes mit Rücksicht auf die Frage nach der „Veränderten Lehre“, 1904 (im Buchhandel als: Fichtes Philosophie und das Problem ihrer inneren Einheit. (Die Frage nach der veränderten Lehre). Freiburg i. B.: Ragoczy 1904; beide im Umfang von 112 S.). 1905 in Heidelberg habilitiert, dort bis 1917 PD (1910–1917 a. o. Prof. für Philosophie und Ästhetik), danach freier Schriftsteller (Universität Heidelberg, Adreßbücher und Vorlesungsverzeichnisse: http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/digi/quellenunihd.html; Wikipedia 10.4.2017).">[3]</a></span> erhalten und mit grossem Interesse angelesen: ich beglückwünsche Sie zu dem erfreulichen Kreise von Arbeiten, die aus Ihren Anregungen hervorgehen; ich verfolge jetzt diese zusammenhangenden Untersuchungen Ihres Seminars nicht ohne Neid. So günstig vielleicht im Verhältnis zu meiner sonst in diesen Semestern allerdings sehr gehäuften Arbeitslast der Ausfall oder die äusserste Beschränkung solcher Tätigkeit ist, so empfinde <span class="ED-pb">|</span> ich es doch als einen ausgesprochenen Mangel, dass sie mir jetzt noch hier versagt ist, dass ich keinen regelmäßigen Zusammenhang mit den besseren Elementen der Zuhörerschaft, die ja auch hier vorhanden sind, habe, dass ich ihnen noch keine Arbeitsstätte zu bieten vermag, an der ich energisch auf sie einwirken kann. Das blosse Vorlesen halte ich nicht mehr aus, und ich muss bald Mittel und Wege finden, um über die starken persönlichen Schwierigkeiten hinaus zu <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-4" title="dem mir zugesicherten Seminar ] vgl. Windelband an Franz Böhm vom 22.2.1904 ff.&#xD;&#xA;">dem mir zugesicherten Seminar</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-4" id="app-editorial-4-ref" title="dem mir zugesicherten Seminar ] vgl. Windelband an Franz Böhm vom 22.2.1904 ff.">[4]</a> tatsächlich zu gelangen.</p><p class="ED-p">Wenn das Heft der Kantstudien zum 100<sup>t</sup> Todestage erscheint, hoffe ich Ihnen eine Art von programmatischen <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-5" title="Artikel ] vgl. Windelband: Nach hundert Jahren. In: Kant-Studien 9 (1904), S. 5–20, sowie in: Zu Kants Gedächtnis. Zwölf Festgaben zu seinem 100jährigen Todestage. Hg. v. H. Vaihinger u. B. Bauch.&#xD;&#xA;">Artikel</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-5" id="app-editorial-5-ref" title="Artikel ] vgl. Windelband: Nach hundert Jahren. In: Kant-Studien 9 (1904), S. 5–20, sowie in: Zu Kants Gedächtnis. Zwölf Festgaben zu seinem 100jährigen Todestage. Hg. v. H. Vaihinger u. B. Bauch.">[5]</a> zuzuschicken, auf dessen Aufnahme bei Ihnen ich sehr gespannt bin. Leider muss ich noch einen zweiten <span class="ED-text-lem" itemref="app-philological-1" title="Aufsatz ] so wörtlich&#xD;&#xA;">Aufsatz</span><a class="ED-anchor" href="#app-philological-1" id="app-philological-1-ref" title="Aufsatz ] so wörtlich">[a]</a> <span class="ED-pb">|</span> über Kant bei diesem Anlass reden und vielleicht drucken lassen, da unsre Universität <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-6" title="am 12 Februar ] abends 7 Uhr, zum 100. Todestag Kants, vgl. die Ankündigung in: Heidelberger Zeitung, Nr. 25 vom 30.1.1904, Erstes Blatt, S. 4.&#xD;&#xA;">am 12 Febr</span><span class="ED-add"><span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-6" title="am 12 Februar ] abends 7 Uhr, zum 100. Todestag Kants, vgl. die Ankündigung in: Heidelberger Zeitung, Nr. 25 vom 30.1.1904, Erstes Blatt, S. 4.&#xD;&#xA;">[uar]</span></span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-6" id="app-editorial-6-ref" title="am 12 Februar ] abends 7 Uhr, zum 100. Todestag Kants, vgl. die Ankündigung in: Heidelberger Zeitung, Nr. 25 vom 30.1.1904, Erstes Blatt, S. 4.">[6]</a> einen Actus veranstaltet und die <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-7" title="Festrede ] vgl. Windelband: Immanuel Kant und seine Weltanschauung. Gedenkrede zur Feier der 100. Wiederkehr seines Todestages, an der Universität Heidelberg. Heidelberg: C. Winter 1904.Berlin: Reuther &amp; Reichard 1904, S. 5–20.&#xD;&#xA;">Festrede</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-7" id="app-editorial-7-ref" title="Festrede ] vgl. Windelband: Immanuel Kant und seine Weltanschauung. Gedenkrede zur Feier der 100. Wiederkehr seines Todestages, an der Universität Heidelberg. Heidelberg: C. Winter 1904.Berlin: Reuther &amp; Reichard 1904, S. 5–20.">[7]</a> mir zufällt, weil <span class="ED-name">Kuno Fischer</span>s Gesundheitszustand ihn ja leider völlig ausschliesst. Auch bei <span class="ED-name">Zeller</span>ʼs 90. Geburtstage am 22. Jan<span class="ED-add">[uar]</span> werde ich <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-8" title="unsre Universität in Stuttgart zu vertreten ] vgl. den Bericht in: Chronik der Stadt Heidelberg für das Jahr 1904. 12. Jg., im Auftrag des Stadtrates bearbeitet v. August Thorbecke. Heidelberg: I. Hörning 1906, S. 68: Als am 29. Januar Professor Dr. Ed. Zeller in Stuttgart seinen 90. Geburtstag feierte, überbrachte Geheimerat Dr. Windelband die Glückwünsche der Universität, deren Lehrer Zeller von 1862–1872 gewesen war; am 12. Februar, dem 100. Todestag Kants, feierte sie das Andenken an den großen Philosophen durch einen Festakt, bei dem Geheimerat Dr. Windelband die Festrede hielt. Die Stuttgarter Ansprache Windelbands ist abgedruckt in: Vom neunzigsten Geburtstag Eduard Zellers 22. Januar 1904. Als Manuscript gedruckt Stuttgart: Felix Krais 1904, S. 13–15: Exzellenz, ich komme im Namen von Heidelberg. Der engere Senat als Vertreter der Universität und die philosophische Fakultät haben mich gleichmäßig durch den Auftrag geehrt, Ihnen an diesem Tage, der seinesgleichen nicht in der gelehrten Welt hat, die ehrfurchtsvollsten Glückwünsche darzubringen. Das Jahrzehnt, das Sie in Ihrem an Arbeit und Erfolg reichen Leben unserer Universität gewidmet haben, steht bei uns in dankbarem Gedenken, wenn auch unter den jetzigen Mitgliedern der philosophischen Fakultät keiner mehr ist, der die Ehre hatte, mit Ew. Exzellenz zusammenwirken: unser Senior ist Ihr Nachfolger im Lehramt, Exzellenz Kuno Fischer. Er würde gewiß als Ihr treuer Verehrer und Freund am liebsten heute an dieser Stelle stehen, wenn ihn nicht die beklagenswerte Ungunst seines körperlichen Befindens daran hinderte, die ihn in diesem Semester auch gezwungen hat, auf sein Liebstes, die Lehrtätigkeit, zu verzichten. So ist es mir, der ich berufen sein werde, die Tradition der philosophischen Lehre an unserer Universität fortzusetzen, | die Sie, Exzellenz, geschaffen haben und die Kuno Fischer aufrecht erhalten hat – so ist es mir zugefallen, heute bei Ihnen unsre Universität zu vertreten; und ich weiß es meinen Herrn Kollegen innigen Dank, daß sie mir so die Gelegenheit gegeben haben, Ihnen auch persönlich die Gefühle auszudrücken, mit denen ich diesen Tag begrüße. Sie haben, Exzellenz, der Nestor der deutschen Philosophie, die Generationen kommen und gehen sehen. Sie sind erwachsen mit der Hochflut der idealistischen Spekulation und haben, als sie an den religiösen Fragen auseinander ging, in jungen Jahren Ihr gewichtiges Wort in den Streit geworfen. Sie haben dann über die Zeit der Ebbe des philosophischen Interesses, die auf so viel Ueberschwang folgen mußte, Ihr Schiff mit wertvollem Inhalt sicher gesteuert; in Hegels historischer Leistung fanden Sie den bleibenden Wert seines Wirkens, und die Kühnheiten seiner Konstruktion korrigierten Sie durch die bewundernswerte Weite und Breite Ihrer Gelehrsamkeit ebenso wie durch die strenge Sicherheit Ihres forschenden Wirklichkeitssinnes. An dem würdigsten Gegenstande, an der Philosophie, deren Schüler wir immer alle bleiben, bewährten Sie diese vorbildliche Kraft Ihres Geistes und schufen daraus das Werk, das monumentale, das mit Ihrem Namen die Zeiten überdauern wird. Allein niemals sind Sie der trüben Meinung gewesen, daß die Philosophie aufhören solle und nur ihre Geschichte übrig bleibe. Sie waren einer der Ersten, die zu der Besonnenheit des kritischen Philosophierens zurückriefen und einem philosophielosen Geschlechte lehrten, was Kant ihm wieder werden sollte. Aber auch dabei bewahrte Sie ihr historisches Verständnis und Ihr eignes fachliches Denken davor, bei der Aengstlichkeit der kantischen Erkenntnistheorie stehen zu bleiben, und so waren Sie es, der von Anfang an zur Arbeit an der objektiven Ausgestaltung seiner Lehre aufrief und führend anleitete, die in den letzten Jahrzehnten siegreich vorgedrungen ist. So sind wir alle historisch und systematisch Ihre Schüler und Sie genießen die Freude, alle Keime, die Sie ausgesät haben, als lebenskräftige Triebe sich entfalten zu sehen. Und so gestatten Sie auch mir, daß ich die Gunst des Tages, der mich | persönlich zu Ihnen führt, auszunutzen wage, um Ihnen auszusprechen, wie auch ich allzeit bewundernd zu Ihnen aufgeschaut habe und Ihrer Führung gefolgt bin. Mit meinen Kollegen, mit der ganzen wissenschaftlichen Welt preise ich die Gunst des Geschicks, das Sie uns in einer unvergleichlichen Rüstigkeit der geistigen Arbeit bis auf den heutigen Tag erhalten hat, und ich kann nichts besseres wünschen, als daß es Ihnen noch weiterhin lange gegeben sei, aus Ihrer schaffensreichen und gedankenvollen Muße heraus uns den Mitgenuß an den Früchten eines unermüdlichen Forschens zu gönnen. Der Wiederhall dessen, was Sie uns gelehrt haben und noch lehren, klingt allüberall: mögen Sie überzeugt sein, daß es nirgends freudiger aufgenommen und treuer bewahrt wird als in Heidelberg.&#xD;&#xA;">unsre Universität in Stuttgart zu vertreten</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-8" id="app-editorial-8-ref" title="unsre Universität in Stuttgart zu vertreten ] vgl. den Bericht in: Chronik der Stadt Heidelberg für das Jahr 1904. 12. Jg., im Auftrag des Stadtrates bearbeitet v. August Thorbecke. Heidelberg: I. Hörning 1906, S. 68: Als am 29. Januar Professor Dr. Ed. Zeller in Stuttgart seinen 90. Geburtstag feierte, überbrachte Geheimerat Dr. Windelband die Glückwünsche der Universität, deren Lehrer Zeller von 1862–1872 gewesen war; am 12. Februar, dem 100. Todestag Kants, feierte sie das Andenken an den großen Philosophen durch einen Festakt, bei dem Geheimerat Dr. Windelband die Festrede hielt. Die Stuttgarter Ansprache Windelbands ist abgedruckt in: Vom neunzigsten Geburtstag Eduard Zellers 22. Januar 1904. Als Manuscript gedruckt Stuttgart: Felix Krais 1904, S. 13–15: Exzellenz, ich komme im Namen von Heidelberg. Der engere Senat als Vertreter der Universität und die philosophische Fakultät haben mich gleichmäßig durch den Auftrag geehrt, Ihnen an diesem Tage, der seinesgleichen nicht in der gelehrten Welt hat, die ehrfurchtsvollsten Glückwünsche darzubringen. Das Jahrzehnt, das Sie in Ihrem an Arbeit und Erfolg reichen Leben unserer Universität gewidmet haben, steht bei uns in dankbarem Gedenken, wenn auch unter den jetzigen Mitgliedern der philosophischen Fakultät keiner mehr ist, der die Ehre hatte, mit Ew. Exzellenz zusammenwirken: unser Senior ist Ihr Nachfolger im Lehramt, Exzellenz Kuno Fischer. Er würde gewiß als Ihr treuer Verehrer und Freund am liebsten heute an dieser Stelle stehen, wenn ihn nicht die beklagenswerte Ungunst seines körperlichen Befindens daran hinderte, die ihn in diesem Semester auch gezwungen hat, auf sein Liebstes, die Lehrtätigkeit, zu verzichten. So ist es mir, der ich berufen sein werde, die Tradition der philosophischen Lehre an unserer Universität fortzusetzen, | die Sie, Exzellenz, geschaffen haben und die Kuno Fischer aufrecht erhalten hat – so ist es mir zugefallen, heute bei Ihnen unsre Universität zu vertreten; und ich weiß es meinen Herrn Kollegen innigen Dank, daß sie mir so die Gelegenheit gegeben haben, Ihnen auch persönlich die Gefühle auszudrücken, mit denen ich diesen Tag begrüße. Sie haben, Exzellenz, der Nestor der deutschen Philosophie, die Generationen kommen und gehen sehen. Sie sind erwachsen mit der Hochflut der idealistischen Spekulation und haben, als sie an den religiösen Fragen auseinander ging, in jungen Jahren Ihr gewichtiges Wort in den Streit geworfen. Sie haben dann über die Zeit der Ebbe des philosophischen Interesses, die auf so viel Ueberschwang folgen mußte, Ihr Schiff mit wertvollem Inhalt sicher gesteuert; in Hegels historischer Leistung fanden Sie den bleibenden Wert seines Wirkens, und die Kühnheiten seiner Konstruktion korrigierten Sie durch die bewundernswerte Weite und Breite Ihrer Gelehrsamkeit ebenso wie durch die strenge Sicherheit Ihres forschenden Wirklichkeitssinnes. An dem würdigsten Gegenstande, an der Philosophie, deren Schüler wir immer alle bleiben, bewährten Sie diese vorbildliche Kraft Ihres Geistes und schufen daraus das Werk, das monumentale, das mit Ihrem Namen die Zeiten überdauern wird. Allein niemals sind Sie der trüben Meinung gewesen, daß die Philosophie aufhören solle und nur ihre Geschichte übrig bleibe. Sie waren einer der Ersten, die zu der Besonnenheit des kritischen Philosophierens zurückriefen und einem philosophielosen Geschlechte lehrten, was Kant ihm wieder werden sollte. Aber auch dabei bewahrte Sie ihr historisches Verständnis und Ihr eignes fachliches Denken davor, bei der Aengstlichkeit der kantischen Erkenntnistheorie stehen zu bleiben, und so waren Sie es, der von Anfang an zur Arbeit an der objektiven Ausgestaltung seiner Lehre aufrief und führend anleitete, die in den letzten Jahrzehnten siegreich vorgedrungen ist. So sind wir alle historisch und systematisch Ihre Schüler und Sie genießen die Freude, alle Keime, die Sie ausgesät haben, als lebenskräftige Triebe sich entfalten zu sehen. Und so gestatten Sie auch mir, daß ich die Gunst des Tages, der mich | persönlich zu Ihnen führt, auszunutzen wage, um Ihnen auszusprechen, wie auch ich allzeit bewundernd zu Ihnen aufgeschaut habe und Ihrer Führung gefolgt bin. Mit meinen Kollegen, mit der ganzen wissenschaftlichen Welt preise ich die Gunst des Geschicks, das Sie uns in einer unvergleichlichen Rüstigkeit der geistigen Arbeit bis auf den heutigen Tag erhalten hat, und ich kann nichts besseres wünschen, als daß es Ihnen noch weiterhin lange gegeben sei, aus Ihrer schaffensreichen und gedankenvollen Muße heraus uns den Mitgenuß an den Früchten eines unermüdlichen Forschens zu gönnen. Der Wiederhall dessen, was Sie uns gelehrt haben und noch lehren, klingt allüberall: mögen Sie überzeugt sein, daß es nirgends freudiger aufgenommen und treuer bewahrt wird als in Heidelberg.">[8]</a> haben.</p><p class="ED-p">Meine Arbeiten schreiten also langsamer fort, als ich wünschte und hoffte. Die <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-9" title="Ausgabe der Urteilskraft ] vgl. Windelband an Wilhelm Dilthey vom 16.7.1902 sowie Windelband: Einleitung. Sachliche Erläuterungen. Lesarten [zur Kritik der Urteilskraft]. In: Kant’s Werke Bd. 5. Kritik der praktischen Vernunft. Hg. v. Paul Natorp. Kritik der Urtheilskraft. Hg. v. W. Windelband. Berlin: Georg Reimer 1908 (Kant’s Gesammelte Schriften. Hg. v. der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften. Abt. 1, Bd. 5), S. 512–527, 527–530, 530–543. 2. Abdruck Berlin: Georg Reimer 1913.&#xD;&#xA;">Ausgabe der Urteilskraft</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-9" id="app-editorial-9-ref" title="Ausgabe der Urteilskraft ] vgl. Windelband an Wilhelm Dilthey vom 16.7.1902 sowie Windelband: Einleitung. Sachliche Erläuterungen. Lesarten [zur Kritik der Urteilskraft]. In: Kant’s Werke Bd. 5. Kritik der praktischen Vernunft. Hg. v. Paul Natorp. Kritik der Urtheilskraft. Hg. v. W. Windelband. Berlin: Georg Reimer 1908 (Kant’s Gesammelte Schriften. Hg. v. der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften. Abt. 1, Bd. 5), S. 512–527, 527–530, 530–543. 2. Abdruck Berlin: Georg Reimer 1913.">[9]</a> ist mir recht eine Kugel ans Bein; ich wolltʼ ich hättʼs abgelehnt.</p><p class="ED-p">Nun nochmals mit allen guten Wünschen und herzlichen Grüssen der Ihrige</p><p class="ED-signed">W Windelband</p></div><h2 class="ED-app-title">Kommentar zum Textbefund</h2><div class="ED-app-philological" id="app-philological-1"><span class="ED-app-num">a</span><a href="#app-philological-1-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Aufsatz</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>so wörtlich</div><h2 class="ED-app-title">Kommentar der Herausgeber</h2><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-1"><span class="ED-app-num">1</span><a href="#app-editorial-1-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">jungen Weltbürger</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>Rickerts Sohn <span class="ED-name">Franz Rickert</span> (1904–1991), Gold- <abbr title="und" class="ED-abbr">u.</abbr> Silberschmied, <abbr title="Professor" class="ED-abbr">Prof.</abbr> an der Akademie der Bildenden Künste München (<abbr title="Neue Deutsche Biographie" class="ED-abbr">NDB</abbr>).</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-2"><span class="ED-app-num">2</span><a href="#app-editorial-2-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">unglücklichen Complication</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><span class="ED-name">Rickert</span> war im Januar 1904 an einer Blinddarmentzündung erkrankt, die im Februar operiert wurde, so daß er erst im <abbr title="Sommersemester" class="ED-abbr">SS</abbr> 1904 seiner Lehrverpflichtung wieder nachkommen konnte (<abbr title="Universitätsarchiv" class="ED-abbr">UA</abbr> Freiburg, B 38/283, Wiederbesetzung des Lehrstuhls für Philosophie 1886–1913, Schreiben Rickerts vom 18.1., 29.1. <abbr title="und" class="ED-abbr">u.</abbr> 22.2.1904; <abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Hermann Glockner: Heidelberger Bilderbuch. Erinnerungen. Bonn: Bouvier 1969, <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 17).</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-3"><span class="ED-app-num">3</span><a href="#app-editorial-3-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Ferdinand Schmidtʼs Dissertation über <span class="ED-name">Fichte</span></span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>gemeint: <span class="ED-name">Friedrich Alfred Schmid</span> [Noerr] (1877–1969, zum Namenszusatz als Schriftsteller (nach einer Konditorei in Schmids Verwandschaft) <abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Hermann Glockner: Heidelberger Bilderbuch. Erinnerungen. Bonn: Bouvier 1969, <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 50) mit dessen Freiburger Dissertation über Die Philosophie Fichtes mit Rücksicht auf die Frage nach der „Veränderten Lehre“, 1904 (im Buchhandel als: Fichtes Philosophie und das Problem ihrer inneren Einheit. (Die Frage nach der veränderten Lehre). Freiburg <abbr title="im Breisgau" class="ED-abbr">i. B.</abbr>: Ragoczy 1904; beide im Umfang von 112 <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr>). 1905 in Heidelberg habilitiert, dort bis 1917 <abbr title="Privatdozent" class="ED-abbr">PD</abbr> (1910–1917 <abbr class="ED-abbr">a. o. Prof.</abbr> für Philosophie und Ästhetik), danach freier Schriftsteller (Universität Heidelberg, Adreßbücher und Vorlesungsverzeichnisse: <span class="ED-link"><a href="http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/digi/quellenunihd.html">http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/digi/quellenunihd.html</a></span>; Wikipedia 10.4.2017).</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-4"><span class="ED-app-num">4</span><a href="#app-editorial-4-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">dem mir zugesicherten Seminar</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Windelband an <span class="ED-name">Franz Böhm</span> vom 22.2.1904 <abbr title="folgende" class="ED-abbr">ff.</abbr></div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-5"><span class="ED-app-num">5</span><a href="#app-editorial-5-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Artikel</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Windelband: Nach hundert Jahren. In: Kant-Studien 9 (1904), <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 5–20, sowie in: Zu Kants Gedächtnis. Zwölf Festgaben zu seinem 100jährigen Todestage. <abbr title="Herausgeber" class="ED-abbr">Hg.</abbr> <abbr title="von" class="ED-abbr">v.</abbr> H. Vaihinger <abbr title="und" class="ED-abbr">u.</abbr> B. Bauch.</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-6"><span class="ED-app-num">6</span><a href="#app-editorial-6-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem"><span class="ED-lem">am 12 Februar</span></span><span class="ED-lem-sep"> ] </span> abends 7 Uhr, zum 100. Todestag Kants, <abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> die Ankündigung in: Heidelberger Zeitung, <abbr title="Nummer" class="ED-abbr">Nr.</abbr> 25 vom 30.1.1904, Erstes Blatt, <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 4.</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-7"><span class="ED-app-num">7</span><a href="#app-editorial-7-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Festrede</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Windelband: Immanuel Kant und seine Weltanschauung. Gedenkrede zur Feier der 100. Wiederkehr seines Todestages, an der Universität Heidelberg. Heidelberg: C. Winter 1904.Berlin: Reuther &amp; Reichard 1904, <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 5–20.</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-8"><span class="ED-app-num">8</span><a href="#app-editorial-8-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">unsre Universität in Stuttgart zu vertreten</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> den Bericht in: Chronik der Stadt Heidelberg für das Jahr 1904. 12. <abbr title="Jahrgang" class="ED-abbr">Jg.</abbr>, im Auftrag des Stadtrates bearbeitet <abbr title="von" class="ED-abbr">v.</abbr> August Thorbecke. Heidelberg: I. Hörning 1906, <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 68:<span class="ED-rdg"> Als am 29. Januar Professor Dr. Ed. Zeller in Stuttgart seinen 90. Geburtstag feierte, überbrachte Geheimerat Dr. Windelband die Glückwünsche der Universität, deren Lehrer Zeller von 1862–1872 gewesen war; am 12. Februar, dem 100. Todestag Kants, feierte sie das Andenken an den großen Philosophen durch einen Festakt, bei dem Geheimerat Dr. Windelband die Festrede hielt. </span>Die Stuttgarter Ansprache Windelbands ist abgedruckt in: Vom neunzigsten Geburtstag Eduard Zellers 22. Januar 1904. Als Manuscript gedruckt Stuttgart: Felix Krais 1904, <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 13–15: <span class="ED-rdg">Exzellenz, ich komme im Namen von Heidelberg. Der engere Senat als Vertreter der Universität und die philosophische Fakultät haben mich gleichmäßig durch den Auftrag geehrt, Ihnen an diesem Tage, der seinesgleichen nicht in der gelehrten Welt hat, die ehrfurchtsvollsten Glückwünsche darzubringen. Das Jahrzehnt, das Sie in Ihrem an Arbeit und Erfolg reichen Leben unserer Universität gewidmet haben, steht bei uns in dankbarem Gedenken, wenn auch unter den jetzigen Mitgliedern der philosophischen Fakultät keiner mehr ist, der die Ehre hatte, mit Ew. Exzellenz zusammenwirken: unser Senior ist Ihr Nachfolger im Lehramt, Exzellenz Kuno Fischer. Er würde gewiß als Ihr treuer Verehrer und Freund am liebsten heute an dieser Stelle stehen, wenn ihn nicht die beklagenswerte Ungunst seines körperlichen Befindens daran hinderte, die ihn in diesem Semester auch gezwungen hat, auf sein Liebstes, die Lehrtätigkeit, zu verzichten. So ist es mir, der ich berufen sein werde, die Tradition der philosophischen Lehre an unserer Universität fortzusetzen, | die Sie, Exzellenz, geschaffen haben und die Kuno Fischer aufrecht erhalten hat – so ist es mir zugefallen, heute bei Ihnen unsre Universität zu vertreten; und ich weiß es meinen Herrn Kollegen innigen Dank, daß sie mir so die Gelegenheit gegeben haben, Ihnen auch persönlich die Gefühle auszudrücken, mit denen ich diesen Tag begrüße. Sie haben, Exzellenz, der Nestor der deutschen Philosophie, die Generationen kommen und gehen sehen. Sie sind erwachsen mit der Hochflut der idealistischen Spekulation und haben, als sie an den religiösen Fragen auseinander ging, in jungen Jahren Ihr gewichtiges Wort in den Streit geworfen. Sie haben dann über die Zeit der Ebbe des philosophischen Interesses, die auf so viel Ueberschwang folgen mußte, Ihr Schiff mit wertvollem Inhalt sicher gesteuert; in Hegels historischer Leistung fanden Sie den bleibenden Wert seines Wirkens, und die Kühnheiten seiner Konstruktion korrigierten Sie durch die bewundernswerte Weite und Breite Ihrer Gelehrsamkeit ebenso wie durch die strenge Sicherheit Ihres forschenden Wirklichkeitssinnes. An dem würdigsten Gegenstande, an der Philosophie, deren Schüler wir immer alle bleiben, bewährten Sie diese vorbildliche Kraft Ihres Geistes und schufen daraus das Werk, das monumentale, das mit Ihrem Namen die Zeiten überdauern wird. Allein niemals sind Sie der trüben Meinung gewesen, daß die Philosophie aufhören solle und nur ihre Geschichte übrig bleibe. Sie waren einer der Ersten, die zu der Besonnenheit des kritischen Philosophierens zurückriefen und einem philosophielosen Geschlechte lehrten, was Kant ihm wieder werden sollte. Aber auch dabei bewahrte Sie ihr historisches Verständnis und Ihr eignes fachliches Denken davor, bei der Aengstlichkeit der kantischen Erkenntnistheorie stehen zu bleiben, und so waren Sie es, der von Anfang an zur Arbeit an der objektiven Ausgestaltung seiner Lehre aufrief und führend anleitete, die in den letzten Jahrzehnten siegreich vorgedrungen ist. So sind wir alle historisch und systematisch Ihre Schüler und Sie genießen die Freude, alle Keime, die Sie ausgesät haben, als lebenskräftige Triebe sich entfalten zu sehen. Und so gestatten Sie auch mir, daß ich die Gunst des Tages, der mich | persönlich zu Ihnen führt, auszunutzen wage, um Ihnen auszusprechen, wie auch ich allzeit bewundernd zu Ihnen aufgeschaut habe und Ihrer Führung gefolgt bin. Mit meinen Kollegen, mit der ganzen wissenschaftlichen Welt preise ich die Gunst des Geschicks, das Sie uns in einer unvergleichlichen Rüstigkeit der geistigen Arbeit bis auf den heutigen Tag erhalten hat, und ich kann nichts besseres wünschen, als daß es Ihnen noch weiterhin lange gegeben sei, aus Ihrer schaffensreichen und gedankenvollen Muße heraus uns den Mitgenuß an den Früchten eines unermüdlichen Forschens zu gönnen. Der Wiederhall dessen, was Sie uns gelehrt haben und noch lehren, klingt allüberall: mögen Sie überzeugt sein, daß es nirgends freudiger aufgenommen und treuer bewahrt wird als in Heidelberg.</span></div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-9"><span class="ED-app-num">9</span><a href="#app-editorial-9-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Ausgabe der Urteilskraft</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr class="ED-abbr">vgl</abbr>. Windelband an Wilhelm Dilthey vom 16.7.1902 sowie Windelband: Einleitung. Sachliche Erläuterungen. Lesarten [zur Kritik der Urteilskraft]. In: Kant’s Werke <abbr title="Band" class="ED-abbr">Bd.</abbr> 5. Kritik der praktischen Vernunft. <abbr title="Herausgeber" class="ED-abbr">Hg.</abbr> <abbr title="von" class="ED-abbr">v.</abbr> Paul Natorp. Kritik der Urtheilskraft. <abbr title="Herausgeber" class="ED-abbr">Hg.</abbr> <abbr title="von" class="ED-abbr">v.</abbr> W. Windelband. Berlin: Georg Reimer 1908 (Kant’s Gesammelte Schriften. Hg. v. der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften. <abbr title="Abteilung" class="ED-abbr">Abt.</abbr> 1, <abbr title="Band" class="ED-abbr">Bd.</abbr> 5), <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 512–527, 527–530, 530–543. 2. Abdruck Berlin: Georg Reimer 1913.</div></div></body></html>