<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000150-8</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Friedrich Theodor Althoff</persName>, <placeName type="sent">Freiburg i. Br.</placeName>, <date>7.9.1883</date>, <note>7 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, VI. HA Nl Althoff, F. T. Nr. 1020</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0150" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000150-8"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Freiburg i. Br.</placeName><date when="1883-09-07">7.9.1883</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118644890">Friedrich Theodor Althoff</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116187417">August Dorner</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11653012X">Benno Erdmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116187417">Dorner</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116634995">Ernst Laas</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118644890">Friedrich Theodor Althoff</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11854893X">Hermann Helmholtz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11733829X">Hermann Siebeck</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name>J. Jacobsohn</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/101568355">Jacob Freudenthal</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/101568355">Jakob Freudenthal</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118788175">Johannes Rehmke</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116128194">Karl Dilthey</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118533401">Kuno Fischer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118723898">Martin Knutzen</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117003646">Otto Liebmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116916656">Rudolf Hirzel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116857498">Rudolf Schöll</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116382813">Victor Ehrenberg</name></note><note type="repository">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Friedrich Theodor Althoff</persName>, <placeName type="sent">Freiburg i. Br.</placeName>, <date>7.9.1883</date>, <note>7 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, VI. HA Nl Althoff, F. T. Nr. 1020</bibl></head></front><body><dateline>Freiburg <abbr>iB.</abbr> Dreisamstraße 7. 7 Sept<add>[ember]</add> 1883.</dateline><salute><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1158"/>Hochverehrter Herr Geheimerath!<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1158"/></salute><p>Ihr werthes, liebenswürdiges Schreiben ist mir von Straßburg hierher nachgesandt worden, wohin wir seit Anfang August unsern gesammten Haushalt verlegt haben, um dem Straßburger Sommer zu entgehen und unsern Kindern, so gut es bei unsern beschränkten Mitteln geht, wenigstens einigermaßen frische Luft, Berg und Wald, zu gewähren. Leider habe ich selbst trotz des schönen Wetters die reizende Dreisamstadt und ihre Umgebung nicht so benutzen können, wie ich gewünscht hätte, da ich gleichzeitig hier ein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1159"/>Buch<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1159"/> drucken lasse und der rasche Fortschritt des Drucks mich sehr mit Arbeit belastet. Deshalb bitte ich Sie auch, verehrtester Herr Geheimrath, zu verzeihen, wenn über diese Arbeiten einige Tage hingegangen sind, ehe ich zur Beantwortung Ihrer Fragen die erforderliche Muße und Ueberlegung gefunden habe.</p><p>Zunächst aber spreche ich Ihnen meinen innigen Dank für das andauernde Wohlwollen aus, welches Sie für mich beweisen und welches mir um so werthvoller ist, als ich durch dasselbe allein hoffen kann, meine Stellung in Straßburg – wenn es doch einmal beschlossen ist, daß ich darin bleiben soll – zu einer erträglichen zu machen. Als ich bei Ihrer <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1160"/>neulichen Anwesenheit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1160"/> in Straßburg nicht die Ehre hatte, Sie zu sehen, <pb/> habe ich das persönlich lebhaftest bedauert, daran aber die Hoffnung geknüpft, der Grund davon möchte darin liegen, daß die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1161"/>Breslauer Angelegenheit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1161"/> noch nicht erledigt und möglicherweise noch zu meinen Gunsten zu wenden sei. Als deshalb bald darauf mir von Seiten der Collegen Anerbietungen gemacht wurden, ob nicht die Fakultät Schritte an geeigneter Stelle thun solle, daß ich in analoger Weise, wie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1162"/>College <name>Schöll</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1162"/>, für das Ausbleiben der Berufung entschädigt würde, so habe ich ausdrücklich gebeten, man wolle damit bis zur Entscheidung der Breslauer Angelegenheit warten. Inzwischen ist von Seiten der Regierung zur Verbesserung meiner Lage Nichts geschehen, was freilich damit zusammenhängen mag, daß ich eben seit Anfang August fort bin. Um so mehr würde ich Ihnen, verehrtester Herr Geheimerath, dankbar sein, wenn Sie Ihrer gütigen Absicht gemäß, bei neuer Gelegenheit für mich eintreten wollten. Bis Mitte October werde ich zwar hier bleiben, wo ich eine kleine Wohnung gemiethet habe, in der ich mit ganzer Familie hause; aber auf Ihren Wunsch bin ich sehr gern bereit, wenn Sie hierüber wie über andre Angelegenheiten mit mir zu sprechen wünschen, mich mit Ihnen sei es in Straßburg sei es irgendwo im Badischen zu treffen. Meine Adresse habe ich oben für den Fall einer Benachrichtigung angegeben.</p><p>Das Drückende meiner Situation in Straßburg besteht darin, daß man bisher Alles gethan hat, um meine Stellung durchaus als die „des zweiten Philosophen“ erscheinen zu lassen, – was ich nach der Art meiner Berufung nicht erwarten <pb/> durfte. Dauernd wird mir „aus formellen und administrativen Gründen“ die Mitdirection des Seminars vorenthalten, obwol in andern Seminarien derartige Doppelleitungen ohne Anstand existiren. Dieser Umstand wird um so fühlbarer werden, wenn erst in der neuen Universität die räumliche Trennung zwischen dem Directorialzimmer und dem Arbeitszimmer eintritt; ich werde dann wie jeder Extraordinarius die Erlaubniß, das Arbeitszimmer für meine Uebungen zu benutzen, und nicht mehr haben; vor Allem kann ich bei den Besprechungen über die zukünftige Einrichtung des Seminars nicht mitreden. – Was das Examen anlangt, so ist, während <name>Liebmann</name>’s Zeit noch nicht abgelaufen war, ohne jede Rücksicht auf mich Herr <name>Laas</name> einfach hineingesetzt und darin erhalten worden. Das Alles, an sich gleichgiltig, ist vermöge seines Eindrucks auf die Studenten, zumal bei der banausischen Art der Mehrzahl der Straßburger Studenten, für mich sehr unangenehm: ich erscheine durchaus in untergeordneter Stellung. Hätte ich von diesen Verhältnissen eine Ahnung gehabt, so würde es mir nie eingefallen sein, die einflußreiche, bedeutende Stellung, welche ich an der schönen Freiburger Universität einnahm, aufzugeben. ich kann <name>Liebmann</name>, der vorher keine Gelegenheit hatte, die Straßburger Professur, die er mir anbot, mit einem selbständigen, vollen Ordinariat aus eigner Erfahrung zu vergleichen, keinen Vorwurf daraus machen, daß ich von diesen Verhältnissen vorher nicht die rechte Vorstellung gewann; aber ich würde meine jetzige Stellung sehr gern gegen irgend ein selbständiges Ordinariat vertauschen. Dazu kommt, daß ich mich in Straßburg in sehr knapper pekuniärer Lage sehe: mein dortiges Gehalt reicht in den <pb/> dortigen Verhältnissen lange nicht so weit, wie meine Freiburger Einnahmen, deren absolute Höhe meinen jetzigen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1163"/>mindestens gleichkam<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1163"/>. (Die großen Fakultätseinnahmen in Freiburg deckten <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1164"/><add>[…]</add><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1164"/> den Besoldungsunterschied.) Und in wie anderer Lage wäre <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1165"/>ich nach jeder<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1165"/> Richtung in Freiburg, wenn ich den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1166"/>Straßburger Ruf abgelehnt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1166"/> und ihn ausgebeutet hätte!!</p><p>Ihnen verehrtester Herr Geheimerath, gegenüber trage <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1167"/>ich keine Bedenken<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1167"/>, mit der Bitte um Ihre volle Diskretion, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1168"/>über diese Verhältnisse<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1168"/> ganz offen, viel offener zu sprechen, als ich es in Straßburg selbst irgend Jemandem gegenüber <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1169"/>thue. Es steht<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1169"/> mir nicht an, durch persönliches <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1170"/>Ambiren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1170"/>, durch Klagen oder Ueberredungen dasjenige durchzusetzen, was nach meiner Ueberzeugung eine objective Nothwendigkeit wäre. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1171"/>Aber ich hege<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1171"/> das Bedürfniß, Sie vollständig klar darüber sehen zu lassen, welche Hoffnung für mich mit dem definitiven <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1172"/>Verzicht<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1172"/> auf die Breslauer Aussicht dahinfällt. –</p><p>Was nun die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1173"/>Kieler Vorschläge<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1173"/> anlangt, so sehe ich aus denselben, daß man die historische und speciell die antike Richtung dabei im Auge gehabt hat, und ich wüßte auch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1174"/>nicht, wen man<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1174"/> bei diesem Interesse sonst hätte besser wählen sollen. Nur wundre ich mich, daß man <name>Siebeck</name> als eine viel reichere, bedeutendere Persönlichkeit, die durchaus geeignet wäre, ihre Richtung neben dem <name>Erdmann</name>’schen Positivismus mit Erfolg aufrecht zu erhalten, erst in zweiter Linie gestellt hat. Die Arbeiten <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1175"/><name>Freudenthal</name>s<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1175"/> sind, soweit ich sie kenne, tüchtige Specialitäten; da ich ihn persönlich nicht kenne, so darf ich kein Urtheil darüber wagen, in welchem Grade er geeignet wäre, in umfassender Weise historische und gar theoretische Gegenstände auf dem Katheder zu behandeln. <name>Dilthey</name> hat sich einmal <pb/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1176"/>brieflich mir gegenüber<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1176"/> sehr günstig über ihn ausgesprochen, was ich von ihm gesehen, hat mir den Eindruck von großem Scharfsinn und exactem Denken gemacht; aber, wie gesagt, ob er zur vollen und selbständigen Vertretung der ganzen Philosophie geeignet ist, darüber habe ich kein Urtheil; um so weniger, als ich hier, bei den hiesigen Bibliotheksverhältnissen keine Gelegenheit habe, seine Abhandlungen noch einmal einer genaueren Betrachtung zu unterwerfen. Der gleiche Grund verbietet mir, wie ich sogleich hinzufügen will, über <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1177"/>Herrn<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1177"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1178"/><name>Dorner</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1178"/> Ihnen zu schreiben; ich habe von dessen Schriften nur noch eine so dunkle Vorstellung, daß ich, da ich hier auf der Bibliothek mich vergebens danach umgesehen, es nicht verantworten könnte, Ihrem Wunsche nur durch vage Erinnerungen zu entsprechen. Dagegen bin ich in der Lage, über <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1179"/><name>Hirzel</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1179"/> sicher urtheilen und sagen zu können, daß ich ihn – den Schriften nach – für entschieden reifer und bedeutender als <name>Freudenthal</name> halte. <name>Hirzel</name> kenne ich persönlich aus Leipzig her; er ist ein stiller, feiner Mann, ein echter Gelehrter, der als Specialist sehr bedeutend ist, dessen Vorlesungen aber in Leipzig neben der großen Menge anregender Behandlungen der Gesammtfächer und der modernen Probleme in geringem Maße zur Geltung kamen. Ob sich das jetzt geändert hat, weiß ich nicht: zweifellos aber darf ich sagen, daß in den Fragen über die besonderen Abhängigkeiten der römischen von der griechischen Philosophie er das Wichtigste geleistet hat und als Autorität gelten darf: und das kann man auch in einer Specialfrage nicht erreichen, wenn man sie nicht im großen Zusammenhange zu sehen und aus bedeutenden Gesichtspuncten zu behandeln befähigt ist, – wenigstens nicht in der Philosophie und ihrer Geschichte. <pb/></p><p>Ueber <name>Benno Erdmann</name> zu schreiben, wird mir schwer: ich thue es nur auf Ihren Wunsch, indem ich bitte, ganz vertraulich mich äußern zu dürfen. Denn ich kann über ihn nur Alles dasjenige unterschreiben, was <name>Kuno Fischer</name>, wenn auch in sehr heftiger und wenig vornehmer Form, über ihn in den letzten Jahren <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1180"/>hat drucken lassen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1180"/>. Die Vielgeschäftigkeit der historischen Arbeiten und Ausgaben, welche E<add>[rdmann]</add> seit einigen Jahren entwickelt; die unterscheidungslose Mikrologie, womit er den „zeitgemäßen“ <name>Kant</name> behandelt, sodaß er die ganzen Küchenabfälle der kritischen Philosophie drucken läßt; die seiner Leistungen nicht im geringsten entsprechende Schroffheit, mit welcher er <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1181"/>ex cathedra<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1181"/> über die tüchtigtsen, ihm weit überlegnen Männer aburtheilt; die Vornehmheit, mit der er seine Ansichten als selbstverständige, alle entgegenstehenden als <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1182"/>eo ipso<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1182"/> verächtliche behandelt, – alles das macht den Eindruck eines unreifen Bestrebens, von sich in der Welt reden zu machen und die eigne Superiorität als eine bereits feststehende dem ferner stehenden Leser erscheinen zu lassen. ich bemerke, daß ich ihn nie gesehen, daß ich nie mit ihm auch nur im entferntesten Verhältniß, nicht einmal in demjenigen einer literarischen Polemik gestanden habe, daß wir uns noch nie bei Berufungsvorschlägen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1183"/>einander im Wege<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1183"/> gestanden haben: ich spreche nur vom Eindruck seiner Schriften. Was dann die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1184"/>„Axiome der Geometrie“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1184"/> anlangt, so ist man wol bald allgemein darüber einig, daß dieselben ein durchaus unfertiges, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1185"/>prätensiöses<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1185"/> Machwerk darstellen, welches in seiner total widerspruchsvollen Weise gänzlich ohne Resultat ist, und welches noch dazu dem <name>Helmholtz</name>’schen Gedanken, den es auszu<pb/>führen unternimmt, sich in keiner Weise gewachsen zeigt. Die vernichtende <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1186"/>Kritik<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1186"/>, welcher jüngst <name>Jacobson</name> dieses Buch unterzogen hat, giebt meine Meinung über dasselbe, ganz unabhängig, da ich auch mit <name>Jacobson</name> nie den geringsten Verkehr gehabt, vollständig wieder. Wie allgemein diese Ansicht ist, mag daraus zu entnehmen sein, daß selbst bei denjenigen, welche den philosophischen Ansichten E<add>[rdmann]</add>’s nahe stehen, das peinliche Erstaunen sich darüber ausgesprochen hat, als es gelungen war, ihn auf die Liste der Besetzung der Berliner Professur zu bringen. Das Beste von ihm ist seine erste Arbeit, diejenige <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1187"/>über <name>Martin Knutzen</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1187"/>; sie ist eben noch absichtslos; seitdem habe ich von Buch zu Buch mich mehr über ihn <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1188"/>verstimmt gefühlt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1188"/>.</p><p>Was endlich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1189"/><name>Rehmke</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1189"/> anlangt, so ist es schwer, über ihn eine Prognose zu stellen: denn, mag er auch nicht mehr jung sein, so ist er doch erst in den Anfängen. Sein Buch, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1190"/>„Die Welt als Vorstellung und Begriff“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1190"/> ist nicht ohne Originalität, aber es ist nicht fertig; es ist abgeschlossen, ehe die Gedanken zu Ende gedacht worden sind. Doch enthält es viel Gutes, der Verf<add>[asser]</add>, den ich auch nicht persönlich kenne, ist eine tüchtige Denkkraft. Seinen Standpunct teile ich nicht; aber das thut nichts zur Sache: jedenfalls weiß der Mann, was philosophisches Denken ist. Seine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1191"/>Rede über <name>Kant</name> und die Physiologie<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1191"/> auf der vorjährigen Naturforscherversammlung war gut gemeint, aber nichts Besonderes.</p><p>Doch ich mache, verehrtester Herr Geheimerath, von Ihrer freundlichen Erlaubniß schon allzu ausführlichen Gebrauch. Es wäre mir eine sehr große Freude, wenn Ihre <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1192"/>Anwesenheit in unsrer Gegend<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1192"/> zu <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1193"/>Ende<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1193"/> dieses Monats mir die höchst erwünschte Gelegenheit gäbe, Sie wiederzusehen. Inzwischen empfehle ich mich Ihnen und Ihrer verehrten Frau Gemahlin, wie immer, in ausgezeichneter Hochachtung als Ihr ganz ergebner</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-1158"><lem>Hochverehrter Herr Geheimerath!</lem><note>links oben von <name>Althoff</name>s <abbr>Hd</abbr>. mit Bleistift: </note><rdg>Windelband. | Durch Postk[arte] gedankt.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1159"><lem>Buch</lem><note>Windelband: Präludien. Aufsätze und Reden zur Einleitung in die Philosophie. Freiburg i. B./Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1884.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1160"><lem>neulichen Anwesenheit</lem><note>nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1161"><lem>Breslauer Angelegenheit</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Althoff vom 30.11.1882</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1162"><lem>College <name>Schöll</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Karl Dilthey</name> vom 23.7.1883 bzw. 29.7.1883</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1163"><lem>mindestens gleichkam</lem><rdg>mindestens …kam</rdg><note> Wortteil Verlust durch Aktenheftung</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1164"><lem><add>[…]</add></lem><note>ein Wort Verlust durch Aktenheftung</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1165"><lem>ich nach jeder</lem><rdg>ich … jeder</rdg><note> ein Wort Verlust durch Aktenheftung</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1166"><lem>Straßburger Ruf abgelehnt</lem><rdg>Straßburger … abgelehnt</rdg><note> ein Wort Verlust durch Aktenheftung</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1167"><lem>ich keine Bedenken</lem><rdg>ich … Bedenken</rdg><note> ein Wort Verlust durch Aktenheftung</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1168"><lem>über diese Verhältnisse</lem><rdg>über … Verhältnisse</rdg><note> ein Wort Verlust durch Aktenheftung</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1169"><lem>thue. Es steht</lem><rdg>thue. … steht</rdg><note> ein Wort Verlust durch Aktenheftung</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1170"><lem>Ambiren</lem><note><abbr>lat.</abbr> sich (aufdringlich) um eine Stelle bewerben</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1171"><lem>Aber ich hege</lem><rdg>Aber … hege</rdg><note> ein Wort Verlust durch Aktenheftung</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1172"><lem>Verzicht</lem><rdg>Ver… </rdg><note>Wortteil Verlust durch Aktenheftung</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1173"><lem>Kieler Vorschläge</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Kommentar zu Windelband an Althoff vom 30.11.1882</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1174"><lem>nicht, wen man</lem><rdg>nicht, … man</rdg><note> ein Wort Verlust durch Aktenheftung; das in Frage stehende Wort könnte auch </note><rdg>wie</rdg><note> lauten</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1175"><lem><name>Freudenthal</name>s</lem><note>gemeint ist <name>Jacob Freudenthal</name> (1839–1907), seit 1864 am Jüdisch-Theologischen Seminar Breslau, 1875 in Breslau habilitiert, 1879 dort <abbr>ao.</abbr>, 1888 <abbr>o. Prof.</abbr> (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1176"><lem>brieflich mir gegenüber</lem><note>Schreiben nicht ermittelt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1177"><lem>Herrn</lem><rdg>Hrn.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1178"><lem><name>Dorner</name></lem><note>gemeint ist <name>August Dorner</name> (1846–1920), 1874 <abbr>Prof.</abbr> am Predigerseminar Wittenberg, 1889 <abbr>ao. Prof.</abbr>, 1890 <abbr>o. Prof.</abbr> der Theologie in Königsberg (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1179"><lem><name>Hirzel</name></lem><note><name>Rudolf Hirzel</name>, <abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Victor Ehrenberg</name> vom 29.7.1873</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1180"><lem>hat drucken lassen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> <abbr>z. B.</abbr> die Abfertigung <name>Benno Erdmann</name>s durch <name>Kuno Fischer</name> in: Immanuel Kant und seine Lehre Teil 1. Entstehung und Grundlegung der kritischen Philosophie. München: Bassermann 1882 (Geschichte der neuern Philosophie Bd. 3), <abbr>S.</abbr> 50–51.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1181"><lem>ex cathedra</lem><note>in lat. Schrift</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1182"><lem>eo ipso</lem><note>in lat. Schrift</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1183"><lem>einander im Wege</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1184"><lem>„Axiome der Geometrie“</lem><note>erschienen 1877</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1185"><lem>prätensiöses</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1186"><lem>Kritik</lem><note><abbr>vgl.</abbr> J. Jacobsohn: Die Axiome der Geometrie und ihr „philosophischer Untersucher“ Herr Benno Erdmann. In: Altpreussische Monatshefte 20 (1883), <abbr>S.</abbr> 301–341.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1187"><lem>über <name>Martin Knutzen</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Erdmann: Martin Knutzen und seine Zeit. Ein Beitrag zur Geschichte der Wolfischen Schule und insbesondere zur Entwicklungsgeschichte Kants. Leipzig: Voss 1876.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1188"><lem>verstimmt gefühlt</lem><note>das hinderte nicht eine spätere Zusammenarbeit. Windelband gab heraus: Bericht über die neuere Philosophie bis auf Kant für die Jahre 1890–1893. I [mehr nicht erschienen]. Descartes und Schule. Bericht von Benno Erdmann. In: Archiv für Geschichte der Philosophie 7 (1894), <abbr>S.</abbr> 521–534.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1189"><lem><name>Rehmke</name></lem><note>gemeint ist <name>Johannes Rehmke</name> (1848–1930), 1875–83 an der Kantonsschule St. Gallen, 1884 in Berlin habilitiert, 1885 <abbr>ao. Prof.</abbr>, 1887 <abbr>o. Prof.</abbr> Greifswald (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1190"><lem>„Die Welt als Vorstellung und Begriff“</lem><note>recte: Die Welt als Wahrnehmung und Begriff, 1880.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1191"><lem>Rede über <name>Kant</name> und die Physiologie</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Rehmke: Ueber Physiologie und Kantianismus. Vortrag vom 21.9.1882. In: Tageblatt der 55. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Eisenach 1855, <abbr>S.</abbr> 98–116.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1192"><lem>Anwesenheit in unsrer Gegend</lem><note>kam nicht zustande, <abbr>vgl</abbr>. Windelband an <name>Althoff</name> vom 18.10.1883</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1193"><lem>Ende</lem><note>statt <abbr>gestr</abbr>. </note><rdg>Anfa</rdg></app></listApp></back></text></TEI>