<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000516-4</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Franz Böhm</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>11.6.1908</date>, <note>1 S., hs. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 52 Nr. 673</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0516" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000516-4"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Heidelberg</placeName><date when="1908-06-11">11.6.1908</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116219513">Franz Böhm</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118794841">Dietrich Schäfer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118718258">Eberhard Gothein</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118711989">Georg Jellinek</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11857518X">Georg Lukàcs</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118614436">Georg Simmel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/112883975X">Gustav Schmoller</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118629743">Max Weber</name></note><note type="repository">Generallandesarchiv Karlsruhe</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3198"/><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Franz Böhm</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>11.6.1908</date><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3198"/>, <note>1 S., hs. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 52 Nr. 673</bibl></head></front><body><dateline>Heidelberg, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3199"/>11.6.08<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3199"/></dateline><salute>Hochgeehrter Herr Geheimrat,</salute><p>Im Anschluss an unsre gestrige Unterredung beehre ich mich Ihnen mitzuteilen, dass die schon seit einiger Zeit erwartete <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3200"/>„Sociologie“ von <name>Simmel</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3200"/> soeben bei Dunker und Humblot erschienen ist. Die Post bringt mir eben mein Exemplar, es ist ein Wälzer von 775 Seiten: soweit ich im ersten Moment durchblätternd beurteilen kann, wieder ein stark persönliches und dabei ein ausgesprochen sachliches Buch, nach Inhaltsverzeichnis und namentlich nach dem „Materienverzeichnis“ am Schluss ein ausserordentlich reiches Buch, das zweifellos in den Mittelpunkt der sociologischen Forschung treten wird, – jedenfalls ein neuer, schwer wiegender Rechtstitel für die Erfüllung unsres Wunsches, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3201"/>diesen Mann für Heidelberg zu gewinnen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3201"/>.</p><p>Indem ich mir erlaube Sie darauf unverzüglich aufmerksam zu machen, verbleibe ich mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung <abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren ergebenster</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-3199"><lem>11.6.08</lem><note>darunter Vermerk von anderer Hand: </note><rdg>E[rhalten] 12 6.08.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-3200"><lem>„Sociologie“ von <name>Simmel</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung.Leipzig: Duncker &amp; Humblot 1908. <abbr>S.</abbr> 777–782: Materienverzeichnis.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3201"><lem>diesen Mann für Heidelberg zu gewinnen</lem><note>der Versuch <name>Max Webers</name>, <name>Eberhard Gothein</name>s <abbr>u.</abbr> <name>Georg Jellinek</name>s von 1907/08, <name>Georg Simmel</name> auf das durch Kuno Fischers Emeritierung <abbr>u.</abbr> baldigen Tod frei gewordene 2. philosophische Ordinariat neben Windelband zu bringen, schlug fehl. Weder das bezüglich <name>Simmel</name>s </note><rdg>Einleitung in die Moralwissenschaft</rdg><note> mindestens unglücklich formulierte Urteil im Gutachten Windelbands vom 17.2.1908: </note><rdg>zunächst mit äußerst scharfsinniger, aber wesentlich negativer und einreißender Kritik</rdg><note>, noch viel weniger aber das offen antisemitische externe Gutachten des früheren Heidelberger, dann Berliner Historikers <name>Dietrich Schäfer</name> vom 26.2.1908 waren dazu geeignet, die Berufung <name>Simmel</name>s für das Ministerium annehmbar zu machen. Daß Simmel angeblich nur Soziologe sei, war ein weiteres Vorurteil, das seine Berufungschancen herabsetzte. Das Gutachten Windelbands ist mit Kommentar abgedruckt in: Georg Simmel Gesamtausgabe <abbr>Bd.</abbr> 24, <abbr>S.</abbr> 277–283, die Stellungnahme Schäfers <abbr>ebd.</abbr>, <abbr>S.</abbr> 286–289. <abbr>Vgl.</abbr> die sich auf den Vorgang beziehenden Schreiben <name>Max Weber</name>s in Max Weber Gesamtausgabe <abbr>Abt.</abbr> II, <abbr>Bd.</abbr> 5, <abbr>S.</abbr> 297–299, 308–310, 467–471, 482–483, 492–492, 592–593, die auch <name>Rickert</name> jede Illusion nahmen, tatsächlich ein Wunschkandidat Windelbands zu sein. 1915 wurde <name>Simmel</name> noch neben <name>Heinrich Rickert</name> als Nachfolger Windelbands in Heidelberg ins Auge gefaßt (<abbr>vgl.</abbr> Georg Simmel Gesamtausgabe <abbr>Bd.</abbr> 24, <abbr>S.</abbr> 432–454), jedoch wiederum nicht berufen. <name>Rickert</name> wurde Nachfolger Windelbands. – <name>Simmel</name> hatte sich seit 1896 Hoffnungen auf den 2. Heidelberger Lehrstuhl gemacht, vgl. <name>Simmel</name> an <name>Georg Jellinek</name> vom 24.5.1896, 11.5.1904, 16.6.1907, sowie die Schreiben an <name>Jellinek</name> von Februar–Oktober 1908, dazu die Schreiben an Max Weber vom 18.3., 30.4. und 17.7.[6.]1908 (sämtliche in: Georg Simmel Gesamtausgabe <abbr>Bd.</abbr> 22). Noch im Gutachten <name>Gustav Schmoller</name>s für <name>Simmel</name> zur Berufung nach Straßburg vom 4.11.1913 spielen die Worte Windelbands eine Rolle (Georg Simmel Gesamtausgabe <abbr>Bd.</abbr> 24, <abbr>S.</abbr> 381–383). Im Hintergrund dieser Enttäuschungen steht noch diejenige von <name>Georg Lukàcs</name> aus Budapest, dem von <name>Max Weber</name>, <name>Simmel</name> selbst und anderen direkt geraten wurde, Windelband nicht mit Habilitationsabsichten zu behelligen (<abbr>vgl.</abbr> Georg Lukács Briefwechsel 1902–1917. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> É. Karádi <abbr>u.</abbr> É. Fekete. Stuttgart: Metzler 1982, nach Register; sowie die Schreiben Simmels vom 25.5.1912 <abbr>u.</abbr> Webers an Lukàcs vom 22.7.1912 <abbr>S.</abbr> 288 <abbr>u.</abbr> 290–291).</note></app></listApp></back></text></TEI>