<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000484-8</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Harry Bresslau</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>15.5.1907</date>, <note>4 S., hs. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, Nachlass Bresslau</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0484" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000484-8"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Heidelberg</placeName><date when="1907-05-15">15.5.1907</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116487380">Harry Bresslau</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/11861214X">Albert Schweitzer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1183730527">Arthur Goette</name><name>Dora Windelband</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118704397">Elly Knapp</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118577565">Erich Marcks</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118723650">Georg Friedrich Knapp</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1160522758">Georg Griebel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118570552">Helene Bresslau</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116128194">Karl Dilthey</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118550578">Theodor Heuss</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117400149">Wolfgang Windelband</name></note><note type="repository">Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Harry Bresslau</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>15.5.1907</date>, <note>4 S., hs. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, Nachlass Bresslau</bibl></head></front><body><dateline>Heidelberg, 15.5.07</dateline><salute>Lieber Freund und College,</salute><p>Der Notschrei eines <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3026"/>ehemaligen Zuhörers<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3026"/> giebt mir die Feder in die Hand: es ist ein Herr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3027"/><name>Griebel</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3027"/>, ein wunderlicher Mensch, von sehr gewundenem Lebenslauf und wenig sympathischer Eigenart, sehr bemitleidenswert trotz allem. Er will endlich promovieren und schreibt, dass er mit der Wahl des Staatsrechts als Nebenfach, die ich ihm seinerzeit, <abbr>d. h.</abbr> also vor 4–5 Jahren, als möglich bezeichnet hätte, auf Widerstand stosse und daran zu scheitern fürchten müsse. Nun ist es Tatsache, wenn ich mich recht entsinne, dass zu meiner Zeit bei unseren Promotionen Staatsrecht als Nebenfach zugelassen wurde; ich denke, es ist bei Geschichte, aber auch bei Philosophie als Hauptfach wohl geschehen. Es wird daher wohl richtig sein, dass ich dem Herrn <name>Griebel</name>, wie er heute <pb/> schreibt, das damals als zulässig bezeichnet habe. Nun weiss ich nicht, ob die Fakultät inzwischen darin eine Aenderung vorgenommen hat. Zu meiner Zeit galt als Princip, das mindestens zwei Examinatoren unsrer Fakultät angehören müssten; im übrigen war, wenigstens für die Philosophie als Hauptfach, die Wahl der Nebenfächer auch aus andern Fakultäten nicht beschränkt: ich habe Physiologie und Physik, Nationalöconomie, theol<add>[ogische]</add> Fächer <abbr>etc.</abbr> erlebt. Wenn nun jener arme Kerl nach der damaligen Uebung sich vorbereitet und es aus seiner Misere heraus endlich dazu gebracht hat, zur Promotion zu kommen, so möchte ich Ihnen nahelegen, ob Sie nicht, wenn die Fakultätssatzungen und Uebungen es irgend möglich lassen, Gnade für Recht ergehen lassen und <pb/> ihn zulassen wollten. Vielleicht kommt er mit der Promotion doch noch einmal in ein regelrechtes Leben: und das wäre allerdings die einzige Rücksicht, aus der ich mir erlaube, seiner Bitte gemäss bei Ihnen Fürsprache einzulegen.</p><p>Meine Nachrichten aus Strassburg sind in den letzten Monaten nur indirect und spärlich gewesen; ich habe ja ein Vierteljahr lang selber <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3028"/>nicht schreiben können<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3028"/>, habe während der Ferien in Wiesbaden Heilung gesucht und gefunden, stecke aber jetzt um so mehr in Arbeiten und leider, wie Sie vielleicht gehört haben, auch in <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3029"/>Sorgen um meinen Schwiegersohn<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3029"/> <name>Goette</name> und seine Frau. Jetzt scheint es ja bei beiden wieder aufwärts zu gehen. Inzwischen ist <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3030"/>mein Sohn ziemlich promotionsreif<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3030"/> geworden; er denkt im Juni ins mündliche zu gehen. So kommt er bei <name>Marcks</name> noch unter Dach. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3031"/>Dessen Weggang<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3031"/> trifft uns recht schwer; ob es möglich <pb/> sein wird, die einzig wünschenswerte Lösung der Frage durchzusetzen, steht dahin. Andrerseits, ob <name>Marcks</name> selbst bei dieser <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3032"/><span type="el">μετάβασις εἰς ἄλλο γένος</span><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3032"/><span type="el"/> seine Rechnung finden wird, ist mir auch nicht sicher.</p><p>Wie geht es Ihnen? Hoffentlich ist <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3033"/>Ihr Herz<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3033"/> wieder ganz brav geworden und haben Sie in der Familie nur Erfreuliches erlebt! Mit grossem Interesse habe ich in diesen Tagen in dem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3034"/>Programm des evangelisch-socialen Congresses <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3035"/>den<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3035"/> Bericht<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3034"/> von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3036"/>Ihrem Fräulein Tochter<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3036"/> und von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3037"/><name>Elly Knapp</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3037"/> gelesen. Es ist eigen, zu erleben, wie in diesen letzten zehn Jahren allüberall <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-3038"/>unsre Töchter<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-3038"/> zu eigner, selbstständiger Berufsarbeit herauswachsen. Es ist ein neues Geschlecht, das seine eignen Wege geht! möge es darauf zu gutem Ziel und Glück gelangen.</p><p>In alter herzlicher Gesinnung mit bestem Gruss von Haus zu Haus getreulich der Ihrige</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-3026"><lem>ehemaligen Zuhörers</lem><note>an der Universität Straßburg</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3027"><lem><name>Griebel</name></lem><note><name>Georg Griebel</name> verfaßte: Die Neuthomistische Kritik der Kantischen Raumargumente. Freiburg <abbr>i. B.</abbr>: Charitas-Druck 1909 (Straßburger Dissertation 1907).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3028"><lem>nicht schreiben können</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelbabnd an Rickert vom 7.1.1907, an Breitkopf &amp; Härtel vom 27.2.1907 <abbr>u.</abbr> an Gustav Schmoller vom 1.3.1907</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3029"><lem>Sorgen um meinen Schwiegersohn</lem><note>Anlaß nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3030"><lem>mein Sohn ziemlich promotionsreif</lem><note><name>Wolfgang Windelband</name> promovierte mit einer Arbeit über: Badens Erwerbungen in den Koalitionskriegen (1795–1805). Tübingen: H. Laupp Jr. 1908. Vollständig erschienen <abbr>u. d. T.</abbr> Der Anfall des Breisgaus an Baden. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1908.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3031"><lem>Dessen Weggang</lem><note><name>Erich Marcks</name> (1861–1938), Historiker, 1901 <abbr>o. Prof.</abbr> in Heidelberg, ging 1907 nach Hamburg an die Wissenschaftliche Stiftung (Vorläuferinstitution der Universität), 1913 in München, 1922 in Berlin (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3032"><lem><span type="el">μετάβασις εἰς ἄλλο γένος</span></lem><note><abbr>gr.</abbr> der Übergang in eine andere Gattung, <abbr>d. h.</abbr> das Abschweifen in nicht zur Argumentation gehörende Themen, wodurch die Argumentation insgesamt unplausibel wird, auch: die Problemverschiebung, <abbr>vgl.</abbr> Aristoteles: Zweite Analytiken, 75b 38–40.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3033"><lem>Ihr Herz</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Bresslau vom 26.10.1906</note></app><app type="philological" corresp="#ED-3035"><lem>den</lem><rdg>der</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-3034"><lem>Programm des evangelisch-socialen Congresses den Bericht</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Elly Knapp <abbr>u.</abbr> Helene Bresslau: Soziale Einrichtungen der Straßburger Stadtverwaltung. In: Evangelisch-sozial. Mitteilungen des Evangelisch-sozialen Kongresses 16 (1907), <abbr>Nr.</abbr> 3/4 von März–April 1907, <abbr>S.</abbr> 60–74. In derselben Nummer auch das Programm zum 18. Evangelisch-sozialen Kongreß vom 21.–23.5.1907 in Straßburg (S. 88–92 u. 95–96) sowie die Einladung von Adolf von Harnack: Die 18. Tagung des Evangelisch-sozialen Kongresses zu Straßburg i. E. (S. 53–55). <name>Elly Knapp</name> (</note><rdg>Fortbildungslehrerin</rdg><note>) und <name>Helene Bresslau</name> (</note><rdg>Gemeindewaiseninspektorin</rdg><note>) waren Mitglieder des Ortsausschusses <abbr>bzw.</abbr> des erweiterten Ortsausschusses Straßburg. <abbr>Vgl.</abbr> auch Die Verhandlungen des achtzehnten Evangelisch-sozialen Kongresses in Straßburg i. E. am 21.–23. Mai 1907. Nach dem stenographischen Protokoll. Göttingen: Vandenhoek &amp; Ruprecht 1907. Windelband war nicht unter den Teilnehmern.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3036"><lem>Ihrem Fräulein Tochter</lem><note><name>Helene Bresslau</name> (1879–1957, 1912 Heirat mit <name>Albert Schweitzer</name>), bis 1913 Waisenhausinspektorin in Straßburg (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3037"><lem><name>Elly Knapp</name></lem><note>1881–1952, Tochter von <name>Georg Friedrich Knapp</name>, hatte 1899 ihr Lehrerinnenexamen in Straßburg abgelegt, seit 1908 verheiratet mit <name>Theodor Heuss</name> (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-3038"><lem>unsre Töchter</lem><note><name>Dora Windelband</name> war zuletzt Oberlehrerin in Spandau, <abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Karl Dilthey</name> vom 30.12.1903. Der Lehrerinnenberuf bedeutete strikte Ehelosigkeit.</note></app></listApp></back></text></TEI>