<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000205-5</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Kurd Laßwitz</persName>, <placeName type="sent">Strassburg</placeName>, <date>12.6.1892</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Forschungsbibliothek Gotha, Chart B. 1962b, Bl. 627r–628v</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0205" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000205-5"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1892-06-12">12.6.1892</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118569961">Kurd Laßwitz</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/119088967">Albert Schwegler</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118650130">Aristoteles</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118505114">Aurelius Augustinus</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118554735">David Hume</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11852464X">Demokrit</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117338354">Paul Siebeck</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118594893">Platon</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118595164">Plotin</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118524844">René Descartes</name></note><note type="repository">Forschungsbibliothek Gotha</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Kurd Laßwitz</persName>, <placeName type="sent">Strassburg</placeName>, <date>12.6.1892</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Forschungsbibliothek Gotha, Chart B. 1962b, Bl. 627r–628v</bibl></head></front><body><dateline><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1457"/>Strassburg, 12.6.92<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1457"/></dateline><salute><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1458"/>Sehr geehrter Herr,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1458"/></salute><p>Mancherlei Abhaltungen haben den Ausdruck des lebhaften Dankes bisher verzögert, den ich Ihnen für die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1459"/>Besprechung meiner <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1460"/>„Gesch<add>[ichte]</add> d<add>[er]</add> Ph<add>[ilosophie]</add>“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1460"/> in der d<add>[eutschen]</add> L<add>[iteratur-] </add>Z<add>[eitung]</add><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1459"/> schulde. Es ist eine große und – seltne Freude, ein neuartiges Unternehmen wie dieses von fachkundiger Seite mit voll und tief eindringender Auffassung und dabei mit wohlwollender Zustimmung beurtheilt zu sehen.</p><p>Sie werden mir glauben, daß ich mich schwer zu diesem Buche entschlossen habe: dem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1461"/>Drängen meines Verlegers<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1461"/>, welcher ein Compendium von mir haben wollte, konnte ich nur nachgeben, wenn ich damit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1462"/>etwas wirklich Neues<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1462"/> zu leisten hoffen durfte: er mußte es in den Kauf nehmen, daß ich mit dem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1463"/>„kleinen Schwegler“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1463"/> schließlich doch <pb/> nicht in der Popularität zu concurriren vermag. Aber die Schwierigkeiten des Plans, an den ich ging, haben mich lange schwanken lassen, ehe ich in ausführte. Sie haben sehr richtig herausgefunden, daß dabei gerade das Systematische in der Philosophie, die kräftige Wirkung, welche die Behandlung aller Probleme von einem gemeinsamen Princip aus in den einzelnen Systemen ausübt, in Gefahr ist zu kurz zu kommen, und das deshalb meine Behandlungsweise an den Punkten scheitert, wo ich mich selbst genöthigt sehe, Systeme als Ganzes vorzuführen und die Paragraphen mit dem Namen des Philosophen zu bezeichnen. Ueber diese Gegeninstanzen habe ich mich mit dem Gedanken getröstet, daß ich damit gewissermaßen eine Rechenprobe über die philosophische Größe und Bedeutung der Einzelnen machte: wenn ich fand, daß sich „Kerle“ <pb/> wie <name>Demokrit</name>, <name>Platon</name>, <name>Aristoteles</name>, <name>Augustin</name> und <name>Kant</name> nicht auflösen und zerreißen ließen, so gab ich, indem ich ihren Systemen eigne Gesammtdarstellungen widmete, gewissermaßen ein Werturtheil ab, und ich weigere mich nicht, wenn Sie ein solches auch darin sehen wollen, daß ich <name>Kant</name> nicht nur einen Paragraphen, sondern ein ganzes nach ihm benanntes Kapitel zuwies! Natürlich bin ich dabei der Frage ausgesetzt, weshalb ich nicht solche Paragraphen-Ehre auch <name>Plotin</name>, <name>Descartes</name>, <name>Hume</name> <abbr>etc.</abbr> <abbr>etc.</abbr> habe zu Theil werden lassen, und da kann ich denn in genere nur sagen, daß ich dies für jeden einzelnen Fall bei mir sehr sorgsam abgewogen habe. Wo ich mit meiner Zerlegung der Probleme auskommen zu können meinte, um die Leistungen der Persönlichkeiten verständlich zu machen und in das rechte Werth-Licht zu stellen, da bin ich natürlich dabei geblieben; und so waren es nur die höchsten Puncte, <pb/> an denen ich auch in diesem Zusammenhange den Individualitäten den vollen Tribut zollte.</p><p>Was die Renaissance anlangt, über die ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1464"/>aus Ihrem Werke<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1464"/> noch viel mehr gelernt habe, als ich in meiner Darstellung zeigen konnte, so glaube ich allerdings, daß auch darin kein wesentlicher Gegensatz der Auffassung zwischen uns besteht. Mir kam es in der Zeichnung der Gesammtbewegung hauptsächlich drauf an, zu zeigen, wie das Interesse für eine in Naturwissenschaft aufgehende Philosophie aus den Traditionen herausreicht: und daß ich dies besonders betonte, ist vielleicht (in anfechtbarer Weise) durch die Rücksicht auf moderne Gegensätze motivirt worden; ich gebe zu, daß die Rückwirkung, welche von dem einmal bestehenden naturwissenschaftlichen Denken auf die allgemeinen philosophischen Ueberlegungen ausgeübt worden ist, in diesem Buche nicht so energisch herausgearbeitet ist, wie in meiner Geschichte der neueren Philosophie. Vergleicht man hinterher verschiedne Behandlungen, denen man dieselbe Sache unterworfen hat, so denkt man manchmal <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1465"/>Ne bis in idem<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1465"/>! Doch schadet’s auch nicht, wenn man nur selbst dabei gelernt hat.</p><p>Mit nochmaligem besten Dank Ihr ergebner</p><signed>Windelband</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-1457"><lem>Strassburg, 12.6.92</lem><note>darüber <abbr>hs.</abbr> notiert (Laßwitz): </note><rdg>B[</rdg><note><add>eantwortet</add></note><rdg>] 28.8.92.</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-1458"><lem>Sehr geehrter Herr,</lem><note>darüber Stempel: </note><rdg>Prof. Windelband</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-1460"><lem>„Geschichte der Philosophie“</lem><note> von anderer Hand mit Bleistift unterstrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1459"><lem>Besprechung … Literatur-Zeitung</lem><note> vgl. Kurd Laßwitz: Geschichte der Philosophie/Wilhelm Windelband. – Freiburg i. B.: Mohr, 1892. – VIII, 516 S. In: Deutsche Litteraturzeitung, <abbr>Nr.</abbr> 17 <abbr>v.</abbr> 23.4.1892, <abbr>Sp.</abbr> 555–558. Erscheinen von Windelbands Buch als Gesamtwerk (zuvor in Lieferungen) gemeldet in: Literarisches Centralblatt <abbr>v.</abbr> 7.5.1892.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1461"><lem>Drängen meines Verlegers</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Paul Siebeck</name> vom 7.3.1881</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1462"><lem>etwas wirklich Neues</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Paul Siebeck</name> vom 28.1.1889</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1463"><lem>„kleinen Schwegler“</lem><note>gemeint ist <name>Albert Schwegler</name>s Geschichte der Philosophie im Umriß (mehrfach seit 1848 wiederaufgelegt).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1464"><lem>aus Ihrem Werke</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Laßwitz: Geschichte der Atomistik vom Mittelalter bis Newton, 2 <abbr>Bde.</abbr> 1889–90.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1465"><lem>Ne bis in idem</lem><note><abbr>lat.</abbr> kein zweites Mal, ursprünglich im Sinne des Rechtssatzes: keine zweite Gerichtsverhandlung in der selben Sache.</note></app></listApp></back></text></TEI>