<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000710-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Alfred Dove</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>25.10.1911</date>, <note>3 S., hs. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UA Freiburg, C 0140 NL Alfred Dove: 20 Korrespondenz R–Z</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0710" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000710-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Heidelberg</placeName><date when="1911-10-25">25.10.1911</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/119555883">Alfred Dove</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/119555883">Alfred Dove</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116190930">Anna Dove</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11948711X">Marianne Weber</name></note><note type="repository">Universitätsarchiv Freiburg</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Alfred Dove</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>25.10.1911</date>, <note>3 S., hs. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UA Freiburg, C 0140 NL Alfred Dove: 20 Korrespondenz R–Z</bibl></head></front><body><dateline>Heidelberg, 25.10.11.</dateline><salute>Verehrter Freund,</salute><p>Herzlichen Dank für Ihre <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4513"/>Festschrift<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4513"/> zur Erläuterung der schöngefassten Inschrift! ich bin sehr erfreut, so doch auch etwas von der Feier abzubekommen, auf die ich sonst schweren Herzens verzichtet habe. Diese Bronchitis kam mir sehr ungelegen, ich hatte mich riesig auf die Tage gefreut, zu denen ich so zu sagen zu gehören meine, und bei meinen vielen Beziehungen hatte ich mir vieles gerade für diese Begegnungen aufgespart. Es hat nicht sollen sein! Warum ist man nur so vernünftig? hat’s einen Zweck?</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4514"/>Ihr Festgruss<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4514"/> hat mich sehr interessiert. Er ist echt freiburgisch empfunden: die Freude am eignen Wachstum gemessen an Heidelberg. Dass Sie uns hier durch den Mangel an Modernität charakterisieren, ist so unrichtig nicht. Von der flotten und <pb/> kecken Stadtpolitik, die Ihrer Universität zugute kommt, fehlt hier leider jede Spur. In Bezug auf die Sportattractionen kann mit dem Kollegen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4515"/>Feldberg<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4515"/> hier keiner wetteifern. Und auch im akademischen Treiben hat man wohl hier einige Jahrzehnte lang auf den Lorbeeren geschlummert. Diesen Eindruck hatte ich sofort, als ich herkam, und er hat sich durch schmerzliche Erfahrungen bestätigt. Sie haben ganz Recht, an Fixigkeit und Modernität ist uns Freiburg dauernd über. Aber an Einem Punkte, Verehrtester, sind wir Ihnen voraus: das ist die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4516"/>Frauenbewegung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4516"/>! Oder sind sie etwa auch so weit, dass sich eine Frau nicht gut sehen lassen kann, wenn sie nicht Pathe für mindestens drei uneheliche Kinder ist?! In dieser Moder<pb/>nität haben wir immer das Allerneuste. Wollen Sie das nicht auch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4517"/>für Freiburg haben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4517"/>? Wir geben’s gern!</p><p>Im Ernst aber, ich bin mit den aufrichtigsten und selbstlosesten Gefühlen der Freude und des Glückwünschens bei Ihrem Feste. Freiburg ist mir ja so etwas wie die Jugendliebe aus des Lebens schönster Zeit: so sehr der Gang der Dinge mich von ihr getrieben, ihr Glück bleibt meine Freude!</p><p>Meiner Frau tut es besonders leid, des gehofften Wiedersehens mit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4518"/>der Ihrigen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4518"/> verlustig zu gehen, wir grüssen Sie beide herzlichst!</p><p>Treulich der Ihrige</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-4513"><lem>Festschrift</lem><note><abbr>vgl.</abbr> a/D. [= Alfred Dove]: MCMVI–MCMXI. Aedem a patre studiis dedicatam erexit Fridericus II. In: Festblatt zur Einweihung des Neuen Kollegien-Hauses der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Sonderausgabe der Akademischen Mitteilungen [Umschlagtitel: Alberto-Ludoviciana. Erinnerungen aus der Studienzeit alter und junger Semester – diese in <abbr>Nr.</abbr> 2 <abbr>u.</abbr> 3 vom 25. <abbr>u.</abbr> 28.10.1911]. Unter der verantwortlichen Leitung des Privatdozenten <abbr>Dr.</abbr> Veit Valentin <abbr>hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> Hans Speyer. Freiburg <abbr>i. B.</abbr>: Speyer &amp; Kaerner 1911, <abbr>Nr.</abbr> 1 <abbr>v.</abbr> 21.10.1911, <abbr>S.</abbr> 2–3.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4514"><lem>Ihr Festgruss</lem><note><abbr>vgl.</abbr> für den Wortlaut den Kommentar zu <name>Dove</name> an Windelband vom 6.11.1911 – dort sind die von Windelband hervorgehobenen Stellen von <name>Dove</name> als ironisch gemeint bezeichnet.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4515"><lem>Feldberg</lem><note>höchste Erhebung des Schwarzwaldes</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4516"><lem>Frauenbewegung</lem><note>Seitenhieb auf <abbr>u. a.</abbr> <name>Marianne Weber</name>s soziale Initiativen, <abbr>vgl.</abbr> den Kommentar zu Windelband an Max Weber vom 12.12.1910.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4517"><lem>für Freiburg haben</lem><note><abbr>vgl.</abbr> die im selben spöttischen Ton von einem unbekannten Autor verfaßten: Begrüssungsworte gerichtet an Ihre Königliche Hoheit die Grossherzogin bei Überreichung zweier Blumensträuße durch je drei kleine Professoren-Töchter am 3. Juli 1906. In: Feier der Grundsteinlegung des neuen Universitätsgebäudes. Freiburg im Breisgau am 3. Juli 1906. Freiburg <abbr>i. B.</abbr>: C. A. Wagner 1906, <abbr>S.</abbr> 1 (Auszug): </note><rdg>In strenger Männer ernstem Kreis, | Da müssen kleine Mädchen schweigen. | Ganz schüchtern nahen wir und leis, | Der lieben Fürstin uns zu neigen. | […] Das Wichtigste ist heutzutage | Beim Studium die Frauenfrage! | Die Frauenemancipation | Verdrängt noch ganz den Musensohn. | Und wird die Aula fertig stehn, | Wird man nur Musentöchter sehn. | Wir drei als Schwestern Studio | Sind dann im Festpräsidio. | Und mit dem Strauß als Festjungfrau’n | Wird man dann unsre Brüder schau’n. | So kommt’s, hoff’ ich mit Zuversicht; | Der Vater meint „Vielleicht auch nicht!“</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-4518"><lem>der Ihrigen</lem><note><name>Anna Dove</name> (1851–1934), <abbr>geb.</abbr> Ludwig (<abbr>NDB</abbr>).</note></app></listApp></back></text></TEI>