<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000342-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Wilhelm Dilthey</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>16.7.1902</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Niedersächsische Staats- und UB Göttingen, Cod. Ms. W. Dilthey 45,38</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0342" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000342-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1902-07-16">16.7.1902</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118525727">Wilhelm Dilthey</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118614258">Christoph Sigwart</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1122773021">Otto Schlapp</name></note><note type="repository">Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Wilhelm Dilthey</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>16.7.1902</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Niedersächsische Staats- und UB Göttingen, Cod. Ms. W. Dilthey 45,38</bibl></head></front><body><dateline>Strassburg <abbr>iE.</abbr> 16./7 02</dateline><salute>Hochverehrter Herr College</salute><p>Besten Dank für die freundliche Zusendung der Revision für die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2175"/>„Vorrede“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2175"/>: ich schicke sie hierbei mit einigen unvorgreiflichen formalen Aenderungsvorschlägen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2176"/>(mit rother Tinte)<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2176"/> zurück. Es ist sehr erfreulich, daß die Sache so weit gediehen ist, und ich beglückwünsche Sie dazu. Mich selbst bangt einigermaßen vor der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2177"/>Ausgabe der „Urteilskraft“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2177"/>. Es ist eigentlich so garnicht meine Art und Arbeit; ich bin viel zu wenig Philologe. Nun hagelt es ja auch noch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2178"/>neue Ausgaben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2178"/>. Ich denke, es wird doch nichts dagegen einzuwenden sein, wenn ich mir das Technische, Variantenverzeichnisse etc. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2179"/>von einem jüngeren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2179"/>, solcher Technik Gewachsenen machen lasse und dann das Ganze von mir aus durch- und überarbeite. Wann meinen Sie denn, daß man an eines der späteren Wer<pb/>ke, wie die „Urteilskraft“ wird gehen können? <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2180"/>Die Briefe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2180"/> sind ja nun da, sie bringen für meine specielle Aufgabe nicht viel. Aber die Vorlesungen und der Nachlaß sollten doch wohl in Betracht gezogen werden: wenigstens hat schon <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2181"/><name>Schlapp</name>’s Arbeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2181"/> gezeigt, wie starkes Licht sie darauf werfen. Wenn die Akademie Conferenzen veranstalten will, bin ich natürlich gern bereit, sofern sie nicht gar zu störend in die Vorlesungszeit fallen –</p><p>Die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2182"/>Entscheidung wegen Tübingen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2182"/> ist mir sehr schwer geworden; es waren lauter incommensurable Gründe zu balancieren. Neben <name>Sigwart</name>, mit dem mich lange Freundschaft verbindet, eine sehr ausgebreitete Wirksamkeit zu haben, war schon verlockend genug, – die Anerbietungen von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2183"/>Stuttgart<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2183"/> <pb/> glänzend, – aber eine Notwendigkeit, viel zu lesen und nicht ohne Abhängigkeit vom Studienplan des <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2184"/>„Stifts“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2184"/>. Mir aber liegt, seit ich das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2185"/>„docendo discimus“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2185"/> genügend genossen, mehr an der Concentration auf die Arbeiten, die meiner harren. Hier andrerseits <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2186"/>viel Unbequemes<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2186"/>, ruhige Arbeit Störendes Heterogenes: und doch ein Gefühl der Pflicht, nicht unnötig zu versagen, wo man 20 Jahre tätig und zweimal Rector war, – dagegen wieder das Bedenkliche, eine Ablehnung in meinen Jahren könne den Eindruck erwecken, als wollte ich mich für stabil erklären, – was mir sehr fern liegt. Es war eine Entscheidung von denen, wobei man sicher darauf rechnen kann, daß Tage kommen werden, an denen man sie, wie sie auch ausgefallen sein mögen, einmal bereut. Und manchmal kom<pb/>men schon jetzt solche Stunden: jedesmal, wenn man wieder irgendwie zu merken hat, wie schwankend und unsicher die hiesigen Zustände sind. –</p><p>Für die Ferien haben wir vor, etwa vom 10. August bis in die ersten Septembertage in die französische Schweiz zu gehen, vielleicht in die Nähe von Chamonix. Führt nicht Sie einmal Ihr Weg in unsre Nähe? es wäre schön, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2187"/>sich wiederzusehen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2187"/>.</p><p>Mit bestem Gruß und allen guten Wünschen für die Ferien getreulich der Ihrige</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2175"><lem>„Vorrede“</lem><note>zur von Windelband herauszugebenden Kritik der Urteilskraft in der Berliner Akademieausgabe der Werke <name>Kant</name>s.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2176"><lem>(mit rother Tinte)</lem><note>auf den Rand geschrieben</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2177"><lem>Ausgabe der „Urteilskraft“</lem><note><abbr>vgl</abbr>. Windelband: Einleitung. Sachliche Erläuterungen. Lesarten [zur Kritik der Urteilskraft]. In: Kant’s Werke <abbr>Bd.</abbr> 5. Kritik der praktischen Vernunft. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> Paul Natorp. Kritik der Urtheilskraft. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> W. Windelband. Berlin: Georg Reimer 1908 (Kant’s Gesammelte Schriften. Hg. v. der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften. <abbr>Abt.</abbr> 1, <abbr>Bd.</abbr> 5), <abbr>S.</abbr> 512–527, 527–530, 530–543. 2. Abdruck Berlin: Georg Reimer 1913.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2178"><lem>neue Ausgaben</lem><note>1902 erschienen: Immanuel Kant’s Kritik der Urtheilskraft. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> Karl Vorländer. 3. <abbr>Aufl.</abbr> Leipzig: Dürr 1902 (Immanuel Kant Sämmtliche Werke. Hg. v. J. H. von Kirchmann <abbr>Bd.</abbr> 2,2. Philosophische Bibliothek <abbr>Bd.</abbr> 39); George S. A. Mellin: Marginalien und Register zu Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Kritik der praktischen Vernunft, Kritik der Urteilskraft. Neu <abbr>hg.</abbr> und mit einer Begleitschrift Der Zusammenhang der kantischen Kritiken versehen <abbr>v.</abbr> Ludwig Goldschmidt. Gotha: Thienemann 1902.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2179"><lem>von einem jüngeren</lem><note>ein weiterer Mitarbeiter ist nicht nachgewiesen.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2180"><lem>Die Briefe</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Kants Gesammelte Schriften, Akademie-Ausgabe: <abbr>Bd.</abbr> 10, Briefe 1747–1788, 1900; <abbr>Bd.</abbr> 11, Briefe 1789–1794, 1900; <abbr>Bd.</abbr> 12, Briefe 1795–1803, 1902 (sämtlich<abbr> hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> Rudolf Reicke).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2181"><lem><name>Schlapp</name>’s Arbeit</lem><note><abbr>vgl</abbr>. Otto Schlapp: Kants Lehre vom Genie und die Entstehung der „Kritik der Urteilskraft“. Göttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht 1901. Ein erster Teil erschien als Druck der Straßburger Dissertation von 1897 (bei Windelband): Die Anfänge von Kants Kritik des Geschmacks und des Genies 1764 bis 1775. Erster Teil einer Untersuchung über Kants Lehre vom Genie und die Entstehung der Kritik der Urteilskraft. Von Otto Schlapp, Dozent an der Universität Edinburgh. Göttingen: E. A. Huth 1899.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2182"><lem>Entscheidung wegen Tübingen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Ulrich und Elly Stutz vom 15.6.1902</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2183"><lem>Stuttgart</lem><note>1806–1918 Hauptstadt des Königreichs Württemberg; mit Sitz des übergeordneten Unterrichts-Ministeriums.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2184"><lem>„Stifts“</lem><note>gemeint ist das Tübinger Stift (Evangelisches Stift Tübingen).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2185"><lem>„docendo discimus“</lem><note><abbr>lat.</abbr> durch Lehren lernen wir</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2186"><lem>viel Unbequemes</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Kuno Fischer vom 15.7.1902</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2187"><lem>sich wiederzusehen</lem><note>ein persönliches Treffen ist nur für 1878 nachgewiesen, <abbr>vgl.</abbr> Kommentar zu Windelband an Georg Jellinek vom 26.8.1878.</note></app></listApp></back></text></TEI>