<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000136-3</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Friedrich Theodor Althoff</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>20.11.1882</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, VI. HA Nl Althoff, F. T. Nr. 1020</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0136" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000136-3"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1882-11-20">20.11.1882</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118644890">Friedrich Theodor Althoff</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118644890">Friedrich Theodor Althoff</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116587938">Georg Gerland</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116666781">Gustav Glogau</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11762456X">Günther Thiele</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119331586">Hermann Ulrici</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118617583">Heymann Steinthal</name></note><note type="repository">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Friedrich Theodor Althoff</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>20.11.1882</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, VI. HA Nl Althoff, F. T. Nr. 1020</bibl></head></front><body><dateline>Strassburg <abbr>i/Els.</abbr> 20 Nov<add>[ember]</add> 1882.</dateline><salute><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1020"/>Verehrtester Herr Geheimerath!<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1020"/></salute><p>Verzeihen Sie, wenn ich mir erlaube, in Erwiderung des liebenswürdigen Vertrauens, welches Sie mir bei unsrer leider <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1021"/>nur so kurzen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1021"/> hiesigen Bekanntschaft erwiesen haben, Ihnen eine Angelegenheit zu unterbreiten, die in Ihr Ressort fällt. Es geht mir die Nachricht zu, daß in Halle an Stelle des <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1022"/>Herrn<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1022"/> <abbr>Prof.</abbr> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1023"/><name>Thiele</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1023"/> in erster Herr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1024"/><name>Glogau</name> in Zürich<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1024"/> vorgeschlagen ist. Nun würde ich meinerseits die Halle’sche Fakultät zu diesem Vorschlage nur beglückwünschen können. Denn Glogau hat durch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1025"/>sein letztes Werk<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1025"/> bewiesen, daß er ein durchaus selbständiger, tief wühlender und <pb/> in mancher Hinsicht geradezu origineller Denker ist, und aus persönlichen Erkundigungen weiß ich, daß seine sehr anregende Lehrthätigkeit durchaus nicht von dem abstracten Charakter ist, den sein Buch vermöge der Vertiefung in den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1026"/><name>Steinthal</name>’schen Formalismus<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1026"/> in sich trägt. Er gehört daher unter den jüngeren Kräften zu denen, welche bei etwaigen Vacanzen zuerst genannt zu werden würdig sind, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1027"/>und ich habe ihn <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1028"/>in Freiburg <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1029"/>primo loco<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1029"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1028"/> genannt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1027"/> für den Fall, daß man genöthigt sein sollte, dort von Ordinarien abzusehen. Dazu aber kommt – und das ist der Grund meines Schreibens – des Mannes <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1030"/>äußere Lage<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1030"/>. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1031"/>Gl<add>[ogau]</add> hat – ich bitte, unter voller Discretion sprechen zu dürfen –, nachdem er Gymnasiallehrer erst im Posen’schen und dann in Winterthur gewesen ist, die letztere Stellung aufgegeben, um sich, in reiner Begeisterung für die Sache, – leider in Zürich! – zu habilitiren. Er ist fast ohne Mittel, hat Weib und Kind, man hat ihm jetzt, damit <pb/> er leben könne, eine Professur am Polytechnicum gegeben, die etwa 3000 <abbr>fr.</abbr>, trägt; er hilft sich mit Gymnasialstunden, Pension <abbr>etc.</abbr> knapp durch und ist gewärtig, falls er nicht bald zu fester Stellung gelangt, ganz <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1032"/>in die Gymnasiallaufbahn zurückkehren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1032"/> zu müssen.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1031"/></p><p>Das wäre schade, und weil ich nicht weiß, ob Ihnen, verehrtester Herr Geheimerath, diese Sachlage bekannt ist, darum allein nehme ich mir heraus, Ihnen dies mit der Bitte um discreteste Aufnahme mitzutheilen. Man könnte ja leicht denken: Professor in Zürich, da hat’s keine Noth! Und der Mann könnte übergangen werden, weil man dächte, er sei in einer relativ guten Position. Je mehr ich – nach allem, was ich höre – zur Zeit einem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1033"/>ähnlichen Schicksal<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1033"/> unterliege, um so mehr glaube ich, im Interesse eines Anderen (den ich zudem persönlich nur zwei oder dreimal <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1034"/>kurz gesehen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1034"/> habe und zu dem ich keine näheren <pb/> persönlichen Beziehungen habe) Ihnen diese Sachlage vertrauensvoll unterbreiten zu dürfen, – nicht in dem mir fernliegenden Wunsche, Ihre Entscheidung zu beeinflussen, sondern mit der Absicht, Ihnen für diese Entscheidung das persönliche Material nach einer Richtung zu vervollständigen, welche möglicherweise Ihnen bisher nicht mitgetheilt sein könnte.</p><p>Nur so bitte ich Sie, diese anspruchslosen Zeilen aufzunehmen, mit denen ich mich Ihnen und Ihrer verehrten Frau Gemahlin unter dem Wunsche empfehlen möchte, daß Sie Sich in Ihrem neuen Wirkungskreise recht glücklich fühlen möchten, und daß Sie Ihre liebenswürdige Gesinnung erhalten möchten Ihrem aufrichtig ergebnen</p><signed>Windelband</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-1020"><lem>Verehrtester Herr Geheimerath!</lem><note>links oben von Althoffs <abbr>Hd.</abbr> mit Bleistift: </note><rdg>Windelband: Glogau. | Bereits gedankt.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1021"><lem>nur so kurzen</lem><note><name>Althoff</name> war als Universitätsreferent von der Universität Straßburg ins Preußische Kultusministerium gewechselt. 1871 als Jurist und Verwaltungsbeamter in die Verwaltung Elsaß-Lothringens eingetreten, war <name>Althoff</name> bei der Gründung der Universität Straßburg beteiligt. Er wurde 1872 ehrenhalber zum <abbr>ao. Prof.</abbr> in der juristischen Fakultät ernannt, 1880 zum Ordinarius befördert (<abbr>NDB</abbr>). <abbr>Vgl.</abbr> <abbr>ADBR</abbr> Strasbourg, 62 AL 3 (Dekanat <name>Georg Gerland</name> 1882/83) <abbr>Nr.</abbr> 116 die Mitteilung des Rektors über das Ausscheiden Althoffs an die philosophische Fakultät vom 24.10.1882, mit Sichtvermerk Windelbands.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1022"><lem>Herrn</lem><rdg>Hrn.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1023"><lem><name>Thiele</name></lem><note><name>Günther Thiele</name> (1841–1910), 1869 in Halle promoviert, danach im Schuldienst, 1875 in Glückstadt habilitiert, 1881 <abbr>ao. Prof.</abbr>, seit 1882 in Königsberg, 1885 <abbr>o.Prof.</abbr> (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1024"><lem><name>Glogau</name> in Zürich</lem><note><name>Gustav Glogau</name> wurde zu Ostern 1883 als <abbr>ao. Prof.</abbr> nach Halle berufen.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1025"><lem>sein letztes Werk</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Glogau: Abriss der philosophischen Grund-Wissenschaften Theil 1. Die Form und die Bewegungsgesetze des Geistes. Breslau: Koebner 1880.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1026"><lem><name>Steinthal</name>’schen Formalismus</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Glogau: Steinthals psychologische Formeln. Berlin: Dümmler 1876.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1029"><lem>primo loco</lem><note>in <abbr>lat</abbr>. Schrift</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1028"><lem>in Freiburg primo loco</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Glogau</name> vom 27.7.1882</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1027"><lem>und … genannt</lem><note> am Rand mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1030"><lem>äußere Lage</lem><note><abbr>vgl</abbr>. die Gratifikationslisten der Hochschule Zürich an unbesoldete Dozenten für die Jahre 1880 und 1882, in denen <name>Gustav Glogau</name> mit geringen Hörerzahlen und geringen Honorarbeträgen aufgeführt ist, im Staatsarchiv des Kantons Zürich, Regierungsratsbeschlüsse seit 1803 online: <ref type="link">https://suche.staatsarchiv.djiktzh.ch/detail.aspx?ID=3453517</ref>; <ref type="link">https://suche.staatsarchiv.djiktzh.ch/detail.aspx?ID=3478528</ref>; <ref type="link">https://suche.staatsarchiv.djiktzh.ch/detail.aspx?</ref>ID=3633967 (29.5.2017).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1032"><lem>in die Gymnasiallaufbahn zurückkehren</lem><note><name>Glogau</name>s Bewerbung auf eine der beiden für alte Sprachen am kantonalen Gymnasium Zürich 1878 ausgeschriebenen Lehrstellen hatte gegen 8 Mitbewerber keinen Erfolg, <abbr>vgl</abbr>. die </note><rdg>Wahl Wirz &amp; Escher zu Lehrern am Gymnasium</rdg><note> mit Regierungsratsbeschluß vom 28.12.1878, Staatsarchiv des Kantons Zürich, Regierungsratsbeschlüsse seit 1803 online: <ref type="link">https://suche.staatsarchiv.djiktzh.ch/detail.aspx?ID=3434911</ref></note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1031"><lem>Glogau … müssen</lem><note> <abbr>vgl.</abbr> die Biographie Glogaus in: Marie Glogau (<abbr>Hg.</abbr>): Gustav Glogau. Sein Leben und sein Briefwechsel mit H. Steinthal. Kiel/Leipzig: Lipsius &amp; Tischer 1906: 1872–73 im Schuldienst in Halle, 1873–76 in Neumark (Westpreußen), 1876–1878 in Winterthur, nach eigener Kündigung der Stellung zur Habilitation in Zürich 1878–83, 1882 Dozent am Polytechnikum, 1883 nach Halle berufen, 1884 nach Kiel. <abbr>Vgl.</abbr> die dort abgedruckten Schreiben Glogau an Steinthal vom 6.8.1881 <abbr>u.</abbr> Steinthal an Glogau vom 19.5.1883, aus denen die schwierige Situation Glogaus in Zürich deutlich wird.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1033"><lem>ähnlichen Schicksal</lem><note>das galt <abbr>v. a.</abbr> für die Folgezeit; Windelband kam <abbr>z. B.</abbr> nicht als Nachfolger des am 11.1.1884 verstorbenen <name>Hermann Ulrici</name> in Halle in Frage, weil man Windelband für nicht erreichbar hielt, <abbr>vgl.</abbr> das Schreiben des Kurators der Universität Halle an <name>Althoff</name>, nach 11.1.1884: </note><rdg>Die Fakultät scheint selbst zu besorgen, daß sich eine Berufung des an erster Stelle vorgeschlagenen Professors Windelband in Straßburg nicht durchführen lasse und wünscht demnach mit besonderem Nachdruck den Professor Stumpf in Prag, welcher allerdings wegen seiner besonderen Lehrgabe als ein Schüler Lotze’s eine sehr erwünschte Ergänzung des hiesigen Lehrkörpers bilden würde</rdg><note> (zitiert nach Ulrich Jahnke: Promotor des Fortschritts!? Friedrich Althoff und die deutsche Universitätspsychologie. In: Bernhard vom Brock (<abbr>Hg.</abbr>): Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftspolitik im Industriezeitalter. Das „System Althoff“ in historischer Perspektive. Hildesheim: Lax 1991, <abbr>S.</abbr> 319).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1034"><lem>kurz gesehen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Glogau</name> vom 11.1.1883</note></app></listApp></back></text></TEI>