<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000539-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Karl Praechter</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>14.3.1909</date>, <note>4 S. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt Halle; Nachlass Karl Praechter, Yi 21 I W 13(1)</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0539" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000539-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Heidelberg</placeName><date when="1909-03-14">14.3.1909</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116278609">Karl Praechter</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118555006">Edmund Husserl</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119027577">Ernst Meumann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116219513">Franz Böhm</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118614436">Georg Simmel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118825003">Hermann Ebbinghaus</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116319437">Julius Ebbinghaus</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116865865">Karl Groos</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118533401">Kuno Fischer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117072419">Malvine Husserl</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118524933">Max Dessoir</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119142139">Oswald Külpe</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118710532">Paul Hensel</name></note><note type="repository">Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt Halle</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Karl Praechter</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>14.3.1909</date>, <note>4 S. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt Halle; Nachlass Karl Praechter, Yi 21 I W 13(1)</bibl></head></front><body><dateline>Heidelberg, 14 März 1909.</dateline><salute>Hochgeehrter Herr Kollege,</salute><p>Ihre Anfrage vom 6. d<add>[es]</add> M<add>[onats]</add> hat den Weg nach Wiesbaden, wo ich zu einer <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3346"/>kurzen Kur<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3346"/> weilte, und von da hierher zurück machen müssen, und daher bitte ich freundlichst zu entschuldigen, dass ich sie erst heute beantworte.</p><p>Dass für die Besetzung der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3347"/><name>Ebbinghaus</name>’schen Professur<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3347"/> von der einen oder andern Seite Herr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3348"/><name>Dessoir</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3348"/> genannt werden wird, vermuten Sie wohl nicht mit Unrecht: in gewissen Berliner Kreisen ist <name>Dessoir</name> sehr freundlich behandelt und namentlich von <name>Simmel</name>, der weit, weit über ihm steht, in höchst befremdlicher Weise bevorzugt worden. Das Beste, was D<add>[essoir]</add> geleistet hat, ist m<add>[eines]</add> E<add>[rachtens]</add> die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3349"/>zweite Auflage seiner Geschichte der deutschen Psychologie<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3349"/>; aber auch ihr fehlt es an <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3350"/>eigenen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3350"/> philosophischen, sachlich tief dringenden Auffassungen. Seine aesthetischen Studien, die viel moderne Neigungen zeigen und in den einzelnen <pb/> Aufsätzen stark ins Feuilletonistische zu fallen in Gefahr sind, würden mir auch keine Gewähr für eine ernste Vertretung dessen, was die Universität als Philosophie bedarf, bieten. Will man durchaus wieder einen Psychologen haben, so giebt es viel bedeutendere als <name>Dessoir</name>: in erster Linie Osw<add>[ald]</add> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3351"/><name>Külpe</name>-Würzburg<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3351"/>, der auch durch seine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3352"/>„Einleitung in die Philosophie“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3352"/> und durch sein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3353"/>Büchlein über Kant<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3353"/> bewiesen hat, dass er philosophischen Problemen gewachsen ist; ich sage das, obwohl ich seinen Auffassungen durchaus fern stehe. Weiterhin käme als Psychologe und Aesthetiker lange vor <name>Dessoir</name> der Giessener <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3354"/>K. <name>Groos</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3354"/> in Betracht, der in glücklicher Weise vielfach eigne Wege gegangen ist; von seiner Lehrtätigkeit habe ich, der ich ihn persönlich nicht kenne, nur Gutes gehört.</p><p>Aber muss es denn ein Psychologe sein? Sollte man nicht allmählich auch an den preussischen <pb/> Universitäten wieder anfangen, statt der beiden Surrogate – Geschichte und Psychologie – an die Philosophie selbst bei der Besetzung der für sie bestimmten Professuren zu denken? An Männern dazu fehlt es nicht. Warum wollte Ihre Fakultät nicht zuerst auf <name>Rickert</name> zurückkommen, von dessen führender Stellung in der Wissenschaft und glänzender Lehrfähigkeit ich nichts erst zu sagen brauche? Nach ihm käme <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3355"/><name>Husserl</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3355"/><name/> an die Reihe, der, seit er Halle verlassen hat, sich zu einer hervorragenden Position entwickelt hat, sodass an seinen „Logischen Untersuchungen“ Niemand mehr vorbeigehen kann, und der in Goettingen, wie ich höre, eine ausserordentlich wirksame, anregende und fesselnde Lehrtätigkeit entfaltet. Sodann ist <name>Simmel</name> zu nennen, der, soweit ihm nicht <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3356"/>Vorurteile<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3356"/> entgegenstehen, als eine eigenartige Denkerpersönlichkeit und als erfolgreicher Docent anzuerkennen und anerkannt ist. Auch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3357"/><name>Hensel</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3357"/>-Erlangen ist nicht zu vergessen, der zwar von allen diesen <pb/> das geringste Mass philosophischer Originalität, dafür aber eine ausgebreitete Gelehrsamkeit, eine gediegene Gesinnung und eine hervorragende Lehrgabe besitzt.</p><p>Das ist nach meiner Meinung, die ich übrigens wie Ihnen selbst, so auch event<add>[uell]</add> einer Kommission oder der Fakultät gern zur Verfügung stelle, eine Reihe von stattlichen Vertretern der Philosophie aus der für die wichtige Stellung in Betracht kommenden Generation, und es ist kein Grund vorhanden, diese Professur dauernd der Psychologie zu opfern.</p><p>Mit den besten Wünschen für einen der Sache der Philosophie günstigen Ausgang der Verhandlung, – zu weiterer Auskunft gern bereit, – bin ich, sehr geehrter Herr Kollege, in vorzüglicher Hochachtung ergebenst der Ihrige</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-3346"><lem>kurzen Kur</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Rickert vom 16.1.1909</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3347"><lem><name>Ebbinghaus</name>’schen Professur</lem><note>der Psychologe <name>Hermann Ebbinghaus</name>, <abbr>geb.</abbr> 1850, zuletzt seit 1905 <abbr>o. Prof.</abbr> in Halle, war am 26.2.1909 verstorben. Sein Nachfolger wurde <name>Ernst Meumann</name> (<ref type="link">http://www.psych.uni-halle.de/geschichte/</ref>; Professorenkatalog Halle).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3348"><lem><name>Dessoir</name></lem><note><name>Max Dessoir</name> (1867–1947), seit 1897 <abbr>ao. Prof.</abbr> in Berlin, 1920 dort <abbr>o. Prof.</abbr> für Philosophie <abbr>u.</abbr> Ästhetik (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3349"><lem>zweite Auflage seiner Geschichte der deutschen Psychologie</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Dessoir: Geschichte der neueren deutschen Psychologie <abbr>Bd.</abbr> 1. Von Leibniz bis Kant. Berlin 1894; 2., völlig umgearbeitete <abbr>Aufl.</abbr> 1902.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-3350"><lem>eigenen</lem><note>statt gestrichen: </note><rdg>eigentlichen</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-3351"><lem><name>Külpe</name>-Würzburg</lem><note><name>Oswald Külpe</name> (1862–1915), seit 1894 <abbr>Prof.</abbr> in Würzburg, 1909 in Bonn, 1914 in München (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3352"><lem>„Einleitung in die Philosophie“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Külpe: Einleitung in die Philosophie. Leipzig: S. Hirzel 1895; 4. <abbr>Aufl.</abbr> 1907.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3353"><lem>Büchlein über Kant</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Külpe: Immanuel Kant. Darstellung und Würdigung. Leipzig/Berlin: Teubner 1907; 2. <abbr>Aufl.</abbr> 1908.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3354"><lem>K. <name>Groos</name></lem><note><name>Karl Groos</name> (1861–1946), bei <name>Kuno Fischer</name> promoviert, 1892 ao. Prof. in Gießen, 1898 <abbr>o. Prof.</abbr> in Basel, 1901 in Gießen, 1911 in Tübingen (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3355"><lem><name>Husserl</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> das Schreiben <name>Edmund Husserl</name>s an <name>Malvine Husserl</name> vom selben Tag (14.3.1909) aus Heidelberg: </note><rdg>Ich habe Windelband angetroffen und war bei ihm von 1/2 12–1. Er war sehr liebenswürdig und es wurde über alles Mögliche geschwätzt. Viel Verständnis für mein Streben kann ich bei ihm nicht voraussetzen, obschon er mir erzählte, daß seine Schüler meine Logischen Untersuchungen fleißig studieren </rdg><note>(Edmund Husserl Briefwechsel <abbr>Bd. </abbr>9, Familienbriefe, <abbr>S.</abbr> 297). <name>Husserl</name> (1859–1938) war seit 1901 <abbr>ao. Prof.</abbr> in Göttingen, 1916–28 <abbr>o. Prof.</abbr> in Freiburg (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3356"><lem>Vorurteile</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Franz Böhm</name> vom 11.6.1908</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3357"><lem><name>Hensel</name></lem><note><name>Paul Hensel</name> war seit 1902 <abbr>o. Prof.</abbr> in Erlangen (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app></listApp></back></text></TEI>