<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000645-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Bordighera</placeName>, <date>12.4.1910</date>, <note>8 S., hs. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_78-79</ref></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0645" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000645-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Bordighera</placeName><date when="1910-04-12">12.4.1910</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116701889">Arnold Ruge</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116413530">August Faust</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118522779">Benedetto Croce</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118653245">Emile Boutroux</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117002747">Georg Mehlis</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Heidelberg</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Bordighera</placeName>, <date>12.4.1910</date>, <note>8 S., hs. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_78-79</ref></head></front><body><dateline>Bordighera, 12.4.10</dateline><salute>Lieber Freund,</salute><p>Der Genuss dieses Frühlings, der mit unvergleichlichem Zauber mich hier umfängt, macht faul und gedankenlos. Es ist ein Träumen von Tag zu Tag, gelegentlich einmal durch eine Fahrt an eine andre der Küstenstädte unterbrochen. So müssen Sie es mir verzeihen, dass ich Ihnen für <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4081"/>Ihren Brief<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4081"/> mit allen Beilagen erst heute, und auch heute nur kurz antworte. ich werde mich nun sicher so einrichten, dass ich in der zweiten Hälfte der nächsten Woche <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4082"/>Sie für ein Stündchen spreche<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4082"/>: ich werde, da unsre Reisebestimmungen, von Wetter und Befinden abhängig, heut noch nicht genau feststehen, mich bei Ihnen anmelden, wahrscheinlich Donnerstag, d<add>[en]</add> 21t., vielleicht schon Tags zuvor. ich hoffe, dass ein persönliches Aussprechen uns besser zum Ziele führen wird als die Briefe, über deren <pb/> leicht zu Missverständnis und Hemmung führende Unzulänglichkeit Sie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4083"/>mit Recht klagen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4083"/>.</p><p>Nur ein paar Punkte möchte ich deshalb vorläufig berühren. Zunächst mein Bedauern darüber, dass, wie ich nun erfahre, an diesen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4084"/>Rattenkönig<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4084"/> von Irrungen auch ich mitschuldig bin, weil ich auf Ihre Anfrage über <name>Ruge</name> nicht geantwortet habe. ich beklage das jetzt sehr und bitte dafür um Verzeihung. Zur Erklärung kann ich nur anführen: meine Antwort konnte bei der komplicierten Art des Mannes, die Sie nun selbst kennen gelernt haben, nicht mit ein paar Worten abgemacht werden: ich brauchte dazu mehr Zeit und Musse, als ich finden konnte. Dazu kam, dass ich vorhatte, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4085"/>aus Tirol<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4085"/> im September über Freiburg zurückzureisen. Aus allerlei Gründen nahmen <pb/> wir dann aber doch den Rückweg über München. Und ebenso gingʼs im Herbst: ich war <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4086"/>im October in Baden-Baden<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4086"/> und hatte die bestimmte Absicht, von da einen Abstecher nach Fr<add>[eiburg]</add> zu machen, vor allem, um endlich einmal wieder mit Ihnen zu reden: auch da kam es wegen Wetter und Missbefinden und bei einer dienstlich verfrühten Rückkehr leider nicht dazu. Trotz alledem hätte ich aber geschrieben, wenn ich auch nur im entferntesten an die Möglichkeit gedacht hätte, dass es sich darum handelte, <name>Ruge</name> aus der Redaction des L<add>[ogos]</add> zu entfernen. Seine Zugehörigkeit dazu erschien mir als das Selbstverständlichste von der Welt, – nach dem, was er für den L<add>[ogos]</add> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4087"/>geopfert und getan<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4087"/> hatte. Und ich kann auch heut noch nicht davon abkommen, dieses Recht R<add>[uge]</add>ʼs anzuerkennen: dass es moralisch vorliegt, halte ich für unbestritten; dass <pb/> ihm sogar ein juridisches Moment innewohnt, zeigte jener <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4088"/>Brief des Verlegers <name>Faust</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4088"/>, der in Freiburg anfangs so grosse Aufregung hervorgerufen hat. Jedenfalls ist dies der Ausgangspunkt, von dem R<add>[uge]</add>ʼs Stellungnahme zu würdigen ist. Es ist auch der Grund, weshalb er selbst an der Scheinexistenz in der Redaction festhält: und es bleibt zu bedenken, dass wenn er auch nominell ausgeschieden wäre, man von neuem bei <name>Boutroux</name> und <name>Croce</name> hätte um die Befugnis zum <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4089"/>Abdruck ihrer Beiträge<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4089"/> nachsuchen müssen, die sie <name>Ruge</name> erst zu anderer Verwendung und dann für den von ihm mitredigierten Logos überlassen hatten! –</p><p>Sodann bin ich im Irrtum gewesen, wenn ich den Verlauf so aufgefasst habe, als sei <name>Ruge</name> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4090"/>ungefragt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4090"/> erst durch den Abzug des Titelblatts über <pb/> seine Ausscheidung aus der Herausgabe unterrichtet worden. ich sehe jetzt, dass er gefragt war, seine Zustimmung verweigert hatte und aus jenem Blatt erst erfuhr, dass trotzdem sein Name gestrichen war. Das gebe ich natürlich zu. Aber die Position von <name>Mehlis</name> scheint mir wenig dadurch gebessert, dass er gegen den ausdrücklichen Widerspruch R<add>[uge]</add>’s dessen Ausschliessung vorgenommen hat. Das bleibt objectiv das Unrecht, das R<add>[uge]</add> widerfahren ist.</p><p>Subjectiv hat freilich M<add>[ehlis]</add> gewichtige Entschuldigungsgründe: 1) den „Rechtsirrtum“, der jetzt dahin präcisiert ist, dass er gemeint hat, diese Frage durch Majorität entscheiden zu können. Freilich kommt mir der Irrtum etwas stark vor. ich denke mir die Sache etwa nach Analogie: wenn sich drei Leute zu einer Firma zusammentun, so mögen sie die einzelnen Geschäftsfragen per majora entscheiden: wenn sich aber zwei davon zu einer „Majorität“ zusammentäten, um den Namen des dritten aus der rechtlich festgestellten Firma gegen seinen Widerspruch zu streichen, so wäre das doch einigermassen naiv. – 2) <name>Mehlis</name> handelte auf <pb/> Ihren Wunsch und stand unter Ihrem Druck. Nach dem, was Sie mir jetzt schreiben, muss ich annehmen, dass, wenn Sie mir anfangs gleich mitteilten, es sei nicht die Absicht von <name>Mehlis</name>, R<add>[uge]</add> aus der Redaction „herauszudrängen“, ich das so aufzufassen habe, dass Sie selbst R<add>[uge]</add> aus der Redaction auszuschliessen wünschten, zumal nachdem er sich in den Redactionsgeschäften so unliebsam gemacht hatte, wie Sie es schildern. Das ist natürlich dann auch der Punkt, von dem später die definitive Auseinandersetzung wird bestimmt werden müssen. – 3) M<add>[ehlis]</add> war in den entscheidenden Tagen krank. Das grosse Gewicht dieses Moments ist mir neu. Die Krankheit war zwar gelegentlich erwähnt worden; aber dass sie in die Tage fiel, wo eilig die schwierige Sache zu erledigen war, dass ein Influenza-Fieber als <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4091"/>aetiologisches<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4091"/> Moment in die traurige Geschichte hineinspielt, das erfahre ich erst jetzt. Und dem trage <pb/> ich natürlich gern Rechnung.</p><p>Also, diese Entschuldigungsgründe will ich keineswegs verkennen: aber sie hindern nicht, dass eben etwas <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4092"/>zu entschuldigen bleibt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4092"/>, – dass nämlich objectiv das Verfahren von M<add>[ehlis]</add> geeignet war, R<add>[uge]</add>’s Recht zu beeinträchtigen und deshalb ihn zu der gereizten Abwehr zu verleiten. Nachdem R<add>[uge]</add> selbst die Inkorrektheit dieser Abwehrbriefe mit aller Loyalität anerkannt und sachlich die grosse Nachgiebigkeit erwiesen hat, durch die vorläufig der formelle Ausgleich möglich wurde, wäre eine Anerkenntnis von der andern Seite <abbr>m. E.</abbr> einfach eine Sache der Gerechtigkeit, und ich fühle mich bedrückt, solange ein solches nicht erfolgt.</p><p>Der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4093"/>Brief aber von <name>Mehlis</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4093"/><name/> an Sie, der ja wohl für mich bestimmt ist, ohne freilich mich zu erwähnen, dieser Brief enthält jenes Anerkenntnis nicht. Der allgemeine Satz: „An Irrtum und Fehlern in der Behandlung dieser ganzen Angelegenheit meiner<pb/>seits hat es gewiss nicht gefehlt“ ist, wie Sie sehr richtig <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4094"/>bemerken<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4094"/>, viel zu allgemein gehalten. Er würde mir erst genügen, wenn ich die Sicherheit hätte, ihn auf das Verhältnis zu <name>Ruge</name> zu beziehen. Und dazu wäre diese Allgemeinheit garnicht nötig, sobald nur das anerkannt wäre, was ich oben wieder bezeichnet habe.</p><p>Dies also vorläufig, lieber Freund; ich hoffe, dass wenn wir uns in acht bis zehn Tagen sehen, wir uns mündlich leichter verständigen: ich habe ja nur den einen Wunsch, dass der Logos nicht mit einer unausgeglichenen Ungerechtigkeit ins Leben getreten sein möchte! Der Gedanke daran ist mir zu bedrückend, als dass ich nicht meinerseits alles tun sollte, um ihm zu entgehen.</p><p>Also auf ein gutes Wiedersehen!</p><p>Getreulich der Ihrige</p><signed>W Windelband</signed><postscript><p>Die Briefschaften, die Sie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4095"/>beigelegt hatten<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4095"/>, bringe ich selbst mit; ich habe hier heute im Abreisen schlechte Gelegenheit, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-4096"/>einschreiben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-4096"/> zu lassen!</p></postscript></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-4081"><lem>Ihren Brief</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Rickert an Windelband vom 28.3.1910</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4082"><lem>Sie für ein Stündchen spreche</lem><note><abbr>vgl</abbr>. Windelband an Rickert vom 2.5.1910</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4083"><lem>mit Recht klagen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Rickert an Windelband vom 28.3.1910</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4084"><lem>Rattenkönig</lem><note>sprichwörtlich für unauflösliche Verwirrung (zunächst von Ratten in ihrem Nest)</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4085"><lem>aus Tirol</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Leo Koenigsberger vom 19.8.1909</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4086"><lem>im October in Baden-Baden</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Siebeck vom 4.10.1909</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4087"><lem>geopfert und getan</lem><note>Ruge hatte die für seine Jahresschrift Die Philosophie der Gegenwart geplanten Beiträge von <name>Boutroux</name> und <name>Croce</name> in den Logos eingebracht, <abbr>vgl.</abbr> den Kommentar zu Windelband an Paul Siebeck vom 24.7.1909.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4088"><lem>Brief des Verlegers <name>Faust</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> den Kommentar zu Windelband an Rickert vom 12.3./13.3.1910</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4089"><lem>Abdruck ihrer Beiträge</lem><note>in Heft 1 des Logos, 1910: Emile Boutrox: Wissenschaft und Philosophie, Benedetto Croce: Ueber die sogenannten Werturteile.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-4090"><lem>ungefragt</lem><note>unterstrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4091"><lem>aetiologisches</lem><note>ursächlich, begründend</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4092"><lem>zu entschuldigen bleibt</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Rickert vom 25.3.1910 <abbr>u.</abbr> Rickert an Windelband vom 28.3.1910 sowie Windelband an Rickert vom 2.5.1910.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4093"><lem>Brief aber von <name>Mehlis</name></lem><note>nicht ermittelt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-4094"><lem>bemerken</lem><note>statt <abbr>gestr.</abbr>: </note><rdg>gehalte[n]</rdg><note>; Hinweis auf zugrundeliegendes Briefkonzept</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4095"><lem>beigelegt hatten</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Rickert an Windelband vom 28.3.1910</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-4096"><lem>einschreiben</lem><note>versicherte Versandform zur Übergabe durch den Postboten</note></app></listApp></back></text></TEI>