<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000039-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName>Windelband</persName>: Gutachten über <persName>Karl Jaspers</persName> im Habilitationsverfahren, <placeName>Heidelberg</placeName>, <date>7.11.1913</date>, <note>2 S., hs. (lat. Schrift),</note> <bibl type="pubPlace">UA Heidelberg, H-IV-102/140 (Philosophische Fakultät 1913/14, Dekan: Carl Neumann), Bl. 65</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0039" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000039-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118557106">Karl Jaspers</persName><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</persName><date when="1913-11-07">7.11.1913</date></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/117023159">Franz Nissl</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118527479">Hans Driesch</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119312565">Hans W. Gruhle</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118557106">Karl Jaspers</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118629743">Max Weber</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118700030">Paul Häberlin</name><name>Robert Eugen Gaupps</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118819275">Willy Hellpach</name></note><note type="repository">Universitätsarchiv Heidelberg</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName>Windelband</persName>: Gutachten über <persName>Karl Jaspers</persName> im <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-361"/>Habilitationsverfahren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-361"/>, <placeName>Heidelberg</placeName>, <date>7.11.1913</date>, <note>2 S., hs. (lat. Schrift),</note> <bibl type="pubPlace">UA Heidelberg, H-IV-102/140 (Philosophische Fakultät 1913/14, Dekan: Carl Neumann), Bl. 65</bibl></head></front><body><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-362"/>Gutachten.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-362"/></p><p>Einer Habilitation für Psychologie, wie sie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-363"/>Herr Dr. <name>Jaspers</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-363"/><name/> beantragt, steht principiell nichts im Wege, seitdem die philosophische Fakultät die Psychologie als ein eignes Fach anerkannt hat, für das eine besondere <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-364"/>Professur neben den philosophischen in Aussicht genommen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-364"/> wird: nur wird die Fakultät auch hier dieselben Voraussetzungen erfüllt wissen wollen, die für einen neuen Lehrstuhl als erforderlich angesehen werden. Es wird erwartet werden, dass der Psychologe in die eigentlich philosophische Lehrtätigkeit nicht eingreift, dass er aber für seine Person eine genügende philosophische Vorbildung besitzt, um die Psychologie nicht in einer einseitigen Richtung, insbesondre nicht bloss experimentell zu behandeln.</p><p>Die Erfüllung dieser Bedingungen vereinigt sich bei Herrn <name>Jaspers</name> mit einer hervorragenden Befähigung für den wissenschaftlichen Betrieb der Psychologie in so glücklicher Weise, dass seine Habilitation in unsrer Fakultät lebhaft zu begrüssen ist. Herr <name>Jaspers</name> ist zur Psychologie, zu der viele Wege führen, seinerseits von der Psychiatrie aus gekommen: aber alle seine Arbeiten, von der Inauguraldissertation über <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-365"/>„Heimweh und Verbrechen“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-365"/> bis zu seinem umfassenden Werke <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-366"/>„Allgemeine Psychopathologie“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-366"/> sind nicht so sehr praktisch-therapeutisch, als vielmehr theoretisch orientiert, und sie verfolgen dabei weder hirnanatomische noch psychophysische Interessen, sondern ihre Hauptaufgabe liegt immer in der Richtung psychologischen Verständnisses und psychologischer Begriffsbildung.</p><p>Ueber den fachwissenschaftlichen Wert dieser Arbeiten und namentlich des Hauptbuches steht mir kein eignes Urteil zu: ich habe mich deshalb an Herrn Kollegen <name>Nissl</name>, dessen Assistent Herr <abbr>Dr.</abbr> <name>Jaspers</name> ist, mit der Bitte um eine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-367"/>gutachtliche Aeusserung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-367"/> gewendet, und er hat die grosse Güte gehabt, mir die beiliegenden Blätter zur Verfügung zu stellen, von deren Inhalt ich die Fakultät Kenntnis zu nehmen bitte.</p><p>Seinem für <abbr>Dr.</abbr> <name>Jaspers</name> so ehrenvollen Urteil kann ich meinerseits <pb/> nur hinzufügen, dass namentlich an der „Allgemeinen Psychopathologie“ auch für den der Materie ferner Stehenden die durchsichtige Sicherheit in der Beherrschung und Disposition des riesigen Stoffs, die Klarheit und Schärfe der begrifflichen Verarbeitung und die ruhige Vorsicht des Urteils deutlich erkennbare und lebhaft anzuerkennende Vorzüge bilden. Hiernach erwarte ich sehr viel von einer Arbeit über Methodologie der Psychologie, welche <abbr>Dr.</abbr> <name>Jaspers</name> jetzt angegriffen, aber noch nicht so weit gefördert hat, dass er darauf mit seiner Habilitation warten möchte.</p><p>Es ist deshalb meine Meinung, dass von Herrn <name>Jaspers</name> eine wertvolle Bereicherung und Ergänzung für die Lehrwirksamkeit der Fakultät erhofft werden kann. Auch ist nicht zu befürchten, dass seine Habilitation eine Beeinträchtigung der Lehrtätigkeit der Docenten der Philosophie bedeuten würde. Ueber Psychologie hat bisher ausser mir nur gelegentlich Herr <abbr>Prof.</abbr> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-368"/><name>Driesch</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-368"/> gelesen, der aber, soviel ich weiss, keineswegs die Absicht hat, auf diese Seite den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-369"/>Schwerpunkt seiner Wirksamkeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-369"/> zu legen. Andrerseits ist es kein Mangel, dass Herr <name>Jaspers</name> nicht beabsichtigt, psychophysische Uebungen abzuhalten oder dafür etwa ein Institut zu anzustreben: soweit dafür in der Studentenschaft Interesse besteht, wird es durch einen Docenten der medicinischen Fakultät, Herrn <abbr>Dr.</abbr> <name>Gruhle</name>, befriedigt.</p><p>Hiernach beantrage ich, Herrn <abbr>Dr.</abbr> <name>Jaspers</name> zu den weiteren Habilitationsleistungen zuzulassen und sein Werk „Allgemeine Psychopathologie“ als Habilitationsschrift anzuerkennen. Wegen der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-370"/>formalen Bestimmung der Pflichtexemplare<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-370"/> behalte ich mir Antrag in der Sitzung vor.</p><dateline>Heidelberg, 7. November 1913</dateline><signed><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-371"/>W Windelband<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-371"/></signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-362"><lem>Gutachten.</lem><note>am Kopf der <abbr>S.</abbr> Stempel: </note><rdg>Windelband</rdg><note> und Aktenzählung </note><rdg>16e</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-363"><lem>Herr Dr. <name>Jaspers</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> den Briefwechsel Windelband–Jaspers in der vorliegenden Edition. Zum ganzen Vorgang <abbr>vgl.</abbr> Horst Gundlach: Wilhelm Windelband und die Psychologie. Heidelberg: University Publishing 2017, <abbr>S.</abbr> 337–413 u. <abbr>S.</abbr> 421–426.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-364"><lem>Professur neben den philosophischen in Aussicht genommen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelbands Gutachten über <name>Paul Häberlin</name> als Kandidat für die Heidelberger psychologisch-pädagogische Professur vom 29.7.1913.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-365"><lem>„Heimweh und Verbrechen“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Jaspers: Heimweh und Verbrechen. <abbr>Diss.</abbr> Universität Heidelberg 1909. 116 <abbr>S.</abbr> Auch in: Archiv für Kriminal-Anthropologie 35 (1909), <abbr>S.</abbr> 1–116. Ein Exemplar dieser Schrift befand sich in Windelbands Besitz.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-366"><lem>„Allgemeine Psychopathologie“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Jaspers: Allgemeine Psychopathologie. Ein Leitfaden für Studierende, Ärzte und Psychologen. Berlin: Springer 1913.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-367"><lem>gutachtliche Aeusserung</lem><note>vom 4.11.1913, in Auszügen abgedruckt in: Hans Friedrich Fulda, unter Mitarbeit <abbr>v.</abbr> Peter König <abbr>u.</abbr> Ingeborg von Appen: Der Philosoph Karl Jaspers. In: Joachim-Felix Leonhard (<abbr>Hg.</abbr>): Karl Jaspers in seiner Heidelberger Zeit. Heidelberg: Heidelberger Verlagsanstalt 1983, <abbr>S.</abbr> 84.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-368"><lem><name>Driesch</name></lem><note><name>Hans Driesch</name> (1867–1941), 1907 in Heidelberg habilitiert, 1911–20 <abbr>ao. Prof.</abbr>, 1920 <abbr>Prof.</abbr> in Kön, 1921 in Leipzig, 1933 vorzeitg emeritiert (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-369"><lem>Schwerpunkt seiner Wirksamkeit</lem><note><abbr>vgl.</abbr> <name>Max Weber</name> an <name>Willy Hellpach</name> vom 11.7.1913: </note><rdg>Bei den Habilitationsfragen betr. „Psychologie“ hat man auch von Ihnen gesprochen. Es war aber die Ansicht, daß keine Habilitation von auswärts mehr wünschenswerth sei […] und daß, da Gruhle und Jaspers sich jedenfalls habilitieren, der Bedarf gedeckt sei. In der That werden nun schon drei Psychologen hier sein [</rdg><note><name>Hans W. Gruhle</name>, <name>Karl Jaspers</name>, Windelband</note><rdg>], vier, wenn man Driesch rechnet, der das Fach ja ebenfalls liest (Windelband will es aufgeben, nachdem die Sache [</rdg><note>die Habilitation <name>Jaspers</name>’</note><rdg>] arrangiert ist</rdg><note> (Max Weber Gesamtausgabe <abbr>Abt.</abbr> II, <abbr>Bd.</abbr> 8, <abbr>S.</abbr> 271). Es kann hier nur um die Frage der Umhabilitation nach Heidelberg gegangen sein, denn <name>Hellpach</name> war mithilfe der externen Gutachten <name>Max Webers</name>, Windelbands, <name>Franz Nissls</name> und <name>Robert Eugen Gaupps</name> bereits seit 21.2.1906 an der Technischen Hochschule Karlsruhe für das Fach </note><rdg>Psychologie auf naturwissenschaftlicher Grundlage</rdg><note> habilitiert (<abbr>vgl.</abbr> Max Weber Gesamtausgabe <abbr>Abt.</abbr> II, <abbr>Bd.</abbr> 4, <abbr>S.</abbr> 503-505). Windelband las im SS 1913 letztmals über Psychologie (Vorlesungverzeichnis in Heidelberger historische Bestände – digital).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-370"><lem>formalen Bestimmung der Pflichtexemplare</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband an Jaspers vom 24.11.1913</note></app><app type="philological" corresp="#ED-371"><lem>W Windelband</lem><note>folgen Umlaufvermerke und Unterschriften der Fakultätsmitglieder</note></app></listApp></back></text></TEI>