<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"><head profile="http://dublincore.org/documents/dcq-html/"><meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=UTF-8"/><title>Windelband an Georg Jellinek, Straßburg, 22.6.1883, 4 S., hs. (dt. Schrift), Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Georg Jellinek, N 1136/32</title><link rel="schema.DC" href="http://purl.org/dc/elements/1.1/"/><link rel="schema.DCTERMS" href="http://purl.org/dc/terms/"/><meta name="DC.publisher" content="University of Wuppertal"/><meta name="DC.subject" content="Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband"/><meta name="DC.creator" content="Jörn Bohr"/><meta name="DC.creator" content="Gerald Hartung"/><meta name="DC.contributor" content="Bülow &amp; Schlupkothen XML services"/><meta name="DC.identifier" content="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000145-3"/><style type="text/css">
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Wie schön, daß Du durchgedrungen und an das Ziel der <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-2" title="Professur ] Jellinek wurde 1883 zum ao. Prof. des Staatsrechts an der Universität Wien ernannt; der Einfluß klerikaler und antisemitischer Kreise vereitelte seine Ernennung zum Ordinarius (NDB); vgl. Windelband an Jellinek vom 26.7.1878.&#xD;&#xA;">Professur</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-2" id="app-editorial-2-ref" title="Professur ] Jellinek wurde 1883 zum ao. Prof. des Staatsrechts an der Universität Wien ernannt; der Einfluß klerikaler und antisemitischer Kreise vereitelte seine Ernennung zum Ordinarius (NDB); vgl. Windelband an Jellinek vom 26.7.1878.">[2]</a> gelangt bist! Daß es weit eher hätte geschehen sollen, davon bin ich fest überzeugt: aber in Anbetracht der verwickelten Verhältnisse, die sich, wie Du mir einst erzähltest, sogar schon Deiner Habilitation in den Weg stellten, bin ich nun um so mehr froh, daß Du es erreicht hast! Versenke Dich nur als der offizielle Vertreter des Staatsrechts nicht ganz völlig in das „Positive“ und bleib’ auch uns Philosophen etwas treu! Wie viel wir von denen zu lernen haben, die sich in die Abgründe des Besonderen gestürzt haben, erfahre ich gerade jetzt wieder, wo ich <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-3" title="Ethik mit Rechtsphilosophie ] vgl. Windelband an Jellinek vom 22.3.1883&#xD;&#xA;">Ethik mit Rechtsphilosophie</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-3" id="app-editorial-3-ref" title="Ethik mit Rechtsphilosophie ] vgl. Windelband an Jellinek vom 22.3.1883">[3]</a> <span class="ED-pb">|</span> lese und denen am meisten dankbar bin, die unser Bedürfniß von Seiten der positiven Jurisprudenz entgegenkommen; da greif’ ich oft auch zu Deinem <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-4" title="Recht, Unrecht und Strafe ] vgl. Jellinek: Die socialethische Bedeutung von Recht, Unrecht und Strafe. Wien: Hölder 1878.&#xD;&#xA;">Recht, Unrecht und Strafe</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-4" id="app-editorial-4-ref" title="Recht, Unrecht und Strafe ] vgl. Jellinek: Die socialethische Bedeutung von Recht, Unrecht und Strafe. Wien: Hölder 1878.">[4]</a> und denk mir dabei, daß Du uns noch einmal ein Umfassenderes schenken wirst. Wie gern bespräch’ ich mancherlei mit Dir! Mit dem „social-ethischen“ Princip ist es halt bisher ein eigen Ding! Die bloße, nackte Existenz der Gesellschaft ist kein absoluter Zweck; auch die Gesellschaft will also einem höheren teleologischen Zusammenhange eingeordnet sein! Aber woher ihn nehmen und nicht stehlen? – wenn man ihn weder bei einer Metaphysik noch bei einer Theologie suchen kann? Und der „allgemeine Nutzen“, <abbr title="das heißt" class="ED-abbr">d. h.</abbr> derjenige aller Individuen resp. der Majorität ist es nicht: denn der steht unter der Gesellschaft. Soll man den absoluten Zweck also unter die Noumena versetzen, in den großen Kasten der „Dinge an sich“ und des absoluten X.? Schade nur, daß er Einem dann garnichts hilft und daß man nicht das Geringste mit ihm anfangen kann! <span class="ED-pb">|</span></p><p class="ED-p">Wann werden wir uns überhaupt einmal wiedersehen? Eine leise Hoffnung setze ich auf Deine <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-5" title="Brautreise ] vgl. Windelband an Jellinek vom 22.3.1883&#xD;&#xA;">Brautreise</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-5" id="app-editorial-5-ref" title="Brautreise ] vgl. Windelband an Jellinek vom 22.3.1883">[5]</a>! Und das ist eben Doppelhoffnung: auch die kennen zu lernen, die Dich ganz gefangen genommen hat! Vorerst sprich ihr unsre besten Grüße aus. Unsre: denn auch Dir sendet meine Frau herzlichen Gruß und Glückwunsch.</p><p class="ED-p">Uns geht es wie in großer Stadt im Sommer der zum Glück bisher nicht zu heiß ist. Wir wohnen vor der Instadt, dicht bei einem kleinen Wäldchen, haben große, hohe, luftige Räume: trotzdem vermisse ich mein schönes Freiburg, wo wir für die Ferien uns wieder einquartieren werden. So ganz eingelebt kann ich mich in Straßburg noch nicht nennen: es sind gar wunderliche Verhältnisse, die hier walten und von denen man selbst bei so genauer Nachbarschaft wie von Freiburg aus keine Vorstellung hat. Ob diese <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-6" title="Neuschöpfung ] der Universität Straßburg, gegründet 1872&#xD;&#xA;">Neuschöpfung</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-6" id="app-editorial-6-ref" title="Neuschöpfung ] der Universität Straßburg, gegründet 1872">[6]</a> je den Charakter der deutschen Universitäten, in dem wir als in einem Selbstverständlichen <span class="ED-pb">|</span> aufgewachsen sind, wird annehmen können, bleibe dahingestellt. In der deutschen Universität sind Akademie und Fachschule gewissermaßen in einander gewachsen: es mag im Ganzen ein sonderbares Gebilde sein, in dem man die Züge beider Ursprünge kaum scheiden kann; aber in diesem Verschwimmen besteht der historische Charakter der Universität. Hier sind die beiden Elemente bisher nur aneinandergeleimte! Ob sie noch verwachsen werden? Man sollte daran glauben, wenn man bedenkt, daß noch erst vor 50 Jahren <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-7" title="Berlin ] Universität Berlin, gegründet 1810&#xD;&#xA;">Berlin</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-7" id="app-editorial-7-ref" title="Berlin ] Universität Berlin, gegründet 1810">[7]</a> gegründet ist. Aber wie hat sich auch seitdem der Charakter der deutschen Studentenschaft geändert! Will man aber deren „Bedürfnisse“ auf die alte Institution pfropfen, so riskirt man diese degeneriren zu sehen.</p><p class="ED-p">Deinem Brief, liebster Freund, sehe ich mit großer Freude entgegen. Nochmals den besten Glückwunsch! Dein</p><p class="ED-signed">Windelband</p></div><h2 class="ED-app-title">Kommentar der Herausgeber</h2><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-1"><span class="ED-app-num">1</span><a href="#app-editorial-1-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Möllerstr. 4.</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>heute Rue du Maréchal Joffre, in der Nähe der <abbr title="Universitätsbibliothek" class="ED-abbr">UB</abbr></div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-2"><span class="ED-app-num">2</span><a href="#app-editorial-2-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Professur</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><span class="ED-name">Jellinek</span> wurde 1883 zum <abbr title="außerordentlicher Professor" class="ED-abbr">ao. Prof.</abbr> des Staatsrechts an der Universität Wien ernannt; <span class="ED-rdg">der Einfluß klerikaler und antisemitischer Kreise vereitelte seine Ernennung zum Ordinarius</span> (<abbr title="Neue Deutsche Biographie" class="ED-abbr">NDB</abbr>); <abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Windelband an Jellinek vom 26.7.1878.</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-3"><span class="ED-app-num">3</span><a href="#app-editorial-3-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Ethik mit Rechtsphilosophie</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Windelband an <span class="ED-name">Jellinek</span> vom 22.3.1883</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-4"><span class="ED-app-num">4</span><a href="#app-editorial-4-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Recht, Unrecht und Strafe</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Jellinek: Die socialethische Bedeutung von Recht, Unrecht und Strafe. Wien: Hölder 1878.</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-5"><span class="ED-app-num">5</span><a href="#app-editorial-5-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Brautreise</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Windelband an <span class="ED-name">Jellinek</span> vom 22.3.1883</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-6"><span class="ED-app-num">6</span><a href="#app-editorial-6-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Neuschöpfung</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>der Universität Straßburg, gegründet 1872</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-7"><span class="ED-app-num">7</span><a href="#app-editorial-7-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Berlin</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>Universität Berlin, gegründet 1810</div></div></body></html>