<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Wilhelm Windelband</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000007-5</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Moritz Drobisch</persName>: Gutachten über die Habilitationsschrift Windelbands, <placeName type="sent">Leipzig</placeName>, <date>22.9.1872</date>, <note>2 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">UA Leipzig, PA 1071, Bl. 3–4</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0007" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edww2020-000007-5"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116223995">Moritz Drobisch</persName><placeName>Leipzig</placeName><date when="1872-09-22">22.9.1872</date></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118610465">Arthur Schopenhauer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11862380X">Friedrich Adolf Trendelenburg</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118637185">Friedrich Zöllner</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118644114">Heinrich Ahrens</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118574574">Hermann Lotze</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11854943X">Johann Friedrich Herbart</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118532847">Johann Gottlieb Fichte</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117191388">Johannes Overbeck</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116223995">Moritz Wilhelm Drobisch</name></note><note type="repository">Universitätsarchiv Leipzig</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-60"/><persName type="sent">Moritz Drobisch</persName><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-60"/>: Gutachten über die Habilitationsschrift Windelbands, <placeName type="sent">Leipzig</placeName>, <date>22.9.1872</date>, <note>2 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">UA Leipzig, PA 1071, Bl. 3–4</bibl></head></front><body><salute>Decane maxime spectabilis!</salute><p>Herr <abbr>Dr. </abbr>Windelband hat nach meinem Urtheil uns eine wohl durchdachte, gut und klar geschriebene <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-61"/>Abhandlung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-61"/> vorgelegt, in der er sich als einen besonnenen kritisch-philosophischen Forscher zeigt. Wie aus derselben und noch näher aus der beigelegten Doctordissertation (einer sehr beachtenswerthen Untersuchung) hervorgeht, hat er sich hauptsächlich durch das Studium der Schriften <name>Kant</name>ʼs, <name>Fichte</name>ʼs, <name>Herbart</name>ʼs, <name>Schopenhauer</name>ʼs, <name>Lotze</name>ʼs, <name>Trendelenburg</name>’s <abbr>u. a.</abbr> (auch der Philosophen des Alterthums) gebildet und mit den in die Erkenntnißtheorie einschlagenden Ergebnissen der Naturwissenschaften (wie Physiologie der Sinneswahrnehmungen, Psychophysik) sich bekannt gemacht. Der Inhalt seiner Abhandlung ist in der Hauptsache eine psychologische und logische Untersuchung, mit thunlichster Beiseitesetzung metaphysischer Principien, deren Feststellung er sich für die Zukunft noch vorbehält. Die Form der Entwickelung seiner Gedanken möchte ich im guten alten Sinne des Worts eine dialektische nennen; daher eine gewisse Umständlichkeit, der ich jedoch nicht den Vorwurf unnöthiger Breite machen will. Der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-62"/>Verfasser<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-62"/> zeigt sich als scharfen psychologischen Beobachter, gründlichen Logiker und sorgfältig abwägenden Kritiker. Die Kennzeichen einer bestimmten philosophischen Schule trägt er nicht; er scheint vor Allem darnach zu streben, Kritiker im Geiste <name>Kant</name>ʼs seyn zu wollen, was ihm nur zur Empfehlung dienen kann. Der Gang seiner Arbeit ist in Kürze folgender. <abbr>S.</abbr> 1–6 motivirt einleitungsweise die Aufgabe, die sich d<add>[er]</add> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-63"/>Verfasser<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-63"/> gestellt hat, als eine sowohl an sich berechtigte als zeitgemäße. Hierauf geht die Untersuchung aus von einer Analyse des Begriffs der Gewißheit (<abbr>S.</abbr> 7–20), gelangt zu einer ersten (8), zweiten (12) und dritten Definition der Gewißheit (17), unterscheidet demgemäß subjective und objective Gewißheit (18) und formulirt (21) die Aufgabe der Abhandlung in der Frage: unter welchen Bedingungen darf die subjective Gewißheit als eine objective betrachtet werden? Die erstere führt den Verf<add>[asser]</add> auf die Erörterung der Wahrscheinlichkeit (23<abbr>ff.</abbr>). Das Kriterium der Gewißheit aber ist die Nothwendigkeit des Denkens (30), die indeß wieder theils eine psychologische theils eine logische ist. Aus der ersteren geht die Meinung hervor, die nur auf psychologischer Nowendigkeit beruht (32). Erklärung der Möglichkeit des Irrthums. Von der Meinung verschieden ist aber der Glaube, diejenige subj<add>[ective]</add> Gewißheit, welche auf der Verschmelzung theoretischer Vorstellungen mit dem Bewußtseyn der ethischen (zuvor erörterten) Nothwendigkeit beruht (42). Religiöser, geschichtlicher Glaube, Autoritätsglaube. Kritik von <name>Kant</name>’s Postulaten der reinen praktischen Vernunft. Nun wendet sich die Untersuchung zur logischen, objectiven, aber nur formalen Gewißheit, die allein auf der Einstimmung des Denkens mit sich selbst beruht (65). Die unmittelbare Gewißheit der logischen Grundsätze gehört zu dem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-64"/>Gegebenen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-64"/> (67). Die logische Gewißheit ist überschätzt worden. Dieser Reflexionsphilosophie stellte sich der englische Empirismus schroff entgegen. Aber erst <name>Kant</name> unternahm mit Erfolg die Erklärung der Objecte der Erfahrung durch seine Formen <pb/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-65"/>a priori<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-65"/> der Anschauung und Kategorien, insbesondere die der Causalität. Diese sind <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-66"/>gegeben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-66"/> und dadurch Kriterien des Objectiven (85). Die subjective Gewißheit, welche das Recht hat, ihre objective Gewißheit zu beanspruchen, nennen wir das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-67"/>Wissen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-67"/>, und diese ist diejenige subjectiv-objective Gewißheit, welche in der logisch nothwendigen Bearbeitung des in der Nothwendigkeit der Anschauung des äußern und innern Sinnes <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-68"/>gegebenen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-68"/> Vorstellungsinhaltʼs beruht (89). Der Schluß (90) hebt noch hervor, daß d<add>[er]</add> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-69"/>Verfasser<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-69"/> darauf verzichten müsse zu beweisen, daß der Inhalt unsrer Vorstellungen eine Verwandtschaft oder Identität mit irgend etwas <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-70"/>außer<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-70"/> der Subjectivität Objectiven besäße: nur die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-71"/>Beziehung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-71"/> der Subjectivität auf ein Objectives habe er zu retten vermocht. Die metaphysische Präcisirung dieses Resultates ist dem Verf<add>[asser]</add> noch eine offene Frage.</p><p>Ich finde mich mit H<add>[errn]</add> <abbr>Dr.</abbr> W<add>[indelband]</add> in vielen Punkten in Uebereinstimmung; in manchen andern bin ich abweichender Ansicht. Doch darauf kommt wenig an, sondern nur darauf, ob die vorgelegte Abhandlung in ihrer Art so tüchtig ist, um als Habilitationsdissertation zugelassen werden zu können. Mir geht darüber kein Zweifel bei, und ich stimme daher für Annahme derselben und <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-72"/>Zulassung des <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-73"/>Verfassers<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-72"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-73"/> zu den übrigen vorschriftsmäßigen Prüfungen.</p><dateline><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-74"/>d<add>[en]</add> 22. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-75"/>September<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-75"/> 72<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-74"/></dateline><signed>Drobisch</signed><postscript><p>N<add>[ach]</add>S<add>[chrift]</add>. Es ist nicht Schuld des Facultätsdieners, wenn er die Mappe erst später abholen sollte. Ich hatte ihn allerdings auf Ende des Monats angewiesen, fand mich aber hinterher doch bewogen, die Abhandlung sofort zu lesen.</p><signed>Dr<add>[obisch]</add></signed></postscript></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-61"><lem>Abhandlung</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Windelband: Ueber die Gewissheit der Erkenntniss. Eine psychologisch-erkenntnisstheoretische Studie. Berlin: F. Henschel 1873 (Leipziger Habilitationsschrift 1872).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-62"><lem>Verfasser</lem><rdg>Vf</rdg><note>.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-63"><lem>Verfasser</lem><rdg>Vf</rdg><note>.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-64"><lem>Gegebenen</lem><note>unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-65"><lem>a priori</lem><note>in <abbr>lat.</abbr> Schrift</note></app><app type="philological" corresp="#ED-66"><lem>gegeben</lem><note>unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-67"><lem>Wissen</lem><note>unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-68"><lem>gegebenen</lem><note>unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-69"><lem>Verfasser</lem><rdg>Vf</rdg><note>.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-70"><lem>außer</lem><note>unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-71"><lem>Beziehung</lem><note>unterstrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-73"><lem>Verfassers</lem><note>diesem Antrag schließen sich die Kommissionsmitglieder, der Dekan <name>Johannes Overbeck</name> sowie die übrigen Fakultätsmitglieder am 23., 28. bzw. 29.10.1872 an</note></app><app type="philological" corresp="#ED-72"><lem>Zulassung des Verfassers</lem><rdg>Vfs</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-75"><lem>September</lem><rdg>Sptbr.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-74"><lem>den 22. September 72</lem><note> Habilitations- und Promotionsschrift waren der Kommission (<name>Moritz Drobisch</name>, <name>Heinrich Ahrens</name>, <name>Friedrich Zöllner</name>) am 20.9.1872 (nach Eintreffen der Ministerialgenehmigung zur Zulassung Windelbands zu den Habilitationsleistungen und der Entrichtung der Gebühren) zugegangen.</note></app></listApp></back></text></TEI>