<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000796-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>20.12.1913</date>, <note>4 S., hs. (lat. Schrift), Wasserzeichen </note><quote type="rdg">HOFLIEFERANT | DIEFFENBACHER | HEIDELBERG</quote>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_100</ref></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0796" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000796-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Heidelberg</placeName><date when="1913-12-20">20.12.1913</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118569856">Emil Lask</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118782819">Fritz Medicus</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118825003">Hermann Ebbinghaus</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118669664">Jonas Cohn</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116319437">Julius Ebbinghaus</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116128194">Karl Dilthey</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118629743">Max Weber</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118700030">Paul Häberlin</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117414662">Philipp Witkop</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Heidelberg</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>20.12.1913</date>, <note>4 S., hs. (lat. Schrift), Wasserzeichen </note><quote type="rdg">HOFLIEFERANT | DIEFFENBACHER | HEIDELBERG</quote>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_100</ref></head></front><body><dateline>Heidelberg, 20.12.13</dateline><salute>Lieber Freund und Kollege,</salute><p>Besten Dank für Ihre geschwinde, ausführliche und liebenswürdige Antwort: insbesondere bin ich Ihnen verbunden für die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-5139"/>Möglichkeit, die Sie <name>Ebbinghaus</name> eröffnen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-5139"/>; ich werde ganz vorsichtig, Ihrer Formulierung gemäss ihm schreiben und ihm raten, sich bei Ihnen persönlich vorzustellen. Gestern besuchte mich <name>Medicus</name>, der ihm persönlich sehr nahe steht, von dem Hallenser Missgeschick unterrichtet und darüber entrüstet war und auch keinen besseren Ausweg für ihn wusste als den Besuch bei Ihnen. Denn, was in Strassburg wird, kann man doch nicht wissen, so hoffnungsvoll es ja aussieht. Was das jüdische Blut anlangt, so können Sie darüber, glaube ich, beruhigt sein. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-5140"/>Der Vater<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-5140"/> war eine rein germanische Erscheinung; bei der Mutter, einer feinen, zarten, brünetten Frau wäre die Beimischung eines Tropfens <pb/> von Semitismus vielleicht nicht absolut ausgeschlossen; aber ich sage mir das erst jetzt, wo ich die Erinnerung eigens darauf prüfe. Bei der Begegnung selbst ist mir nichts aufgefallen, so wenig wie ja bei dem Sohne selbst.</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-5141"/>Was <name>Witkop</name> anlangt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-5141"/>, so bin ich allerdings überrascht über Ihre Stellung zu <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-5142"/>dem Buche<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-5142"/>: und es ist mir nun doch beinah peinlich, dass ich den persönlichen Rücksichten das Opfer gebracht habe, meine Auffassung nicht in die Sache hineinziehen zu lassen. Es würde ja freilich absolut nichts geholfen haben, und ich möchte um keinen Preis etwa im geringsten daran schuld sein, falls die Regierung, wie Sie andeuten, den Ihnen allen so wenig sympathischen Mann in die Fakultät setzten sollte, – was ich sehr falsch fände. Was aber den Gegensatz der Beurteilungen anlangt, der natürlich brieflich nicht auszutragen ist, so gehöre ich eben – wie <name>Dilthey</name> <pb/> – noch jener Generation an, der es gefiel aesthetischen Inhalt auch zu aesthetischer Form herausgearbeitet zu sehen, wenn nur ehrliche Arbeit am Objekt darin steckt, auch ohne dass man die Nähte daran zu sehen braucht. Aber das gilt ja wohl nicht mehr für „Wissenschaft“ und gehört zum alten Eisen. Lassen wir das also auf sich beruhen; es ist mir jetzt um so mehr wert, dass Sie wenigstens wissen, wie ich in dieser Frage einen nicht ganz leichten Pflichtenkonflikt entschieden habe.</p><p>Sehr gefreut hat es mich, wie Sie über die Möglichkeit denken, Jon<add>[as]</add> <name>Cohn</name> für ein hiesiges Extraordinariat (das wir übrigens noch nicht sicher haben!) der Psychologie und Paedagogik <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-5143"/>in Aussicht zu nehmen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-5143"/>. Das wäre ja selbstverständlich die weitaus beste und mir die in jeder Hinsicht liebste Lösung der Frage. Es ist nur ein Haken dabei. Wie sich die Sache hier gespielt hat, speciell auch mit Rücksicht auf <name>Häberlin</name>, so wird diese Professur wegen der andern <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-5144"/>8 Philosophiedocenten<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-5144"/> nur bei ihrem <pb/> völligen Abschluss von der philosophischen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-5145"/>Lehr<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-5145"/>tätigkeit durchzuführen sein: <abbr>d. h.</abbr> ihr Vertreter müsste darauf ausdrücklich verzichten. Und in dieser Hinsicht habe ich in der Kommission erklärt, einen solchen Verzicht könne man zwar Häberlin, aber nicht J. <name>Cohn</name> zumuten. Damals freilich meinte <name>Lask</name>, er halte das doch nicht für völlig ausgeschlossen: was meinen Sie dazu? Jedenfalls muss die Sache sehr delikat angefasst werden.</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-5146"/>Was das Wertesystem betrifft<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-5146"/>, so deute ich heute nur kurz an: ich leugne ja, dass es eigentlich religiöse Werte inhaltlich giebt (und meine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-5147"/>„Einleitung“ bringt das noch viel schärfer heraus als die Praeludien<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-5147"/>), weil die so<pb/>genannten nur die andern Werte in der Färbung des Uebersinnlichen sind: ich kann daher am wenigsten zwei Gebiete rel<add>[igiöser]</add> Werte annehmen, sehe vielmehr gerade in Ihrer Unterscheidung pantheistischer und theister Werte nur eine Bestätigung davon, dass es wiederum dieselben ethisch-logisch-aesthetischen Werte sind nur in zwei verschiedenen überempirischen Färbungen, einer immanenten und einer transcendenten. Dies ein Hauptpunkt! ein ander Mal mehr. Heut nur eilig herzlichen Feriengruss! Treulich Ihr</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-5139"><lem>Möglichkeit, die Sie <name>Ebbinghaus</name> eröffnen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Rickert</name> vom 15.12.1913</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-5140"><lem>Der Vater</lem><note><name>Hermann Ebbinghaus</name> (1850–1909)</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-5141"><lem>Was <name>Witkop</name> anlangt</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Rickert</name> vom 15.12.1913</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-5142"><lem>dem Buche</lem><note>vermutlich <name>Philipp Witkop</name>s Habilitationsschrift: Die Anfänge der neueren deutschen Lyrik. Leipzig: Teubner 1908 <abbr>bzw.</abbr> der 2. <abbr>Bd.</abbr> von dessen Die neuere deutsche Lyrik, 1913.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-5143"><lem>in Aussicht zu nehmen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> <name>Max Weber</name> an <name>Heinrich Rickert</name> vom 23.2.1914: </note><rdg>Windelband hat die Chancen Jonas Cohn’s sofort in höchst kluger aber illoyaler Weise kontrekarriert. Zunächst durch Extrahierung eines Briefs des Dezernenten, welcher dessen „Transferierung“ für „unmöglich“ erklärte, da er schon von Freiburg aus vorgeschlagen sei, dann (in der Commission) durch die Erklärung: Sie hätten ihm (W[indelband]) „verschwiegen“, daß dies geschehen sei – was natürlich einen unangenehmen Eindruck machte (Gefälligkeits-Vorschlag!)</rdg><note> (Max Weber Gesamtausgabe <abbr>Abt.</abbr> II, <abbr>Bd.</abbr> 8, <abbr>S.</abbr> 524). <name>Jonas Cohn</name> war seit 1901 <abbr>ao. Prof.</abbr> in Freiburg, 1919 dort <abbr>o. Prof.</abbr>, 1933 nach England emigiriert (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-5144"><lem>8 Philosophiedocenten</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Rickert vom 15.12.1913</note></app><app type="philological" corresp="#ED-5145"><lem>Lehr</lem><note>Wortteil unterstrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-5146"><lem>Was das Wertesystem betrifft</lem><note><name>Rickert</name>s Aufsatz in Logos 4 (1913), Heft 3, <abbr>vgl.</abbr> Windelband an Rickert vom 16.12.1913</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-5147"><lem>„Einleitung“ bringt das noch viel schärfer heraus als die Praeludien</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband: Einleitung in die Philosophie. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1914, <abbr>S.</abbr> 390–435: Drittes Kapitel, Religiöse Probleme; sowie Windelband: Das Heilige. In: Präludien seit 2. <abbr>Aufl.</abbr> 1903.</note></app></listApp></back></text></TEI>