<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000040-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Samuel Singer</persName>, Gutachten für <persName>Paul Häberlin</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>23.1.1914</date>, <note>4 S., hs. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Staatsarchiv des Kantons Bern, Akten der Erziehungsdirektion: Professoren und Dozenten Philos. Fakultäten I+II Haag–Hitzig, BB III b 616, Faszikel 2</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0040" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000040-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118700030">Paul Häberlin</persName><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><placeName>Heidelberg</placeName><date when="1914-01-23">23.1.1914</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118797417">Samuel Singer</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118584790">Adam Müller</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116240164">Alphons Dürr</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117657530">Ernst Dürr</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118608045">Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118616080">Herbert Spencer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117148199">Karl Joël</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119142139">Oswald Külpe</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118700030">Paul Häberlin</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118535315">Sigmund Freud</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117057436">Theodor Lipps</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11863562X">Wilhelm Wundt</name></note><note type="repository">Staatsarchiv des Kantons Bern</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Windelband</persName> an <persName type="received">Samuel Singer</persName>, Gutachten für <persName>Paul Häberlin</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>23.1.1914</date>, <note>4 S., hs. (lat. Schrift)</note>, <bibl type="pubPlace">Staatsarchiv des Kantons Bern, Akten der Erziehungsdirektion: Professoren und Dozenten Philos. Fakultäten I+II Haag–Hitzig, BB III b 616, Faszikel 2</bibl></head></front><body><dateline>Heidelberg, 23 Jan<add>[uar]</add> 1914</dateline><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-372"/>Vertraulich<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-372"/></p><salute>Hochgeehrter Herr Decan,</salute><p>Ihrem Wunsche, über die Persönlichkeit des Herrn <abbr>Dr.</abbr> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-373"/><name>Häberlin</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-373"/><name/> in Bezug auf die Qualification für die durch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-374"/><abbr>Prof.</abbr> <name>Dürr</name>’s Tod<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-374"/> erledigte Professur Ihrer Fakultät Auskunft zu geben, komme ich gern nach, weil ich in der erfreulichen Lage bin, ihn auf das wärmste dafür empfehlen zu können.</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-375"/>Herr<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-375"/> H<add>[äberlin]</add> hat sich mit einer sehr anerkennenswerten Energie zu einer selbständigen wissenschaftlichen Stellung aufgerungen; er ist ein tüchtiger Self-made-man. Vom theologischen Studium ist er allmählich zur Philosophie und Naturwissenschaft übergegangen. Dieser Uebergang zeigt sich zuerst in der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-376"/>Promotionsschrift<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-376"/> „über den Einfluss der speculativen Gotteslehre auf die Religionslehre <name>Schleiermacher</name>’s“, worin ein beachtenswerter Beitrag zum Verständnis der Entwicklung Schleiermachers von den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-377"/>„Reden“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-377"/> bis zur Dogmatik gegeben wird: schon <pb/> hier ist eine analytische Feinheit in der Darlegung der psychologischen Beziehung zwischen der Religion als Leben und der Religion als Lehre zu bemerken. Weiterhin zeigt sich der Uebergang in der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-378"/>Habilitationsschrift<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-378"/> über „<name>Herbert Spencer</name>’s Grundlagen der Philosophie“: diese kritische Studie läuft schliesslich auf das Problem hinaus, wie sich die „Universalität“ der Philosophie, in der <name>Spencer</name> ihre Verwandtschaft mit der Religion sah, zu ihrer „Wissenschaftlichkeit“ verhält. Dabei fasst H<add>[äberlin]</add> den Begriff der Wissenschaft wesentlich im Sinne der Naturwissenschaften: und so ist er dem Problem nicht mehr historisch, sondern systematisch in dem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-379"/>zweibändigen Werke<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-379"/> „Wissenschaft und Philosophie“ zu Leibe gegangen. Der Inhalt dieses Buchs ist eine psychogenetische Analyse des wissenschaftlichen und philosophischen Denkens. Es ist etwas breit und sehr allgemeinverständlich geschrieben, aber es zeigt eine ernste und selbständige Untersuchung. H<add>[äberlin]</add> gehört keiner der bestehenden <pb/> Schulen oder „Richtungen“ an; er sucht sich seinen eignen Weg. Er kennt die Probleme und die Theorien; aber er will nicht entscheiden, er will nur sich und den Leser psychologisch orientieren. Seine ganze Art ist durchaus psychologisch, aber er fasst die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-380"/>Psychologie sehr allgemein<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-380"/>, etwa in dem zuletzt von Th<add>[eodor]</add> <name>Lipps</name> vertretenen Sinne auf. Dabei ist er in ihr allseitig orientiert; er hat bei G<add>[eorg]</add> El<add>[ias]</add> <name>Müller</name> in Goettingen psychophysische Studien getrieben, er ist von seiner <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-381"/>Kreuzlinger Zeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-381"/> in Verbindung mit den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-382"/>psychiatrischen Kreisen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-382"/> und der <name>Freud</name>’schen Anhängerschaft gekommen. Auch hier aber ist er auf keine Parteiansicht eingeschworen. Er macht persönlich den Eindruck eines verständigen, umsichtigen und wohlunterrichteten, nachdenklichen und durchaus zuverlässigen Mannes. Ich traue ihm zu, dass er ein guter und eindringlicher Docent ist, und was man in Basel hört, bestätigt dies. Vom Koll<add>[egen]</add> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-383"/><name>Joël</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-383"/><name/>, der ja H<add>[äberlin]</add>’s ganze akademische Laufbahn miterlebt hat, werden Sie gewiss darüber Näheres und Authentisches erfahren. <pb/></p><p>Noch Eines möchte ich nicht unerwähnt lassen, muss aber dabei die volle Discretion der Herren Kollegen in Anspruch nehmen. Unsre Heidelberger philosophische Fakultät geht damit um, neben den beiden philosophischen Ordinariaten eine Professur für Psychologie und Paedagogik, zunächst etwa als Extraordinariat zu begründen, und die Kommission hatte dafür als geeignetste Persönlichkeit Herrn <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-384"/><name>Häberlin</name> ins Auge gefasst<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-384"/>. Indessen bedarf es zur Einrichtung eines solchen Lehrstuhls eines Entschlusses der Regierung und eines Beschlusses <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-385"/>der Kammern<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-385"/>, und dazu ist in der diesmaligen Budgetperiode (also für gut zwei Jahre) keine Aussicht; und auch für die vorläufige <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-386"/>Remuneration<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-386"/> eines etwa dafür umzuhabilitierenden Docenten ist augenblicklich noch kein Geld vorhanden. Das kommt also als eine Aussicht für Herrn H<add>[äberlin]</add> kaum in Betracht, lässt aber erkennen, dass er auch ausserhalb seiner schweizer Heimat nicht unbeachtet geblieben ist. Im Ganzen bin ich überzeugt, dass Ihre Fakultät einen guten Griff tun würde, wenn sie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-387"/>ihn wählte<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-387"/>, und dass er in seiner soliden, schlichten Art seinen Platz gut ausfüllen würde. Es sollte mich freuen, wenn ich etwas dazu beitragen könnte.</p><p>Mit hochachtungsvollem Grusse ergebenst der Ihrige</p><signed>W Windelband</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-372"><lem>Vertraulich</lem><note>darüber Stempel: </note><rdg>Prof. Windelband</rdg><note>, das Wort </note><rdg>Vertraulich</rdg><note> schräg darunter geschrieben und mit je einem Strich über und unter dem Wort hervorgehoben</note></app><app type="philological" corresp="#ED-373"><lem><name>Häberlin</name></lem><note>mit Bleistift unterstrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-374"><lem><abbr>Prof.</abbr> <name>Dürr</name>’s Tod</lem><note><name>Ernst Dürr</name>, geb. 1878, Studium bei <name>Oswald Külpe</name> und <name>Wilhelm Wundt</name>, war am 27.9.1913 in Bern verstorben, wo er seit 1906/07 <abbr>Prof.</abbr> für Philosophie, speziell Pädagogik und Psychologie gewesen war (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-375"><lem>Herr</lem><rdg>Hr.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-376"><lem>Promotionsschrift</lem><note>Basel 1903</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-377"><lem>„Reden“</lem><note>Über die Religion. An die Gebildeten unter ihren Verächtern, 1799.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-378"><lem>Habilitationsschrift</lem><note>Basel 1908</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-379"><lem>zweibändigen Werke</lem><note>1910–12</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-380"><lem>Psychologie sehr allgemein</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelbands Gutachten über <name>Paul Häberlin</name> vom 29.7.1913.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-381"><lem>Kreuzlinger Zeit</lem><note><name>Häberlin</name> war von 1904–09 Direktor des Thurgauer Lehrerseminars in Kreuzlingen gewesen (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-382"><lem>psychiatrischen Kreisen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelbands Gutachten über <name>Paul Häberlin</name> vom 29.7.1913.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-383"><lem><name>Joël</name></lem><note><name>Karl Joël</name>s Gutachten über Häberlin ist in Auszügen abgedruckt in: Peter Kamm: Paul Häberlin Leben und Werk <abbr>Bd.</abbr> 1. Die Lehr- und Wanderjahre (1878–1922). Zürich: Schweizer Spiegel Verlag 1977, <abbr>S.</abbr> 315–316). Dieses Gutachten ist dem von Windelband bemerkenswert ähnlich.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-384"><lem><name>Häberlin</name> ins Auge gefasst</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelbands Gutachten über <name>Paul Häberlin</name> vom 29.7.1913.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-385"><lem>der Kammern</lem><note>der beiden Kammern des Badischen Landtags. Windelband war selbst von 1905–1908 über zwei Legislaturperioden Mitglied der 1. Kammer gewesen, u. a. in der Schul- und in der Budgetkommission.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-386"><lem>Remuneration</lem><note>Vergütung, Entschädigung</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-387"><lem>ihn wählte</lem><note><name>Häberlin</name> erhielt den Ruf und blieb von 1914–1922 an der Universität Bern (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app></listApp></back></text></TEI>