<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000415-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Paul Siebeck</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>27.3.1904</date>, <note>Text nach einer </note><note>Transkription von Klaus Christian Köhnke</note><note>, Umfang und Besonderheiten nicht bekannt</note>, <bibl type="pubPlace">Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, NL 488</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0415" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000415-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Heidelberg</placeName><date when="1904-03-27">27.3.1904</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/117338354">Paul Siebeck</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118933299">Carl Stumpf</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118614258">Christoph Sigwart</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11600780X">Erich Adickes</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/115759607X">Ernst Johannes Georg Stumpf</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118547739">Georg Wilhelm Friedrich Hegel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116681268">Heinrich Maier</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11733829X">Hermann Siebeck</name></note><note type="repository">Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Paul Siebeck</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>27.3.1904</date>, <note>Text nach einer </note><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2619"/><note>Transkription von Klaus Christian Köhnke</note><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2619"/><note>, Umfang und Besonderheiten nicht bekannt</note>, <bibl type="pubPlace">Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, NL 488</bibl></head></front><body><dateline>Heidelberg, 27.3.04</dateline><salute>Sehr verehrter Herr Doctor,</salute><p>Herr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2620"/>G. <name>Stumpf</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2620"/><name/> ist mir persönlich völlig unbekannt; mit der Universität hat er nichts zu tun, auch das Adressbuch sagt nichts von ihm: seine Wohnung scheint er öfter zu wechseln. Er schrieb vor einigen Monaten an mich und fragte, ob er mir sein bahnbrechendes Werk vorlegen dürfe: ich antwortete, wie man das wohl tut, es würde mich interessieren, er möchte es bringen. Dann schickte er’s mir: ein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2621"/>Büchlein, kleinsten Formats, <abbr>ca.</abbr> 150 Seiten, im Selbstverlag, er nennt sich auf dem Titel mit Namen als „Verfasser von: der Traum und seine Deutung. Oswald Mutze, Leipzig.“ Das kenne ich nicht. Dies Büchlein ist wissenschaftlich völlig nichtig: eine dilettantische Speculation, die mit ein paar dürftigen, an <name>Hegel</name> anklingenden Begriffsbrocken und mit wunderlichen Zahlen-Constructionen Geographie und Geschichte in ein säuberliches System bringt. Wir erfahren, dass jedes der grossen W. Z. (= Weltzeitalter) 46175 Jahre dauert, dass das erste 500 <abbr>n. Chr.</abbr> abgelaufen ist, dass es bis zur Mitte des zweiten noch zu ungeahnten Herrlichkeiten aufwärts gehen, von da an aber die Menschheit rettungslos verfallen wird. Als Stilprobe greife ich beliebig heraus <abbr>S.</abbr> 9:</p><p>„Afrika südlich des Gleichers drückt den vertiefend, wiederkehrenden (fortsetzenden) Gedanken aus. Die Nordhälfte ist in der Südhälfte wiederholend-vertiefend dargestellt – die nördliche Erdhälfte in ihrem unendlichen Neuaussichhervorgehen“.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2621"/></p><p>Dass solcher Unsinn durch Umarbeitung brauchbar werden könnte, ist wenig wahrscheinlich. Aber ich habe eine solche Umarbeitung nicht zu sehen bekommen, würde sie auch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2622"/>a limine<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2622"/> abweisen, und wie der Herr sagen kann, ich sei gegenwärtig mit der Lectüre eines Manuscripts beschäftigt, ist mir völlig unerfindlich. – Sollte hier ein ganz normaler Fall vorliegen?</p><p>Tübingen ist ja nun wirklich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2623"/>von dem Geschick ereilt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2623"/>; das ist sehr traurig und schmerzt mich tief. Es trifft mich ins Gewissen, und das Einzige was mich tröstet ist, was mir neulich ein Freund entgegenhielt, als ich davon und von Strassburg sprach: „Aber, Lieber, Sie können doch nicht überall Professor sein!“.</p><p>Meine Kantrede, die ich hiermit zugleich an Sie abgehen lasse, bitte ich freundlichst aufzunehmen. In den letzten Tagen bekomme ich wieder Mut, die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2624"/>„Willensfreiheit“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2624"/> abzuschliessen. Was dächten Sie über das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2625"/>Erscheinen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2625"/>, – vorausgesetzt, dass Sie das Manuscript in vierzehn Tagen hätten; es werden 10–12 Präludienbogen sein?</p><p>Mit ergebenstem Gruss hochachtungsvoll der Ihrige</p><signed>Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2620"><lem>G. <name>Stumpf</name></lem><note>von <name>Ernst Johannes Georg Stumpf</name> sind erschienen (<abbr>vgl.</abbr> <abbr>KVK</abbr>): Der Traum und seine Deutung, nebst erklärten Traumbeispielen. Leipzig: Mutze 1899; Das Alter der Menschheit. Heidelberg, Anlage 54: Selbstverlag 1902; Der Name Heidelberg. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der „Stadt Heidelberg“. Heidelberg: B. Müller 1927; Heidelberg als Geschichtsbild. Heidelberg, Haspelgasse 4: Selbstverlag 1929; Heidelberg und die Heldensage. Heidelberg, Ziegelgasse 92: Selbstverlag 1929; Menschheitsgeschichte und Zeitenwandel in Vergangenheit und Zukunft. Heidelberg: Selbstverlag 1930; Die Zukunft-Ansagen für die Jahre 1931-1941. Heidelberg: Selbstverlag 1931; Die Zukunft-Ansagen für Europa 1932–1937. Heidelberg, Ziegelgasse 12: Selbstverlag (Druck: Hellmuth) 1932.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2621"><lem>Büchlein … Neuaussichhervorgehen“.</lem><note> <abbr>vgl.</abbr> das nur vereinzelt in Bibliotheken nachgewiesene Buch: Das Alter der Menschheit. Von E. J. G. Stumpf, Verfasser von: Der Traum und seine Deutung, Oswald Mutze, Leipzig. Verlag des Verfassers. Adr.: Anlage 54, Heidelberg. Druck von Carl Rembold &amp; Co., Heilbronn a. N. 1902. 144 <abbr>S.</abbr> 11,8x17,1 <abbr>cm</abbr>. Windelband bezieht sich auf <abbr>S.</abbr> 9 <abbr>u.</abbr> <abbr>S.</abbr> 129–144.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2622"><lem>a limine</lem><note><abbr>lat.</abbr> von vornherein („an der Schwelle“)</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2623"><lem>von dem Geschick ereilt</lem><note>Nachfolger <name>Christoph Sigwarts</name>, der sich 1903 emeritieren ließ, wurde <name>Erich Adickes</name>. Neben Sigwart lehrte außerdem seit 1902 dessen Schwiegersohn <name>Heinrich Maier</name> (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2624"><lem>„Willensfreiheit“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband: Über Willensfreiheit. Zwölf Vorlesungen. Tübingen/Leipzig: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1904.</note><rdg> </rdg><note>Die Pläne für dieses Buch reichen bis 1902 zurück, vgl. Windelband an <name>Siebeck</name> vom 10.3.1902.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2625"><lem>Erscheinen</lem><note>der Verlagsvertrag datiert vom 9.4.1904 (Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, NL 488 B 1, 2, M. 23). Das Buch erschien spätestens im Juni, <abbr>vgl.</abbr> Windelband an Franz Böhm vom 29.6.1904.</note></app></listApp></back></text></TEI>