<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000322-4</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Georg Jellinek</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>17.3.1901</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Georg Jellinek, N 1136/32</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0322" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000322-4"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1901-03-17">17.3.1901</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118711989">Georg Jellinek</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/1183730527">Arthur Goette</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116531428">Bernhard Erdmannsdörffer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119034638">Bernhard Naunyn</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11750193X">Bernhard Schmidt</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1080249184">Elly Windelband</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118790951">Erwin Rohde</name><name>Hans Kaufmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/128340975">Irmgard Stutz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116128194">Karl Dilthey</name><name>Meta Windelband</name><name>Sigfrid Windelband</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118757652">Ulrich Stutz</name><name>Wilhelmine Wertheim</name></note><note type="repository">Bundesarchiv Koblenz</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Georg Jellinek</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>17.3.1901</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Georg Jellinek, N 1136/32</bibl></head></front><body><dateline>Strassburg, 17.3.01</dateline><salute>Liebster Freund,</salute><p>Heute erst komme ich dazu, Deiner lieben Gattin und Dir mein und meiner Frau herzliches Beileid zu dem Verlust Deiner Frau <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2039"/>Schwiegermutter<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2039"/> auszusprechen! wir haben innig daran Anteil genommen.</p><p>Hoffentlich bist Du sonst mit Deinem eignen Befinden und mit dem Ergehen Deiner Familie zufrieden und siehst fröhlicher auf das Semester zurück, als ich es leider betreffs der zweiten Hälfte thun kann. Das neue Jahrhundert hat uns <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2040"/>wieder schwere Influenza<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2040"/> ins Haus gebracht; meine Frau und die Kinder haben dran gelitten; ich schüttelte sie vor vier Wochen kurz ab, bekam aber dafür mit Se<pb/>mesterschluß einen um so unbequemeren Rückfall, von dem ich soeben dem Bett zu entrinnen anfange. Wie es mit der Erholung werden wird, kann ich noch nicht übersehen; vielleicht gehe ich meiner <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2041"/>„Unterthanen“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2041"/> wegen in irgend ein Bad. Aus dem schönen Gedanken, Dich in Rom zu treffen, wird wohl kaum etwas werden: der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2042"/><abbr>stud.</abbr> <name>Kaufmann</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2042"/><name/>, der mir von Deinen Absichten erzählte, erweckte mir freilich große Sehnsucht danach. Allein, da meine Frau nächstens für verschiedne Wochen zu <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2043"/><name>Stutz</name>’ens<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2043"/> reist, da mein zweiter <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2044"/>Schwiegersohn <name>Goette</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2044"/> in vierzehn Tagen nach Berlin geht, um dort in den städtischen Schuldienst einzutreten, da gleich darauf mein Sohn <name>Sigfrid</name>, der Fahnenjunker bei den <pb/> Pionieren ist, zur Kriegsschule, vermuthlich nach Hannover abgeht, und da um dieselbe Zeit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2045"/>meine älteste Enkelin<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2045"/> für einige Zeit herkommt, so muß ich solange bis all das abgelaufen ist, doch hier einen gewissen Drehpunct der wandernden Familie bilden und werde wohl erst <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2046"/>um Ostern<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2046"/> fortkommen. Bis dahin hoffe ich übrigens auch noch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2047"/>ein Manuskript abzuschließen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2047"/>, das leider durch die Influenza in Rückstand gekommen ist.</p><p>Dein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2048"/>letztes schönes Buch<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2048"/> ist mir für meine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2049"/>Ethik in diesem Winter<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2049"/> recht wertvoll gewesen, ich habe seinen Werth – unter uns gesagt – in erhöhtem Maße an dem Vergleich mit dem so wenig geglückten Buche <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2050"/>von Rich<add>[ard]</add> <name>Schmidt</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2050"/> schätzen lernen, das mir ein starkes <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2051"/><span type="el">ϑαυμάζειν</span><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2051"/><span type="el"/> erregt <pb/> hat.</p><p>Inzwischen ist uns ja nun <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2052"/><name>Erdmannsdörffer</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2052"/> entrissen worden; es hat mich sehr bewegt, da ich manche interessante und frohe Stunde mit ihm verplaudert habe, – ein gern gesehenes Gesicht weniger für die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2053"/>Badener Tage<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2053"/>!</p><p>Anbei ein paar Kleinigkeiten mit einem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2054"/>Exemplar meiner zweiten Auflage<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2054"/>, – vielleicht interessirt Dich an dieser der doch der neu gearbeite Schluß. </p><p>Mit herzlichstem Gruße von Haus zu Haus Dein getreuer</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2039"><lem>Schwiegermutter</lem><note>die Lebensdaten von <name>Wilhelmine Wertheim</name>, <abbr>geb.</abbr> Walcher, sind nicht ermittelt (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2040"><lem>wieder schwere Influenza</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Karl Dilthey</name> vom 10.8.1896 sowie den Bericht des Straßburger Internisten <name>Bernhard Naunyn</name> (1888–1904 an der dortigen medizinischen Fakultät): </note><rdg>Im Winter 1889/90 kam auch nach langer Zeit die greuliche Influenza wieder nach Europa. Ich war vielleicht der erste Fall, der in Straßburg daran erkrankte, und sie ließ mich nicht los, in jedem der folgenden drei Winter hatte ich außer meinen üblichen Erkältungen einen Anfall richtiger Influenza zu überstehen </rdg><note>(Bernhard Naunyn: Erinnerungen, Gedanken und Meinungen. München: J. F. Bergmann 1925, <abbr>S.</abbr> 480).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2041"><lem>„Unterthanen“</lem><note>scherzhaft für: Frau und Kinder</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2042"><lem><abbr>stud.</abbr> <name>Kaufmann</name></lem><note>in Frage kommt <name>Hans Kaufmann</name> aus Charlottenburg in Brandenburg, im <abbr>WS</abbr> 1899/00 und <abbr>SS</abbr> 1900 in Heidelberg, wo Jellinek seit 1892 lehrte, an der philosophischen Fakultät eingeschrieben (Personalverzeichnisse Universität Heidelberg). Etwaiger Wechsel nach Straßburg nicht ermittelt.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2043"><lem><name>Stutz</name>’ens</lem><note>Familie <name>Elly</name>, <abbr>geb.</abbr> Windelband und <name>Ulrich Stutz</name>.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2044"><lem>Schwiegersohn <name>Goette</name></lem><note><name>Arthur Goette</name>, verheiratet mit <name>Meta Windelband</name>.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2045"><lem>meine älteste Enkelin</lem><note><name>Irmgard Stutz</name> (*6.6.1899), Tochter von Windelbands Tochter <name>Elly</name> und <name>Ulrich Stutz</name> in Freiburg (Wer ist’s? 1912, <abbr>S.</abbr> 1597).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2046"><lem>um Ostern</lem><note>7.4./8.4.1901</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2047"><lem>ein Manuskript abzuschließen</lem><note>gemeintes nicht ermittelt. Von Windelband erschien 1901: Platon. In: Handwörterbuch der Staatswissenschaften <abbr>Bd.</abbr> 6. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> J. Conrad, L. Elster, W. Lexis, Edg. Loening. 2., gänzlich umgearbeitete Aufl. Jena: Gustav Fischer 1901, <abbr>S.</abbr> 91–97; Zu Platon’s Phaidon. In: Strassburger Festschrift zur 46. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> der Philosophischen Fakultät der Kaiser-Wilhelms-Universität. Strassburg: Trübner 1901, <abbr>S.</abbr> 287–297; Zum Gedächtniss Elwin Bruno Christoffel’s. In: Mathematische Annalen 54 (1901), Heft 3 vom 26.2.1901, <abbr>S.</abbr> 341–344; Zur Wissenschaftsgeschichte der romanischen Völker. In: Grundriss der romanischen Philologie. Unter Mitwirkung <abbr>v.</abbr> … <abbr>hg.</abbr> v. Gustav Gröber. <abbr>Bd.</abbr> 2, 3. <abbr>Abt.</abbr> Straßburg: Karl J. Trübner 1901, <abbr>S.</abbr> 550–578.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2048"><lem>letztes schönes Buch</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Georg Jellinek: Allgemeine Staatslehre. Berlin: Häring 1900 (Das Recht des modernen Staates <abbr>Bd.</abbr> 1).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2049"><lem>Ethik in diesem Winter</lem><note>Windelbands Straßburger Vorlesung vom <abbr>WS </abbr>1900/01: Ethik (Grundzüge der Moral-, Rechts- und Geschichtsphilosophie); Montag und Dienstag von 5–6 Uhr (Vorlesungsverzeichnis Straßburg).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2050"><lem>von Richard Schmidt</lem><note> vermutlich Richard Schmidt: Die gemeinsamen Grundlagen des politischen Lebens. Leipzig: Hirschfeld 1901 (Hand- und Lehrbuch der Staatswissenschaften <abbr>Abt.</abbr> 3, <abbr>Bd.</abbr> 1).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2051"><lem><span type="el">ϑαυμάζειν</span></lem><note><abbr>gr.</abbr> thaumazein: Staunen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2052"><lem><name>Erdmannsdörffer</name></lem><note><name>Bernhard Erdmannsdörffer</name> (1833–1901, <abbr>gest.</abbr> 1.3.1901), Historiker, seit 1874 <abbr>Prof.</abbr> in Heidelberg (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2053"><lem>Badener Tage</lem><note><abbr>vgl.</abbr> <name>Erwin Rohde</name> an Windelband vom 18.5.1894</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2054"><lem>Exemplar meiner zweiten Auflage</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband: Geschichte der Philosophie. 2., durchgesehene <abbr>u.</abbr> erweiterte Aufl. Tübingen/Leipzig: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1900.</note></app></listApp></back></text></TEI>