<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000368-5</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>23.11.1902</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_41</ref></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0368" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000368-5"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1902-11-23">23.11.1902</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600826">Alois Riehl</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116037660">Clemens Baeumker</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118572121">Gotthold Ephraim Lessing</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118533401">Kuno Fischer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118682555">Rudolf Eucken</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Heidelberg</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>23.11.1902</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_41</ref></head></front><body><dateline>Strassburg, 23.11.02</dateline><salute>Lieber Freund und College,</salute><p>Mit Ihrem liebenswürdigen Schreiben, für das ich bestens danke, sind Sie mir zuvorgekommen, der ich schon seit einigen Tagen Ihnen Bericht geben wollte, aber durch mancherlei Dinge daran gehindert wurde, zuletzt wieder durch die vierundzwanzigstündige <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2326"/>Vortragsfahrt nach Saarbrücken<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2326"/>, von der ich vorhin zurückgekehrt bin, – im Allgemeinen auch durch die besondere Zurückhaltung, die ich mir begreiflicherweise auferlegen mußte, solange <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2327"/>die Zeitungen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2327"/> nicht die Dinge <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2328"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2329"/>publici juris<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2328"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2329"/> machten, was ja nun zu geschehen begonnen hat. Sie werden verstehen – und würden es noch mehr tun, wenn Sie die hiesige Sachlage genauer kennten –, daß ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2330"/>jeder stimmgebenden<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2330"/> Beteiligung an der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2331"/>Wahl meines Nachfolgers<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2331"/> abgelehnt und der Fakultät nur meinen Rat zur Verfügung gestellt habe: <pb/> Die gewählte Commission hat mich dann zu allen ihren Sitzungen zugezogen. In ihr kam principiell der Wunsch zur Geltung, führende Persönlichkeiten der älteren Generation inʼs Auge zu fassen: Sie können sich denken, daß dies in die für mich schmeichelhafteste Form zu fassen war, die mich von jedem principiellen Abraten ausschloß: so sind <name>Riehl</name>, <name>Eucken</name>, <name>Bäumker</name> auf die Liste gekommen, rangirt nur nach dem Lebensalter. Hierauf einigte man sich um so lieber, als jeder Schritt zu der folgenden Generation sichtlich zu energischen Gegensätzen geführt hätte: das gab interessante und delikate Verhältnisse, über die ich Ihnen am liebsten mündlich erzähle; es versteht sich von selbst, daß Sie selbst dabei nicht unberührt geblieben sind.</p><p>Was nun den praktischen Erfolg dieses sehr „idealen“ Vorschlags angeht, so verhehle ich Ihnen – unter uns – nicht, daß ich ihn sehr skep<pb/>tisch beurteile. Für die Fakultät ist die Sache so in der Tat sehr gut: sie hat drei Namen genannt, die sich sehen lassen können, und keinen, der bloß als Decoration aufzufassen wäre. Andrerseits aber hat es die Regierung, Hand in Hand mit der preußischen, natürlich ganz in der Hand, ob sie <name>Riehl</name> und <name>Bäumker</name> nehmen wollen. Daß für <name>Riehl</name> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2332"/>a priori<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2332"/> weniger Stimmung ist, sieht man daraus, daß seine Nomination von den Officiösen verschwiegen wird: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2333"/>sein Alter<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2333"/> kann leider immer als Vorwand dienen. Ob man <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2334"/><name>Baeumker</name> von Bonn loseisen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2334"/> will, wo er sehr fest sitzt, wird lediglich davon abhängen, ob bei den Verhandlungen über die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2335"/>„Fakultät“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2335"/> dessen Berufung der Kurie genügen wird. Möglich, daß man ihn holt und daneben noch einen waschechten Thomisten setzt, – möglich, daß man, da ein solcher mit der „Fakultät“ notwendig kommt, zu der Ausgleichung nach der andern Seite noch den <pb/> Vorschlag irgend eines „ganz jungen“ Vertreters verlangt. Am schwersten wird man um die Berufung <name>Eucken</name>ʼs herumkommen, von dem ich fast glaube, daß, wenn manʼs ihm möglich machte, er kommen würde. Leider bin ja ich als „Fahnenflüchtiger“ (<anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2336"/>wer lacht da?<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2336"/>) schwer in der Lage, an ihn oder <name>Riehl</name> darüber zu schreiben. Wenn aber einer von beiden auf mein Katheder kommen wollte, so würde ich, das werden Sie glauben, glücklich sein. Entscheiden wird sich das voraussichtlich nach dem Ergebnis der Beratungen, welche gegenwärtig in Berlin über die Personalfragen der „Fakultät“ gepflogen werden. Und dieser eklatante Beweis von der Abhängigkeit, in der sich unsre Universitätsdinge von den Transactionen der Berliner Politik befinden, – das ist für mich die sicherste Gewähr dafür, daß ich recht gehabt habe, zu gehen und hier nicht <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2337"/>den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2338"/>Donquichote<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2338"/> zu spielen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2337"/>.</p><p>Bald hoffentlich auf persönliches <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2339"/>Wiedersehen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2339"/>! inzwischen mit herzlichem Gruß von Haus zu Haus der Ihrige</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2326"><lem>Vortragsfahrt nach Saarbrücken</lem><note>Anlaß <abbr>u.</abbr> Thema nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2327"><lem>die Zeitungen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Rickert vom 2.8.1902</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2328"><lem>publici juris</lem><note>in <abbr>lat.</abbr> Schrift</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2329"><lem>publici juris</lem><note><abbr>lat.</abbr> öffentliches Recht</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2330"><lem>jeder stimmgebenden</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2331"><lem>Wahl meines Nachfolgers</lem><note><abbr>vgl.</abbr> <abbr>ADBR</abbr> Strasbourg, 62 AL 23 (Dekanat Martin 1902/03), <abbr>Nr.</abbr> 119 die Nachfolgevorschläge der Fakultät: 1. <name>Alois Riehl</name>, 2. <name>Clemens Baeumker</name>, 3. <name>Rudolf Eucken</name>. Die zugehörigen Sitzungsprotokolle sind nicht in der Akte überliefert (Autopsie vom 15.5.2017). Als <abbr>Nr.</abbr> 157 lediglich die Mitteilung des Kuratoriums der Universität vom 31.3.1903, daß <name>Baeumker</name> berufen sei.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2332"><lem>a priori</lem><note>in <abbr>lat.</abbr> Schrift</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2333"><lem>sein Alter</lem><note><name>Alois Riehl</name> war zum Zeitpunkt der Abfassung des Schreibens 58 Jahre alt (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2334"><lem><name>Baeumker</name> von Bonn loseisen</lem><note><name>Clemens Baeumker</name> war erst 1900 aus Breslau nach Bonn berufen worden (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2335"><lem>„Fakultät“</lem><note>die katholisch-theologischen in Straßburg, <abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Kuno Fischer</name> vom 15.7.1902.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2336"><lem>wer lacht da?</lem><note>geflügeltes Wort  nach <name>Lessing</name>s Emilia Galotti (Büchmann).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2338"><lem>Donquichote</lem><note>in <abbr>lat.</abbr> Schrift</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2337"><lem>den Donquichote zu spielen</lem><note>Anspielung auf Cervantes: Don Quijote (1605/15).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2339"><lem>Wiedersehen</lem><note>ein um Weihnachten 1902 geplantes Treffen kam nicht zustande, <abbr>vgl.</abbr> Windelband an Rickert vom 3.12.1902 und vom 13.1.1903.</note></app></listApp></back></text></TEI>