<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000255-5</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Karl Dilthey</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>2.1.1897</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Niedersächsische Staats- und UB Göttingen, Dilth. 141</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0255" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000255-5"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1897-01-02">2.1.1897</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116128194">Karl Dilthey</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/1080249184">Elly Windelband</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118790951">Erwin Rohde</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118723650">Georg Friedrich Knapp</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116024437">Georg Kaibel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116899611">Otto Lenel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116585412">Rudolph Fittig</name></note><note type="repository">Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Karl Dilthey</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>2.1.1897</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Niedersächsische Staats- und UB Göttingen, Dilth. 141</bibl></head></front><body><dateline>Strassburg <abbr>i E.</abbr> 2.1.97</dateline><salute>Mein lieber Carlo,</salute><p>Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr sind für mich das Gegenteil von Festtagen gewesen. Die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1677"/>alberne Geschichte, die an unserer Universität spielt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1677"/> und ein grelles Licht auf allgemeine Bildungszustände wie auf politische Verhältnisse wirft, widerlich von Anfang bis zu Ende, hat mich stark mitbeschäftigt und, zumal ich noch zwei Tage durch eine auf den Magen entlastete Erkältung ins Bett geworfen wurde, mir alle Zeit und zugleich alle Stimmung genommen. Deshalb harrt <name>Elly</name>’s <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1678"/>einliegender Brief<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1678"/> seit vier Tagen der zugesagten Begleitung und sie ist schon ganz böse, daß ich sie durch meine Versäumniß bei Dir in das Licht der <pb/> schrecklichen Undankbarkeit und Unhöflichkeit gesetzt habe. ich bitte Dich also, alle Schuld auf mich allein zu wälzen; sie hat sich über Deine reizende Ueberraschung so herzlich gefreut, daß ich auf mich selbst sehr ärgerlich bin, meiner Stimmungslosigkeit von Abend zu Abend so thöricht nachgegeben und nicht geschrieben zu haben. Und diese Schuld ist umso größer, als ich dabei auch versäumt habe, Dir meiner Frau und meiner andern Kinder herzliche Neujahrswünsche rechtzeitig zu übermitteln – von meinen eignen garnicht zu reden! Genug, ich bitte um Generalpardon; aber es war und ist wirklich zu toll hier, und ich strecke fast die Waffen im Kampf mit der übermenschlichen Dummheit, die wir <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1679"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1680"/>extra<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1679"/> und <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1681"/>intra muros academicos<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1680"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1681"/> zu bekämpfen haben. Viel <pb/> hab ich erlebt und mehr für möglich gehalten; aber das, was sich jetzt hier abspielt, übersteigt Alles. Wenn ich es Dir einmal erzähle, wirst Du auch sagen, daß der Hexensabbat kein leerer Wahn ist, – sobald der moderne Mensch in den Blödsinn politischer Leidenschaft geraten ist. Um wieviel würde das moralische und das intellectuelle Niveau der Menschen steigen, wenn man nur für ein paar Monate die Zeitungen verbieten könnte!! Doch, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1682"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1683"/>satis superque<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1682"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1683"/>!</p><p>Unsern <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1684"/><name>Kaibel</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1684"/><name/> habt Ihr ja nun wol. Möge er es nie bereuen! Ich wünsche es ihm und Euch von Herzen. Du selbst wirst bei dem Tausch gut fahren, und das freut mich eigentlich allein daran. Mein persönlicher Verlust ist nicht gering; wie die Fakultät sich zurechtfindet, bleibt abzuwarten. Ob es mit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1685"/><name>Rohde</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1685"/> etwas werden kann, ist zweifelhaft. Die Heidelberger haben sich eben sehr <pb/> über einen ebenso glatt wie einfach geflochtenen Korb geärgert, den sie sich bei unserm <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1686"/><name>Knapp</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1686"/><name/> geholt haben; sie werden Alles daransetzen, ihn uns, womöglich gefüllt, zurückzuschicken. Wir müssen also sehr vorsichtig sein, und es sind doch noch mancherlei andre Dinge, die in betracht kommen. Wundre Dich also über nichts.</p><p>Daß Du mit Deinen Nerven wenigstens nicht unzufrieden bist, freut mich: mein Gebein ist noch immer nicht ganz in Ordnung, der feuchte, neblige Winter ist mir garnicht recht; aber ich gehe doch täglich mein gutes Stündchen spazieren. Die Meinen sind wohl; sie lassen Dich alle viel, vielmals und herzlich zum neuen Jahre grüßen! Bleib’ uns allen der liebe, alte Freund!</p><p>Dein getreuer</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-1677"><lem>alberne Geschichte, die an unserer Universität spielt</lem><note>über den sogenannten </note><rdg>Straßburger Universitätsstreit</rdg><note> berichteten ausführlich die Hochschul-Nachrichten (Paul von Salvisberg) von Dezember 1896–März 1897. Demnach kam es Ende 1896 während einer Vorlesung des Chemikers <name>Rudolph Fittig</name> (1835–1910, Chemiker; <abbr>NDB</abbr>) zum Streit zwischen einem </note><rdg>altelsässischen</rdg><note> und einem </note><rdg>altdeutschen</rdg><note> Studenten, den der </note><rdg>altdeutsche</rdg><note> Student beim Rektorat anzeigte, </note><rdg>da er wusste, dass der Elsässer Satisfaktion verweigern würde</rdg><note>. Das Rektorat reagierte mit Exmatrikulation des Elsässer Kommilitonen, woraufhin der </note><rdg>altdeutsche</rdg><note> Student in allen Lehrveranstaltungen von den Elsässern bedroht wurde. Außerdem wurden Vorlesungen boykottiert, woraufhin den Beteiligten ebenfalls der Verweis von der Universität angedroht wurde. Im Frühjahr 1897 wurde Windelband (die Hochschul-Nachrichten teilen im Februar irrtümlich den Namen <name>Otto Lenel</name>s als neuem Rektor mit, dieser war jedoch Windelbands Vorgänger) zum Rektor gewählt: </note><rdg>Diese Wahl darf als ein Nachspiel zu dem jüngsten Universitätskonflikt und zugleich als eine unverkennbare Demonstration der Universität gegenüber denjenigen Stimmen der Oeffentlichkeit betrachtet werden, welche im Verhalten der Universität eine allzu grosse Nachgiebigkeit erblicken wollen. Lenel [</rdg><note>lies: Windelband</note><rdg>] hat in jener Angelegenheit eine ziemlich schroffe Stellung gegen die Excendenten eingenommen, und wer bis jetzt noch nicht klar war, wird nunmehr wissen, dass die Universität weder die Flügel noch den Fittig [</rdg><note>Anspielung auf den betroffenen <abbr>Prof.</abbr> <name>Rudolph Fittig</name></note><rdg>] hängen lässt. </rdg><note>Schließlich fand </note><rdg>unter den Vorbereitungen zum Jubiläum [</rdg><note>der Universität Straßburg</note><rdg>] […] auch der unerquickliche Universitätsstreit seinen endgültigen Abschluss […]. Die anlässlich der Affaire François-Martin relegierten altelsässischen Studenten stud. jur. Ehrhart und stud. med. Luttwig wurden wieder immatrikuliert und unter die Studierenden der Universität Strassburg aufgenommen </rdg><note>(März 1897). Die Sitzungsprotokolle der Fakultätsakten für das Dekanatsjahr 1896/97 befinden sich nicht mehr in der entprechenden Akte, <abbr>vgl.</abbr> ADBR Strasbourg, 62 AL 17 (Dekanat Georg Dehio 1896/97), Autopsie vom 15.5.2017. Ob diese Akten kassiert wurden, läßt sich nicht feststellen.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1678"><lem>einliegender Brief</lem><note>liegt nicht bei</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1679"><lem>extra</lem><note>in <abbr>lat.</abbr> Schrift</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1681"><lem>extra und intra muros academicos</lem><note> <abbr>lat.</abbr> außerhalb und innerhalb der akademischen Mauern</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1680"><lem>extra und intra muros academicos</lem><note>in <abbr>lat.</abbr> Schrift</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1683"><lem>satis superque</lem><note><abbr>lat.</abbr> mehr als genug (davon)</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1682"><lem>satis superque</lem><note>in <abbr>lat.</abbr> Schrift</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1684"><lem><name>Kaibel</name></lem><note><name>Georg Kaibel</name> (1849–1901), 1886–1897 <abbr>Prof.</abbr> für klassische Philologie an der Universität Straßburg, 1897 nach Göttingen berufen (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1685"><lem><name>Rohde</name></lem><note><name>Erwin Rohde</name> (1845–1998), Philologe, 1872 <abbr>ao. Prof.</abbr> in Kiel, 1876 <abbr>o. Prof.</abbr> in Jena, 1878 in Tübingen, 1886 für ein Semester in Leipzig, seit 1886 in Heidelberg und damit erst späterer Kollege Windelbands (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1686"><lem><name>Knapp</name></lem><note><name>Georg Friedrich Knapp</name> (1842–1926), Nationalökonom, Statistiker, Agrarhistoriker, 1869 <abbr>ao. Prof.</abbr> in Leipzig, seit 1874 <abbr>o. Prof.</abbr> in Straßburg (<abbr>NDB</abbr>).</note></app></listApp></back></text></TEI>