<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000140-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Gustav Glogau</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>11.1.1883</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Kiel, NL Glogau, Fasz. 28</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0140" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000140-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1883-01-11">11.1.1883</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116666781">Gustav Glogau</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116666781">Gustav Glogau</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116581328">Max Roediger</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117003646">Otto Liebmann</name><name>Sigfrid Windelband</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Kiel</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Gustav Glogau</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>11.1.1883</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">UB Kiel, NL Glogau, Fasz. 28</bibl></head></front><body><dateline>Strassburg <abbr>i/E.</abbr> 11 Jan<add>[uar]</add> 1883</dateline><salute>Sehr verehrter Herr College,</salute><p>Die von Ihnen umgehend erwünschte Antwort auf Ihre Anfrage habe ich um einen Tag verzögert, weil ich mancherlei dazu nachsehen mußte. Denn ich gestehe Ihnen, in sehr übler Lage zu sein. Einerseits nämlich würde ich es sehr schmerzlich empfinden und bedauern, wenn durch meine Schuld, durch meinen Rücktritt <abbr>resp.</abbr> das Nichthalten meines Versprechens das von Ihnen angeregte <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1080"/>Unternehmen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1080"/> in seiner Ausführung gestört würde, und es wäre mir wenig tröstlich zu wissen, daß ich diese Schuld mit zwei andern Mitarbeitern theile: andrerseits muß ich schon jetzt ein offenes <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1081"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1082"/>pater peccavi<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1081"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1082"/> sagen und eingestehen, daß ich in den ganzen letzten Monaten an die Sache nicht <pb/> wieder gedacht habe. Die Uebersiedlung mit allem, was darum und daran hängt, mag mir einigermaßen zur Entschuldigung dienen: und dabei weniger fast die äußere Unruhe oder die vielfache Arbeit, als vielmehr der Aufruhr im ganzen Vorstellungsproceß, den die Eingewöhnung in nicht nur neue, sondern ganz neuartige, vielfach schwierige und in mancher Hinsicht unbehagliche Verhältnisse bei sich führt. Dazu kam, daß ich in der selben Zeit ganz anders als sonst durch häusliche Verhältnisse in Anspruch genommen war: es war Weihnachtszeit, und ich erwarte schon seit Wochen als unmittelbar bevorstehend die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1083"/>Entbindung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1083"/> meiner Frau.</p><p>So war mir denn, als ich ihre Karte erhielt, als sollte ich plötzlich einen ganz vergessenen Wechsel bezahlen, – bei leerer Kasse. Denn zur eignen Arbeit bin ich in diesen Monaten so <pb/> gut, wie garnicht gekommen: nur eine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1084"/>Besprechung Ihres ersten Bandes und des <name>Liebmann</name>’schen ersten Heftes<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1084"/> hab’ ich in den Ferien <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1085"/>für <name>Rödiger</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1085"/> gemacht. So gab’s nun gestern und heute einen Kassensturz, um festzustellen, ob, wann und was ich Ihnen zahlen kann, wenn Sie auf dem Schein bestehen. Das Resultat ist dies: Das relativ Reifste ist noch immer die Arbeit, an der ich im Sommer gerade die ersten Linien zog, als Ihre Anfrage kam, und die ich damals schon für diesen Zweck als das Geeigneteste in das Auge faßte: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1086"/>über historische und genetische Methode<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1086"/>, – Fragen, wie wir Sie in unsrer Unterhaltung bei Ihrer Durchreise in Freiburg berührten. Nun weiß ich zwar ganz genau, was ich damit will, aber, obwol schon auch eine Anzahl aphoristischer Bemerkungen und Notizen dazu niedergeschrieben sind, so fehlt doch an der Ausführung noch gar viel; <pb/> es müßte eben von A bis O alles geschrieben werden. Wenn ich nun die Zeit veranschlage, welche ich jetzt, wenn ich alles nicht absolut dringende sonst liegen ließe, von dem Laufenden dafür gewinnen könnte, und wenn ich die zeitraubenden Verhältnisse in Betracht ziehe, die bei mir jede Stunde eintreten können, so bin ich außer Stande, ein bindendes Versprechen für Einlieferung der druckfertigen Arbeit auf einen früheren Termin als den 20–28 <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1087"/>Februar<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1087"/> abzugeben. Wie gesagt, es kränkt mich das selbst sehr; aber ich bin durch mein völliges Vergessen der Sache jetzt fast <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1088"/>vis-á-vis du rien<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1088"/>, und wenn es bei meinen jetzigen Zeitverhältnissen etwas Vernünftiges werden soll, kann ich mich für nicht früher verpflichten: möglich wäre es ja, daß ich schneller zu Stande käme, sehr wahrscheinlich nicht.</p><p>Und so lassen Sie mich durch ehrliches Bekenntniß wenigstens meine Reue bethätigen und meine Bitte um Verzeihung bekräftigen.</p><p>Mit treuem Gruß der Ihrige</p><signed>Windelband</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-1080"><lem>Unternehmen</lem><note>nicht ermittelt, kam offenbar nicht zustande, <abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Glogau</name> vom 27.2.1882.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1082"><lem>pater peccavi</lem><note>in <abbr>lat.</abbr> Schrift</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1081"><lem>pater peccavi</lem><note><abbr>lat.</abbr> Vater, ich habe gesündigt (Lukas 15, 18 <abbr>u.</abbr> 21).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1083"><lem>Entbindung</lem><note>von <name>Sigfrid Windelband</name> (* 27.1.1883)</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1084"><lem>Besprechung … Heftes</lem><note> <abbr>vgl.</abbr> Windelbands Rezensionen: G. Glogau, Abriss der philosophischen Grundwissenschaften. 1. Teil: Die Form und die Bewegungsgesetze des Geistes. Breslau, Koebner, 1880. XI u. 397 S. gr. 8°. M. 9. In: Deutsche Litteraturzeitung, <abbr>Nr.</abbr> 6 <abbr>v.</abbr> 10.2.1883, <abbr>Sp.</abbr> 187–188; Otto Liebmann, Gedanken und Tatsachen. Philosophische Abhandlungen, Aphorismen und Studien. 1. Heft: Die Arten der Notwendigkeit. – Die mechanische Naturerklärung. – Idee und Entelechie. – Straßburg, Trübner, 1882. V u. 121 S. gr. 8°. M. 2,50. In: Deutsche Litteraturzeitung, <abbr>Nr.</abbr> 10 <abbr>v. </abbr>10.3.1883, <abbr>Sp.</abbr> 332–333. Im Nachlass Glogaus, Fasz. 28 ist ein Sonderdruck der Rezension über Glogaus Buch enthalten.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1085"><lem>für <name>Rödiger</name></lem><note><name>Max Roediger</name> (1850–1918), Germanist an der Universität Berlin, Redakteur der Deutschen Literaturzeitung.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1086"><lem>über historische und genetische Methode</lem><note>Windelbands Aufsatz: Kritische oder genetische Methode? erschien lediglich in Windelbands eigener Sammlung Präludien seit deren 1. <abbr>Aufl.</abbr> 1884. Dort ist das Abfassungsdatum 1883 vermerkt.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1087"><lem>Februar</lem><note>in <abbr>lat.</abbr> Schrift</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1088"><lem>vis-á-vis du rien</lem><note>in <abbr>lat.</abbr> Schrift</note></app></listApp></back></text></TEI>