<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000250-4</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>13.9.1896</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_21</ref></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0250" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000250-4"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1896-09-13">13.9.1896</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600826">Alois Riehl</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116133171">Julius Bergmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116128194">Karl Dilthey</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117183857">Ludwig Busse</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118710532">Paul Hensel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116389311">Richard Avenarius</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Heidelberg</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Heinrich Rickert</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>13.9.1896</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Heidelberg, </bibl><ref type="link">http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_21</ref></head></front><body><dateline>Strassburg <abbr>iE</abbr> 13.9.96</dateline><salute>Lieber Herr College,</salute><p>In dem geschäftigen Nichtstun der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1639"/>Sommerfrische<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1639"/>, die übrigens trotz zweifelhafter Wettergunst ganz wunderschön und erholsam war, fand ich doch nicht Muße für einen Brief: nun aber, gestern zurückgekehrt, will ich eilig Ihnen nochmals meinen herzlichen Glückwunsch zu der glücklichen Wendung Ihrer Geschicke sagen! Und soweit ich sehe, ist Ihre <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1640"/>Entscheidung für Freiburg<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1640"/> sicher die richtige gewesen. Sie werden ja weder in Fr<add>[eiburg]</add> noch in Rostock auf die Dauer bleiben: aber Sie dürfen doch in Fr<add>[eiburg]</add> auf eine erfreulichere Lehrtätigkeit, <pb/> auf weitere Verhältnisse und bessere Verwertung Ihrer Arbeit rechnen. Daß wir die Freude Ihrer Nachbarschaft behalten, ist noch eine weitere erwünschte Zugabe. Es wäre begreiflich gewesen, wenn Sie zunächst die einfachere, sozusagen reinere Lage, die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1641"/>res integra<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1641"/>, welche Sie in Rostock erwartete, den etwas belasteten Zuständen vorgezogen hätten, die trotz Allem zunächst in Fr<add>[eiburg]</add> bleiben können: aber es wäre <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1642"/>quasi ab irato<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1642"/>, es wäre ein Gefühlsakt gewesen, wenn Sie Sich dadurch gegenteilig hätten bestimmen lassen. Es war philosophisch nur dem Urteil zu folgen, und ich gratulire Ihnen dazu, daß Sie es getan haben. Die Collegen aus der <pb/> engeren „Fakultät“ sind ja nun Ihnen gegenüber schon engagirt; auch die Mißgunst der „Jüngeren“ wird ja verrauschen, und so hoffe ich wie ich wünsche, daß Sie – <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1643"/>post tot discrimina rerum<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1643"/> – schließlich auf <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1644"/>„meinem“ Lehrstuhl<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1644"/> so glücklich sein und sich so angenehmer Verhältnisse erfreuen mögen, wie es mir zu Teil geworden ist.</p><p>Das traurige Ende von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1645"/><name>Avenarius</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1645"/><name/>, das ich in der Schweiz sogleich erfuhr, hat mich auch schmerzlich ergriffen: er blieb mir, soweit wir auseinanderstanden, doch immer Einer von den wenigen, die es ernst mit unserer Sache, wenn auch in seiner Weise, nahmen. Was wird nun dort werden? Es giebt ja allerlei Bewegung auf unsern Kathedern; aber die <pb/> Sachen stehen traurig, weil zu allermeist es traurig um die Personen steht. In Rostock soll es ja nun <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1646"/><name>Busse</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1646"/><name/> werden!?! Leid tut es mir – unter uns! – daß in allen diesen Fällen so wenig <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1647"/>für unsern <name>Hensel</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1647"/><name/> zu machen ist. Bald wird <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1648"/>seine Krankheit, bald seine Productionslosigkeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1648"/> geltend gemacht: vielfach scheint es auch, daß man sein ganzes Wesen nicht sympathisch aufnimmt. Mir tut es sehr leid; die Stellung an einer kleineren Universität würde er meiner Ansicht nach sehr gut ausfüllen; und ein prächtiger Mensch ist er: und das will doch auch etwas sagen.</p><p>Die Ferien gehen hoffentlich nicht zu Ende, ohne daß wir uns in der einen oder andern Weise sehen. Inzwischen nehmen Sie und Ihre verehrte Frau Gemahlin meinen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1649"/>und<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1649"/> der Meiningen herzlich beglückwünschenden Gruß entgegen!</p><p>In treuer Ergebenheit Ihr</p><signed>Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-1639"><lem>Sommerfrische</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Karl Dilthey</name> vom 7.8. <abbr>u.</abbr> 10.8.1896 sowie an Rickert vom 31.8.1896</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1640"><lem>Entscheidung für Freiburg</lem><note>nach langen Verhandlungen schließlich als Nachfolger von <name>Alois Riehl</name>, <abbr>vgl.</abbr> Windelband an Rickert vom 9.1.1896. Rickerts Ablehnung des Rufes nach Rostock ist gemeldet in Hochschul-Nachrichten (Paul von Salvisberg) <abbr>WS</abbr> 1896/97, <abbr>Nr.</abbr> 73 von Oktober 1896, <abbr>S.</abbr> 15.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1641"><lem>res integra</lem><note>römische Rechtsformel: eine Sache, die unberührt, ungestört, heil und ganz ist.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1642"><lem>quasi ab irato</lem><note>römische Rechtsformel: wie im Zorn, im Sinne von: gegen die Interessen seiner Angehörigen handelnd.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1643"><lem>post tot discrimina rerum</lem><note><abbr>lat.</abbr> nach so vielen Mißgeschicken, Sentenz nach Vergil: Aeneis I, 204.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1644"><lem>„meinem“ Lehrstuhl</lem><note>Windelband war 1877–82 <abbr>o. Prof.</abbr> für Philosophie in Freiburg <abbr>i. Br.</abbr> gewesen, sein Nachfolger war Alois Riehl.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1645"><lem><name>Avenarius</name></lem><note><name>Richard Avenarius</name> (1843–1896), der Nachfolger Windelbands in Zürich, war am 1.8.1896 verstorben (<abbr>NDB</abbr>). Bekanntschaft bestand aus Leipzig, wo Avenarius dem Akademisch-philosophischen Verein vorstand, dessen Ehrenmitglied Windelband seit 2.8.1873 war (<abbr>vgl.</abbr> Protokollbücher Akademisch-philosophischer Verein (1873/1875-1900), UB Leipzig, 01 ZF-2015-3: 1–2; Ms 01304 I–II).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1646"><lem><name>Busse</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> den Kommentar zu Windelband an <name>Rickert</name> vom 31.8.1896 sowie Windelband an <name>Julius Bergmann</name> vom 2.3.1894.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1647"><lem>für unsern <name>Hensel</name></lem><note><name>Paul Hensel </name>(1860–1930), 1888 bei Windelband habilitiert, 1895 <abbr>ao. Prof.</abbr> in Straßburg, 1898 in Heidelberg (zur Entlastung Kuno Fischers, <abbr>vgl.</abbr> Hochschul-Nachrichten (Paul von Salvisberg) <abbr>Nr.</abbr> 89 von Februar 1898, <abbr>S.</abbr> 110), 1902 <abbr>Prof.</abbr> in Erlangen (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1648"><lem>seine Krankheit, bald seine Productionslosigkeit</lem><note>– die beide eng zusammenhingen, denn <name>Hensel</name> litt an schubweiser, fortschreitender Erblindung, jeweils begleitet von schweren Depressionen, wie seinen Briefen zu entnehmen ist. <abbr>Vgl.</abbr> Elisabeth Hensel (<abbr>Hg.</abbr>): Paul Hensel. Sein Leben in seinen Briefen. Frankfurt <abbr>a. M.</abbr>: Societäts-<abbr>Vlg.</abbr> 1937 (identisch mit der Titelauflage Wolfenbüttel 1947), <abbr>z. B.</abbr> <abbr>S.</abbr> 93, <abbr>S.</abbr> 123 <abbr>u.</abbr> passim.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1649"><lem>und</lem><rdg>d</rdg></app></listApp></back></text></TEI>