<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000067-1</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Victor Ehrenberg</persName>, <placeName type="sent">Leipzig</placeName>, <date>14.1.1875</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift), am Briefkopf gedrucktes Signet: zwei ineinandergeschlungene W-Versalien in einem von einem geschlossenen Gürtel gebildeten Ring, darüber eine fünfzackige Krone</note>, <bibl type="pubPlace">Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, NL Ehrenberg acc. Darmst. 1924.138</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0067" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000067-1"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Leipzig</placeName><date when="1875-01-14">14.1.1875</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116382813">Victor Ehrenberg</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116240164">Alphons Dürr</name><name>August Emil Tüngel</name><name>Charlotta Maria Auguste Homann</name><name>Emil Tüngel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1053281366">Georg Carl Franz Tüngel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116056118">Karl von Bardeleben</name><name>Paula von Maibohm</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116382813">Victor Ehrenberg</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118630733">Viktor von Weizsäcker</name></note><note type="repository">Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Victor Ehrenberg</persName>, <placeName type="sent">Leipzig</placeName>, <date>14.1.1875</date>, <note>4 S., hs. (dt. Schrift), am Briefkopf gedrucktes Signet: zwei ineinandergeschlungene W-Versalien in einem von einem geschlossenen Gürtel gebildeten Ring, darüber eine fünfzackige Krone</note>, <bibl type="pubPlace">Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, NL Ehrenberg acc. Darmst. 1924.138</bibl></head></front><body><dateline>Leipzig. 14.1 75</dateline><salute>Liebster Freund!</salute><p>Es scheint mir das Einfachste, Beste, Ihnen die soeben eingelaufene Antwort des <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-581"/>Herrn<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-581"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-582"/><name>Dürr</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-582"/><name/> hiermit zur Verfügung zu stellen; Sie werden Sich mit Ihren Aerzten darüber einigen müssen, ob die angegebene Temperatur Ihrem Zustande genügt. ich bemerke, daß während des Januar 1873 in Pisa die Temperatur bei Tage (was ich damals 9 Uhr früh bis 6 Uhr abends nannte) fast nie unter 15° Cels<add>[ius]</add> sank, zu Mittag aber, wenn nur irgend die Sonne sich zeigte, um 20° variirte, sodaß ich mir dort am ersten Tage einen Sonnenüberzieher machen ließ und selbst diesen bei dem Bummeln am Arno meistens auf dem Arm trug.</p><p><name>Dürr</name> giebt den Brennerweg als den einfachsten an in der irrigen Meinung, daß Sie von Leipzig ausgehen. In Ihrem Fall würde ich unbedingt den Ihnen neulich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-583"/>proponirten Weg<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-583"/> durch Südfrankreich vorziehen. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-584"/><name>Tüngel</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-584"/><name/>, mit dem ich neulich darüber sprach, entschied sich aus klimatischen Gründen unbedingt dafür; er erzählte, daß aus diesem <pb/> Grunde <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-585"/>vor einigen Jahren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-585"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-586"/>seine Eltern<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-586"/> nach Mentone von Hamburg auch nicht über Leipzig-Verona –, sondern Göttingen-Straßburg-Marseille gegangen wären. Also empfiehlt es sich jedenfalls von Göttingen aus um so mehr. Selbst für den Fall, daß Sie Pisa wählen, rathe ich Ihnen Folgendes: direct Straßburg-Marseille zu fahren, und von da eines der französischen Messagera-Dampfboote (aber, da Nachfahrt, nur 1t. Classe) zu nehmen, bis Livorno. Sie ersparen Sich dann nicht nur den Alpenpaß, sondern auch den manchmal noch sehr rauhen Appeninübergang Bologna-Pistoja; und Sie reisen außerdem bedeutend näher.</p><p>Sie ersehen ferner aus dem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-587"/>einliegenden Briefe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-587"/>, daß Sie einer besonderen Empfehlung an Dürr meinerseits nicht mehr bedürfen, und daß Ihre Visitenkarte nun genügen wird, Sie bei ihm einzuführen; ich hoffe auch, Sie benutzen eventuell seine Mitwirkung bei der Wohnungswahl.</p><p>Noch eins möchte ich Sie bitten, auf allen Reisewegen zu beachten. Sie werden nirgends der Zolluntersuchung entgehen können; aber ich bitte Sie dringend, dies unerquickliche Geschäft stets Ihrem Herrn <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-588"/>Bruder<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-588"/> zu überlassen! <pb/></p><p>Die dazu verwendeten Räume sind fast überall zugig, zumal da fortwährend aus- und eingelaufen wird; man muß oft lange warten und kann sich dabei am ehesten Etwas holen. Das muß also Ihr Reisemarschall immer machen, während Sie ihm im Restaurationszimmer irgend eine flüssige oder compacte Stärkung bereithalten können!</p><p>Wenn Sie Sich erst definitiv entschieden haben, bitte ich um freundliche Benachrichtigung, um mit Ihnen in Verbindung zu bleiben; eventuell bereite ich dann Dürr auf Ihre Ankunft vor. Jedenfalls reisen Sie glücklich, und kommen Sie und ganz wohl <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-589"/>und<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-589"/> kräftig wieder!</p><p>Was mich betrifft, so habe ich mich nach fröhlichen Weihnachtsferien wieder in die Arbeit hineingefunden. Meine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-590"/>Collegien<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-590"/> (diesen Winter „Geschichte der neueren Philos<add>[ophie]</add>“ und publici einstündig „Zusammenhang der deutschen Dichtung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-591"/>und<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-591"/> der deutschen Philos<add>[ophie]</add>“) verlangen relativ viel Zeit, und nun beginnen mit der nächsten Woche auch wieder die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-592"/>Damenvorlesungen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-592"/>, wobei ich diesmal „Psychologie“ in die empfänglichen Weiberherzen senken werde. Sonst passirt hier nichts sonderlich Neues. Nächster Tage <pb/> erwarte ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-593"/><name>Bardeleben</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-593"/> zum Besuch auf einige Tage, der in Jena ein ziemlich einsames <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-594"/>und<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-594"/> freudloses Dasein führt.</p><p>Doch ich eile, Ihnen diese Nachrichten zukommen zu lassen und wünsche, daß dieselben Ihren Absichten genügen!</p><p>Leben Sie wohl und grüßen Sie Ihren Bruder! Ihr alter</p><signed><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-595"/>W Windelband<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-595"/></signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-581"><lem>Herrn</lem><rdg>Hrn.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-582"><lem><name>Dürr</name></lem><note>vgl. Windelband an <name>Ehrenberg</name> vom 6.1.1875</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-583"><lem>proponirten Weg</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Ehrenberg vom 6.1.1875</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-584"><lem><name>Tüngel</name></lem><note>sehr wahrscheinlich <name>August Emil Tüngel</name> (<abbr>geb.</abbr> 1851): als Emil Tüngel, Student der Medizin in den Adreßbüchern der Universität Heidelberg von <abbr>WS</abbr> 1865/66–<abbr>SS</abbr> 1870 geführt. Am 17.10.1871 und 18.4.1874 für Medizin in die Matrikel Leipzig eingeschrieben (unter <abbr>Nr.</abbr> 0637 <abbr>bzw.</abbr> 0436: von Heidelberg <abbr>bzw.</abbr> 1874 von Berlin kommend, aus Hamburg stammend, Alter 20 <abbr>bzw.</abbr> 22, protestantisch, Vater: Arzt, Vater 1874 als verstorben eingetragen), Wohnung 1871: Sternwartenstraße 11, 1. Etage; 1874: Sternwartenstraße 45, 2. Etage rechts. Seit 1876 Assistenzarzt am Allgemeinen Krankenhaus <abbr>St.</abbr> Georg in Hamburg (Das Allgemeine Krankenhaus <abbr>St.</abbr> Georg in Hamburg nach seiner baulichen Neugestaltung. Festschrift unter Redaktion <abbr>v.</abbr> Th. Deneke. Leipzig <abbr>u.</abbr> Hamburg: Voss 1912, <abbr>S.</abbr> 121).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-585"><lem>vor einigen Jahren</lem><note>am Rand <abbr>hs.</abbr> Notz mit Bleistift von anderer Hand: </note><rdg>das war im Jahre 66, als die Brennerbahn noch nicht existirte. V[ictor]</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-586"><lem>seine Eltern</lem><note><name>Georg Carl Franz Tüngel</name> (1816–1873), seit 30.12.1857 bis zu seiner Erkrankung 1866 1. Hospitalarzt am Allgemeinen Krankenhaus <abbr>St.</abbr> Georg Hamburg, verheiratet seit 10.12.1850 mit <name>Charlotta Maria Auguste Homann</name> (*1827) (<abbr>WBIS</abbr>).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-587"><lem>einliegenden Briefe</lem><note>liegt nicht bei. Schreiben an Dürr nicht ermittelt.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-588"><lem>Bruder</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Ehrenberg</name> vom 6.1.1875</note></app><app type="philological" corresp="#ED-589"><lem>und</lem><rdg>d</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-590"><lem>Collegien</lem><note><abbr>vgl.</abbr> zum Folgenden <ref type="link">http://histvv.uni-leipzig.de/vv/1874w.html</ref></note></app><app type="philological" corresp="#ED-591"><lem>und</lem><rdg>d</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-592"><lem>Damenvorlesungen</lem><note>Näheres nicht ermittelt. Die Mutter <name>Viktor von Weizsäckers</name>, <name>Paula von Maibohm</name> (1857–1947), hat Windelband in solchen Damenvorlesungen für die nicht zur Universität zugelassenen Frauen erlebt, <abbr>vgl.</abbr> ihre Empfehlung an Viktor von Weizsäcker, in Straßburg bei Windelband zu studieren, in: Viktor von Weizsäcker Gesammelte Schriften <abbr>Bd.</abbr> 1. Frankfurt <abbr>a. M.</abbr>: Suhrkamp 1986, <abbr>S.</abbr> 20.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-593"><lem><name>Bardeleben</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an <name>Victor Ehrenberg</name> vom 24.10.1872</note></app><app type="philological" corresp="#ED-594"><lem>und</lem><rdg>d</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-595"><lem>W Windelband</lem><note>unter der Unterschrift <abbr>hs.</abbr> mit Bleistift <abbr>v.</abbr> <name>Ehrenberg</name>s <abbr>Hd.</abbr>: </note><rdg>Ich erbitte mir diesen soeben erhaltenen Brief mit Nächstem zurück; übrigens: bange machen gilt nicht u[nd] der Weg über d[en] Brenner ist schließlich ebensogut. Herzlichen Gruß. V[iktor]</rdg></app></listApp></back></text></TEI>