<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000183-5</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Georg Jellinek</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>15.6.1889</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift), mit gedrucktem Briefkopf unter Hotelansicht:</note> <quote type="rdg">Hôtel Schrieder | Besitzerin Wilh. Back Wwe | HEIDELBERG</quote>, <note>Textverluste durch Aktenheftung</note>, <bibl type="pubPlace">Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Georg Jellinek, N 1136/32</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0183" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000183-5"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Heidelberg</placeName><date when="1889-06-15">15.6.1889</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118711989">Georg Jellinek</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/11615764X">Benno Kerry</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117101281">Camilla Jellinek</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118933299">Carl Stumpf</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118515055">Clemens Brentano</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119305429">Friedrich Jodl</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118711989">Georg Jellinek</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/101304153">Karl Prantl</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117338354">Paul Siebeck</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1223430669">Richard Kerry</name></note><note type="repository">Bundesarchiv Koblenz</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Georg Jellinek</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>15.6.1889</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift), mit gedrucktem Briefkopf unter Hotelansicht:</note> <quote type="rdg">Hôtel Schrieder | Besitzerin Wilh. Back Wwe | HEIDELBERG</quote>, <note>Textverluste durch Aktenheftung</note>, <bibl type="pubPlace">Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Georg Jellinek, N 1136/32</bibl></head></front><body><dateline>15 Juni 1889.</dateline><salute>Liebster Freund,</salute><p>Durch allerlei Pfingstwandlungen und -wanderungen finde ich mich heut Abend <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1348"/>nach Heidelberg verschlagen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1348"/> und benutze den ruhigen Abend, um Dir, wie es mir längst vorgenommen war, wieder einmal einen herzlichen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1349"/>Geburtstagsgruß<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1349"/> zu senden, der freilich gerad doch einen Tag verspätet anlangen wird. Zum neuen Jahre neuen Muth, zur alten Arbeitslust die alte Arbeitskraft, zur rechten That den rechten Erfolg, zum häuslichen Sinn das häusliche Glück – das, lieber Freund, wünsche ich Dir immerdar!</p><p>Der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1350"/>Dienst, den Du mir (wie der Fakultät) in <pb/> Betreff <name>Kerry</name>’s<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1350"/> geleistet, war mir sehr werthvoll<add>[,]</add> insbesondere deshalb, weil ich ihm innerlich so fern stand wie äußerlich nah. Er hat sich in so absonderlich<add>[e]</add> – mathematisch-philosophische – Special<add>[i]</add>täten vergraben, und war eine so scheue, zurückg<add>[e]</add>zogene Natur, daß ich von ihm fast Nichts gehab<add>[t]</add> habe; ja ich fürchte, daß er zuletzt selbst nichts v<add>[on]</add> sich gehabt hat; denn er hatte das gedrückte Wese<add>[n]</add> desjenigen, der die Gleichgiltigkeit der Welt gegen seine Arbeiten doch lebhaft empfindet.</p><p>Bei den Wiener Specialcollegen fällt mir Brenta<add>[no]</add> ein, der ja die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1351"/>Polemik gegen mich<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1351"/> – vor und hin<add>[ter]</add> meinem Rücken – zur Zeit zu seinem Privatsport gewählt zu haben scheint und dabei mit so echt jesuitischer Taktik verfährt, daß ich es kaum werde vermeiden können, ihm nächstens einmal <pb/> ganz gründlich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1352"/>auf die Finger zu klopfen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1352"/>. Thu ich’s, so wird es kräftig; und darum beschlafe ich’s noch: aber Buben, die lügen, verdienen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1353"/>nach <name>Kant</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1353"/> exemplarische Züchtigung, und in solchem Fall vor aller Welt. Wundre Dich also nicht, wenn ich nächstens wieder drauf loshaue. Daß Einen die Leute nicht ruhig seine Straße ziehen lassen!</p><p>Die Straße ist ja still genug. Wer so unmodern ist, wie ich, so viel Respect hat vor unsrer großen Vergangenheit und so wenig vor unsrer <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1354"/>entwicklungsgeschichtlichen Gegenwart<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1354"/>, der ist in seiner <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1355"/>Einsamkeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1355"/> doch wahrhaft genug gestraft für seinen „Idealismus“! Lieber Freund, die geistige Welt wird leer, und es ist schade, daß wir wenigen, die noch darin leben, so weit <pb/> von einander sind! Laß uns desto treuer das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit bewahren, das mich Dir immer verbunden hat und verbinden wird!</p><p>Grüße, – leider immer noch unbekannter Weise – Deine liebe <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1356"/>Frau<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1356"/> und bleibe Du selbst für Deinen getreuen</p><signed>Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-1348"><lem>nach Heidelberg verschlagen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> den Briefkopf sowie den Eintrag </note><rdg>Prof. Windelband, Hofrath aus Strassburg</rdg><note> in der Fremdenliste vom 15./16.6.1889 in: Fremdenblatt für die Stadt Heidelberg, <abbr>Nr.</abbr> 39 <abbr>v.</abbr> 17.6.1889: Hotel Schrieder.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1349"><lem>Geburtstagsgruß</lem><note>zum 16. Juni</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1350"><lem>Dienst … in Betreff Kerry’s</lem><note> die Auslagenerstattung an <name>Jellinek</name> deutet auf die Beschaffung eines Kranzes hin (<abbr>vgl.</abbr> Windelband an Jellinek vom 27.5.1889). <name>Benno Kerry</name> war am 20.5.1889 verstorben und Windelband als Dekan der philosophischen Fakultät zur Kondolenz verpflichtet, <abbr>vgl.</abbr> das Kondolenzschreiben Windelbands an <name>Richard Kerry</name> vom 22.5.1889 sowie über <name>Kerry</name>: Windelband an <name>Paul Siebeck</name> vom 30.1.1888. Kurze Mitteilung des Todes im Jahresbericht des Prorektors (A. Merkel) in: Das Stiftungsfest der Kaiser-Wilhelms-Universität Strassburg am 1. Mai 1890. Straßburg: J. H. Ed. Heitz 1890, <abbr>S. </abbr>8.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1351"><lem>Polemik gegen mich</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Franz Brentano: Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis. Leipzig: Duncker &amp; Humblot 1889, besonders <abbr>S.</abbr> 55–60, <abbr>Anm.</abbr> 22 gegen Windelbands Beiträge zur Lehre vom negativen Urteil, 1884. In späteren Ausgaben erhielten die Anmerkungen eigene Titel, diejenige über Windelband heißt: </note><rdg>Windelbands Irrtum hinsichtlich der Grundeinteilung der psychischen Phänomene; kurze Abwehr mannigfacher auf meine „Psychologie vom empirischen Standpunkt“ gemachter Angriffe; Land, on a supposed improvement in formal Logic; Steinthals Kritik meiner Lehre vom Urteil.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1352"><lem>auf die Finger zu klopfen</lem><note>Windelband hat nichts gegen <name>Brentano</name> veröffentlicht.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1353"><lem>nach <name>Kant</name></lem><note>kein direktes Zitat</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1354"><lem>entwicklungsgeschichtlichen Gegenwart</lem><note>Anspielung auf Darwin und die Deszendenztheorie</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1355"><lem>Einsamkeit</lem><note>entgegen dieser Selbststilisierung war Windelband am 29.6.1889 als Nachfolger für <name>Karl von Prantl</name> in München im Gepräch, gemeinsam mit <name>Friedrich Jodl</name> und mit dem an erster Stelle genannten <name>Carl Stumpf</name>, der schließlich nach München berufen wurde (Helga Sprung: Carl Stumpf – Eine Biographie. Von der Philosophie zur Experimentellen Psychologie. Unter Mitarbeit <abbr>v.</abbr> L. Sprung. München/Wien: Profil 2006, <abbr>S.</abbr> 119).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1356"><lem>Frau</lem><note><name>Camilla Jellinek, geb. Wertheim</name></note></app></listApp></back></text></TEI>