<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000378-1</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Karl Dilthey</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>10.3.1903</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Niedersächsische Staats- und UB Göttingen, Dilth. 141</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0378" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000378-1"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1903-03-10">10.3.1903</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116128194">Karl Dilthey</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116111585">Albrecht Dieterich</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117322008">Caroline (Lily) Usener</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1080249184">Elly Windelband</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118763946">Hermann Usener</name><name>Marie Mehlis</name><name>Meta Windelband</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118599615">Richard Reitzenstein</name><name>Sigfrid Windelband</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119014874">Wilhelm Lexis</name></note><note type="repository">Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Karl Dilthey</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>10.3.1903</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Niedersächsische Staats- und UB Göttingen, Dilth. 141</bibl></head></front><body><dateline>Strassburg, 10.3.03</dateline><salute>Mein lieber Freund,</salute><p>Dein liebes, ausführliches <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2420"/>Schreiben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2420"/> vom Herbst hat leider bisher auf seine Antwort warten müssen; es ist kein schönes Semester, das hinter mir liegt. In der Stimmung geteilt und nervös gemacht, von allerlei Arbeit in Anspruch genommen, die ich hier noch abschließen wollte und nun doch nur zum geringsten Teile abgeschlossen habe, bin ich noch mit meiner Familie einer schweren <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2421"/>Influenza<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2421"/> anheimgefallen, die mich volle sechs Wochen gekostet hat, gerade um die Jahreswende herum. So bin ich wenig befriedigt und gehe in etwas heruntergekommenen Zustande, den der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2422"/>Umzug<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2422"/> auch nicht bessern wird, in das neue Dasein, worin man soviel von mir erwartet: Ich werde also im vollsten Sinne zu erproben haben, ob ich die Elastizität noch besitze, die ich mir <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2423"/>zugetraut habe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2423"/>. Es war <pb/> aber, wie Du weißt, kein Leichtsinn, sondern eine Notwendigkeit, die sich ja von Monat zu Monat immer deutlicher herausgestellt hat: und ich muß schließlich dankbar dafür sein, daß die Gelassenheit, mit der man mich gehen ließ, offenbar auf der sehr richtigen Einsicht beruhte, daß ich absolut nicht in die Zustände hineinpasse, die hier hereingebrochen und die Du schon damals so richtig gekennzeichnet hast.</p><p>Und nun, wie ist es Dir ergangen? wie geht es, und was hast Du für Reisepläne? Ich hoffe, daß Heidelberg für Dich mehr Anziehungskraft haben wird als Straßburg, – und ich freue mich auch in diesem Sinne darüber, daß ich dort <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2424"/>Deine Nichte und ihren Mann<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2424"/> vorfinden werde. Ich habe beide einmal vor Jahren hier auf ein angenehmes Plauderstündchen mit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2425"/><name>Reitzenstein</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2425"/> zusammen gesehen, von <name>Dieterich</name> im vorigen Jahr bei der Philologen-Versammlung <pb/> einen vortrefflichen Vortrag gehört und hoffe auf ihn als einen tüchtigen Collegen um so mehr, als ich für meine ganze Richtung und Auffassung stets die Fühlung mit der klassischen Philologie als das Wichtigste angesehen habe.</p><p>Von der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2426"/>Affaire <name>Lexis</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2426"/> habe ich allerdings durch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2427"/>meinen Sohn<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2427"/> gehört, der ja auch Pionier ist, wenn auch in dem andern <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2428"/>Batailion<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2428"/>. Danach hast Du mit Deiner Beurteilung der Sache offenbar ganz genau das Richtige getroffen, und es ist nichts hinzusetzen. Die junge Frau war entschieden gesellig beliebt und galt als temperamentvolle, lustige Gesellschafterin, aber auch als entschieden eigenwilliges Wesen. Er dagegen scheint nicht – die Persönlichkeit gewesen zu sein, die ihr imponiren konnte: und so muß sich ein Verhältnis gestaltet haben, das schließlich für beide Teile unerträglich wurde. Irgendetwas besonderes ist nicht geschehen; vielleicht hat man vor seinem Abgang nach Berlin auch in den <pb/> nächsten Kreisen nicht geahnt, wie die Sachen standen: so gut war nach außen hin Alles gewahrt. Mein Sohn <abbr>z. B.</abbr> ist mit andern zusammen noch im Sommer dort eingeladen gewesen und hat mit ihnen Radelfahrten gemacht. Jetzt soll ja die Scheidung eingeleitet sein; aber wie es damit steht, darüber weiß auch mein Sohn Nichts. Eine unerfreuliche Angelegenheit, von der ich mir denken kann, wie sehr sie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2429"/>Dich betrüben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2429"/> muß.</p><p>Der Winter hat uns noch zweimal zu Großeltern gemacht: ein drittes Töchterlein bei <name>Elly</name>, ein erstes bei <name>Meta</name>. So war meine Frau im ganzen Winter nur sechs Wochen hier und von diesen vier Wochen krank! Sobald sie reisen konnte, ging sie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2430"/>nach Schoeneberg<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2430"/> und kehrte erst Ende Februar zurück. Und nun geht’s an’s Packen – Ich grause mich davor: aber ich hoffe auf den neuen Frühling am Neckarstrand: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2431"/>am 7t April<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2431"/> soll dort ausgepackt werden.</p><p>Mit treuen Grüßen, auch von den Meinigen, allzeit Dein</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2420"><lem>Schreiben</lem><note>nicht überliefert</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2421"><lem>Influenza</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Heinrich Rickert</name> vom 13.1.1903</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2422"><lem>Umzug</lem><note>nach <abbr>Heidelberg</abbr></note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2423"><lem>zugetraut habe</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Karl Dilthey vom 22.10.1902</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2424"><lem>Deine Nichte und ihren Mann</lem><note>Windelbands Fakultätskollege <name>Albrecht Dieterich</name> (1866–1908) und seine Frau <name>Marie</name>, <abbr>geb.</abbr> Usener (<abbr>geb.</abbr> 1867), Tochter des Philologen <name>Hermann Usener</name> (1834–1905). Hermann Usener war mit der Schwester Diltheys, <name>Caroline (Lily)</name> (1846–1920) verheiratet (<abbr>NDB</abbr>; www.m-usener.de (30.5.2018)).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2425"><lem><name>Reitzenstein</name></lem><note><name>Richard Reitzenstein</name> (1861–1931), Klassischer Philologe, 1893 <abbr>o. Prof.</abbr> in Straßburg, 1911 in Freiburg, 1914 in Göttingen (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2426"><lem>Affaire <name>Lexis</name></lem><note>Anspielung nicht aufgelöst; <abbr>u. U.</abbr> geht es um <name>Wilhelm Lexis</name> (1837–1914, Nationalökonom, Finanzwissenschaftler), u. a. 1872 <abbr>Prof.</abbr> in Straßburg, 1876 in Freiburg, seit 1887 in Göttingen (<abbr>NDB</abbr>), <abbr>bzw.</abbr> um einen Sohn der Familie Lexis.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2427"><lem>meinen Sohn</lem><note><name>Sigfrid Windelband</name></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2428"><lem>Batailion</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2429"><lem>Dich betrüben</lem><note>Beziehung nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2430"><lem>nach Schoeneberg</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Heinrich Rickert</name> vom 13.1.1903</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2431"><lem>am 7t April</lem><note><abbr>bzw.</abbr> am 6.4.1903, <abbr>vgl.</abbr> Windelband an Vincenz Czerny vom 1.4.1903 – jedenfalls rechtzeitig für eine zweitägige Großveranstaltung in Heidelberg: Für den 16.4.1903 ist die Teilnahme Windelbands an der 7. Versammlung deutscher Historiker belegt, <abbr>vgl.</abbr> Deutsche Litteraturzeitung, <abbr>Nr.</abbr> 21 <abbr>v.</abbr> 23.5.1903, <abbr>Sp.</abbr> 1303.</note></app></listApp></back></text></TEI>