<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000370-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>3.12.1902</date>, <note>3 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_42</ref></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0370" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000370-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1902-12-03">3.12.1902</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116037660">Clemens Baeumker</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118533401">Kuno Fischer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118615874">Martin Spahn</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Heidelberg</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>3.12.1902</date>, <note>3 S., hs. 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Irgend einen „katholischen Philosophen“ bekam sie jetzt doch; darüber ist kein Zweifel. Nun hat sie wenigstens den Einzigen, der zugleich als wissenschaftlicher Mensch gelten darf. Denn das ist B<add>[aeumker]</add> zweifellos. Alle andern wären entweder Nullen gewesen oder Fanatiker oder beides – vielleicht sogar in der Kutte. <pb/> Keiner von ihnen wäre hier je vorgeschlagen worden: es hätte also wieder einer nach weiser Wahl von oben hergesetzt werden müssen. Und als Gegengewicht wäre bei Halbirung des Mittel auch der Andre, den etwa die Fakultät dann vorgeschlagen hätte, nicht allzu hoch zu greifen gewesen.</p><p>So ist die Bifurcation, die Wiederholung des <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2358"/>Falles <name>Spahn</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2358"/><name/> vermieden. Und das ist gut auch für die Folge. B<add>[aeumker]</add> ist nicht qua Katholik vorgeschlagen, und er ist auch seitens der Regierung – wenigstens formell – nicht qua Katholik berufen. Er besteigt kein Katheder für „katholische Philosophie“. Er ist kein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2359"/>Praecedenz<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2359"/>. Wenn einmal bessere Zeiten kommen und die Einsicht zurückkehrt, so kann die Fakultät ihre <pb/> Vorschläge rein sachlich und wissenschaftlich machen: es ist formell nichts präjudicirt.</p><p>Die Aussichten auf solche besseren Zeiten scheinen ja heute freilich minimal, – geringer denn je. Indessen – gestrenge Herrn regieren nicht lange. Möglich ist es ja, daß der böse Wintersturm, der heut über unser öffentliches Leben braust, auch einmal gebrochen wird und dem Lenz des Vernünftigen weicht. Der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2360"/>kategorische Imperativ<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2360"/> des Deutschen heißt jetzt: nicht verzweifeln!</p><p>Sehen Sie, so tröste ich mich über unerfüllte Wünsche, über die Unmöglichkeiten der rauhen Wirklichkeit. Was diese hier noch besondre Haken und Unebenheiten hat, – darüber lieber <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2361"/>einmal mündlich<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2361"/>! – vielleicht Weihnachten.</p><p>Inzwischen mit herzlichem Gruß von Haus zu Haus der Ihrige</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2356"><lem><name>Bäumker</name> hat angenommen.</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Rickert vom 23.11.1902</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2357"><lem>Zeitungen</lem><note>offizielle Meldung erst am 7.2.1903 in: Central- und Bezirks-Amtsblatts für Elsaß-Lothringen, Beiblatt <abbr>S.</abbr> 45: </note><rdg>Seine Majestät der Kaiser haben allergnädigst geruht, dem ordentlichen Professor Dr. Wilhelm Windelbandzu Straßburg i. E. die Entlassung aus dem ihm übertragenen Amte als ordentlicher Professor in der philosophischen Fakultät der Kaiser-Wilhelms-Universität zum 1. April 1903 zu erteilen, sowie den ordentlichen Professor Dr. Clemens Baeumker an der Universität in Bonn zum ordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät der Kaiser-Wilhelms-Universität Straßburg zu ernennen.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2358"><lem>Falles <name>Spahn</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Kuno Fischer</name> vom 15.7.1902</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2359"><lem>Praecedenz</lem><note>in <abbr>lat.</abbr> Schrift</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2360"><lem>kategorische Imperativ</lem><note>Anspielung auf Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten; Kritik der praktischen Vernunft.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2361"><lem>einmal mündlich</lem><note>ein Treffen kam nicht zustande, <abbr>vgl.</abbr> Windelband an Rickert vom 13.1.1903.</note></app></listApp></back></text></TEI>