<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000685-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>16.7.1911</date>, <note>4 S., hs. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_91</ref></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0685" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000685-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Heidelberg</placeName><date when="1911-07-16">16.7.1911</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116037660">Clemens Baeumker</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116099453">Erich Becher</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117003646">Otto Liebmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116988118">Theobald Ziegler</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116957557">Wilhelm Metzger</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Heidelberg</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>16.7.1911</date>, <note>4 S., hs. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_91</ref></head></front><body><dateline>Heidelberg, 16.7.11.</dateline><salute>Lieber Freund und Kollege,</salute><p>Es tut mir sehr leid, dass ich Sie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4351"/>über <abbr>Dr.</abbr> <name>Metzger</name> befragt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4351"/> und Ihnen damit so viel Mühe gemacht und Ungelegenheit gemacht habe: ich danke Ihnen vielmals für Ihre <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4352"/>zweimalige ausführliche Auskunft<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4352"/>, die ja gerade so ausgefallen ist, wie ich es etwa erwartete. Er scheint ein etwas aufgeregter und zudringlicher Herr zu sein, und ich habe gar kein Interesse daran, dass er mich noch aufsucht. Denn, selbst wenn ich ihn empfehlen könnte, so wüsste ich doch nicht, welche Universität ich ihm empfehlen sollte, weil es ja überall voll hockt. Die Aussich<pb/>ten für die jüngere Generation sind recht ungünstig, selbst wenn sie psychologisch empfohlen ist: was doch sonst der einzige Titulus ist, der heutzutage noch wirkt. Eine Freude warʼs deshalb, dass ausnahmsweise einmal eine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4353"/>Professur wie die <name>Liebmann</name>ʼs<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4353"/> nicht an einen Psychologen verloren gegangen ist. Eingermassen bange ich um <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4354"/>die Strassburger<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4354"/>. ich habe jetzt, da ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4355"/>nicht bei dem Badner Tage<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4355"/> war, lange nichts darüber gehört. Dass es mit Ihnen nichts wurde, hat mir sehr leid getan; aber es war leider begreiflich. Dass Sie sich nicht binden konnten, war selbstverständlich. Dass die Strassburger Ihnen das ansannen, <pb/> wird man ihnen nach den Erfahrungen der letzten Jahre nicht ganz verdenken dürfen. Gleichwohl würde ich, wenn ich etwas gehört hätte, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4356"/>ehe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4356"/> die Verhandlungen mit Ihnen erfolgt waren, alles aufgeboten haben, um die Strassburger zu veranlassen, Sie ohne Bedingung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4357"/>an der Spitze der Liste<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4357"/> zu nennen. Aber Sie können sich ja denken, dass ich bei der Kitzlichkeit der Situationen und der Personen überhaupt nicht offen gefragt werden konnte. Nun bin ich begierig, was werden wird. Ueberall wird jetzt, wo auch eine Professur frei ist, mit Berliner Hochdruck für einen gewissen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4358"/><name>Becher</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4358"/> gearbeitet, der nach dem, was ich von ihm gesehen habe, in der Tat unbedeutend genug ist, um bei solcher Sorte Kathederbesetzung in <pb/> erster Linie zu figurieren. Aber mich wundert nichts mehr. Unsre deutschen Universitäten sind in einem rapiden, in diesem Masse kaum vorherzusagenden Niedergang begriffen: warum sollte da nicht ihre Philosophie vorangehen? Der Philosophie und der Wissenschaft wirdʼs nicht schaden; die finden schon ihre Stätten; aber den Universitäten wirdʼs schaden und dem Volke, das auf sie stolz sein konnte, solange es nicht auf den Wahn verfiel, sein Unterrichtswesen modernisieren zu müssen! Die Herren sollen nur weiter machen: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4359"/>es wird schon herrlich tagen!<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4359"/> ich bin nur glücklich, dass ich das Schlimmste nicht mehr selbst erleben werde.</p><p>Seien wir froh, dass wir noch im Lichte haben leben dürfen! Denn es war schön.</p><p>Mit treuem Gruss der Ihrige</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-4351"><lem>über <abbr>Dr.</abbr> <name>Metzger</name> befragt</lem><note><abbr>vgl</abbr>. Windelband an Rickert vom 8.7.1911</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4352"><lem>zweimalige ausführliche Auskunft</lem><note>nicht überliefert</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4353"><lem>Professur wie die <name>Liebmann</name>ʼs</lem><note><abbr>vgl</abbr>. Windelband an Rickert vom 8.7.1911</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4354"><lem>die Strassburger</lem><note><name>Theobald Ziegler</name> wurde 1911 in Straßburg emeritiert, <name>Clemens Baeumker</name> ging 1912 nach München (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4355"><lem>nicht bei dem Badner Tage</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Harry Bresslau vom 26.6.1911</note></app><app type="philological" corresp="#ED-4356"><lem>ehe</lem><note>unterstrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4357"><lem>an der Spitze der Liste</lem><note>nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4358"><lem><name>Becher</name></lem><note>vermutlich <name>Erich Becher</name> (1882–1929), experimentalpsychologische Promotion über Lesepsychologie, Habilitation über: Philosophische Vorraussetzungen der exakten Naturwissenschaften, 1909 <abbr>o. Prof</abbr> in Münster, 1916–25 in München (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4359"><lem>es wird schon herrlich tagen!</lem><note>als Zitat nicht ermittelt</note></app></listApp></back></text></TEI>