<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000363-4</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Karl Dilthey</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>22.10.1902</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Niedersächsische Staats- u. UB Göttingen, Dilth. 141</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0363" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000363-4"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1902-10-22">22.10.1902</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116128194">Karl Dilthey</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116037660">Clemens Baeumker</name><name>Dora Windelband</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1080249184">Elly Windelband</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116128194">Karl Dilthey</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118533401">Kuno Fischer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118615874">Martin Spahn</name><name>Meta Windelband</name><name>Sigfrid Windelband</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118757652">Ulrich Stutz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117400149">Wolfgang Windelband</name></note><note type="repository">Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Karl Dilthey</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>22.10.1902</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Niedersächsische Staats- u. UB Göttingen, Dilth. 141</bibl></head></front><body><dateline>Strassburg <abbr>iE</abbr> 22.10.02</dateline><salute>Liebster Freund,</salute><p>Es ist doch eigentlich zu ärgerlich, daß es wieder einmal <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2294"/>nichts mit dem Treffen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2294"/> war! so nahe bei einander, und wir kommen nicht zusammen! es tut mir immer noch leid; es war gerade eine Zeit, wo ich gar zu gern gerade mit Dir geredet hätte! Hoffentlich bist Du nun mit der schönen Luft da oben recht zufrieden gewesen und gestärkt heimgekehrt. Es waren ja auch herrliche Wochen, und wir sind selten so gründlich erholt gewesen wie von den Tagen in Chamonix. Wir hatten es auch nötig und haben es nun wieder nötig. Es sind unruhige Zeiten für uns, die Heidelberger Berufungsfrage, die mir lange Wochen schwankender Ueberlegung ließ, ehe sie ganz perfekt wurde, ist mir freilich zum Schluss sehr leicht zu entscheiden geworden. Denn während die Regirung mich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2295"/>Tübin<pb/>gen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2295"/> gegenüber, wohin ich garnicht so ungern gegangen wäre, mit aller Gewalt hielt, während sie anfänglich das auch Heidelberg gegenüber zu erreichen „hoffte“, hieß es im entscheidenen Momente, damit könne man nicht conkurriren!! Es war sehr deutlich, daß inzwischen eine Situation eingetreten war, in der es offenbar opportun ist, wenn ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2296"/>andern Leuten Platz mache<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2296"/>. Nun, da geht man eben und ist froh, aus den von der hohen Politik immer alterirten Verhältnissen in reinere und feinere Zustände zu entrinnen. Wir freuen uns auf Heidelberg. wir hoffen wieder spazieren gehen zu lernen, was hier unmöglich ist, und Ruhe zu haben. Mit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2297"/><name>Kuno Fischer</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2297"/><name/> habe ich das einfachste Verhältnis: ich übernehme die ganze Professur, und er bekommt dadurch die Möglichkeit, nur noch zu lesen, was ihm paßt, Faust und anderes Literaturphilosophisches. <pb/></p><p>Unbequem ist nur das lange Wintersemester, daß wir hier noch, dreiviertels schon abgelöst, zuzubringen haben. Meine Frau wird’s besser haben, sie wird zum großen Teil nicht hier sein. Sie ist jetzt schon <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2298"/>in Freiburg<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2298"/>, wo jeden Tag das dritte Kind erwartet wird, und über Neujahr wird sie aus analogem Anlaß <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2299"/>nach Schöneberg-Berlin<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2299"/> gehen. So hause ich einsam mit <name>Dora</name> und unserm <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2300"/>Jüngsten<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2300"/>, dem Oberprimaner. Den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2301"/>Leutnant<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2301"/>, der ja hier steht, aber in der Kaserne wohnen muß, sehen wir nur Sonntags und selten in der Woche. Da ist es gut, daß ich sehr viel zu tun habe, – nicht mit der Vorlesung, ich habe zum Glück nur ein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2302"/>vierstündiges Colleg<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2302"/>, aber mit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2303"/>allerlei Sachen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2303"/>, alten und neuen, die ich gern <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2304"/>vor Ostern<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2304"/> noch abschließen will, um in Heidelberg frei zu sein. Da möcht’ ich mich zuerst ganz der Vorlesungstätigkeit widmen können, <pb/> die ich doch auf einen etwas andern Ton stimmen muß als hier. Hoffentlich bin ich zu diesen Veränderungen der ganzen äußeren Lebensform und auch innerer Verhältnisse gerade eben noch nicht <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2305"/>zu alt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2305"/>! Noch ein paar Jahre, und es wäre dazu entschieden zu spät gewesen: jetzt aber will ich’s noch einmal wagen, obwol ich mich manchmal zweifelnd frage, wie’s ausgehen wird. Aber es hat ja wohl so sein sollen.</p><p>Nun sei so gut und schreib’ mir auch einmal wieder, wie’s Dir geht. Ich bin recht bös auf mich, daß ich so saumselig im Briefschreiben gewesen bin. Wenn wir besser im Connex gewesen wären, hätte solch ein Aneinandervorbeireisen nicht vorkommen können. <name>Dora</name> grüßt bestens. Ich bleibe mit herzlichster Freundschaft Dein</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2294"><lem>nichts mit dem Treffen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Karl Dilthey</name> vom 6.9.1902</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2295"><lem>Tübingen</lem><note> <abbr>vgl.</abbr> über den abgelehnten Ruf Windelband an Ulrich <abbr>u.</abbr> Elly <name>Stutz</name> vom 15.6.1902</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2296"><lem>andern Leuten Platz mache</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Hochschul-Nachrichten (Paul von Salvisberg) Heft 146/<abbr>Nr.</abbr> 2 von November 1902, <abbr>S.</abbr> 40: </note><rdg>Zur Nachfolge Windelbands. Wie verlautet, soll die philosophische Fakultät beabsichtigen, für die durch den Fortgang von Prof. Windelband erledigte Philosophie-Professur einen Katholiken in Vorschlag zu bringen, worauf die Regierung um so bereitwilliger eingehen dürfte, als sie damit gewissen Wünschen der Katholiken Rechnung tragen könnte</rdg><note>, womit auf die nach langer Vorbereitung und vielen Protesten schließlich 1902/03 erfolgte Eröffnung der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Strassburg angespielt wird. Nachfolger Windelbands wurde <name>Clemens Baeumker</name> (<abbr>kath.</abbr>). Im Hintergrund stand der Fall <name>Martin Spahn</name>, <abbr>vgl.</abbr> auch Windelband an <name>Kuno Fischer</name> vom 15.7.1902.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2297"><lem><name>Kuno Fischer</name></lem><note>zum 1.4.1903 war Windelband zum <abbr>o. Prof.</abbr> an der Universität Heidelberg ernannt worden, zunächst neben <name>Kuno Fischer</name>, der erst im Oktober 1903 um Beurlaubung von seinen Amts- und Lehrverpflichtungen nachsuchte (<abbr>vgl.</abbr> Hochschul-Nachrichten (Paul von Salvisberg) Oktober 1903). Formell vom Lehramt zurückgetreten ist Fischer jedoch erst 1906 (Hugo Falkenheim: Kuno Fischer. In: Biographisches Jahrbuch/Deutscher Nekrolog <abbr>Bd.</abbr> 12, <abbr>S.</abbr> 269).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2298"><lem>in Freiburg</lem><note>bei <name>Elly Windelband</name>, verheiratete Stutz</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2299"><lem>nach Schöneberg-Berlin</lem><note>zu <name>Meta Windelband</name>, verheiratete Goette</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2300"><lem>Jüngsten</lem><note><name>Wolfgang Windelband</name></note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2301"><lem>Leutnant</lem><note><name>Sigfrid Windelband</name></note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2302"><lem>vierstündiges Colleg</lem><note>im <abbr>WS</abbr> 1902/03 bot Windelband an: Geschichte der neueren Philosophie; Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 11–12 Uhr; im philosophischen Seminar: Platon’s Phaidon; Donnerstag von 6–8 Uhr, privatissime und gratis.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2303"><lem>allerlei Sachen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Paul Siebeck vom 21.9.1902 und an Breitkopf &amp; Härtel vom 29.9.1902</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2304"><lem>vor Ostern</lem><note>12.4./13.4.1903</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2305"><lem>zu alt</lem><note>Windelband war zum Zeitpunkt des Schreibens 54 Jahre alt.</note></app></listApp></back></text></TEI>