<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000715-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>30.11.1911</date>, <note>4 S., hs. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_93</ref></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0715" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000715-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Heidelberg</placeName><date when="1911-11-30">30.11.1911</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/119555883">Alfred Dove</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118616242">Baruch de Spinoza</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118555006">Edmund Husserl</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118540238">Johann Wolfgang von Goethe</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/137281692">Otto Baensch</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Heidelberg</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>30.11.1911</date>, <note>4 S., hs. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_93</ref></head></front><body><dateline>Heidelberg, 30.11.11.</dateline><salute>Lieber Freund und Kollege,</salute><p>Endlich bekomme ich heute die lang erwarteten <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4561"/>Separata<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4561"/>, von denen Ihnen hierbei eines mit der Bitte um freundliche Aufnahme zugeht: es ist, wie ich dem Verleger und dem Herausgeber auf ihr anhaltendes Zureden vorhergesagt habe, zu den grossen Dramen (die freilich nicht alle in sehr hohem Stil abgefasst sind, – nur <name>Baensch</name>ʼ <name>Spinoza</name> scheint mir sehr gut) eine Art von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4562"/>Satyrspiel<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4562"/> geworden: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4563"/>habeant sibi!<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4563"/></p><p>Leider ist nun heute mein bedrängter (Seminar-)Tag, und ich kann Ihnen nur kurz schreiben; ich bin Ihnen ja wieder viel Dank schuldig. Zuerst für den <pb/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4564"/>Logos-Aufsatz<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4564"/>, der mir in vielem Betracht grosse Freude gemacht hat. Wie sehr ich im Inhalt Ihnen zustimme, mögen Sie daraus ersehen, dass ich selbst im Aerger über die ewige „Erleberei“ eine kleine Skizze mir entworfen hatte, die den Titel führen sollte „vom Leben, Erleben und Ausleben“, von der aber ausser diesem Titel nur ein paar etwas scharfe Einfälle oder Ausfälle zu Papier gebracht waren, die nun im Papierkorb ihr Ende gefunden haben. Und was die Darstellung anlangt, so rechne ich sie in der wie Sie sagen populären Form zu dem Besten was Sie geschrieben haben. Vor allem aber ist damit dem Logos eine Wohltat geworden, dessen Leser doch wohl vielfach bei den früheren <pb/> Nummern, bei <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4565"/><name>Husserl</name>ʼs und Ihrer großen Abhandlung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4565"/> sagen durften: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4566"/>„Sie überschätzen mir.“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4566"/></p><p>Die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4567"/>Euphorion-Hypothese<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4567"/> interessiert mich sehr, aber ich muss mirʼs noch überlegen. Dass Faust in den gotischen Lauben eigentlich schon bei dem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4568"/>„Verweile doch, Du bist so schön“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4568"/> angelangt ist, habe ich mir schon fragend vorgelegt: dass die Idylle durch die Tragik des Sohns deshalb gestört wird, weil das faustische Erbe in ihm zum Untergang führt, leuchtet ja sehr ein: aber wenn nur irgend ein minimaler Hinweis, die Spur einer Ahnung von Andeutung für diesen Zusammenhang durch die Wesensteilung im Stücke selbst oder in <name>Goethe</name>ʼs Erläuterungen zur Helena gegeben wäre!! Nebenbei ein Wort über die <pb/> social-praktische Bedeutung des Schlusses! Das Praktische ist ja wohl klar und sicher, aber für das Sociale haben wir doch nur den Einen bekannten Vers. Im Uebrigen aber ist Faust bis zum Ende, ja bis zum Verse vorher die Herrennatur, die ja auch durch Philemon und Baucis noch auf das Stärkste unterschieden ist. Es ist und bleibt die inkalkulabelste aller Schöpfungen!</p><p>Doch nun genug; hoffentlich gehtʼs Ihnen gut. ich kann sehr zufrieden sein. Der Bronchialkatarrh, der mich zu meinem Schmerz vom <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4569"/>Freiburger Feste fernhielt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4569"/>, ist glücklich vor Semesteranfang überwunden worden. Vorgestern habe ich sogar <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4570"/>in Karlsruhe eine „wohltätige“ Vorlesung gehalten<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4570"/>, zu der rührender Weise der Grossherzog erschien, obwohl er an dem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4571"/>Kammereröffnungstage<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4571"/> von 9 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends im strammen Dienst gewesen war.</p><p>Besten Gruss von Haus zu Haus!</p><p>Treulich Ihr</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-4561"><lem>Separata</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Alfred Dove</name> vom 29.11.1911</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4562"><lem>Satyrspiel</lem><note>so bereits die Wortwahl in Windelband an Alfred Dove vom 29.11.1911</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4563"><lem>habeant sibi!</lem><note>recte: habeat sibi, <abbr>lat</abbr>.: meinetwegen; nach 1. Mose 38,23 (<abbr>vgl</abbr>. Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen Volkes gesammelt u. erläutert v. Georg Büchmann. Fortgesetzt <abbr>v.</abbr> Walter Robert-tornow [!]. 22., <abbr>verm.</abbr> <abbr>u.</abbr> <abbr>verb</abbr>. <abbr>Aufl.</abbr> <abbr>bearb.</abbr> <abbr>v.</abbr> Eduard Ippel. Berlin: Haude &amp; Spener 1905, <abbr>S.</abbr> 9).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4564"><lem>Logos-Aufsatz</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Rickert: Lebenswerte und Kulturwerte. In: Logos 2 (1911/12), Heft 2, <abbr>S.</abbr> 131–166, sowie<abbr> </abbr>Windelband an <name>Alfred Dove</name> vom 29.11.1910</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4565"><lem><name>Husserl</name>ʼs und Ihrer großen Abhandlung</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Rickert: Das Eine, die Einheit und die Eins. In: Logos 2 (1911/12), Heft 1, <abbr>S.</abbr> 27–79, sowie Edmund Husserl: Philosophie als strenge Wissenschaft. In: Logos 1 (1910/11), Heft 3, <abbr>S.</abbr> 289–341.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4566"><lem>„Sie überschätzen mir.“</lem><note>Redensart in Erinnerung an eine Anekdote, verschiedenen preußischen Militärs bei unterschiedlichen Gelegenheiten zugeschrieben, <abbr>vgl.</abbr> die Treffer in <ref type="link">https://book.google.de</ref> (10.7.2018), lediglich in informellen Kontexten (wie <abbr>z. B.</abbr> Briefwechseln), ohne Quellenangaben nachgewiesen.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4567"><lem>Euphorion-Hypothese</lem><note>Euphorion ist der Name des Sohnes von Faust und Helena in Goethe: Faust II. Windelband bezieht sich hier wahrscheinlich auf eine nicht überlieferte briefliche Äußerung Rickerts. In Rickerts Aufsatz Lebenswerte und Kulturwerte. In: Logos 2 (1911/12), Heft 2, <abbr>S.</abbr> 131–166 geht es nicht um dieses Thema.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4568"><lem>„Verweile doch, Du bist so schön“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> hier: Goethe: Faust II, Vers 11581–11582.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4569"><lem>Freiburger Feste fernhielt</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Dove</name> vom 25.11.1911</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4570"><lem>in Karlsruhe eine „wohltätige“ Vorlesung gehalten</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband: Über Mitleid und Mitfreude. [Vortrag 1911]. In: Präludien. Aufsätze und Reden zur Philosophie und ihrer Geschichte. 5., erweiterte <abbr>Aufl.</abbr> Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1915, <abbr>S.</abbr> 195–217.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4571"><lem>Kammereröffnungstage</lem><note>des Badischen Landtages</note></app></listApp></back></text></TEI>