<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000373-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>13.1.1903</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_43</ref></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0373" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000373-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1903-01-13">13.1.1903</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118528432">Adolf Dyroff</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600826">Alois Riehl</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1183730527">Arthur Goette</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118521748">Auguste Comte</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116037660">Clemens Baeumker</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118550071">Georg Hertling</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117250996">Johannes Uebinger</name><name>Meta Windelband</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117338354">Paul Siebeck</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116988118">Theobald Ziegler</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Heidelberg</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>13.1.1903</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_43</ref></head></front><body><dateline>Strassburg <abbr>iE.</abbr> 13.1.03.</dateline><salute>Lieber Herr College,</salute><p>Alle meine Wünsche und Hoffnungen, in den Ferien nach Freiburg zu kommen und womöglich Sie dabei zu sprechen, sind durch die Influenza hinfällig geworden, die uns <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2373"/>wieder einmal<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2373"/> gründlich, ja gründlicher denn je heimgesucht und mich immer noch nicht völlig wieder freigelassen hat. Sie hat mir diesmal in jeder Hinsicht einen ganzen Monat gekostet, und das ist mir angesichts alles Dessen, was ich mir für diesen unerfreulichen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2374"/>Schwebewinter<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2374"/> an Arbeit vorgenommen hatte, ganz besonders unerfreulich. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2375"/>Meine „Willensfreiheit“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2375"/> abzuschließen, muß ich fast schon definitiv für jetzt aufgeben und froh sein, wenn ich den bequemen Gebrauch der litterarischen Hilfsmittel, welchen mir hier noch mein Seminar gewährt, noch dazu ausschlachten kann, den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2376"/><name>Comte</name> zu vollenden<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2376"/>.</p><p>So bin ich nun noch immer nicht dazu gekom<pb/>men, mich mit Ihnen mündlich, wie ich es wünschte, über die traurige Sache <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2377"/>meiner Nachfolgerschaft<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2377"/> auseinander zu setzen. Der Standpunct der Fakultät und ihr scheinbar opportunistisches Vorgehen, das ich, wie Sie wissen, nicht so verurteilen kann, wie es vielfach bei rein äußerer Betrachtung geschieht, – dieser Standpunct und der meiner persönlichen Wünsche, auf die ich dabei resigniren mußte, sind völlig voneinander zu trennen. In letzter Hinsicht haben Sie in <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2378"/>Ihrem Briefe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2378"/> – leider! – das Richtige durchaus erkannt. Was Sie über meine Aussicht, Sie hier zu meinem Nachfolger zu haben, damals äußerten, trifft völlig zu und trifft damit zugleich den Kern der ganzen Sache. Die Kugel, die ich hier achtzehn Jahr am Bein gehabt habe, hat mich auch dabei noch ge<pb/>lähmt, und die Aussicht, davon frei zu werden, die auch bei meinen Entschlüssen mitgewirkt hat, ist jetzt erst recht eine Wohltat für mich. Diese Kugel bestand aber keineswegs allein in einer <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2379"/>einzelnen Persönlichkeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2379"/>, sondern vor allem an der dauernd verletzenden Resonanz, welche diese bei der Urteilslosigkeit und bei anderen Tugenden anderer Leute fand. Daran habe ich seit Jahren hier innerlich und im Stillen gekrankt: und das sage ich auch nur Ihnen, weil ich weiß, daß Sie es keinem Anderen weitersagen werden. Näheres darüber einmal mündlich!</p><p>Aber wissen Sie denn, daß Sie vielleicht indirect doch noch in diesen Umsturz verwickelt werden sollen? Auch dies, bitte, unter uns! An <name>Bäumker</name>ʼs Stelle sind in Bonn, soviel ich aus guter Quelle weiß, vorgeschlagen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2380"/><name>Hertling</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2380"/><name/>, <name>Dyroff</name> und <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2381"/><name>Uebinger</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2381"/>! Sie haben eben keine andern Leute. Das es nun <pb/> doch sehr möglich ist, daß <name>Hertling</name> als politischer Agent die Mußetage, die ihm seine Stellung als <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2382"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2383"/>commis voyageur<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2382"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2383"/> des Centrums läßt, lieber in München – nahe bei der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2384"/>Nuntiatur<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2384"/>! – zubringt als in Bonn, so kann es leicht kommen, daß Ihnen Ihr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2385"/>harmloser Fachgenosse<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2385"/> abspenstig gemacht und die Unbequemlichkeit auferlegt wird, in die immer enger und immer trauriger werdende Auswahl einzutreten. Ich will Ihnen sehr wünschen, daß <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2386"/>dieser Kelch an Ihnen vorübergehe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2386"/>!</p><p>Haben Sie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2387"/><name>Riehl</name>ʼs „Philosophie der Gegenwart“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2387"/> gelesen? ich bin erstaunt, wie nahe er mir gekommen ist: manchmal, und gerade an Hauptpuncten, braucht man nur am Ausdruck ein paar Striche zu ändern, und wir stehen dicht neben einander!</p><p>Hoffentlich komme ich in ein paar Wochen zu einer Fahrt <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2388"/>nach Freiburg<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2388"/>. Inzwischen empfehlen Sie mich Ihrer verehrten Frau Gemahlin – meine Frau ist seit heut <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2389"/>in Berlin Schöneberg<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2389"/> – und seien Sie herzlichst gegrüßt von Ihrem getreuen</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2373"><lem>wieder einmal</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Kuno Fischer vom 25.12.1902</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2374"><lem>Schwebewinter</lem><note>zwischen der auslaufenden Professur in Straßburg <abbr>u.</abbr> der anzutretenden in Heidelberg</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2375"><lem>Meine „Willensfreiheit“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Paul Siebeck</name> vom 2.11.1902</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2376"><lem><name>Comte</name> zu vollenden</lem><note>Windelband hatte sich verpflichtet für: Comte. Stuttgart: Frommann (E. Hauff) (Frommanns Klassiker der Philosophie. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> Richard Falckenberg). Angekündigt 1896 <abbr>u.</abbr> 1897. Nicht erschienen.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2377"><lem>meiner Nachfolgerschaft</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Rickert vom 23.11.1902</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2378"><lem>Ihrem Briefe</lem><note>nicht überliefert</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2379"><lem>einzelnen Persönlichkeit</lem><note>vermutlich Anspielung auf Windelbands unmittelbaren Straßburger philosophischen Kollegen, <name>Theobald Ziegler</name>.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2380"><lem><name>Hertling</name></lem><note><name>Georg Hertling</name> (1843–1919), geadelt 1914, später bayerischer Staatsminister und Reichskanzler, zunächst <abbr>PD</abbr> für Philosophie in Bonn (1867). 1875-90 und 1896–1912 Angehöriger des Deutschen Reichstags für die Zentrumspartei. 1882 ohne Mitwirkung der Philosophischen Fakultät zum <abbr>o. Prof.</abbr> für Philosophie an die Universität München berufen (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2381"><lem><name>Uebinger</name></lem><note><name>Johannes Uebinger</name>, der Nachfolger <name>Adolf Dyroff</name>s in Freiburg, <abbr>vgl.</abbr> Windelband an Rickert vom 17.3.1901.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2382"><lem>commis voyageur</lem><note>in <abbr>lat.</abbr> Schrift</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2383"><lem>commis voyageur</lem><note><abbr>frz.</abbr> Geschäftsreisender; Agent</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2384"><lem>Nuntiatur</lem><note>Botschaft des Heiligen Stuhls</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2385"><lem>harmloser Fachgenosse</lem><note><name>Adolf Dyroff</name> (1866–1943), seit 1901 <abbr>ao. Prof.</abbr> in Freiburg, 1903–34 in Bonn <abbr>o. Prof.</abbr> für katholische Philosophie als Nachfolger von <name>Clemens Baeumker</name> (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2386"><lem>dieser Kelch an Ihnen vorübergehe</lem><note>Anspielung auf Jesu Worte in Getsemani, <abbr>vgl.</abbr> Markus 14,36 und Matthäus 26,39.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2387"><lem><name>Riehl</name>ʼs „Philosophie der Gegenwart“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Alois Riehl: Zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart. 8 Vorträge. Leipzig: B. G. Teubner 1903.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2388"><lem>nach Freiburg</lem><note>ein Treffen fand im Januar/Februar 1903 statt, <abbr>vgl.</abbr> Windelband an Rickert vom 23.2.1903.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2389"><lem>in Berlin Schöneberg</lem><note>bei der Tochter <name>Meta</name>, verheiratet mit <name>Arthur Goette</name>; <abbr>vgl.</abbr> Windelband an Karl Dilthey, Straßburg, 22.10.1902.</note></app></listApp></back></text></TEI>