<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000525-4</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Eduard Schwartz</persName>, <placeName type="sent">Baden-Baden</placeName>, <date>20.8.1908</date>, <note>4 S., hs. (lat. Schrift), vereinzelt Textverluste durch Lochung</note>, <bibl type="pubPlace">Bayerische Staatsbibliothek München; Autographensammlung, Schwartziana II A</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0525" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000525-4"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Baden-Baden</placeName><date when="1908-08-20">20.8.1908</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118795686">Eduard Schwartz</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116111585">Albrecht Dieterich</name><name>Dora Windelband</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118718258">Eberhard Gothein</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118795686">Eduard Schwartz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1338230034">Emma Schwartz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116219513">Franz Böhm</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/174081693">Gerhard Schwartz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117351733">Gustav Schwartz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/170017788">Ivo Schwartz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116720239">Otto Hense</name></note><note type="repository">Bayerische Staatsbibliothek München</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Eduard Schwartz</persName>, <placeName type="sent">Baden-Baden</placeName>, <date>20.8.1908</date>, <note>4 S., hs. (lat. Schrift), vereinzelt Textverluste durch Lochung</note>, <bibl type="pubPlace">Bayerische Staatsbibliothek München; Autographensammlung, Schwartziana II A</bibl></head></front><body><dateline>Baden-Baden 20/8 08</dateline><salute>Hochgeehrter <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3250"/>Freund<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3250"/> und Kollege,</salute><p>Wo Sie auch in Ihren lieben Vogesen sein mögen, dieser Brief wird Ihnen nachgehen und Sie erreichen: er kommt spät, aber hoffentlich nicht zu spät, um Ihnen zu sagen, wie sehr ich mich über <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3251"/>Ihren Brief<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3251"/> vom 20. Juni –, ja, es sind wahrhaftig zwei Monate! – gefreut habe und wie dankbar ich Ihnen dafür war und bin. Es ist mir ein Trost, dass Sie an meiner Gesinnung und an deren Betätigung nicht irre geworden sind durch den Misserfolg, den ich erlitt. Ja, ich kann Ihnen sagen, wenn Sie das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3252"/>Scheitern dieser Hoffnung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3252"/> als eine bittre Zurücksetzung empfunden haben, so ist auch mir dieser Ausgang der Sache als ein persönlicher Misserfolg nahe gegangen, dessen Stachel ich nicht so leicht und nicht so bald verwinden werde! Aber gegen die Voreingenommenheit der vier in der Kommission versammelten „Fachleute“ hat auch <name>Gothein</name>’s beredtes Eintre<pb/>ten für Sie ebensowenig genützt, wie meine von Anfang an überall geltend gemachte Ueberzeugung. Nun – <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3253"/>habeant sibi!<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3253"/> ich fürchte, die Vergeltung ist näher als man gemeint hat! Das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3254"/>neue Beamtengesetz<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3254"/>, an dem ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3255"/>mitzuwirken<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3255"/> die zeitraubende Ehre hatte, wird, wie ich höre, zu seinen segensreichen Folgen haben, dass <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3256"/>O. <name>Hense</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3256"/> sich pensionieren lässt. Und ich kennte die Freiburger schlecht, wenn sie sich die Gelegenheit entgehen liessen, einen Fehler, den Heidelberg offensichtlich gemacht hat, für sich auszunutzen! Dazu kommt, dass dort ganz gründlich aufgeräumt und neugebaut werden muss, wozu Sie der einzige Mann sind, – geradeso wie Sie bei uns der einzige gewesen wären, um die von <name>Dieterich</name> in der Tat glänzend gestaltete Lage zu erhalten und auszubauen! ich nehme also an, dass m<add>[an]</add> Sie dorthin holen wird, und ich sage Ihnen im voraus, dass ich neidlos und schmerzlos zuse<pb/>hen werde, wenn Sie dort die Tätigkeit entfalten, die bei Ihnen sicher ist, und durch die auch dieser fast einzig noch schwache Punkt in der Entwicklung Freiburgs stark und wirksam werden wird! Meine besten Wünsche haben Sie dazu!</p><p>Dass ich so lange nicht geschrieben, lag an diesem schrecklichen Sommer: viel Vorlesungen und viel Fakultätssachen, Abschluss meiner Ausgabe der Kritik der Urteilskraft für die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3257"/>Berliner <name>Kant</name>ausgabe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3257"/> – schauderhaft, ich passe zum Edieren <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3258"/>wie .....<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3258"/> –, dazu viel <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3259"/>Kammerverhandlungen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3259"/>, bei denen ich mich, schon wegen ihrer Bedeutung für die Universitäten nicht drücken konnte, – endlich die Vorbereitungen für diesen abscheulichen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3260"/>internationalen Philosophiekongress<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3260"/>, der Anfang September tagen soll. Dazu auch manche Sorge; meine Frau hat mit rheumatischer Kniegelenkentzündung zu tun und muss noch viel liegen, sodass sie mich nicht einmal hierher begleiten durfte, wo ich jetzt ein paar Tage vorläufige Er<pb/><add>[ho]</add>lung für die anstrengenden Kongresstage selbst gesucht habe. Aber übermorgen muss ich zurück, da trotz der eifrigen Arbeit der Kommissionen Vieles doch auf meine eigne Entscheidung gestellt ist. Wenn das glücklich überstanden ist – wir machen’s freilich prinzipiell nicht so pomphaft wie der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3261"/>Berliner Historikerkongress<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3261"/> gewesen zu sein scheint –, so will ich mit meiner Frau nach Baden im Aargau gehen. Jetzt ist bei ihr noch unsre <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3262"/>älteste Tochter<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3262"/>, die leider von ihren Ferien nicht viel andres als Krankenpflege gehabt hat und die dann zu ihren Berufspflichten nach Berlin zurückgeht, – in denen sie sich übrigens recht wohl fühlt.</p><p>Wie steht’s bei Ihnen? Wie geht es ihrer <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3263"/>verehrten Frau<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3263"/>, die ich bestens zu grüssen bitte, und wie weit sind die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3264"/>Filii<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3264"/> herangewachsen?</p><p>Mit den herzlichsten und getreuesten Grüssen Ihr aufrichtig ergebner</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-3250"><lem>Freund</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Eduard Schwartz: Am Sarge Wilhelm Windelbands. In: <abbr>Ders.</abbr>: Vergangene Gegenwärtigkeiten. Berlin: de Gruyter 1938 (Gesammelte Schriften <abbr>Bd.</abbr> 1), <abbr>S.</abbr> 383–385. Zuerst in: Straßburger Post, <abbr>Nr.</abbr> 818 vom 28.10.1915, Mittagsausgabe 2. Blatt.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3251"><lem>Ihren Brief</lem><note>nicht überliefert</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3252"><lem>Scheitern dieser Hoffnung</lem><note><name>Eduard Schwartz</name> als Nachfolger des verstorbenen <name>Albrecht Dieterich</name> nach Heidelberg zu berufen. <name>Schwartz</name>, Altphilologe und Kirchenhistoriker, 1897 <abbr>o. Prof.</abbr> in Straßburg, seit 1902 in Göttingen, wurde 1909 nach Freiburg berufen, 1914 wieder nach Straßburg, 1919 in München (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3253"><lem>habeant sibi!</lem><note>recte: habeat sibi, <abbr>lat</abbr>. meinetwegen, geflügeltes Wort nach 1. Mose 38,23.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3254"><lem>neue Beamtengesetz</lem><note><abbr>vgl.</abbr> die Mitteilung im Juliheft 1908 der Hochschul-Nachrichten (Paul von Salvisberg), <abbr>S.</abbr> 320: </note><rdg>In Baden wurde z. B. zu Gunsten der bei Inkrafttreten des Gesetzes angestellten Hochschulprofessoren zwischen Kommission und Regierung vereinbart, dass eine andere landesherrliche Festsetzung des Ruhegehalts auch in solchen Fällen eintreten kann, wo es sich um ältere, um die Entwicklung der badischen Hochschulen besonders verdiente Professoren oder um solche Professoren handelt, welche die kurze Dienstzeit oder der niedere Einkommensanschlag davon abhält, die durch ihr Alter oder ihre Gesundheit gebotene Pensionierung nachzusuchen.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-3255"><lem>mitzuwirken</lem><note>als Mitglied der 1. Kammer des Badischen Landtags</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3256"><lem>O. <name>Hense</name></lem><note><name>Otto Hense</name> (1845–1931), Klassischer Philologe, 1872 in Halle habilitiert, seit 1876 <abbr>o. Prof.</abbr> in Freiburg (1893/94 Prorektor), 1909 emeritiert (Professorenkatalog Halle).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3257"><lem>Berliner <name>Kant</name>ausgabe</lem><note><abbr>vgl</abbr>. Windelband: Einleitung. Sachliche Erläuterungen. Lesarten [zur Kritik der Urteilskraft]. In: Kant’s Werke <abbr>Bd.</abbr> 5. Kritik der praktischen Vernunft. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> Paul Natorp. Kritik der Urtheilskraft. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> W. Windelband. Berlin: Georg Reimer 1908 (Kant’s Gesammelte Schriften. Hg. v. der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften. <abbr>Abt.</abbr> 1, <abbr>Bd.</abbr> 5), <abbr>S.</abbr> 512–527, 527–530, 530–543. <abbr>Vgl.</abbr> Windelband an Wilhelm Dilthey vom 16.7.1902.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-3258"><lem>wie .....</lem><note>Zeichensetzung wie im Original</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3259"><lem>Kammerverhandlungen</lem><note><abbr>z. B.</abbr> am 12.8.1908, <abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Franz Böhm</name> vom 6.8.1908.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3260"><lem>internationalen Philosophiekongress</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Bericht über den III. Internationalen Kongress für Philosophie zu Heidelberg 1. bis 5. September 1908. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> Th. Elsenhans Heidelberg: C. Winter 1909.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3261"><lem>Berliner Historikerkongress</lem><note>gemeint ist der Internationale Historikerkongreß in Berlin, der vom 6.–12.8.1908 getagt hatte. Vgl. Rüdiger vom Bruch: Die Stadt als Stätte der Begegnung. Gelehrte Geselligkeit im Berlin des 19. und 20. Jahrhunderts. In: Ders.: Gelehrtenrepublik, Sozialwissenschaften und akademische Diskurse in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert. Hg. v. B. Hofmeister u. H.-Ch. Liess. Stuttgart: Steiner 2006, S. 169.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3262"><lem>älteste Tochter</lem><note><name>Dora Windelband</name>, Oberlehrerin an der Mädchenschule in Spandau, <abbr>vgl.</abbr> Windelband an Karl Dilthey vom 30.12.1903.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3263"><lem>verehrten Frau</lem><note><name>Emma Schwartz</name>, <abbr>geb.</abbr> Blumenbach (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3264"><lem>Filii</lem><note><name>Gerhard Schwartz</name> (Historiker, 1914 gefallen), <name>Ivo Schwartz</name> (1918 gefallen), <name>Gustav Schwartz</name> (Rechtsanwalt, *1894) (<abbr>NDB</abbr>; Glanz und Niedergang der deutschen Universität. 50 Jahre deutscher Wissenschaftsgeschichte in Briefen an und von Hans Lietzmann (1892–1942). Mit einer einführenden Darstellung herausgegeben von Kurt Aland. Berlin/New York: de Gruyter 1979, <abbr>S.</abbr> 1267).</note></app></listApp></back></text></TEI>