Felix Meiner an Windelband, Leipzig, 15.11.1912, 3 S., Ts. mit eigenhändiger Unterschrift u. Aktennotizen, Briefkopf FELIX MEINER | VERLAGSBUCHHANDLUNG | Leipzig, den | Kurzestr. 8[a], UA Heidelberg, Acc. 40/11 HAW 2 Bezold (Sekretär) Bewilligungen 1915/1922
15. November 1912[b]
Herrn Geheimrat Professor Dr. Windelband Heidelberg[c]
Hochgeehrter Herr Geheimrat!
Zu meinem grössten Bedauern war es mir nicht möglich, wie ich gehofft hatte, Sie am Dienstag[1] aufzusuchen, da ich in Freiburg zu lange aufgehalten wurde und notwendig am Mittwoch[2] in Leipzig[3] sein musste. Ich möchte mir deshalb gestatten, Ihnen die Hauptsachen dessen, was ich Ihnen mündlich vortragen wollte, schriftlich niederzulegen. Wie Ihnen bekannt sein wird, ist in meinem Verlage im Frühjahr eine sechsbändige Fichteausgabe[4] von Prof. Medicus fertig geworden. Schon vor der Fertigstellung dieser Ausgabe, die ja nur eine[d], wenn auch sehr reichliche, Auswahl ist, noch mehr aber seit deren Vollendung[e], sind an mich von allen Seiten Wünsche herangetreten, die Ausgabe doch zu einer Gesamtausgabe zu vervollständigen. Ich habe mich darum mit Prof. Medicus in Verbindung gesetzt. Derselbe erklärte aber, eine Gesamtausgabe sei derzeit nicht am Platze, da die fehlenden Werke fast ausschließlich solche umfassten, die aus Kollegnachschriften herausgegeben worden seien, und da noch fortgesetzt solche Kolleghefte, die zum Teil einen wesentlich besseren Text ermöglichten, auftauchten. Einer Gesamtausgabe Fichtes | müsste[f] ein Inventarisation der Handschriften der[g] deutschen Bibliotheken, die ja wohl im Gange sei, vorausgehen.
Etwas anderes sei es mit einer neuen Ausgabe des Fichte’schen Briefwechsels. Derselbe sei zwar auch zerstreut, es würde Mühe machen, ihn zusammenzubringen. Immerhin würde man dann damit doch nicht die traurigen Erfahrungen[5] machen, wie er sie beispielsweise mit seiner Ausgabe der „Wissenschaftslehre von 1804“ gemacht habe, (vergl[eiche] Nachtrag zu Band 6 der Ausgabe). Den Briefwechsel selbst zusammenzubringen, würde eine umfassendere Organisation nötig machen und eine solche sei nur mit Hilfe einer Akademie möglich. Dann aber könnte etwas ähnliches geleistet werden, wie die Berliner Akademie für die Kenntnis des Kant’schen Lebens und Denkens durch ihre Sammlung des Briefwechsels[6] geleistet habe.
Unter den Akademien Deutschlands erscheint nun als diejenige, die am meisten innere Beziehungen zu der Person Fichtes[7] hat, die Heidelberger Akademie, in der Sie, hochverehrter Herr Geheimrat, ja eine besonders einflussreiche Stimme besitzen. Ich wende mich deshalb zunächst an Sie, um Ihre Meinung darüber zu hören, ob Sie glauben, eine Anregung nach dieser Richtung würde auf günstigen Boden fallen. Selbstverständlich würde Herr Professor Medicus auf Wunsch gern bereit sein, diese Arbeit nach Kräften zu unterstützen, wenn er auch, wie er sagt, nicht glaubt in der Lage zu sein, allein das Werk durchzuführen, wie es die Bedeutung des Gegenstandes erfordert. |
Infolge[h] meiner Abwesenheit[i] von Leipzig war ich leider bei der Fertigstellung der neuen Ausgabe von „Herbarts Einleitung in die Philosophie“ nicht selbst mit anwesend. Ich hoffe aber, dass das Werk rechtzeitig[8] in Heidelberg eintraf und dass Sie auch selbst das für Sie bestimmte Exemplar[9] erhalten haben.
In der Hoffnung, gelegentlich Ihre Meinung über meinen Vorschlag zu hören – selbstverständlich bin ich gern bereit zur näheren Rücksprache nach Heidelberg zu kommen – zeichne ich in vorzüglichster Hochachtung als Ihr stets sehr ergebener
Felix Meiner[j]