Windelband an Paul Siebeck, Villingen, 28.8.1913, 4 S., hs. (lat. Schrift), mit gedrucktem Briefkopf mit Hotelansicht, Hotelname weggeschnitten für Aktenheftung: [Kurhaus Waldhotel Villingen] | Hermann Schlenker | Familien-Hotel und Pension ersten Ranges. 170 Zimmer. 220 Betten | Idyllisch gelegener Kurort in sonniger geschützter Höhenlage am Anfange des 4000 Hektar grossen Villinger Stadtwaldes mit prächtiger Aussicht. | Giro-Conto bei der Reichsbank. | Telephon No. 24. Villingen, den … 19 | Baden, Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße; NL 488 A 0354,2
Villingen, den 28 Aug[ust] 1913[a]
Hochgeehrter Herr Doctor,
Wie lange will ich Ihnen schon schreiben! und für wie viel habe ich Ihnen zu danken! Aber es ist mir seit mehr als Jahresfrist[1] gesundheitlich garnicht gut, vielmehr so gegangen, dass ich knapp mit Erfüllung der alltäglichen Pflichten durchgekommen bin, und dabei habe ich noch viele Monate lang die schwere Sorge um meine gleichfalls schwer kranke Frau gehabt. Nun | geht es allmählich wieder besser, und die wahrhaft köstlichen Tage, die wir jetzt endlich hier erleben dürfen, versprechen uns ein gut Teil alter Lebensfrische zurückzugeben: aber alte Leutchen[2] sind wir nun einmal geworden, damit muss man sich abfinden.
Für das dauernde Geschenk des „Logos“ bin ich Ihnen sehr verbunden; es freut mich, dass das Rickert’sche Organ so gut einschlägt: wenn es sich von philosophischer Fachsimpelei möglichst frei hält (manchmal ist sie ja nicht zu umgehen) und noch mehr die angrenzenden Kulturwissenschaften zu Worte kommen, werden Sie gewiss dauernde Freude daran haben.
Die Ruge’sche Encyklopädie sollte etwas schneller zum zweiten Bande[3] fortschreiten: aber der gute Ruge steckt so in allerlei Unternehmungen, und die Sache selbst hat so schwierige Seiten, dass man sich ob der Verzögerung nicht wundern kann. Wie steht es denn mit den ausländischen Ausgaben[4]? Mit der Separatausgabe meines Beitrags zur „Logik“[5] bin ich sehr einverstanden gewesen, hoffentlich haben Sie Freude daran. Ueber meine Separatabdrücke der „Geschichte der Philosophie“[6], VI. Aufl[age] will ich | nun nächstens einmal verfügen, ich bin in meiner abulischen[7] Faulheit immer nicht dazu gekommen, und es ist fast schon zu spät.
Was die „Praeludien“ anlangt, so würde ich die Phaenomenalismusrede[8] nicht für eine neue Auflage in Aussicht nehmen; diese akademischen Bruchstücke muss man Winter[9] schon belassen, der von allen den Sitzungsberichten unserer, der philos[ophisch-] historischen Klasse bisher nur meine ausverkauft hat. Dagegen habe ich für die Praeludien, auch für den Fall dass ich ihre neue Auflage nicht mehr erlebe, andre Stücke zurückgelegt: eine Berliner Rede über Fichte’s Staatsphilosophie[10] (in der Internat[ionalen] Wochenschrift gedruckt), einen Aufsatz über die Mystik unserer Zeit[11] (in der Neuen Freien Presse) und eine Karlsruher Rede über Sympathiegefühle[12] (die ich noch niederschreibe).
Mit dem Anerbieten des Spaniers, von dem Sie mir unter dem 8.[13] d[iesen] M[onats] schrieben, bin ich einverstanden, wenn Sie es sind; einen schwedischen Kollegen, Dr. Jacobsson in Göteborg, der wegen einer Uebersetzung der Praeludien[14] anfragte, habe ich an Sie gewiesen; ich hätte nichts dagegen, sobald Sie mit einem dortigen Verleger einig geworden sind. | Nun noch eine Frage, verehrter Freund. ich überlege jetzt, was ich, wenn ich in vierzehn Tagen heimkomme, mit gestärkter Kraft in die Arbeit nehmen soll, um etwas zum Druck zu befördern. Mehreres bietet sich mir dar: am liebsten wäre mir, die „Einleitung in die Philosophie“[15] anzuschliessen. Dazu gehört am ehesten das, was noch zu sagen mir am Herzen liegt. Aber die ist für das Sammelwerk von Medicus versprochen[16], und darin ist, wenn ich mich recht entsinne, das Honorar so gering[17], dass ich seinerzeit nur aus allerlei Rücksichten darein gewilligt habe. Jetzt aber würde ich, um bald fertig zu werden, genötigt sein, zu diktieren, und das ist eine kostspielige Sache. ich hätte also sozusagen besondre Geschäftsspesen: und ich möchte Sie bitten zu überlegen, ob und wie Sie mir unter diesen besonderen Umständen für deren Ersatz entgegenkommen könnten. Gegebenenfalls würde ich dann alles daran setzen, um das Manuskript, das sachlich sehr genau bis zum Schluss vorbereitet ist, baldmöglichst Ihnen zur Verfügung zu stellen.
Inzwischen mit alter Herzlichkeit ergebenst der Ihrige
W Windelband