<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000145-3</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Georg Jellinek</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>22.6.1883</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Georg Jellinek, N 1136/32</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0145" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000145-3"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1883-06-22">22.6.1883</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118711989">Georg Jellinek</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118711989">Georg Jellinek</name></note><note type="repository">Bundesarchiv Koblenz</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Georg Jellinek</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>22.6.1883</date>, <note>4 S., hs. 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Versenke Dich nur als der offizielle Vertreter des Staatsrechts nicht ganz völlig in das „Positive“ und bleib’ auch uns Philosophen etwas treu! Wie viel wir von denen zu lernen haben, die sich in die Abgründe des Besonderen gestürzt haben, erfahre ich gerade jetzt wieder, wo ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1130"/>Ethik mit Rechtsphilosophie<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1130"/> <pb/> lese und denen am meisten dankbar bin, die unser Bedürfniß von Seiten der positiven Jurisprudenz entgegenkommen; da greif’ ich oft auch zu Deinem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1131"/>Recht, Unrecht und Strafe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1131"/> und denk mir dabei, daß Du uns noch einmal ein Umfassenderes schenken wirst. Wie gern bespräch’ ich mancherlei mit Dir! Mit dem „social-ethischen“ Princip ist es halt bisher ein eigen Ding! Die bloße, nackte Existenz der Gesellschaft ist kein absoluter Zweck; auch die Gesellschaft will also einem höheren teleologischen Zusammenhange eingeordnet sein! Aber woher ihn nehmen und nicht stehlen? – wenn man ihn weder bei einer Metaphysik noch bei einer Theologie suchen kann? Und der „allgemeine Nutzen“, <abbr>d. h.</abbr> derjenige aller Individuen resp. der Majorität ist es nicht: denn der steht unter der Gesellschaft. Soll man den absoluten Zweck also unter die Noumena versetzen, in den großen Kasten der „Dinge an sich“ und des absoluten X.? Schade nur, daß er Einem dann garnichts hilft und daß man nicht das Geringste mit ihm anfangen kann! <pb/></p><p>Wann werden wir uns überhaupt einmal wiedersehen? Eine leise Hoffnung setze ich auf Deine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1132"/>Brautreise<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1132"/>! Und das ist eben Doppelhoffnung: auch die kennen zu lernen, die Dich ganz gefangen genommen hat! Vorerst sprich ihr unsre besten Grüße aus. Unsre: denn auch Dir sendet meine Frau herzlichen Gruß und Glückwunsch.</p><p>Uns geht es wie in großer Stadt im Sommer der zum Glück bisher nicht zu heiß ist. Wir wohnen vor der Instadt, dicht bei einem kleinen Wäldchen, haben große, hohe, luftige Räume: trotzdem vermisse ich mein schönes Freiburg, wo wir für die Ferien uns wieder einquartieren werden. So ganz eingelebt kann ich mich in Straßburg noch nicht nennen: es sind gar wunderliche Verhältnisse, die hier walten und von denen man selbst bei so genauer Nachbarschaft wie von Freiburg aus keine Vorstellung hat. Ob diese <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1133"/>Neuschöpfung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1133"/> je den Charakter der deutschen Universitäten, in dem wir als in einem Selbstverständlichen <pb/> aufgewachsen sind, wird annehmen können, bleibe dahingestellt. In der deutschen Universität sind Akademie und Fachschule gewissermaßen in einander gewachsen: es mag im Ganzen ein sonderbares Gebilde sein, in dem man die Züge beider Ursprünge kaum scheiden kann; aber in diesem Verschwimmen besteht der historische Charakter der Universität. Hier sind die beiden Elemente bisher nur aneinandergeleimte! Ob sie noch verwachsen werden? Man sollte daran glauben, wenn man bedenkt, daß noch erst vor 50 Jahren <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1134"/>Berlin<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1134"/> gegründet ist. Aber wie hat sich auch seitdem der Charakter der deutschen Studentenschaft geändert! Will man aber deren „Bedürfnisse“ auf die alte Institution pfropfen, so riskirt man diese degeneriren zu sehen.</p><p>Deinem Brief, liebster Freund, sehe ich mit großer Freude entgegen. Nochmals den besten Glückwunsch! Dein</p><signed>Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-1128"><lem>Möllerstr. 4.</lem><note>heute Rue du Maréchal Joffre, in der Nähe der <abbr>UB</abbr></note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1129"><lem>Professur</lem><note><name>Jellinek</name> wurde 1883 zum <abbr>ao. Prof.</abbr> des Staatsrechts an der Universität Wien ernannt; </note><rdg>der Einfluß klerikaler und antisemitischer Kreise vereitelte seine Ernennung zum Ordinarius</rdg><note> (<abbr>NDB</abbr>); <abbr>vgl.</abbr> Windelband an Jellinek vom 26.7.1878.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1130"><lem>Ethik mit Rechtsphilosophie</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Jellinek</name> vom 22.3.1883</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1131"><lem>Recht, Unrecht und Strafe</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Jellinek: Die socialethische Bedeutung von Recht, Unrecht und Strafe. Wien: Hölder 1878.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1132"><lem>Brautreise</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Jellinek</name> vom 22.3.1883</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1133"><lem>Neuschöpfung</lem><note>der Universität Straßburg, gegründet 1872</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1134"><lem>Berlin</lem><note>Universität Berlin, gegründet 1810</note></app></listApp></back></text></TEI>