<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000334-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Karl Dilthey</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>15.11.1901</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Niedersächsische Staats- und UB Göttingen, Dilth. 141</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0334" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000334-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1901-11-15">15.11.1901</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116128194">Karl Dilthey</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/101110464">Adolf Michaelis</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/10237824X">Aischylos</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118503987">Aristophanes</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116094036">Bruno Keil</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118795686">Eduard Schwartz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117355747">Eduard Thraemer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118531395">Euripides</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118580140">Friedrich Meinecke</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116024437">Georg Kaibel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116487380">Harry Bresslau</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11696250X">Karl Johannes Neumann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118710532">Paul Hensel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118594893">Platon</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11877378X">Richard Heinze</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118599615">Richard Reitzenstein</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116988118">Theobald Ziegler</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119453223">Theodor Nöldeke</name></note><note type="repository">Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Karl Dilthey</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>15.11.1901</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Niedersächsische Staats- und UB Göttingen, Dilth. 141</bibl></head></front><body><dateline>Strassburg <abbr>i E.</abbr> 15.11.01</dateline><salute>Liebster Freund,</salute><p>Deinen eben empfangenen lieben Brief beantworte ich umgehend, – pflichtgemäß geschäftig, mich selbst wie unsere ganze Fakultät zu schädigen: denn nicht nur ich sondern wir alle sind traurig genug, daß wir <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2114"/>einen der beiden<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2114"/> werden hergeben <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2115"/>müssen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2115"/>, – so sehr man es aus freundschaftlichem Gemüt Jedem, der es verdient, gönnen mag, daß er jetzt den Staub dieser Stadt von seinen Füßen schütteln darf!</p><p>Sollen wir uns nun also in diese beiden teilen, so wüßte ich nicht, was mir als das kleinere Unbill erschiene. Du hast Recht, wenn Du zwischen beiden Naturen eine Art von Contrast ansetztest.</p><p>Kommt es Euch auf Verve und packende Kraft an, so ist allerdings kein Zweifel, daß <pb/> Ihr diese Vorzüge in entschieden höherem Maße bei <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2116"/>Schw.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2116"/> findet: mit dessen stark temperamentvollem, oft schroffem, gelegentlich burschikosem Wesen habe ich mich sehr schnell ausgesöhnt, nachdem ich seine durch und durch lautere Gesinnung und seine Zugänglichkeit für alle verständigen Interessen und Argumente nicht nur im persönlichen Verkehr, sondern gerade auch bei der vortrefflichen Art, wie er sein Dekanat geführt und die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2117"/>Philologenversammlung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2117"/> gedeichselt hat, genügend kennen gelernt habe.</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2118"/>K.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2118"/> ist die stillere, weiblichere Natur, in der eine ungewöhnliche Gelehrsamkeit mit feiner Urteilskraft verbunden ist. In unserer <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2119"/>Graeca<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2119"/>, der beide angehören, sind sie uns beide, jeder in seiner Weise, äußerst wertvoll. Da ist auch K. höchst anregend und ausgiebig. Und nicht <pb/> nur, wenn wir <name>Platon</name> gelesen haben, sondern gerade auch bei den Dichtern (<name>Euripides</name>, <name>Aristophanes</name>, <name>Aischylos</name>) hat er in der engsten Weise mitgetan. Daß er in den Vorlesungen ihnen „ferner zu stehen“ scheint, hat besondre Gründe, für deren Andeutung ich bitte, Dir ganz vertraulichste Aufnahme ans Herz legen zu dürfen. Wenn ich recht gehört habe, so wünschte <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2120"/><name>Kaibel</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2120"/>, solange er hier war, nicht, daß K. über Dichter lese, sodaß dieser gegen seinen Wunsch wesentlich auf die Altertümer beschränkt wurde: er war erfreut, als er bei dem Wechsel die Möglichkeit erhielt, Dichter zu lesen, hat dabei aber natürlich, um Schw. nicht zu sehr in’s Gehege zu kommen, davon nur mäßig Gebrauch gemacht, – um so mehr, als es ihm (und auch andern!) wünschenswert erschien, daß er auf dem Felde der alten Geschichte nicht <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2121"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2122"/>K. J. N.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2121"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2122"/> sich allein breit machen ließe. Dies also ganz <pb/> unter uns! ich habe stets den Eindruck gehabt, daß er zu den Dichtern ein intimes Verhältniß hat und „Trockenheit“ würde ich in dieser Hinsicht nicht befürchten. Wenn seine Vorlesungen anfangs geringeren Anklang gefunden haben, so beruhte das wohl auf einer Eigentümlichkeit, die man auch in der Unterhaltung merkt: wenn er Einem Etwas auseinandersetzt, so reißt ihn sein großes Wissen leicht zu Exkursen fort, die zwar an sich interessant sind, aber vom Hauptthema leicht abführen. So kann ich mir leicht denken, daß die lehrhafte Beherrschung und Formulirung zumal anfangs, mit dem Umfang und der Gediegenheit seines Stoffes nicht gleichen Schritt gehalten hat; und der Student will nun einmal und braucht wohl auch, gerade das übersichtlich Geformte, das er <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2123"/>fest nachschreiben und heimtragen kann<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2123"/>. Persönlich ist K. ein sehr angenehmer Umgang; ich denke gern an ein paar Wochen zurück, die ich im letzten Frühjahr in Baden bei Zürich zu gemeinsamer <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2124"/>Rheumatismus-Kur<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2124"/> zubrachte, – wo man sehr aufeinander angewiesen war. – Damals stand ich 25 Jahre nach meinem Antritt in Zürich auf dem Uetli und <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2125"/>dachte an Dich! – Wie schwer mir der Entschluss war, jetzt <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2126"/>Euer Fest<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2126"/> zu versäumen, brauche ich Dir nicht zu sagen: aber daß mich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2127"/>die Wahl<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2127"/> sehr gefreut hat, will ich nicht verschweigen.</p><p>Herzlichsten Gruß – ich muß in’s Colleg eilen!</p><p>Dein alter</p><signed>W Windelband<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2125"/></signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2114"><lem>einen der beiden</lem><note>die klassischen Philologen <name>Eduard Schwartz</name> <abbr>u. </abbr><name>Bruno Keil</name> (1859–1916, 1890 <abbr>ao. Prof.</abbr> in Straßburg, März 1901 <abbr>o. Prof.</abbr>, 1913 nach Leipzig; <abbr>NDB</abbr>), von denen Schwartz (1858–1940), seit 1897 <abbr>o. Prof.</abbr> in Straßburg, 1902 einen Ruf nach Göttingen annahm (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2115"><lem>müssen</lem><note>mit Einfügungszeichen auf dem Rand:<abbr> </abbr></note><rdg>NB! Von dieser Wahrscheinlichkeit wird hier schon ganz allgemein geredet!</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2116"><lem>Schw.</lem><note>am Kopf der S. Bleistiftnotiz von anderer Hand: </note><rdg>Schwartz</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2117"><lem>Philologenversammlung</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelbands Beitrag: Zu Platon’s Phaidon. In: Strassburger Festschrift zur 46. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> der Philosophischen Fakultät der Kaiser-Wilhelms-Universität. Strassburg: Trübner 1901, <abbr>S.</abbr> 287–297.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2118"><lem>K.</lem><note><name/>gemeint ist <name>Bruno Keil</name></note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2119"><lem>Graeca</lem><note><abbr>geselliger Zirkel von 8–9 Mitgliedern innerhalb der philosophischen Fakultät der Universität Straßburg seit den 1890er Jahren, dessen Mitglieder im privaten Rahmen zusammenkamen, um griechische Klassiker im Urtext zu lesen, daneben laut Meinecke eine </abbr></note><rdg>Art regierende Innenzelle der philosophischen Fakultät</rdg><note><abbr>. Mitglieder 1902: </abbr><name>Eduard Schwartz</name><abbr>, </abbr><name>Harry Breslau</name><abbr>, </abbr><name>Friedrich Meinecke</name><abbr>, </abbr><name>Theobald Ziegler</name><abbr>, </abbr><name>Richard Reitzenstein</name><abbr>, </abbr><name>Adolf Michaelis</name><abbr>, Windelband, </abbr><name>Eduard Thämer</name><abbr>. </abbr></note><rdg>Platon stand auch im Mittelpunkt unserer Lektüre. Windelband hat sein Platonbuch an diesen Graecaabenden fundiert</rdg><note><abbr> (Friedrich Meinecke: Strassburg Freiburg Berlin 1901–1919. Erinnerungen. Stuttgart: Koehler 1949, S. 35–38). Vgl.</abbr> Eduard Schwartz: Am Sarge Wilhelm Windelbands. In: <abbr>Ders.</abbr>: Vergangene Gegenwärtigkeiten. Berlin: de Gruyter 1938 (Gesammelte Schriften <abbr>Bd.</abbr> 1), <abbr>S.</abbr> 383–385. Zuerst in: Straßburger Post, <abbr>Nr.</abbr> 818 vom 28.10.1915, Mittagsausgabe 2. Blatt. <abbr>Vgl.</abbr> die Erinnerungen Paul Hensels: </note><rdg>Im Anfang der neunziger Jahre trat eine Vereinigung ins Leben […]. Nach dem Muster und Vorbild der berühmten Berliner Graeca traten einige Mitglieder der philosophischen Fakultät zusammen, um zweimal im Monat an einem Abend gemeinsam Griechisch, vorzugsweise Plato zu lesen.</rdg><note> (<abbr>Vgl.</abbr> zur Berliner Graeca Eduard Zeller: Erinnerungen eines Neunzigjährigen. Stuttgart: Uhland 1908, <abbr>S.</abbr> 195.)</note><rdg> </rdg><note><name>Hensel</name> erwähnt als Mitglieder: <name>Georg Kaibel</name>, <name>Richard Heinze</name> (</note><rdg>Heintze</rdg><note>), <name>Karl Johannes Neumann</name>, <name>Adolf Michaelis</name> (Elisabeth Hensel (<abbr>Hg.</abbr>): Paul Hensel. Sein Leben in seinen Briefen. Frankfurt <abbr>a. M.</abbr>; Societäts-<abbr>Vlg.</abbr> 1937 (identisch mit der Titelauflage Wolfenbüttel 1947), <abbr>S. </abbr>415).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2120"><lem><name>Kaibel</name></lem><note><name>Georg Kaibel</name> (1849–1901), seit 1897 <abbr>Prof.</abbr> für klassische Philologie an der Universität Göttingen, zuvor Straßburg (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2121"><lem>K. J. N.</lem><note>am unteren Seitenrand Notiz mit Bleistift von anderer Hand: </note><rdg>[N]eumann</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2122"><lem>K. J. N.</lem><note><name>Karl Johannes Neumann</name> (1857–1917), seit 1890 <abbr>Prof.</abbr> für Alte Geschichte in Straßburg (<abbr>DBE</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2123"><lem>fest nachschreiben und heimtragen kann</lem><note>Anspielung auf Goethe: Faust I, Vers 1966<abbr>f.</abbr>: Denn was man schwarz auf weiß besitzt kann man getrost nach Hause tragen.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2124"><lem>Rheumatismus-Kur</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Theodor Nöldeke</name> vom 24.4.1901 sowie an <name>Rickert</name> vom 16.5.1901</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2126"><lem>Euer Fest</lem><note>zur Feier des 150-jährigen Jubiläums der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2127"><lem>die Wahl</lem><note>zum korrespondierenden Mitglied der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen (1901)</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2125"><lem>dachte … W Windelband</lem><note> auf den Rand der <abbr>S.</abbr> geschrieben</note></app></listApp></back></text></TEI>